MiniKrimi am 1. Dezember


Falsch gebrieft

So eine nette alte Dame. Richtig niedlich. Im Grunde sind alte Leute doch wie kleine Kinder. Süß und hilfsbedürftig und so dankbar. Frau Teuvel ist die erste Patientin, die Dunja nach ihrem Kurs zur ehrenamtlichen Demenzbegleiterin betreut. Und sie ist ja so pflegeleicht. „Oma, komm essen, komm!“, und schon sitzt Frau Teuvel am Tisch und lässt sich das Lätzchen umbinden. Fragen wie: „was machen Sie eigentlich hier?“ oder „warum nennen Sie mich Oma? Sie sind nicht meine Enkeltochter, oder?“ ignoriert Dunja einfach. So sind sie halt, die Demenzkranken. Na gut, sie hat sich am Abend nicht waschen lassen, aber das machen wir gleich morgen früh, entscheidet Dunja. Dann verstecken wir auch das Bügeleisen, das die Alte im Bett hat. Dunja freut sich auf ein Gläschen Wein und ihren Lieblingsfilm. Die Alten gehen ja zum Glück früh uns Bett und schlafen tief und fest, auch das hat sie im Kurs gelernt. Held und Heldin haben sich gerade in einem nicht enden wollenden Kuss gefunden, in Großeinstellung, als Frau Teuvel plötzlich vor der Couch steht. Lautlos hat sie sich angeschlichen. Hände hinterm Rücken, starrt sie Dunja an. „Wer sind Sie? Was machen Sie in meinem Haus? Sie sind ein Einbrecher, ich rufe die Polizei.“ Dunja ist verärgert. Ausgerechnet jetzt muss die Alte aufwachen. „Alles gut, Oma, geh wieder ins Bett. Ich bin die Dunja, ich passe auf dich auf.“ „Aufpassen? Auf mich? Ich zeig dir was. Pass auf, du, du…..“ Vielleicht hätte Dunja ihrem Kursleiter einen Vorwurf machen können, weil er sie falsch vorbereitet hat. Aber dazu kommt das Bügeleisen viel zu schnell hinter Frau Teuvels Rücken hervor und saust auf Dunjas Kopf herunter.

„Ist da die Polizei? Hilfe! Ein Einbrecher hat gerade meine Betreuerin erschlagen. Kommen Sie schnell, ich habe solche Angst! Ja, ich bleibe ganz ruhig vor dem Fernseher und trinke ein Glas Wein, bis Sie kommen.“

Ein altes Buch, ein neues Kapitel!


Nuovoanno

In ein paar Stunden ist es soweit: die letzten Sätze des alten Jahres sind gesagt, gelesen. Und wir schlagen ein neues Kapitel auf. 2014 – das Buch, das wir alle leben werden. Ob es ein Beststeller wird, ein Ladenhüter, ein Historienroman oder die allerbeste Lovestory – wir werden es sehen, fühlen, riechen, spüren.

2014 Seiten voller Abenteuer. Machen wir uns auf, gehen wir auf Entdeckungsreise in ein neues Jahr! Ich wünsche Euch allen, dass Ihr Gesundheit im Gepäck habt, Liebe, Freude, Optimismus, Langmut, eine gehörige Portion Neugier – und auf allen Wegen Gottes Segen.

Wir sehen uns im nächsten Jahr.  Rosch ha-Schana tov!

Eure Marie Bastide

Ho ho hoo


Nun ist der Advent fast vollbracht, und in den Straßen weihnachtet es schon sehr! Allüberall auf den Häuserspitzen sieht man bunte Lichtlein blitzen. Und hinter so manchem Gartentor schaut mit glitzernden Augen ein Rehkitz hervor. Nicht alle finden das geschmackvoll. Aber über Geschmack lässt sich bekanntermaßen vortrefflich streiten. Das haben auch die Familien Waldmann und Steinberger erfahren. Die Nachbarn haben gänzlich gegensätzliche Anschauungen. Politisch, aber auch ästhetisch. Während im Vorgarten der Waldmanns ein vom Hausherrn höchstpersönlich liebevoll gepflegtes Miniatur-Neuschwanstein thront, nebst Lohengringrotte und  beleuchtetem See, stehen bei den Steinbergers exakt auf Linie getrimmte Kugelrubinien im peinlich auf 5 cm geschorenen englischen Rasen.

In der Adventszeit wird der Unterschied in Lebensstil und -ausgestaltung dann überdeutlich sichtbar. Während Herr Waldmann sich mit kindlicher Hingabe jährlich neuen Lichtprojekten widmet, ist das Steinbergersche Anwesen in völliges Dunkel getaucht. Dabei wären die Kugelrubinien wie geschaffen für blinkende Lichternetze!

Aber dann – „ist denn jetzt schon Weihnachten?“ mag Frau Waldmann denken, als ihr Blick beim Auskleiden durch’s Schlafzimmerfenster auf den Balkon gegenüber fällt. „Schau mal, Peter!  Das ist ja kaum zu glauben! Die Steinbergers haben jetzt auch eine Weihnachtsdeko angebracht! Ein von diesen kletternden Weihnachtsmännern! Wie putzig! Peter? Peter, schau doch mal!“

Peter schaut nicht. Mit ihr aus dem Schlafzimmerfenster. Peter ist nicht da. Peter hängt am Balkon gegenüber. Leblos, inzwischen, nachdem Herr Steigenberger ihn als Weihnachtsmann verkleidet in flagranti im Bett seiner Frau erwischt und ihn mit der Kordel des Gewandes  um den Hals am Balkon gehenkt hat.

Die Moral von der Geschicht‘: Wildere in fremden Vorgärten nicht.

Car Wash


Ella hasst Autowaschanlagen. Sie verursachen ihr Panikattacken und Herzrasen. Aber jetzt geht es nicht anders. Zu viel verräterisches Salz von ihrer Spritztour in den vorweihnachtlichen Ehebruch mit Carlos. Der junge Mann an der Kasse erklärt ihr geduldig, dass sie erst den Waschcode eintippen und dann warten muss, bis sich das Hallentor öffnet. „Dann fahren sie das Auto rein, stellen es ab, gehen raus und drücken dann, erst DANN auf Start.“ Mit flauem Magen befolgt sie seine Anweisungen. Erst den Code, dann bei geöffnetem Tor in die Halle, aussteigen…. Sie hat die Fahrertür noch nicht zugeschlagen, da fährt das Rolltor wie ein Fallbeil herunter. Und schließt hermetisch. „Komfortwäsche“ blinkt es in roten Leuchtbuchstaben, und mit lautem Dröhnen setzen sich die Bürsten aus falschem Lammfell in rotierende Vorwärtsbewegung. Das letzte, was Ella spürt, ist die brachiale Umarmung fellummantelter Stahlrollen. Das letzte, was sie hört, ist Karlpeters Stimme: „Dass du an das Salz gedacht hast, Gratulation. Aber leider ist dir die Hotelrechnung heute früh aus der Manteltasche gefallen. Ja, so ein gebrochenes Herz kann tödlich sein… Adieu, Ella.“

Mittwinternacht (inspiriert von Monika – danke :-) )


Er war ihre große Liebe. Und das auf den allerersten Blick. Sie hatte schon nicht mehr daran geglaubt, ihm zu begegnen. Sich schon fast damit abgefunden, schweren Herzens damit abgefunden, dass sie ihren Lebensweg allein zurücklegen würde. Bis zum Schluss. Und mochten ihr die Schamanen noch so oft erzählen, dass Weisheit und Einsamkeit im Diesseits ihren Geist oder ihre Seele oder ihren Spirit, je nach Schamanenmode, enorm viel weiter brächten. Sie war nicht gern allein, sondern nur aus der Not heraus. Alleine war sie auf die Mittwinternachtsfeier gegangen. Schamanen in dunklen wallenden Mänteln und fliegenden, zuweilen schon spinnwebendünnen Haaren. Frauen mit medialen Fähigkeiten und scharfspitzen Nägeln an den Ausläufern ihrer Krallenhände. Neugierige und Sehnsüchtige. Und mitten drin sie. Valeska. „Schöne Frau“, flüsterte ihr ein Schatten ins Ohr. „Hast du keine Angst, ins schwarze Loch zu sinken? Es ist überall, pass auf!“ Die Stimmung auf der mondhellen Lichtung war unwirklich und voll aufgesetzter Magie. Händler boten Traumfänger an und Tarotkarten von Aleister Crowley. Valeska spürte, wie ihr Blut sich erwärmte und ihre Haut die Nacht zu trinken begann. Sie wusste nicht, wie viele Scharlatane hier herum liefen. Sie war keine von ihnen. „Möchten Sie einen Glühwein? Ach Pardon, einen Drachentrunk?“ Seine Stimme war weder ein heiseres Flüstern noch ein beschwörender Bass. Er sprach ganz normal, sachlich und klar. Das gefiel ihr. Sie tranken ein Glas zusammen und dann noch ein weiteres, während sie über die Bergwiese schlenderten, nur mit halbem Auge und halbem Ohr auf das Yule-Fest um sie herum achtend.

An einem ganz mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Stand pries ein kreidebleicher Mann mit blutunterlaufenen Augen ein rotes Gebräu als Draculas Saft an. „Wer den trinkt, sieht die Wesen um sich herum plötzlich so, wie sie wirklich sind“, erklärte er Valeska. Sie nahm ein Glas und Victor ebenfalls. Sie wussten, dass sie zusammen gehörten. Sie lasen Liebe in ihren Augen, und die Sterne tanzten nur für sie jenseits des Winterhimmels. Valeska hatte ihren „Saft“ gerade erst ausgetrunken, als sie sah, wie sich Viktors Ohren verlängerten. Sein Gesicht schob sich nach vorne, der Mund wurde zur Schnauze. Gleichzeitig bekam er einen Buckel, aus dem schwarze Haare zu sprießen begannen, und aus Händen und Füßen wurden riesige Pranken. „Ein Werwolf. Victor ist ein Werwolf!“ Die Erkenntnis traf sie wie ein Todesstoß. Ein Werwolf, der sicher gleich ein Massaker anrichten würde unter den Besuchern. „Ich muss ihn stoppen“, dachte sie. Ging schnellen Schrittes bis an den Wiesenrand, dorthin, wo die Weide ganz unvermittelt in einen senkrechten Abgrund stürzte. Victor kam ihr nach und wollte sie greifen und beißen – sie sprang zur Seite und er fiel hinab.

Valeska gelang es nicht, die Polizei davon zu überzeugen, dass sie einen Werwolf getötet hatte, nachdem sie ihn dank des Hellsehertranks „Draculas Saft“ als solchen erkannt hatte. Am Fuß des Abgrunds hatte ein gut aber sehr blass aussehender junger Mann gelegen, der sicher nie ein Form von Verwandlung durchgemacht hatte, außer der vom Leben zum Tod. „Wir müssen unbedingt die Kontrollen verschärfen“, lautete das Fazit der Polizei. „Und verhindern, dass Halluzinogene in den Glühwein gemischt werden.“

Tod eines Protagonisten


Er ist ein ganzer Mann. Einsneundachzig, fünfundsiebzig muskulöse Kilo, Sixpack und Bizeps. Sportlich attraktiv. Das schwarz gelockte Haar pflegt er täglich mit wohlriechenden Lotionen. Sein sorgfältig gepflegter Dreitagebart wirkt auf die Frauenwelt wie ein Magnet. Er hält jeder die Türen auf, ob jung ob alt ob schön ob schiach. Wenn er gemeinsam essen geht, zahlt er immer en Passant. Oder er vermeidet diese Art von Rendezvous von vornherein.

Er ist gebildet, ohne altklug zu erscheinen. Sein Musikgeschmack variiert von barockem Saitenspiel bis zu Keith Jarret, je nach Laune. Wobei er von diesen nicht besessen wird, sondern mit ihnen kokettiert. Und niemals andere darunter leiden lassen würde. Er isst wie ein Gourmet, nicht ein Gourmand. Er ist ein Weinkenner, der nie zu tief ins Glas zu blicken pflegt. Und auch, wenn er eine elegant duftende Pfeife nach dem Abendessen durchaus genießt, so bleibt dies ein seltenes Vergnügen ohne Laster.

Er kleidet sich gerne leger und weiß genau, welche Farben ihm stehen. In seinem Schrank findest du Jeans und Cord ebenso wie Frack und Cut. Den Kopf bedeckt er mal mit Mütze, mal mit Hut – oder mit einem Helm, beim Ski Alpin.

Kurz – er ist ein Traum von einem Mann. Er besitzt alle Eigenschaften, die du schon immer haben wolltest, beim anderen Geschlecht. Nun steht er da, und während er die Seiten wechselt, kannst du ihn nicht greifen. Zu glatt, zu kanten- und zu makellos, ganz ohne Not. Das ist sein Tod.

Du wirst dir einen neuen Hauptdarsteller suchen, denn dieser taugt weder zum Mörder noch zum Kommissar, er ist einfach zu schön, um wahr zu sein.

Sweet Dreams


„Hallo,  Süße Maus. Wie alt bist du denn?“ „Acht.“ „Du bist wirklich total süß.“ „Danke.“ „Magst du mich?“ „Ja.“ „Magst du mir mal zeigen, wie du aussiehst?“ „Ja.“ Der Mann, nennen wir ihn der Einfachheit halber Manie, dreht sich zu seinen Freunden um. „Na, habe ich euch zuviel versprochen?“ Im Grunde sind die fünf Männer keine Freunde. Sie wissen nichts von einander, außer ihrer einen Gemeinsamkeit. Draußen, im Leben außerhalb dieses schalldichten Raumes, begegnen sie sich nie. Und vielleicht würden sie sich auch auf der Straße nicht wieder erkennen, unter normalen Bedingungen, wenn jeder seine Alltagsmaske trägt. Aber hier dürfen sie sein, wer sie wirklich sind. Hier erzählen sie von ihren Lieben und ihren Vorlieben. „Ist ja unglaublich, Manni“, sagt ein großer Mann mit Glatze, Spitzbauch und Brille. „Meinst du, sie redet auch mit uns?“ „Klar. Warte. Süße Maus, ich hab ein paar Freunde mitgebracht, die würden dich auch gerne sehen…“ „Ja.“ „Also, zeig dich mal.“ Die Männer stoßen verzückte Laute aus. Einer holt nur einfach tief Luft und greift sich in den Schritt. „Schau mal, ich mag dich sehr sehr gerne. Soll ich dir mal zeigen, wie sehr ich dich mag?“ Stille. Dann, leiser: „Ja.“ Manni nestelt an seiner Hose herum, Fred zieht nach. „Und jetzt du, Süße Maus. Wir wollen mehr von dir sehen. Komm, zieh dich mal aus, für uns, ja?“ Es ist heiß in dem kleinen Raum. Die Männer schwitzen. „Ja, mach ich. Aber sag mir erst, wie ihr alle heißt. Habt ihr Internetseiten und kann ich euch auch da mal besuchen?“ Wie süß, die Süße Maus. Sie ist echt interessiert an uns, denken die Männer. Und geben gerne Auskunft. „So, Süße Maus, und jetzt zieh dich aus!“ In diesem Moment wird der Bildschirm schwarz. Draußen laute Schritte, Rufe: „Polizei, machen Sie die Tür auf!“ Die Männer schauen sich an, hektisch. Sie denken nicht mal daran, die Hosen zuzumachen. „Aufmachen, oder wir  stürmen den Raum.“ Manni geht zur Tür. Ein ganzes SEK-Kommando nimmt sie in Empfang. „Was fällt Ihnen ein? Das wird Konsequenzen haben!“, zischt Fred. „Ich habe Kontakte.“ „Ja. dass wissen wir. So haben wir Sie ja orten können.“ Der Einsatzleiter hält ein Tablet in der Hand. Darauf sehen sie ihre „Süße Maus“. „Hallo“, sagt sie. „Ich bin nicht echt. Ich bin eine Animation, mit der in der ganzen Welt Männer wie ihr geködert werden, damit richtige Kinder sicher leben können.“

Inspiriert von einer Aktion von Terre des Hommes, die mit einem Computer-Model Tausende Pädophile in die Falle lockten. Allerdings nicht, wie in dieser Geschichte, unter Mitwirkung der Polizei.

Freitag, der 13.


Pluderhose an und Samtwams drüber. Krummsäbel umgeschnallt und die Haare schwärzt gegelt. Fertig ist der Prinz von Theben. Er steigt in den Fahrstuhl. Der Spiegel wirft ihm das Bild eines Fremden zurück. Sehr gut. In der Untenwelt gelten andere Gesetze als oben. Gleich ist er dort. Minus 777 gibt er ein. Das Gitter rasselt herunter, Eisen schlägt auf Eisen, rastet ein. Die Türen schließen hermetisch,  und scheppernd setzt sich der Aufzug in Bewegung. Rast durch die Erde und die Zeit. Siebenhundertsiebenundsiebzigste Etage. „Aussteigen auf eigene Gefahr.“ hallt es von den Wänden. Die Tür öffnet sich, und der Prinz von Theben tritt in einen dunkelrot bemalten Flur. Fackeln in Nischen, die in regelmäßigen Abständen in die Wand gehauen sind, spielen flackernd mit Licht und Schatten. Am Ende des Flurs öffnet sich ein Torbogen auf eine weite Halle. Sie liegt in blauem Dämmerlicht. Rufe, Schritte und harsche Kommandos hallen herüber. Der  Prinz schmiegt sich in eine der Nischen und wartet. Da kommt ein Krieger aus der Halle in den Flur. Seinen Kopf ziert ein gepanzerter Helm mit Federn aus Stahl, an den Enden schillern vergiftete Pfeilspitzen. Er ist in einen Fellmantel gehüllt und trägt eine Armbrust über der Schulter. Er hat es eilig. Zu eilig. Der Prinz ersticht ihn im Vorübergehen. „Guuut gemacht“, hallt es leise von den Wänden, und grüne Ziffern stehen sekundenlang im Raum. Vom Erfolg berauscht, wird der Prinz übermütig. Er verlässt seine Deckung und tritt in den Torbogen. Auch den nächsten Krieger kann er mühelos erlegen. Doch als er sich bückt, um ihm den mit Diamanten besetzten Gürtel abzunehmen, sind die Feinde plötzlich über ihm. „Hmmm, Bluuuuut!“ schmatzt es an seinem Ohr, und er sieht einen alterfaltigen Vampir die Lippen schürzen. Er schiebt sein Gesicht ganz nah an den Prinzen heran, seine zwei elfenbeinfarbenen Hauer fertig zum Biss. „Halt, er gehört mir!“, schreit eine Amazone. Ihr halbes Gesicht ist von einem Platinpanzer bedeckt, seit es ihr von einem Morgomongus zerfetzt wurde. Ihre Haare sind züngelnde Schlangen, und wenn sie spricht, speit sie Speichel aus Blut. Sie hebt ihre mit Feindeslocken gespickte Lanze hoch über den Kopf, die Schlangen steigen an ihr empor. „Ahhhh!“ schreit sie. „Ahhhh!“ „Jaa!“ Und stößt zu.

„Cut! Cut. Cut!!! Ehrlich, Andrea, wie oft soll ich dir das noch sagen. Du kannst meinetwegen alles schreien, was dir so einfällt.  Tod oder Rache oder Aaaarrgg, aber bitte nicht Ahhh!  und dann Jaaa! Wir drehen hier einen Horrorfilm, keinen Fantasy-Porno!“

Viola und der Grant (ein Auszug)


Der Stadtpark ist menschenleer. Abendschatten lecken an den schneebepuderten Hängen, mit dem welken Laub darauf sehen sie aus wie Nussecken in einer riesigen Konditoreiauslage. Krähen schaukeln auf den kahlen Ästen, blaue Wolken mit zartrosa Rändern winden sich sanft um die Kronen der Bäume. Die Dämmerung lauert auf ihren Auftritt. Der gefrorene See glänzt aus der Tiefe herauf, die Schwaneninsel in der Mitte wie ein dunkles, tannenbewimpertes Auge. Am Ufer zieht Viola die Schlittschuhe an. Es sind nur drei Jugendliche auf dem Eis. Sie beachten das Mädchen nicht weiter. „Na, Eisprinzessin?“ flüstert die Stimme, von der Viola nicht weiß, ob es ihre eigene ist. „Ist das nicht wunderbar?“ Ja, das ist es. Wunderbar und still und genau so, wie es sein sollte, am Heiligen Abend. Viola zieht ihre Kreise, immer weiter, immer mutiger. Die Eisprinzessin erkundet ihr Reich. Sie gleitet am Ufer entlang bis zum hinteren Schilf. „Da sollst du nicht hin, sagt Papa. Das Eis ist zu dünn“. „Ach was. Hab ich Angst? Nein, vor was denn?“

Fifty ways 2.0


Du bist deinem Göttergatten auf die Schliche gekommen und er hat ne Affäre? Sie ist klassischerweise zehn Jahre jünger als du, zehn Kilo dünner und hat täglich zehn Stunden mehr Zeit als du. Und die setzt sie für ihn ein, während du seine Kinder zur Schule fährst, deinen Job machst, auf dem Heimweg einkaufst, zu Hause was Gesundes kochst, mit deinen Kindern isst und dabei mit ihm telefonierst und erfährst, dass er leider heute wieder nicht vor Mitternacht nach Hause kommen wird, wegen eines erneuten aufwändigen Meetings mit Wem auch immer. Aber du hast jetzt einen Namen. Und einen Plan. Oder zwei. Oder drei.

Plan 1:
Er hat seit neuestem einen tiefen Schlaf. Kein Wunder, er ist ausgepowert. Du nicht, deshalb bleibst du wach und tippst eine SMS in sein Handy. Das hat er so typisch im Geheimfach seiner Aktentasche versteckt, dass du es gleich gefunden hast. Du kennst ihn eben. „Kann nicht schlafen, ohne dich. Muss dich sehen. GLEICH. In der Tiefgarage.“ Du nimmst sein Auto und seinen Hut, du fährst ihr entgegen und dann über den Haufen. Passiert schon mal, nachts. Zeugen gibt es keine. Aber er hat morgen Erklärungsnot. „Nein, mein Mann war gestern nacht leider nicht zu Hause.“

Plan 2:
Du wartest, denn das hast du gelernt. Endlich friert es. Zehn Grad unter null. Du nimmst wieder sein Handy – am gleichen Platz, und schreibst ihr, diesmal allerdings bestellst du sie zum Monopteros. Rendezvous bei Schnee und Mondschein! Du erwartest sie im Säulenschatten einen 10 Liter-Eimer-Wasser in der Hand. Als sie die steilen Treppen hochsteigt, kippst du das Wasser aus – bei der Rutschpartie auf diesem Blitzeis bricht sie sich ganz sicher Herz und Hals.

Plan 3:
Du folgst ihr zum Fitnessclub und wirst ihre beste Freundin. Du bist witzig, du bist ungefährlich. Du erzählst von deinem Mann. Die reinsten Horrorstories. Wie er sich vom Märchenprinz zum Faulen Sack verwandelt hat. Wie er die Frauen abserviert. Die Kinder quält. Frösche isst und Katzen tötet. Dass er dich schlägt und jetzt auch noch um deinen Lottogewinn bringen will. Eine Million. Sie ist gerührt. Hat Mitleid.  Will dir helfen. Ihr geht es doch so gut mit ihrem tollen Liebhaber. Sie tüftelt den perfekten Giftmord aus. Natürlich weiß sie immer noch nicht, wer das Opfer wirklich ist. Weil du zu schwach bist, stellt sie ihm den Arsenkaffee hin, klammheimlich. Als sie ihn erkennt, ist es schon viel zu spät. Zum Glück hast du sie auf frischer Tat ertappt und die Polizei geholt.

Jetzt musst du nur noch Lotto spielen, dann gewinnst du auf der ganzen Linie.