Ich zögere. Stehe auf. Drücke mir das Sofakissen vor den Bauch. Wie eine schusssichere Weste. Einen Panzer. „Giiisaaa, hey, was los?“ Ich schleiche zum Balkon. Schalte mit einem schnellen Entschluss meine Gedanken ab. Und reagiere aus dem Bauch heraus. Ich öffne die Balkontür, trete zwei Schritte in das schneematschnasse Dunkel. „Ich komme gleich, war nur noch mal kacken“. Ok ich habe die Zeitungswerbung gesehen, damals im Kino. Vielleicht schocke ich ihn damit? Und vor allem keine Verwunderung zeigen! Ich warte auch nicht auf seine Antwort. Schließe die Tür mit, lasse den Hebel fest einrasten. Schlüpfe in Mantel, Mütze, Schal und renne die Treppen runter. Das Flurlicht ist schon wieder kaputt! Meine Finger sind gefühlte zwei Zentimeter von der Haustür entfernt, da geht sie auf. Frau Niederreuther mit Hund, beide grau und betröpfelt. „Nabend“, nuschele ich. „Sie sollten den netten jungen Mann nicht so lange warten lassen. Sonst schnappen wir ihn Ihnen noch weg, gell, Cindy“, sagt die Niederreuther und kichert ihren Hund an. Achsoooo, mein Herz plumpst vom Hals in den Brustkorb zurück. Ich sollte wirklich weniger Krimis anschauen und endlich mal wieder war Gebildetes lesen. Poe vielleicht, oder Schiller. Oder Glauser. „Sorry, dass du so lange warten musstest. Und DANKE, dass du gewartet hast“, hauche ich vielleicht einen Tick zu sanft. „Ist schon ok, das macht dich sehr weiblich“, grinst er. „Aber jetzt hab ich mir nen Glühwein verdient, oder?“ „Mindestens“, antworte ich und hake mich mutig bei ihm. „Wenn du willst, können wir auch mit meinem Auto fahren“, sagt Franck. Mit einer betont beiläufigen Handbewegung zielt er auf die Reihe parkender Autos an der Pappelallee. Ein Blinken antwortet. „Wow, DAS ist DEIN Auto?“ entfährt es mir, als wir uns dem nagelneuen, silberleuchtenden 911er nähern. „Mann gönnt sich ja sonst nichts“, kontert Franck und ich höre den Stolz in seiner Stimme schwingen. „Bis heute“, setzt er leise hinzu. Aber ich hab’s trotzdem gehört.
Adventskalenderkrimi 2.0. 8. Dezember: Psycho.
Ich steh total auf Krimis. Als Bücher und als Filme. Aber nicht die modernen Schreck-Konserven aus dem SB-Shop der Horror-Platitüden. Ich mag die Klassiker. Die Vögel. Wenn die mit schwarzem Flügelschlag den grauen Leinwandhimmel verdunkeln, dann versinke ich in den Sofakissen, schlürfe von meinem Martini-Cocktail – ok meistens ist es nur kalter Chablis, aber auch weiß, wenigstens, und zittere wohlig. Oder ich stehe in der Dusche. Heiße Tropfen rennen an meinem Körper herunter, in welligen Strahlen, versammeln sich zu meinen Füßen zu einem See. Immer mehr Tropfen zu einem immer größer ausufernden See. Der Duschvorhang bewegt sich – das Fenster ist gekippt. Höre ich Schritte im Flur? Ich schaue auf meine Beine. Das Wasser färbt sich rot, rubinrot. Ein roter Fluss, der mich umhüllt. Ich stehe ganz still. Dann fange ich an zu schreiben. Lautlos. Und reiße mit einem Ruck den Duschvorhang zur Seite.
Aber das ist kein Film. Unten ruft jemand meinen Namen. Jemand, der genau weiß, wo ich bin. Ohne dass ich weiß, warum.
Adventskalenderkrimi 2.0. 7.Dezember. Verbotene Früchte.
Unentschlossen zuckele ich hinter ihm her. Woher kennt er den Weg? Da bleibt Franck stehen. Dreht sich um. „Hey – ich dachte, du bist ne ganz Forsche. Hab ich dich falsch eingeschätzt? Hast du Angst? Vor mir?“ „Spinnst du?“ sprudele ich. Etwas zu schnell, wie ich finde. „Ich dachte nur, weil ich doch Hundedreck am Schuh habe…“. Franck lacht. „Was glaubst du, warum wir uns kennengelernt haben? Oder funktioniert Aberglauben bei dir immer nur negativ?“ Er streckt seine Hand nach meiner aus. Zieht mich zu sich ran. Mir geht das alles zu schnell. Aber ich kann mich nicht wehren. Oder will ich es nicht? Pah! Wär doch gelacht! „Auch wenn ich dich nicht für Jack the Ripper halte. Warte bitte hier auf mich. Bin in zehn Minuten unten“. Sage ich und verschwinde im Torbogen des Nebenhauses. Vor dort komme ich durch den Innenhof über die Hintertür in meinen Block. Uff. Ganz habe ich meine innere Alarmanlage also noch nicht abgeschaltet. Mit dem Stinkeschuh in der Hand renne ich die Treppe rauf. Vielleicht sollte ich weniger rauchen? Atemlos komme ich im 2. Stock an. Sperre die Tür auf. Mist! Hab ich doch vergessen, die Balkontür zuzumachen! Schnell die Stiefel angezogen, Bluse oder Pulli? Ach egal. Plötzlich hab ich keine Lust mehr auf das Essen. Auch wenn mein Kühlschrank leer ist. Und auch nicht auf den Typen. Ich bleib einfach daheim. Er weiß ja nicht, wo ich wohne.
Schlagartig geht’s mir besser. Ich setze mich aufs Sofa und sehne mich nicht mal nach ner Zigarette. Schalte den Fernseher ein. Mache alle Lichter aus. Und lausche der Stille.
………….
„Gisa. Giiiisa. Komm schon, es ist kalt“. Die Stimme steht direkt unter meinem Balkon.
Immer einen Tag hinterdrein
Ich weiß – und es ist keiner Diskalkulie geschuldet: der Adventskalenderkrimi hinkt immer einen Tag hinterher. Ich verspreche: am Wochenende versuche ich, den Türchenrückstand wieder aufzuholen. Aber momentan ist der Tätigkeitsaufwand meiner „Erwerbsarbeit“ (das hört sich an wie—– keine Ahnung 🙂 ) so hoch, dass Tag und Nacht zu wenig Stunden haben! Danke für Euer Verständnis…!
Adventskalender 2.0: 6. Dezember.Wild Turkey.
„Prima. Hast du n Vorschlag? Ich bin neu in der Gegend und kenn mich noch nicht wirklich gut aus“. Franck schaut mich an, als wolle er den Schneemann zum Schmelzen bringen, der hinter meinen Augen lauert. Dabei brennen tief in mir drin schon alle vier Adventskerzen. Und das völlig grundlos. Bleib auf dem Teppich, Süße. Da ist einer einsam – noch einer! – und hat keinen Bock, allein zu Abend zu essen. Mehr nicht. „Da gibt’s nen guten Griechen an der Ecke“, sage ich und schiebe mit der Fußspitze drei Schneekörner vor mir her. „Die haben auch Huhn und so“. Keine Ahnung, warum ich das erwähne. Der Typ sieht eher nach Schweinshaxe aus als nach Cesars Salad, wenn überhaupt. „Grieche klingt doch gut. Kriegen wir wenigstens was für unsere Finanzspritzen.“ Hmmm, ich schon, denke ich. „Ich muss mich noch schnell umziehen und Geld holen“, sage ich. „Treffen wir uns in einer halben Stunde?“ „Ich hab ne bessere Idee,“ antwortet Franck. „Ich begleite dich nach Hause, trag deine Tüten und helfe dir dabei, dein Kind ins Bett zu bringen“. „Welches Kind?“ frage ich. Dann lachen wir beide. Aber bevor ich was antworten kann, z.B. Nee ich zeig dir lieber nich gleich wo ich wohne, ist er losmarschiert. Genau in meine Richtung………
Weihnachten ausgebrannt?
Es ist nicht mehr als eine Randnotiz auf Google News, rechte Spalte: Weltmeister Kabashi tot. Weltmeister? Ich denke an Schach, aber der Name klingt eher albanisch als russisch. Gewichtdopen, ehm, -heben, eher? Nein. Thaiboxen, entnehme ich der Meldung. 35, tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden. Angesichts der Tatsache, dass auch Christa Wolf keine ganze Seite bekam und nur ein paar Wenigminuten in den öffentlichen TV-Nachrichten (bei den Privaten hast du ohne Doppelvorname keine Chance auf Erwähnung, gell, Gina-Lisa), hat er es doch auf einen gewissen Zeilenwert gebracht, nach seinem Ableben. Kein Vergleicht natürlich mit anderen Größen aus Sport und Unterhaltung. Vom Torwart über diverse Sänger und Sängerinnen. Aber er war ja auch älter. Nicht so alt zwar wie Joe Frazier, aber zu alt, um ein Recht zu haben, sich melancholisch zu Tode zu dopen – und sich dadurch einen Namen in der Hall of Fame zu sichern. Früher Tod muss keine Gnade sein.
Wir sterben – hoffentlich nicht vor Weihnachten an Überdosen. Aber wir kranken daran. Immer mehr immer öfter. Anrufe wie „Du, ich schaff den Auftrag vor Weihnachten nicht mehr, in habe Burn Out“, sind an der Tagesordnung. Ebenso wie die Absagefloskel „Sorry komme nicht zur Weihnachtsfeier, bin ausgebrannt.“ Soll ja schon bei manchen Handys als Textvorlage angeboten werden. Ja. Wir brennen mit den Adventskerzen um die Wette. Rennen hierher und dorthin. Verrennen uns. Wollen es jedem und allen recht und schön und gemütlich machen. Geld haben wir scheinbar (!) genug. Leider aber keine Zeit. Ich mache da keine Ausnahme. Oder! Doch! Jetzt gerade nämlich müsstesollte ich einen Artikel schreiben. Meine Rechnungen ausdrucken. Drei wichtige Telefonate führen. Staubsaugen. Reifenwechsel terminieren.
Stattdessen sitze ich am Mac und – sinniere. Nehme mir die Freiheit, Zeit zu haben, ohne sie zu besitzen. Und jetzt kommt das Beste: ich verschenke sie. Euch, liebe Leser! Freut euch, ihr Christen und Nichtchristen und genießt die drei Minuten hier auf meinem Blog. Entspannt. Denkt nach, kritisiert, lacht oder ärgert euch. Egal. Für drei Minuten habe ich euer Hamsterrad angehalten. Wenn das kein Nikolausgeschenk ist!
Adventskalenderkrimi 2.0: 5.Dezember.Niko.Läuse.
Schwarz getönte Scheiben werden runtergekurbelt. „Hey Alter“, ruft eine Stimme mit südlichem Zungenschlag. Keine Reaktion auf dem Parkplatz. „HEY, Alter“. Nochmal. Ich schaue Franck ins Gesicht. Er schaut mir ins Gesicht. Grinst. Breit. „Ehm, meinen die vielleicht dich?“ frage ich ihn. „Die wer?“ fragt er zurück. „Na die da im schwarzen Wagen.“ „Du bist ja echt ne Sahneschnitte. Ein fiktives Baby daheim, Ebbe im Portmonnaie, dafür aber Fantasie für ne ganze Fußballmannschaft“. „Ich glaube, die hams mehr inner Hose als im Hirn“, kommentiere ich säuerlich. Dann fällt mir ein: „Oder…spielst du…?“ „Hey Alter bistu taub?“ Ein Bushidoverschnitt hat sich aus dem schwarzen Wagen herausgefaltet und vor uns aufgebaut. Spätestens jetzt müsste ich dringend heim aufs Klo. Leider sind meine Füße mit dem Betonboden verwachsen. Franck reißt den Kopf hoch, aggressiv wie ein Kampfhahn. „Willste was von mir, hey, du?“ Und schiebt seine Schultern in Richtung Bomberjacke. Der Typ ist doppelt so breit wie er, das kann nicht gut gehen. Oder? „Sorry, Kumpel, nix passiert. Hab disch verwechselt. Schön Abend noch“. Dabei wandert ein lasziver Blick an mir herunter. Kopf Busen Hüfte Beine. „Pass mal auf, dass sie dir keine Laus ins Nest legt“. Wie ein Spuk rollt der schwarze Wagen in die Nacht. „Wollen wir was essen gehen?“ höre ich Francks wieder weichgespülte Stimme. Ich spüre, dass der Beton unter mir sich in Treibsand verwandelt. „Hm hm“, sage ich schnell, bevor ich etwa versinke.
Adventskalenderkrimi 2.0: 4. Dezember. Déjà vu.
Er ist es wirklich. Der Typ aus der Schlange an der Supermarktkasse. „Na, deine Oma hatte wohl ne Spontanheilung?“ höre ich mich sagen und kriege einen Schreck vor mir selbst, weil ich in mir drin doch ganz andere Worte geformt hatte: Oh, danke, wie süß von dir! „Klar, sie ist zum Babysitten bei deinem Kleinkind“, grinst der Typ. Streckt mir die Hand entgegen und sagt: „Franck. Mit ck.“ Meine ausgestreckte Hand zielt auf die Zigarette – ich muss mich einfach an was festhalten. „Gisa“, flüstere ich heiser und ganz schnell, um den Stimmen in meinem Kopf keine Chance zum Widerspruch zu geben. Verdammt, warum muss bei mir immer alles so kompliziert sein? Warum kann ich nicht einfach an einer zugigen Supermarkt-Ecke stehen und friedlich ne Zigarette rauchen, mit nem niedlichen Typen – ohne mir vorzustellen, dass gleich eine schwarze Limo vorfährt, zwei schwarze Männer aussteigen und das Feuer auf mich eröffnen? „Kannst du nicht einfach ne Zigarette rauchen, ohne dir Romane auszudenken?“ echot Franck und holt mich in eine unwirkliche Wirklichkeit zurück. Wie im Film fängt es plötzlich an zu schneien, und ein schwarzer Wagen biegt von der hellen Straße in den dunklen Parkplatz ein…..
Adventskalenderkrimi 2.0: 3. Dezember. Feuer.
Ich lege meine Einkäufe aufs Band. H-Milch, Semmeln im 10er Pack, eine vegetarische TK-Pizza und 2 Bananen. Obst muss sein. „Eine Schachtel Menthol“, sage ich der Kassiererin. Sie schaut in die andere Richtung. „UND eine Schachtel Menthol“, keife ich. Die Schlange hinter mir hat sich zurückgezogen, fast so, als wäre ich ansteckend. „Acht Euro neunzig“, näselt die Kassiererin. In meinem Portemonnaie sind nur 5 Euro. „Mist verdammter“, schimpfe ich. „Ne, eher Hundedreck“, sagt einer neben mir. Legt einen Fünf-Euro-Schein hin, nickt der Kassiererin zu, die nichts versteht und stumpfe Augen hat. „Ich will nix geschenkt“, fahre ich ihn an. „Ok“, sagt er und steckt die Kippen ein. Dreht sich um. Verlässt den Laden mit vier, fünf großen Schritten. Super, Süße. Hast du gut gemacht. Frohe Weihnachten auch. Jetzt kannst du nicht mal mehr ne Einsamzigarette rauchen, auf dem Balkon. Ich pack die Einkäufe in die Tüte – das Geld reicht ja – und grinse schief zu den Leuten rüber. So ist das, wenn einem was stinkt, denke ich. „Hast du Feuer? Ich bin Nichtraucher“. Eh das gibt’s ja nicht!, denke ich.
Adventskalender 2.0: 2. Dezember. Alles auf Anfang.
Der Park ist nass und grau. Nass und blau war Sommer. Neun Uhr morgens und immer noch kauert Dunkelheit zwischen den Ästen. Unfarben des Winters. Scheiße! Ach wenn mir das Glück so an den Fersen kleben würde wie Hundekot! Laubbraune Bomben überall. Als ich an der Apotheke vorbeilaufe denke ich an Rattengift. Im Tengelmann ist alles neu. Und teurer. Da kann ich ja gleich an der Tanke einkaufen. Dafür haben sie jetzt kein Geld mehr fürs Kassenpersonal. „Tschuldigung, ich habs eilig, mein Baby ist allein zu Hause“, murmele ich und schiebe mich an drei Leuten vorbei. „Spätgebärende, was?“ witzelt jemand hinter mir. „Drecksack“, denke ich. Der Typ vor mir dreht sich um. „Hey hey! Und ich hab ne sterbende Oma daheim. Hier wird nicht gedrängelt“. Schaut mich an. Augen werden größer. Nasenlöcher weiter. „Gehnse nur vor“, nuschelt er dann und dreht sich wieder weg. Schade. Sah gar nicht schlecht aus.
