Adventskalender MiniKrimi vom 17. Dezember


Ware Liebe

Wahnsinn, denkt Johnny. Wahnsinn Wahnsinn Wahnsinn! Er hatte sich ja gedacht, dass man rund um das Fest der Liebe genau damit Geld machen kann. Mit Liebe. Weil jeder sie haben will und in einer Zeit und einem Land, in dem man alles kaufen oder bestellen kann, die Liebe zu einem der vielen Weihnachtsangebote mutiert. Aber dass seine Geschäftsidee gleich so reinhauen würde, nein, dass hätte sich Johnny nicht mal in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Deshalb hat er die Leute heute schon um elf nach Hause geschickt statt wie üblich um Mitternacht. Jetzt sitzt er an seinem Schreibtisch, vor sich das millionste Paket. Das Büro ist improvisiert, wie die ganze gemietete Fabrikhalle. Ein Abbruchhaus, und genau deshalb erschwinglich. Nach Weihnachten wird er umziehen. Verwaltungsräume in einem verglasten Hochhaus und das Lager verkehrsgünstig direkt an der Autobahn.  Und alles dank seiner genialen Geschäftsidee. Er klebt die Verpackung fast andächtig zu, und  obendrauf fixiert er einen großen, goldene. Aufkleber: Wahre Liebe. Nur echt mitten goldenen Pfeil. Garantierte Wirkung. Mit Geldzurückgarantie.

Insgeheim glaubt Johnny, dass das Geheimnis seines Erfolges genau in diesem Satz begründet liegt. Was eine Geldzurückgarantie hat, das wirkt. Angefangen hat Johnny mit Tee. Eine ganz einfacher Kräutermischung, nicht mal biologisch. Aromatisiert mit etwas Zimt, für das Weihnachtsfeeling, und Roibusch. Auf der Unterseite der Packung, ein paar Schriftpunkte kleiner als die Inhaltsstoffe, steht: belebende Wirkung. Und darauf bezieht sich die Garantie. Schließlich ist Johnny kein Betrüger.

Er geht zum Kühlschrank und holt eine Flasche Champagner. Das millionste Paket will er feiern. Mit sich allein. Er genießt die Stille. Die Dunkelheit. Den Kontrast zwischen der bienenstocksummenden Geschäftigkeit des Verpackens und der nächtlichen Ruhe. Irgendwo knarrt eine Tür, ein Luftzug fährt durch die Halle. Sonst nichts.

Nachdem der Tee so erfolgreich war, hat Johnny Schaumbadkugeln ins Programm genommen. Schokolade. Und Kondome. Inzwischen hat er einen richtigen Katalog mit Wahre-Liebe-Produkte.

An der Wand hinter ihm hängen Briefe von zufriedenen Kunden. Die meisten erzählen witzige Geschichten, in denen seine Produkte eine Brücke werden, ein Hilfsmittel, um das immer gleiche  Ziel zu erreichen: die Liebe eines anderen Menschen. Natürlich regen sich auch ein paar Leute auf. Er ist auch schon mal angezeigt worden, wegen Betrugs. Das Verfahren wurde niedergeschlagen. Ihm war keine Schuld nachzuweisen. Der Mann hat ihn später noch bedroht. Er habe sein Versprechen nicht gehalten, wahre Liebe zu verkaufen. Ich krieg dich, das verspreche ich dir.

Das ist schon zwei Wochen her. Johnny ist sicher, dass der Mann Seuche weggekommen ist. Was für ein Psycho, wie kann er glauben, dass wahre Liebe käuflich ist?

Die Tür zum Lager bewegt sich. Geräuschlos kommt ein Mann in Johnnys Büro. „Du versprichst wahre Liebe, aber was du verkaufst, ist nur schlechte Ware. Im Gegensatz zu dir halt ich mein Versprechen“, sagt der hagere Mann und krallt seinen Blick in Johnnys Gesicht. Dann drückt er ab.

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 16. Dezember


Hund/e
P

Beo, Arti – Fuß!

Seit der Strumpfhosenmörder aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, aus der Haftanstalt, heißt das heute, ist der Park schon vor Einbruch der Dunkelheit leer. Als ob die Hundebesitzer Angst hätten, dass der Mörder während der Haft seine Vorlieben geändert und seine Lust ab sofort auf Hunde projiziert haben könnte.

So ein ausgesprochener Blödsinn! Arlena Möbius lacht ihr kurzes, hartes Lachen. „Beo, Arti, hier“, ruft sie ihre beiden englischen Setter. Die Rassehunde gehorchen Arlena blind. Charakter und Erziehung garantieren ihr Verhalten. Immer.

Nur nicht heute. Nur nicht jetzt. „Beo, Arti!“ Keine Reaktion. Gerade waren die Hunde noch hinter ihr auf dem Kiesweg am Fuß des Hügels. Jetzt gähnt die Dämmerung von kahlen Ästen auf Arlena herab. „Beowulf, Artemis!“ Auch ihre kompletten Rufnamen locken die beiden Setter nicht aus ihrem Versteck.

In der Mitte des Hügels bewegt sich braunes Laub. Es raschelt. Ein Jaulen. Arlena fröstelt es in ihrem Burberry. Sie wickelt das Wolltuch fester um ihre Schultern.

Unwillkürlich muss sie an den Strumpfhosenmörder denken, und ein Angstschauer jagt ihren Rücken hinunter. Angst um ihre beiden Lieblinge.

„Beo? Artiiiiii!“ Jetzt ist sie sicher, dass sie zwischen den Bäumen oben am Hügel ein Schatten bewegt. Und noch einer! Arlena stampft mit dem Füßen, bläst in die Hundepfeife, schreit. Ohne Erfolg. Ihre beiden Lieblinge bleiben verschwunden. Sekundenlang sieht sie Beo vor sich, wie er auf dem Sofa liegt, langgestreckt, mit durchtrennter Kehle. Daneben Arti, zu einem regungslosen Bündel zusammengekauert, Schaum vor dem Mund und vergiftet.

„Beowulf, Artemis, hierher!“ Entschlossen stapft Arlena den Hügel hinauf, den Regenschirm wie ein Bajonett vor sich gestreckt. Sie wird den grausamen Hundemörder erlegen, diese Bestie, die es auf ihre Prinzen abgesehen hat.

Sie ist fast am Kamm der kleinen Erhbung angekommen. Vor ihr klafft ein Loch. Ringsum aufgeworfene Erde. Artis hellbrauner Kopf lugt zwischen den Blätterhaufen hervor. Er wirft ihr einen Blick zu, erschrocken. Dreht sich nach hinten um. Arlena erkennt Beos schwarze Locken, bevor er auf der anderen Seite des Abhangs verschwindet. Er zieht etwas hinter sich her.

Arlena nähert sich dem Loch, das ganz offensichtlich gerade erst gegraben wurde. Offenbar hat jemand auf dem Hügel etwas vergraben, und jetzt ist es ausgegraben worden. Von ihren Hunden. Arlena beugt sich vor. Schaut hinein. Die Hunde haben ganze Arbeit geleistet. Mehr als eine Hand, ein Arm und ein Bein sind von der Frauenleiche nicht mehr übrig. Am Rand der Grube klebt in Büscheln langes, blondes Haar.

Der Strumphosenmörder hat seine Vorlieben im Gefängnis wohl doch nicht geändert.

Adventskalender MiniKrimi vom 15. Dezember


Eisstockschießen

„Das kann doch gar nicht sein“. Kommissar Beck lässt seinem Unmut freien Lauf. Es ist zwei Uhr nachmittags, außer Kaffee hat er heute noch nichts zu sich genommen, davon allerdings mehr als zwei Kannen. Seit acht Uhr sitzt er im Vernehmungsraum, er hat mit zehn Personen gesprochen, und keiner will den toten André Mühlich bemerkt haben. Obwohl alle, wirlich alle, an ihm vorbeigelaufen sein müssen, einige sogar mehrfach.

„Das ist mir in meiner ganzen Dienstzeit noch nicht vorgekommen“, bestätigt seine Assistentin Sara Wehner. Nicht, dass sie so lange dabei wäre wie Beck. Aber in zehn Jahren ist auch ihr noch nie so ein Fall untergekommen. Da sitzt ein Toter direkt neben der Eisstockbahn, stundenlang, und keiner kriegt was mit. „Diese verdammten Weihnachtsfeiern“, schimpft Beck. „Die Leute verballern  den letzten Rest Verstand, den ihnen das Arbeitsjahr übrig gelassen hat, mit Glühwein. Und wenn dann um sie herum die Welt untergeht  – egal“. „Naja“, gibt Wehner zu bedenken. „Also Mühlichs Kollegen haben ihn ja noch gesehen. Also, lebendig. Er war doch sogar einer der besten beim Eisstockschießen. Das hat einigen nicht gepasst. Dieser Pauli, der war richtig sauer, dass seine Mannschaft wegen Mühlich verloren hat. Wie hat er das gemeint, dass Mühlich sich an jeden Stock hängt?“ „Keine Ahnung. Die Redewendung kenne ich auch nicht. Aber ein verlorenes Spiel ist doch kein Grund, jemanden umzubringen! Und dann auch noch auf diese Art. Mit einem Korkenzieher mitten ins Herz.“ „Das spricht jedenfalls für eine Affekthandlung. Oder es sollte so aussehen. Hat die blonde Sekretärin nicht erzählt, der Chef hätte dem Sieger den neuen Abteilungsleiterposten versprochen? Das wäre dann doch ein Grund…“.

„Glaub ich nicht.“ Beck schüttelt den Kopf und geht noch einmal alle Aussagen durch. Die blonde Sekretärin, Mia, hat ausgesagt, dass sie André nicht mehr gesehen hat, nachdem er sich heiße  Gulaschsuppe auf den Arm geschüttet hat, so gegen neun. Pauli, Andrés direkter Konkurrent, will ihn danach noch an der Eisstockbahn gesehen haben, direkt neben dem Glühweinfass, rauchend. Uhrzeit? halb elf? Natalja, die russische Praktikantin, ist beinahe über ihn gestolpert, auf dem Rückweg von der Toilette in den Stadl, in der die Firmenfeier stattfand. Da kniete André angeblich am Boden, als suche er etwas.

Die anderen Zeugen konnten sich „dunkel“ daran erinnern, eine Person gesehen zu haben, die neben dem Weinfass stand. Und zwar mindestens ab elf und dann bis zur Sperrstunde. Das heißt, sie haben ihn gesehen, ohne dass er ihnen aufgefallen wäre. Denn er stand da neben dem Weinfass wie einer von diesen Pappaufstellern zu Werbezwecken. Stocksteif und unbeweglich. Natürlich. Er war ja tot.

„Fehlt uns jetzt noch jemand? Oder können wir was essen gehen?“ Becks Magen fühlt sich an wie ein riesiger Hohlkörper. „Nur noch Frau Yidirim, die Putzfrau. Sie hat den Toten „gefunden“. Die kommt nach ihrem letzten Job.“ „Ach herrje, Yildirim. Da wird die Verständigung ja bis zum Abendessen dauern“, stöhnt Beck resigniert. Sunna Yildirim kommt pünktlich um halb vier. Sie hat den ganzen Tag Zeit zum Nachdenken gehabt. „Als ich zum Saubermachen in den Stadl gegangen bin, habe ich schon gesehen, dass jemand am Weinfass stand. Aber ich habe nicht weiter darauf geachtet. Aber als ich nach einer Stunde fertig war mit dem Putzen, stand er immer noch genauso da. Und das kam mir dann doch komisch vor“, erzählt Frau Yildirim in akzentfreiem Deutsch.

„Und vorher, also bevor Sie zum Putzen ins Stadl gegangen sind, haben Sie den Mann natürlich nicht gesehen.“ Es ist eine Feststellung. „Doch, ich habe ihn davor auch schon gesehen. Um elf, als ich zur Arbeit gekommen bin. Da stand er auch schon am Weinfass, aber nicht allein. Er hat mit jemandem….. geknutscht. Also, die beiden haben sich geküsst. Umarmt.“ „Konnten Sie ihn denn so deutlich sehen, dass sie ihn erkannt haben?“ „Nein. hab ich nicht. Zuerst. Aber dann nachher, dann habe ich ihn wiedererkannt. An dem großen Fleck auf dem Ärmel.“ „Na gut, danke, Frau Yildirim. Sie können dann gehen“. „Echt? Wollen Sie denn nicht wissen, wen er geküsst hat?“ „Wie……“. „Den habe ich nämlich deutlich gesehen.“ „Und wer war das?“ „Also, die anderen im Stadl haben ihn Pauli genannt“.

„André wollte reinen Tisch machen, bevor er die neue Stelle annahm. Ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dass das Selbstmord gewesen wäre. Von wegen Toleranz. Schwule passen nicht zum Firmen-CI. Wir hätten beide unseren Job verloren. Ich hab mich mit ihm am Weinfass getroffen. Hab ihn umarmt und mit dem Korkenzieher erstochen. Als Natalja dazukam, habe ich mich mit ihm zusammen am Boden zusammenkauert, als würde er etwas suchen.“ Liebe ist wichtiger als ein Job, sagt Pauli am Ende seines Geständnisses. Aber diese Erkenntnis ist ihm zu spät gekommen.

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember


 

Ein Mord, wie er im Buche steht

Er steht schon eine ganze Weile vor dem Bücherschrank. Die Fußgängerampel wird rot und grün und rot. Er wippt auf den Ballen, macht einen Ausfallschritt Richtung Kaufhof, so, als habe er sich entschieden, die Straßenseite zu wechseln. Er schaut nach rechts, nach links. Dreht sich abrupt um, schiebt die Glastür des Bücherschranks auf und greift sich gezielt ein Buch heraus. Schaut wieder nach links und rechts und geht dann davon, nicht über die Schleißheimer, sondern den gleichen Weg zurück auf der Elisabethstraße.

Zuhause angekommen wirft er die Schlüssel auf das Sideboard neben der Tür. „Johann, du warst aber lange weg, bringst du mir einen Kaffee? Bitte!“, ruft eine Stimme aus der Wohnungstiefe. Gleich, antwortet er. Gleichgleichgleich, flüstert er. Geht in die Küche und macht sich an die Arbeit, misst ab, rührt, mixt. Dabei schaut er immer wieder in das Buch. Nur keinen Fehler machen, jetzt! „Der Kaffee ist fertig“, summt er vor sich hin und trägt die Tasse erwartungsvoll ins Wohnzimmer.

Er steht eine ganze Weile vorm Bücherschrank. Schaut sich um und vergewissert sich, dass ihm niemand gefolgt ist, ihn keiner beobachtet. Dann öffnet er schnell die Glastür und stellt ein Buch hinein. An die Stelle, wo er gestern eines rausgenommen hat. Er ist immerhin ein Profi. Auftragsbestätigung ist bei ihm Ehrensache. Eigentlich müsste er der Stadt einen Dankesbrief schreiben. Anonym, aber trotzdem. Diese Bücherschränke sind die idealen Briefkästen. 100% anonym, versteht sich.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember


Sturmnacht

Es ist schon um fünf dunkel. Stockfinstere Nacht. Elfriede hat Angst. Im Radio haben sie wieder vor Einbrechern gewarnt. Elfriede wohnt ganz allein in dem großen Haus am Ende der Straße. Früher hat Kurt jeden Abend die Runde im Garten gemacht. Aber Kurt ist seit drei Jahren tot. Wie jeden Abend geht sie durch das Haus und schließt die Jalousien. Als sie das Wohnzimmer betritt, fährt sie erschrocken zusammen. Bewegt sich da etwas hinter der großen Fensterscheibe? Aber dann erkennt sie sich selbst im Spiegelbild. Schließlich ist nur noch die Terrassentür übrig.

Draußen rauscht der Wind in den Tannen und wirft mit wilden Schatten um sich. Ein Käuzchen ruft. Ein anderes antwortet. Ein Kratzen  an der Hauswand, ein Krachen. Sicher der alte Blumentopf, denkt Elfriede. Schnell den Rolladen an der Terrasentür runterlassen, bevor noch was gegen das Glas fliegt. Scheint ja ein richtiger Sturm zu werden. Mit Gewalt reißt Elfriede am morschen Gurt. Wieder verklemmt. Plötzlich rasselt der Rolladen runter, schlägt mit einem dumpfen Knall  unten auf. Elfriede reibt sich die Hände, der Gurt hat ihr ins Fleisch geschnitten. Sie achtet nicht darauf, dass die Lamellen schräg stehen, sieht nicht, dass und was da eingeklemmt ist, zwischen Boden und Rolladenstahlkante.

Draußen ruft das Käuzchen und erhält keine Antwort.

Am nächsten Morgen entdeckt der Postbote einen reglosen Körper vor Elfriedes Terrassentür. Ein paar Meter weiter liegt neben einem umgestürzten Blumentopf ein schwarz maskierter Kopf.

 

 

 

 

 

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h bewegt sich etwas

Adventskalender MiniKrimi vom 11. Dezember


Bamhackleter!

Wie aus dem Nichts kommt die Tanne herabgesegelt. So federleicht und geräuschlos, dass Salvatore deMicco sich der Gefahr nicht bewusst wird. Er setzt gerade das Glas mit dem heißen Caipi an die Lippen, als sich die Spitze des gusseisernen Weihnachtsbaumes in Salvatores Genick bohrt. Ein leises Stöhnen, fertig.

Die Gäste des Weihnachtsmarktes scharen sich um dem Toten mit dieser so menschlich unmenschlichen Mischung aus Neugier, Entsetzen und Sensationslust. Einer ruft nach dem Rettungswagen, einer nach der Polizei. Zwei Frauen klammern sich hysterisch schluchzend aneinander. Ratlosigkeit macht sich breit, unter den Budenbesitzern. Wenn die Polizei den Platz absperrt, war’s das mit dem Geschäft. Was ist denn passiert? Wer war das? War das ein Unfall oder …? Vielleicht die Mafia? Ach Schmarrn! Ausgerechnet der Salvatore! Gerade haben wir ihn noch gehört, wie er sich über den singenden Weihnachtsmann lustig gemacht hat.  Bamheckleter, hat er ihn beschimpft. Was heißt das eigentlich?

Da läuten die Glocken der alten Martinskirche, und die Besucher der Abendmesse strömen auf den Platz vor dem Weihnachtsmarkt. Schnell wissen alle, dass Salvatore deMicco, Inhaber der Pizzeria hinter der Kirche, von einer gusseisernen Tanne erschlagen wurde.

Als die Hiasl-Schwestern aus der Kirche kommen, verstecken sie die Gesichter hinter hochgeschlagenen Mantelkrägen, um nicht erkannt zu werden. Zu spät. „Hey, ihr Wahrsagerinnen, was ist hier passiert?“ Resigniert bleiben Walli und Traudl stehen. Seit sie damals auf der Kirchweih die Wahl von Ratzinger zum Papst vorhergesagt haben, trauen Ihnen die Moosacher alles zu. Also auch, das Geheimnis um Salvatores Tod zu lüften.

„Was hat er vor seinem Tod gemacht?“, fragt Walli. Den Weihnachtsmann beschimpft. „Welchen Weihnachtsmann?“ Den, der auf dem Markt gesungen hat. „Ach so. Das ist doch der Steffinger Wastl, oder? Und wie hat er ihn geschimpft?“ Bamhackleter! So ein aufgefallenes Schimpfwort. Das kennt doch hier kaum einer! „Bamhackleter? Dann ist die Sache sonnenklar!“ Wieso das denn? „Als der Salvatore den Steffinger als Bamhackleten beschimpft hat, da hat dieser gewusst, dass der Salvatore das Wort von seiner, also dem Wastl seiner, Frau gehabt haben muss. Woher soll einer aus Neapel dieses Wort kennen? Der Wastl hat schon lange geahnt, dass seine Frau ihm Hörner aufsetzt. Und als er vorhin den Beweis dafür bekommen hat und auch gewusst hat, mit wem, da hat er sich in der Glühweinhüttn versteckt und dem Salvatore die Tanne auf den Kopf geworfen. So, und jetzt lassts uns heim, Leute, s’is kalt, hier heraußen. Komm, Traudl.“

 

 

Minikrimi-Adventskalender 2016


Es geht lohooooos!
Na, dachtet Ihr, diese Jahr ist Ebbe mit den Adventskalenderkrimis? Hattet Ihr etwas gehofft. ich überlasse Euch der gemütlichen Kuschelstimmung und das einzige, was knistern würde, wäre der Kamin? Weit gefehlt! Hier kommt also der erste Adventskalender-Minikrimi 2016. Ach ja – teilt Eure Minikrimifreude ruhig mit anderen. Ich freue mich über alle, die sich einklicken, hier. Also…
Tadaaaaaaaaaaaaaaaa!

 

Kein Ferrari... aber eine Explosion
Kein Ferrari… aber eine Explosion

 Minikrimi am 1. Dezember: Eine Familienangelegenheit

„Ich hätte auf meine Mutter hören müssen. Sie hat mir von Anfang an gesagt, dass ich dir nicht vertrauen kann. Dass du ein Mistkerl bist!Du und eine Familie…“
„Ah ja, deine Mamma. Aber dafür, die ganze Hochzeit zu bezahlen, im Schloss, inklusive der Suiten für die Gäste, dafür war der Mistkerl deiner Mamma gut genug?“
„Sie wollte mich eben glücklich sehen…!“
„Und, das warst du doch auch, Mia, cara!“
„Keinen Schritt näher! Diesmal wickelst du mich nicht um den Finger. Ich weiß genau, was du gemacht hast, als du angeblich mit Sandro Billard gespielt hast. Billard! Ha. Du warst mit Sophie zusammen. Wenn die mit Kugeln gespielt hat, dann sicher nicht Billard.“
„Amore, sei nicht so ordinär. Gut, ja, ich war mit Sofia unterwegs. Aber es ist nicht so, wie du denkst…“
„Wie oder was ich denke, das weißt du doch gar nicht. Es hat sich aus-ge-amoret. Du hast mich nur geheiratet, um eine Alibi für deine Eskapaden zu haben.“
„Amore….. sei still. Sprich nicht von Alibi. Du redest dich gerade um Kopf und Kragen…. Was ist, wenn Papà jetzt reinkommt…?“
“ Hör mir auf mit deiner „Ehre“. Ich habe keine Angst vor deinem Vater. Und das werde ich dir beweisen. Auf der Stelle.“
„Cara, wo gehst du hin? Bleib hier. Ich kann dir alles erklären!“

„Aber meine Kleine, was ist denn los? Hat mein Sohn dich verärgert?“
„DU hast mir gerade noch gefehlt! Geh mir aus dem Weg. Ich habe genug von eurer „Familie“.
„Cara, wo willst du hin?“
„Das wirst du schon sehen. Und ich versichere dir, ich werde allen erzählen, wie es bei euch zugeht!“
„Aber Cara, beruhige dich doch. Schau mal, ich habe dir etwas mitgebracht. Ich schlage vor, du machst gleich eine kleine Probefahrt. Und ich bin sicher, dabei werden sich deine Sorgen von alleine zerschlagen.“
„Salvatore! Ein Ferrari! Gut, danke für die „Probefahrt“. Aber denk bloß nicht, dass du mich damit kaufen kannst.“

„Keine Angst, meine Kleine. Das habe ich nicht vor.“
Mit diesen Worten packt Salvatore seinen Sohn am Arm und zieht ihn ins Haus. Der versucht, sich loszureißen, schreit: „Mia, NEIN!“ Und dann, „Papà, halt. Du machst einen Fehler. Sie ist doch nur eifersüchtig….“

Aber da hat Mia bereits den Zündschlüssel umgedreht. Die Explosion ist eines Ferrari würdig.

MiniKrimi zu Weihnachten


Yes  I can.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten“, sagten seine besten Freunde und schüttelten missbilligend den Kopf, als er schon wieder seine eigene Brotzeit an die Kinder verteilt hatte, die ihn mit vor Hunger großen Augen angestarrt hatten.

Du kannst doch nicht die ganze Welt retten“, sagte seine Mutter, als er alles daran setzte, einem Freund dabei zu helfen, sein Gesicht vor der Familie seiner Braut zu wahren, weil ausgerechnet bei der Hochzeit die Getränke ausgingen.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten!“, rief seine Freundin, als er selbst Gefängnis und Verurteilung riskierte, im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

„Du kannst ja nicht mal dir selbst helfen. Wie willst du dann die ganze Welt retten?“, fragte ihn der Richter.

„Wetten, dass ich kann?“, antwortete er.
Gesegnete Weihnachten der ganzen großen Welt!

 

Minikrimi vom 23. Dezember


Das Schicksal aufhalten

Morgen ist Heiligabend! Die Liste der Dinge, die ich noch zu erledigen habe, ist viel länger als die Zeit, die mir dafür zur Verfügung steht! Als erstes muss ich die Wohnung putzen. Wenn morgen meine Freunde zum Essen kommen, will ich sie nicht mit Katzenhaaren im Salat erschrecken. Es ist wohl ziemlich lange her, seit ich das letzte Mal den Boden gewischt habe. Denn ich finde nirgends einen Schrubber. Also runter zur Nachbarin, die hat einen Putzfimmel und kann mir ganz sicher aushelfen.

Sie kann. Und holt umgehend einen nagelneuen Schrubber nebst jungfräulichem Lappen aus den Tiefen ihrer nach Lenor duftenden Wohnung. Aber dann steht sie in der Tür, Schrubber und Lappen fest in ihren Händen, und erzählt mir die komplette Krankheitsgeschichte ihres Bruders. Von der chronischen Verstopfung über die Gallensteine bis hin zum Darmverschluss. Tragisch, natürlich. Aber ich höre bei jedem ihrer Worte das Ticken ihrer Küchenuhr – und weiß, meine Zeit verrinnt. Als es mir endlich gelingt, ihr die Putzutensilien zu entreißen, habe ich zwanzig Minuten verloren!

Ich gehe zurück in die Wohnung. Nach einer Stunde habe ich den gröbsten Schmutz entfernt. Vom Kirchturm auf der anderen Seite des Stadtwäldchens schlägt es drei. Vor allen Dingen muss ich einkaufen. Und zwar mehr als die zwei TK-Pizze und fünf Äpfel, die ich für mein normales Wochenende brauche. Das heißt, ich muss mit der S-Bahn in die Stadt, zum Supermarkt und dem kleinen, feinen Libanesen, bei dem ich all das bekomme, was für mein Hauptgericht morgen nötig ist. Ich bin keine besonders gute Köchin. Es gibt überhaupt nur zwei Gerichte, die ich beherrsche. Eines davon ist das gefüllte Perlhuhn nach einem alten libanesischen Rezept. Das habe ich von meiner allerersten großen Reise mitgebracht. Seitdem ist es mir ans Herz gewachsen, und ich bereite es immer dann zu, wenn ich wirklich Eindruck machen will. So wie morgen. Denn einer meiner Freunde, Antoine, gefällt mir ganz besonders gut……

Die nächste S-Bahn, die in Frage kommt, fährt um 16.05 Uhr. Später geht nicht, sonst macht der Libanese zu. Ich gehe aufs Klo. Beim Händewaschen fällt mein Blick aus Versehen in den Spiegel – ich vermeide es tunlichst, mein Spiegelbild anzuschauen. Aber jetzt ist es passiert, und ich weiß sofort: SO kann ich nicht unter die Leute. Also schnell den Kopf unter die Brause.

Das Telefon klingelt. Mit Shampoo im Haar nehme ich ab. Es ist Tante Elsbeth. Wir telefonieren einmal im Jahr, immer am 23. Dezember. Ich kann ihr unmöglich sagen, dass ich jetzt gerade keine Zeit habe. Eine halbe Stunde später wasche ich mir die Seife aus dem Haar. Nach weiteren 30 Minuten bin ich ausgehfertig. Es ist inzwischen halb vier. Ich liege gut in der Zeit und schaffe die S-Bahn sicher ohne Probleme.

Auf dem Weg durch das Wäldchen begegnet mir Herr Bergmaier mit seinem Afghanen. Besser gesagt, der Afghane kommt mir allein entgegen und zieht die Leine hinterher. Ohne das Herrchen am anderen Ende. Als Freddy, so heißt der Hund, mich sieht, springt er schwanzwedelnd an mir hoch. Er legt mir die Pfoten liebevoll auf die Schultern, aber sein Gewicht reißt mich einfach zu Boden. Da liege ich nun im Dreck und versuche, mich einer nassen Hundezunge zu erwehren. Schließlich kommt Herr Bermaier. Völlig außer Atem. Er bedankt sich überschwänglich bei mir dafür, dass ich den Hund aufgehalten habe. Er ist aus Angst von einem Böller davongelaufen. Wer weiß, ob er nicht unter die S-Bahn gekommen wäre, wenn ich nicht gewesen wäre….. Herr Bergmaier erzählt mir noch, wie Freddy und er Heiligabend verbringen werden – mit einer ganzen Staffel Martin Rütter auf Sky. Als ich die Treppen zur Bahngleisunterführung runterrenne, schlägt die Kirchturmuhr gerade vier. Vor mir läuft eine alte Dame, komplett mit Hut, Mantel, Reisetasche und Stockschirm. Der verfängt sich auf der vorletzten Stufe in ihrem Mantelsaum, die wacklige, aber korpulente Person schwankt ein paar Sekunden lang hin und her – und kippt dann hintüber die Bahnsteigtreppe hinunter. Ich hechte mit einem meiner Volleyballsprünge, für die ich in der Schule mal berühmt und bei den Jungs besonders beliebt gewesen bin, die vier Stufen zu ihr rauf und werfe mich mit meinem ganzen, nicht sehr üppigen Gewicht gegen ihre Sturzrichtung. Wir prallen aufeinander, sie ist stärker, und wie eine bunte Lawine kugeln wir die Treppe hinab.

Als wir uns unten auseinander sortiert haben, ist schnell klar, dass keine von uns sich verletzt hat. Die alte Dame ist weich gefallen, und meine Knochen sind stabiler als ihre.

Noch während sie mir überschwänglich dankt, hörte ich oben meine S-Bahn ein- und dann wieder abfahren.

Das war’s, denke ich resigniert, und lasse mich von der alten Dame auf einen Piccolo ins Café Kreuzeck neben dem Bahnhof einladen. Dort hören wir dann auch die Polizeisirenen und sehen kurz darauf im Regionalfernsehen, dass die 16.05 Uhr-S-Bahn entgleist ist. Ein Sprengstoffanschlag wird vermutet.

 

MiniKrimi vom 22. Dezember


Heute wieder eine Geschichte nach den Clues von Monika. Du machst es mir nicht leicht, meine Liebe….

Schöne Bescherung

Der Weihnachtsmann hatte seinen Sack gut zugeschnürt. Dachte er. Aber für Timo und Ali war es nicht schwer, ihm zu folgen. Denn auf dem frisch gefallenen Schnee, auf dem feuchten, salzglänzenden Asphalt und dem hellen Marmor der Hausflure und Treppen hinterließ er eine feine, funkelnde Spur aus engelshaarfeinem Lametta. Es rieselte aus dem unauffälligen Loch, dass Timo mit seinem Messer in den Sack geschnitten hatte, während Ali einen Zusammenstoß mit dem Mann im dick ausgestopften Kostüm simulierte. Unglaublich, wie fahrlässig die Leute zu Weihnachten wurden. Als raubte ihnen der kindliche Glaube an das Gute, das alle Jahre wieder über sie hereinbrach, jeglichen Sinn für Vernunft. Anders war es nicht zu erklären, dass sie dem Weihnachtsmann ihre teuren Geschenke für Frauen und Kinder, Eltern und Freundinnen anvertrauten, nur, damit alle so tun könnten, als glaubten sie noch immer an Märchen. Stattdessen würden sie in dieser stillen Nacht, in der die reiche Vorstadtwelt wie eine mit Zuckerguss verzierte Tortenlandschaft aussah, ihr blaues Wunder erleben. Von wegen Bescherung. Beziehungsweise würde die ganz anders ausfallen als erwartet.

Timo und seine „Gangstas“ hatten alles genau geplant. Mike war der Spion und hatte ausgekundschaftet, welche Geschenke der Weihnachtsmann wo abliefern würde. Timo und Ali schlichen hinter dem armen Mann her, der sichtlich an der Gabenlast zu schleppen hatte. „Nicht mehr lange, und wir erleichtern dir die Arbeit“, flüsterte Timo, und Ali keckerte sei Lachsack-Lachen. Er hörte gar nicht mehr auf damit. Timo stieß ihn unsanft in die Rippen, denn gerade ertönte Mikes Pfiff. Darauf hatten die beiden Diebe gewartet.

Während der Weihnachtsmann sich mit aller Kraft mühte, mit dem umständlichen Kostüm die Feuerleiter hinauf und dann den Kamin hinabzuklettern, huschte Timo behände hinter ihn und legte ihm die Hand mit einem in Chloroform getränkten Lappen auf Mund und Nase. Mit einem leisen Seufzer, wie ein Luftballon, aus dem das Gas entweicht, ging der gute Mann zu Boden. Das letzte, was er sah, waren zwei Aliens mit schwarzwollenen Gesichtern, aus denen nur die Augen hervorglühten.

„Schnell, her mit dem Sack, und dann nichts wie ab“, befahl Timo. Ali schulterte ächzend den Jutesack. Wahnsinn, wie schwer der war. Kein Wunder, bei all den Uhren, Diamanten, Laptops und Kameras, die da drin steckten und jetzt nur darauf warteten, von Timo und seiner Bande vertickt zu werden.

Die beiden Halbstarken zogen und zerrten den Sack schließlich gemeinsam die Feuerleiter hinunter. Erschöpft ließen sie sich nebeneinander auf den Boden gleiten. Da brauste auch schon der geklaute Buick um die Ecke, mit Mike am Steuer. Auf dem frischen Schnee kam der Wagen in der Kurve ins Schleudern und hätte beinahe den Sack über den Haufen gefahren. „Schnell rein mit euch“, rief Mike. Sie warfen sich auf die Rücksitze, den Weihnachtsmannsack fest zwischen sich. Und dann gings los, in einem halsbrecherischen Tempo quer durch die Stadt bis hinaus zu den Dünen am Strand. Um die Zeit und bei dem Wetter war selbst die Polizei nicht draußen. Keiner verfolgte die jungen Männer. Und eine Stunde später saßen sie im Sand und begutachteten ihre Beute. „Das Zeug ist mindestens eine Million Dollar wert“, sagte Timo. Und Ali pfiff anerkennend durch seine Zahnlücke. „Wir haben echt n super Ding gedreht!“ Schließlich lag nur noch ein kleines, flaches Kästchen im Sack, nicht größer als eine Streichholzschachtel. „Was isn das?“, fragte Mike. „Keine Ahnung“, sagte Timo und dreht das Ding vorsichtig zwischen den Fingern. „Bugatti„, war darauf eingraviert. Und an der einen schmalen Seite, kaum sichtbar, blinkte es rot.

Und dann blinkte es um sie herum, viele Lichter, weiß, rot und blau. Der ganze Strand wimmelte von Polizisten. „Halt, Pfoten hoch, Jungs“, hörten sie, ohne zu verstehen, was plötzlich los war. Auch, als sie beim Verhör saßen, konnten sie sich nicht erklären, wie die Polizei sie gefunden hatte. Ein Sergeant hatte schließlich Mitleid mit den drei Möchtegern-Ganoven. „Das kleine Kästchen ist eine Mini-Alarmanlage. Sie gehört zu dem Bugatti, den Marvin C. seiner Freundin zu Weihnachten schenken wollte. Marvin war selber ein Gangsta, bevor er als Rapper Millionen verdient hat. Deshalb hat er die Alarmanlage scharf gemacht. Sie hat die ganze Zeit Signale gesendet – die kamen aber nicht zu Marvin C.s Haus, sondern entfernten sich immer mehr. Da hat er uns verständigt. Und wir haben Euch gefunden. Schöne Bescherung, Jungs.

„Ich glaub, ich mach im Knast nen Rappel-Kurs“, murmelt Timo zu Ali, als er in U-Haft geführt wird.