Doppelte Gerechtigkeit


Wie durch einen Zauber erstirbt die Neonbeleuchtung. Die Kerzen in dem schweren Silberleuchter auf dem blanken Holztisch malen flackernde Schatten an die Wand. „Nun lasst uns entscheiden, wen heute unsere Gerechtigkeit trifft“. Eine Stimme aus Stahl. Ohne Mitleid. Der Mann am Kopfende reicht eine polierte Schale weiter, und einer nach der anderen werfen die Zwölf zu Kugeln gerolltes Papier hinein. Ihr Führer schließt die Augen, lässt die Hand eine kleine Unendlichkeit lang über der Schale schweben, dann greift er hinein. „Familie Schmitz“, liest er aus der entfalteten Kugel. „Ihr wisst, was zu tun ist. Gehen wir.“

Sörens Zunge bohrt sich in Biancas Ohr. Sie stöhnt. Seine Lippen gleiten hinunter, über ihren Hals und das Tal zwischen ihren Brüsten. Als er Wodka in ihren Bauchnabel kippt und geräuschvoll schlürft, schreit Bianca laut auf. „Hey, müssen wir nicht leise sein, du weißt schon, wegen deiner Nachbarn? Nicht, dass die dir wieder so nen Zettel in den Briefkasten werfen…!“ „Keine Sorge, Kleiner, die Schmitzens tun das nie wieder.“ „Echt? Wie haste’n das geschafft?“ „Ach, egal. Ich kenn da so Leute, weißt du…… Übrigens, wie heißt denn die Rentnerin, die dich an der Supermarktkasse so zusammengeschissen hat, weil du dich vordrängeln wolltest?“ „Mann, war die blöd. Ich wollte nur’n paar Bier kaufen für unseren Fußballabend und war eh schon spät dran. Und die Kuh hat gemeckert. Dabei hat die doch nix mehr zu tun, kann se mich doch vorlassen. Hab ich ihr auch deutlich klar gemacht. Meyer hieß die, glaube ich. Wohnt gegenüber.“ „Meyer??? OMG! Sören, zieh dich an, wir müssen hier weg. Gleich!“

Sören ist nicht der Schnellste. Als die Wohnungstür aufgebrochen wird, zieht er sich gerade die Hosen hoch. Der Schuss aus der 9mm trifft ihn mitten ins überraschte Gesicht. „“Aufhören! Ich bin Bianca, eine von Euch!“ „Tut uns leid, Bianca“, sagt die Stimme aus Stahl. „Gleiches Recht für alle.“

Zug um Zug


„Ich will euer Käptn sein. Ich kann’s am besten!“ Der Junge wirft sich in Positur. Er ist der Schönste, keine Frage. Patrick hat Pickel, Denis ist pummelig, Niklas zu klein, Salva hinkt. Nur ganz leicht. Vier Augenpaare heften sich an den Boden, rauweiß steifes Gras auf krumenharter Erde. Dann, wie auf ein lautloses Kommando, schwenken sie zu Falk. Magnetenaugen halten sie in Bann. „Keine Frage, Ali, du bist ein guter Käptn“, flüstert Falk, die Stimme kratzt vor Pubertät und Kippen. Er dreht sich weg von allen, bohrt die Magnetenaugen in die Jungenrücken, hält die Hand wie einen Schirm an seine Stirn und blickt über den Bahndamm, auf den Spielplatz. „Da drüben sind die Prinzessinnen. Warten nur auf ihr wisst schon was. Los, geben wir’s ihnen.“ Die Kumpels bauen sich auf, verstecken ihre Verlegenheit hinter aufgepolsterten Schultern. „Yo, klar Mann, Falk.“ David macht einen Schritt. Falk reißt ihn am Jackenärmel nach hinten. „Bist du blöd, Mann? Der Käptn zuerst!“ Er hebt den Kopf, ganz kurz, und lauscht. Dann: „Ali, Käptn, Mann, dir gebührt die Ehre. Du darfst als erster. Los.“ Er schiebt Ali Richtung Bahndamm, zieht ihn auf die Gleise, gibt ihm einen Schubs. Und Ali läuft. Aber nicht schnell genug.

Schein Bares


Astern

Menschen brauchen das Gefühl der sich perpetuierenden Ewigkeit zur Sicherheit. Vielleicht, was dies den Widerspruch in ihrer Existenz auf die emotionale Spitze treibt? Die Sonne gießt aus blauen Himmeln Gold in diesen Tag, lässt Augen Fenster Seen leuchten. Ist das ein Genuss? Nein – denn vielleicht bin ich morgen krank und du schon tot. Wie können wir da glücklich sein?

Ich hocke auf den Gartensteinen, und die Knie tun mir weh. Am Morgen fehlt den Knochen schon der Schwung beim ersten Dreh. Das Alter winkt vom Horizont herüber, weit weg, aber schon sichtbar, wie mir scheint. Am Abend tanze ich in Schwarz und Glut, und wenn ich nicht denke, weiß ich, alles wird gut. Worin liegt der Wert eines Augenblicks, dessen Vergänglichkeit nicht einmal der Dauer der Betrachtung widersteht?

Das Sonnengold. Ein feiner Wein. Dein Lachen. Meine Fantasie. Stufen auf dem Weg durch’s Leben. Steine im Fluss. Kein Sturz. Kein Untergang. Und dann? Das wirst du morgen sehen. Darauf kommt es an.

Pfirsichhaut


Giardinograzie

„Ab furorem rusticorum libera nos domine“ – lautete der Wahlspruch meines Großvaters, und das seit wer weiß wie vielen Generationen. Das Motto lässt bei aller Deutlichkeit immer noch ein paar Interpretationsvarianten. Heute kleide ich meinen aufstöhnenden Geist in folgende: „Vor den schrecklichen Mühen des bäuerlichen Lebens, vor allem während und nach der Erntezeit, verschone mich der Herr“. Ja, ich genehmige mir sogar den Luxus des Pluralis Majestatis! „Nos“. Den habe ich mir verdient. Und das ganz alleine. Denn meine Mutter – einen boshaften Moment lang argumentiere ich stammbaumtechnisch damit, dass sie aufgrund ihrer nicht eindeutig bzw. nicht beidseitig großbürgerlichen, geschweige denn aristokratischen Herkunft im Grunde viel besser für die nun allein hinter mir liegende Aufgabe geeignet gewesen wäre – meine Mutter also reagierte auf meine tagelangen, mal mehr, mal weniger verschleierten Aufforderungen, die prallen, blassrosaweißen Gartenfrüchte zu verarbeiten, mit einer irritierenden weil meiner Erfahrung nach schlicht aufgesetzten Demonstration ihrer Alzheimer-Erkrankung.

„Ich kann nicht all die Früchte in dem großen Eimer auf einmal essen.“ „Das sollst du auch nicht, Mum. Du könntest sie aber schälen, putzen und kleinschneiden.“ „Pfirsiche braucht man nicht zu schälen. Die Haut kann man mitessen.“ „Ja, Mum. Wenn man einen Pfirsich essen möchte, oder zwei, dann kann man natürlich die Haut  dranlassen. Aber nicht, wenn man 1 Kilo zu Marmelade verarbeiten will. Dann muss man die Früchte  schälen.“ „Warum willst du sie denn verarbeiten? Es ist besser, die Früchte so zu essen.“ „Ja, Mum. Aber das sind zu viele Früchte, um sie zu essen. Du hast z.B. keinen einzigen Pfirsich gegessen, seit wir sie geerntet haben, und das ist schon eine Woche her.“ „Du hast mir keinen angeboten. Ich bin hier nicht zu Hause und kann mich nicht einfach von den Pfirsichen bedienen.“ „Mum, du hast sie doch eigenhändig geerntet und weißt, dass sie verbraucht werden müssen. Das hast du doch selbst gesagt, beim Pflücken.“ „ICH habe nichts geerntet!“ „Gut. Mum, würdest du denn bitte die Pfirsiche putzen, schälen und kleinschneiden? Ich mache dann daraus Marmelade, ist doch schade, wenn die schönen Früchte verfaulen. Einige sind schon halb braun.“ „Dann iss sie doch.“ „Es sind zu viele.  Nimm dir einfach ein paar zum gleich Essen weg, und die anderen schälst du, ja?“ „Man muss sie nicht schälen. Man kann sie so essen.“ „Ja, Mum, aber es sind zu viele.“ „Das ist doch nicht meine Schuld! Immer versuchst du, mir die Schuld zu geben. Du bist unausstehlich. Was ist nur aus meiner Tochter geworden?“ „Mum, du würdest mir wirklich helfen, wenn du die Pfirsiche schälen und kleinschneiden würdest.“ Sie steht im Türrahmen, eine winzige Person, leicht und grau wie eine Feder – eine Stahlfeder. „Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss mich hinlegen.“

Zwei Stunden, einen Berg nasser Fruchtschalen und ein paar ruinierte Hände später stehen fünf goldgelb gefüllte Einmachgläser zum Abkühlen auf dem Terrassentisch. Danke, Bruder Pfirsichbaum, denke ich, dann gehe ich zu dem kleinen, gebeugten Baum, der im Garten kauert und auf eine schamanische Weise meiner Mutter ähnelt. Ich küsse seine rissige Rinde und sage: Danke.

Diese Marmelade ist köstlich! Auch, wenn ich kaum jemals bei Dallmayr oder Käfer einen so kostspieligen Brotaufstrich finden geschweige denn kaufen würde. Allein der aus Baumpflege, Pflücken, Rezeptrecherche und Zubereitungszeit summierte Stundensatz treibt den Wert eines der kleinen Gläser ins Astronomische. Aber: mit nichts aufzuwiegen ist das Gefühl, eine Produktionskette von Anfang bis Ende begleitet und geleitet zu haben. Tröste ich mich.

„Mum, probier‘ mal diese Marmelade! Die habe ich gerade gemacht, aus UNSEREN Pfirsichen!“ „Pfirsiche? Aha.“ „Und, wie schmeckt sie?“ „Normal.“ Danke, Mum. Ab furorem rusticorum libera nos domine, denke ich und unterziehe mich der fast ebenso langwierigen Prozedur der Hand- und Fingernagelreinigung.

Aber vorher mache ich ein Foto. Und stelle es ins Netz, neben die 350 Millionen anderen Selbstbildnisse, nur, dass meine Pfirsichhaut die schönste ist.

Janusmenschen


Er schlägt die Augen auf und schaut aus dem Fenster. Die Sonne tränkt Himmel und Bäume mit leuchtender Transparenz. „Scheißtag“, flucht er. „Warum denn? Ist doch so schön, heute!“ „Na und? Mir doch egal, ich muss arbeiten! Da würde Regen besser zu meiner Laune passen.“ Wenn jeder so dächte und alle diesen einen Wunsch frei hätten, wäre die Welt schon längst in einer Sintflut ertrunken.

Oder er sitzt am Ufer eines Sees. Leise umspielen helle Wellen seine Füße, Schaumflaum leckt an seinen Zehen. Um ihn herum die Kulisse weißgrüner Berge, alles eingetaucht in ein deftiges Sommerblau. „Wie schön, der Rhythmus des Wassers, plätschernd flüstert es von seinen weiten Reisen“. „Ha, mir doch egal, was die Wellen flüstern. Lächerlich klein, das sind sie. Ja, wenn ich jetzt am Meer wäre, da könnte ich die Wellen genießen!“ Wenn die Wellen ihn hören könnten, würden sie ihn überrollen und holen und ihm zeigen, dass auch der Boden eines Bergsees unendlich tief sein kann?

Einmal, mitten auf dem Weg zum Gipfelkreuz,  ein Stein. Mit dem Abdruck einer Muschel. Steinalter Zeuge von Kraft und Bewegung. Ewigkeit. „Boah, Wahnsinn! So ein Fund!“ „Na und? So ein Fossil kann ich nicht essen. Jetzt ein Teller Weißweinmuscheln oder besser Austern. Nicht einmal die kann ich mir leisten. Das Leben macht mir einfach keinen Spaß!“

Es gibt Menschen, Janusmenschen, die dem Leben ihre dunkle Seite zudrehen. Wollen. Müssen? Was wäre, wenn diese Menschen auf einer Brücke stünden, hoch über der Autobahn, weltabgewandt, endlich, und bereit zum Sprung? Ganz sicher würden sie beim letzten Blick nach unten einen alten Honda Civic sehen  oder einen Mtsubishi, einen Daihatsu Cuore. Und: „Hach! Also nein! Ich habe wirklich immer Pech! Ich kann mich doch nicht von so einem alten Japaner überfahren lassen!“ Sprachs und ging von dannen. Vielleicht – hoffentlich – mal mit der hellen Seite vorneweg…..

MiniKrimis im WahlKampf! Ein Beitrag der IsarChillies München!


Politiker werben mit Wahlplakaten. Klar. Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr Plakate säumen die Straßen. Am Ende ist das ein richtiger Wald. Blau, Gelb, Rot, Grün, Bunt. Da kennt sich keiner mehr aus und niemand schaut hin.

Niemand?

Falsch! In Moosach, Neuhausen, Nymphenburg, Laim und im Hasenbergl stehen Menschentrauben vor den Plakaten einer SPD-Politikerin, Diana Stachowitz. Jeder will ganz vorne sein und lesen. Ja, was denn nur?

Die MiniKrimis der IsarChillies, natürlich!

Aber Vorsicht: die Krimis sind rar gesägt, man muss schon Glück haben, um einen zu entdecken. Weil wir euch unsere kriminalistischen Miniaturen aber nicht vorenthalten wollen, werte Leserschar, veröffentlichen wir sie hier und exklusiv.

Im Gegenzug freuen wir uns über Fotos der platzierten Krimis auf den Plakaten, wenn ihr sie entdeckt habt!

CU! Eure IsarChillies

1.
Rote Retter

Die Dämmerung streicht mit langen Schattenfingern über den See und vertreibt die letzten Badegäste. Nur ein Mädchen liegt einsam schlafend auf der Uferwiese, als ein dumpfer Laut sie weckt. Bedrohlich rascheln die Holunderbüsche, und ein Mann steht vor ihr. Splitternackt. Sie schreit, er auch, geht auf sie zu, die Arme nach ihr ausgestreckt. Sie rennt davon. Er hinterher.  Kommt näher.  Da! Wie aus dem Nichts steht eine rote Frau vor ihr, auf Siebenmeilenstiefeln.  Stellt sich dem Nackten in den Weg.  Der deutet hinter sich, auf das Gebüsch, auf seinen Körper, wie wild und immer wieder. Endlich wird klar:  keine Gefahr. Er wurde im Schlaf beraubt, alles ist weg, Klamotten, Handy – und vor Schreck jetzt auch die Stimme. Diana hilft direkt: Auf Siebenmeilenstelzen holt sie eine Decke für den Nackten – und erst einmal Kaffee für alle, auf den Schock.

2. Gute Noten

Alles war perfekt geplant: Joe überfällt die Bank, packt alle Scheine in die große rote Tasche mit der Aufschrift „Noten“ und stellt sie unauffällig auf dem Kirchplatz ab, dort, wo der Chor gleich probt. Keiner wird sich  im Vorbeigehen wundern. Wenn der Chor zu singen anfängt, kommt Jack vorbei, schnappt sich die Tasche und dann nichts wie weg. Hoppla, da steh’n ja gleich zwei rote „Noten“-Taschen! Egal, er klemmt sich beide untern Arm, läuft los. „Halt, unsere Noten, halt!“ schreit die Dirigentin. Auf Siebenmeilenstiefeln startet Diana die Verfolgung.  Kurz vor der U-Bahn stellt sie den Dieb –  und übergibt allen wieder ihre Noten, den Sängerinnen und der Bank.

3. Hausbesuch

„Grüß Gott,  wir bringen Ihnen den „Wahlkrimi“ in der neuen Diana direkt!“Dianas Wahlkampfhelfer sind schon lange unterwegs, gleich wird es dunkel. „Noch zwei Häuserblocks, dann sind wir durch. Pst, habt ihr das gehört?“ Diana steht vor der letzten Wohnungstür im Erdgeschoss und lauscht. Isolde Lehmann, steht auf dem Schild. Drinnen scheppert es, dann Stille.  Diana klingelt. „Betteln verboten“ knurrt ein Mann durch den Spalt der Türsicherung. Er will die Tür zuknallen. Aber der Metallfuß von Dianas Siebenmeilenstiefel steckt dazwischen. „Frau Lehmann“, ruft sie. Von drinnen kommt ein undeutliches Stöhnen. „Schnell, ruf die Polizei“, sagt Diana. Da zersplittert Glas, ein dumpfer Knall. Die Polizei findet Frau Lehmann gesund, aber geknebelt. Der Einbrecher ist ab durch’s Küchenfenster. Alles gut – Diana sei Dank.

Lose Grenzen


„Perfekt! Danke dir, mein Goldschatz. Komm her, lass dich drücken!“ Gerne und ein klein wenig zu schnell schmiegt er sich in ihre einladend geöffnete Umarmung. So schnell, dass ihr Griff nach der Schere sein Sichtfeld wie ein Schatten streift, nicht mehr. Dann sticht sie zu, und das letzte, was er sieht, bevor sein Blick zerbricht, ist der neue Glanz in ihren Augen. Die Frage, ob das die Krönung seines Stylings ist oder doch eine vorwitzige Träne, stellt Gino sich nicht mehr. Aber Gaia spürt die Feuchtigkeit am Wimpernrand und tupft verblüfft und vorsichtig mit einem Kleenex nach. Gefühle kommen noch vor Masern und sind das Allerletzte, womit sie sich jetzt anstecken sollte. Eine letzte Spiegelprüfung, dann geht sie in den Flur. Legt Feuer an die lange Zündschnur und verlässt eilig doch gemessenen Schrittes die Gartenlaube. „Diebesbanden schrecken vor nichts zurück“, wird das BLATT in seiner Nachtausgabe titeln, und aus den Autospuren auf einen erneuten Anschlag der Grenzräuber schließen, die fortan Grenzmörder heißen. Aber das wird Gaia nicht mehr lesen, denn im Ausland kauft sie keine deutsche Zeitung.

Sie pustet Milchschaum über den Tassenrand in Richtung Sonnenuntergang im Meer. Der Abendwind frischt auf, und sie knotet ein Tuch um ihre wehend schwarzen Haare. Nicht, dass sie ihr davonfliegen!