Kreuz das trägt


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Das Haus ist noch  im Rohbau. Bislang stehen nur drei Mauern und  ein Paar Zwischenwände. An der offenen Seite ist ein mächtiger Baumstamm wie ein Rückgrat, ein Kreuz, an die Balken gebunden. Frei schwebend lehnen sich die zukünftigen Räume an das alte, starke Holz. Es trägt ihr Werden und ihr Sein.

Das Kreuz ist heute nicht mehr unumstritten als Symbol für Gottes Liebe zu den Menschen durch den Tod und darüber hinaus. Leiden als Grundvoraussetzung für Wohlergehen in der Ewigkeit ist nicht mehr „in“, wo Genuss und Überfluss das Maß unseres Denkens bestimmen.

Ein Gekreuzigter ist kein appetitlicher Anblick, Helikoptereltern können ihren Kindern  nicht erklären, was der Tote am Kreuz mit dem süßen Jesusbaby in der Kindergartenkrippe zu tun haben soll. Und wer will über das Sterben nachdenken, wo  jeder tote Goldfisch oder Hamster oder Hund einfach ersetzt wird?

Andere Religionen empfinden das Symbol des Christentums als Bedrohung, als Verherrlichung von Tod und Brutalität. Und es ist in der Tat ein Kreuz mit dem Kreuz. Warum muss ein allmächtiger Gott seinen eigenen Tod inszenieren und den Sieg über das postulierte Böse, um seine Geschöpfe zum ewigen Leben zu führen? Warum brauchen Menschen einen Stellvertreter als Sündenbock, um von einem Liebenden Vatergott Verzeihung zu erhalten?

Wissenschaft und Forschung bringen immer mehr Licht in die historischen Ereignisse jener Zeit. Der Schauprozess gegen Jesus ist dank der Evangelisten gut dokumentiert, ebenso ist es die Politik der römischen Besatzer. Der Tod am Kreuz war gängige Hinrichtungspraxis, für Verbrecher ebenso wie für Regimekritiker. Jesus ist ihn gegangen. Er hat sich nicht umgedreht und sich nicht umdrehen lassen. Insofern ist er ein Vorbild für alle, die gegen Ungerechtigkeit aufbegehren, bis zu Bonhoeffer, den Geschwistern Scholl und ungezählten Namenlosen. Die Stärke dafür hatte er von Gott, und wir haben sie auch.

Ist Jesus Christus für unsere Sünden gestorben? Oder ist er gestorben, damit wir mit unseren Sünden leben und täglich neu gegen sie ankämpfen können? Mit einem lebendigen Ziel vor Augen?

Mir gefällt die Interpretation eines katholischen Geistlichen vom Symbol des Kreuzes. Sie versöhnt mit mit seiner Sperrigkeit, die nicht anders ist als unser Leben selbst. Der Querbalken zeigt die Verbundenheit Gottes mit der Welt, die er in ihrer Ganzheit umarmt. Der senkrechte Balken symbolisiert die Verbindung von Himmel und Erde. Durch den lebenden, gestorbenen, lebendigen Gott. Dieses Kreuz trage ich gerne, und es hält mich aufrecht auf meinem Weg mit dem Blick nach vorn. Richtung Zukunft.

 

 

Gartenanbetung


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Elizabeth war stolz auf ihren Garten. Sie liebte ihn wie ihren Augapfel. Im Winter wachte sie argwöhnisch darüber, dass der Nordwind die Tannenreiser nicht zerzauste, die sie liebevoll zwischen ihre Rosenbüsche gesteckt hatte. Kaum waren die letzten Schneekristalle weggetaut und die ersten Schneeglöckchen stecken ihre weißen Köpfchen aus der Erde hervor – natürlich waren es in Elizabeths Garten nicht ganz gewöhnliche Schneeglöckchen, sondern die seltenen Titania. In diesem Jahr war der Frühling schon Mitte März in vollem Gange. Überall sprießte und knospte es, und Elizabeth vernachlässigte vor lauter Schneiden und Harken, Zupfen und Rupfen alle anderen Arbeiten im Haushalt. „Schon wieder Dosenravioli?“ beklagte sich Edward eines Sonntags, als er alleine aus der Kirche nach Hause kam, und er prophezeite kopfschüttelnd: „Ich werde dir noch einen Altar auf dem Rasen aufstellen, Liza. Du betest deinen Garten ja förmlich an. Ich finde, du übertreibst es ein wenig.“ Der gutmütige Edward war, zumal nach 25 Ehejahren, so einiges gewöhnt. Aber er hätte nie von sich selbst behauptet, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen…..

„Edward, mein Lieber, ich kann nicht anders. Du weißt doch, wie sehr ich gerade meine Sunburst-Kirsche liebe. Ich fürchte, das weiß unsere neue Nachbarin auch – und setzt alles daran, gerade diesen Baum zu zerstören!“ „Aber, aber, wie kommst du denn darauf?“ fragte Edward und las dabei weiter seine Zeitung. Lizas Gartengeplänkel interessierten ihn im Grunde herzlich wenig. „Na, er hat doch tatsächlich ein Taubenhaus in seinem Garten aufgestellt. Und jetzt kommen diese blöden Viecher zu mir herüber und fressen die Kirschblüten!“ „Ach was, Liza.“ „Nein, im Ernst! Ich habe mich sogar erkundigt, und es stimmt: Tauben lieben Kirschblüten. Und diese eingebildete Mrs. Wedingham-Beddings gibt ihnen außerdem noch zu wenig Futter, damit sie mit einem Heißhunger meinen Baum plündern. Aber heute Nacht mache ich den dummen Vögeln ein Ende!“ „Ja, tu das, meine Liebe“, sagte Edward und vertiefte sich in die Börsennachrichten.

Er wunderte sich kurz, als er mitten in der Nacht aufwachte, und Lizas Betthälfte neben ihm leer war. Richtig, sie wollte im Garten Wache halten, oder so ähnlich, erinnerte er sich. Drehte sich um und schlief weiter.

Am nächsten Morgen machte er sich auf die Suche nach seiner Frau, denn sie hatte weder den Frühstückstisch gedeckt noch frischen Kaffee gekocht.

Edward fand Liza mitten im blühendenGarten. Sie kniete vor ihrem Kirschbaum, in Anbetung erstarrt, wie es schien. Erst als er dicht vor ihr stand, bemerkte er den langen, spitzen Dorn, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte. Alle Äste und auch die Baumrinde waren mit den gleichen Dornen gespickt, offensichtlich als tödliche Abschreckung für die nachbarlichen Tauben. Beim Anbringen des letzten Dorns musste Elizabeth wohl die Hand ausgerutscht sein……

Im darauffolgenden Frühling heirateten Edward und Mrs. Wedingham-Beddings. Ihre Brieftaubenzucht war zu einem erfolgreichen Geschäft geworden, denn dank der ausgefallen Nahrung waren die Vögel robuster als all ihre Konkurrenten.

ZettelWirtschaft


Draußen flattern allerhöchstens ein paar braundürre Blattkadaver an den Winterarmen nackter Bäume. Aber hier drinnen rauscht der Blätterwald. Erzählt, was Erinnerung verloren und Absicht nicht umrissen hat.

„Warmer Kaffee“ flüstert es auf rotem Grund an schwarzer Kanne. „Mittagessen“ lockt der Topf. „Herd aus“ klebt auf allen Knöpfen. Das Telefon trägt Rufnummernaufkleber wie einen Rüschenrock. „Der große Hund muss heute NICHT Gassi gehen“ schreit die Türklinke. „Leine und Geschirr für den Welpen“ bietet die Hockerlehne im Flur. „Kein Hundefutter für den Kater“ verdeckt den grünen Katzennapf. Aber „frisches Wasser“ mahnt die Haustiertränke. „SO geht der Fernseher an und aus“ dient nebst Foto als Fernbedienungsunterlage. Völlig sinnlos, denn  der einzige Weg, um den Kasten abzudrehen, scheint zu sein, die Antenne aus der Wand zu reißen. Immer wieder.

Auch die anderen Zettel rauschen raunen ungelesen. Oder finden sich, vom wutentbrannten Sturm seniler Hände in unzählbare Fetzen gerissen, im Papiermüll wieder. Oder der Toilette. Unterm Bett. Im Kühlschrank.

„Bin um fünf zurück“, „Guten Morgen“ nebst Frühlingsblumenfoto, „hab dich lieb“ und „Frohe Weihnachten“ häufen sich staubbedeckt auf Nacht- und Schreibtischen. Daten sind nicht einmal mehr Schall und Rauch.

Stattdessen entsendet der Milchkocher auf der rotblühenden Herdplatte schwarze Schwaden, Symbol für eine Welt, in der kein ordnendes Haupt mehr zur Verfügung steht. Und keine Wahloption.  Würde ein blattloses Leben die Würde mehr verzetteln als der Orkan verständnisleerer Worte, Beschreibungen, die ohne Inhalt zum Skelett abmagern? „Es rauscht mir in den Ohren“, sagt sie. 

Da gleiche ich innen und außen an und lächele. Ein Versuch.

 

Der dritte Weltkrieg findet in den Medien statt


SonntagAbend. Günther Jauch postuliert den Krieg. Genüsslich wiegelt er ab, wenn seine Diskutanten diplomatische Erfolge bei der Krisendeeskalation für möglich halten. Im direkten Draht zu seiner Kollegin von den Tagesthemen baut er drohende Schwarz(Meer)pulverwolken auf am Sendungshorizont. Gut für die Quote! Brennpunkte und aktuelle Sendungen – bald hecheln die Medien auf allen Kanälen den dramatischsten Augenzeugenberichten und Kundieprognosen nach. Je düsterer das Szenario, desto besser für die Quote!

An echter, ausgewogener Information sind TV, Radio & Co. kaum interessiert. Oder? Wo bleibt die altera pars? Ist die Angst, zu enden wie die Münchner Abendzeitung, Grund genug für mediale Desinformation und Desasterdurst? Die Korrespondentin vor Ort auf der Krim, die beteuert, es herrsche bei den Bewohnern Normalität statt Panik, wird schnell zum Schweigen gebracht.

Aber Fakt ist: auch, wenn „der Mensch“ sich sozial und emotional nicht wesentlich weiterentwickelt hat seit den letzten Vorabenden großer Kriege. Die Welt ist global vor allem durch die Wirtschaft. Geld regiert die Welt, nicht Politik. Und was ehedem Kriegsgrund war, wird heute zum Diplomatiebefeuerer. Gazprom mit Börsenknick, verbannte Erde statt zukünftiger Absatzmärkte? Tote Kunden kaufen nichts. Und Ruhm bringt keine Rendite.

Deshalb steht anzunehmen, dass sich über die Häupter machthungriger Russen, geschichtsblinder Amerikaner, naiver Europäer hinweg die Wirtschaft dahingehend einigen wird, ihr Geschäft nicht über Gebühr zu gefährden. Demokratien hin, Diktaturen her.

Warum das in Afrika nicht klappt? Weil die Märkte dort nicht als vielversprechend gesehen werden. Nur die Chinesen sind da anderer Meinung….. das wäre dann ein möglicher Auslöser für den vierten Weltkrieg. Mal sehen, welches Medium ihn als erstes wittert.

 

A wie Anfang. Frohes Neues oder was?


A nfang

Mittwoch Morgen, 1. Januar 2014. Ich mache einen erneuten Versuch, meinen renitenten Hund auf die Straße, über diese hinüber und in den Park zu bugsieren, bevor ihm die Blase platzt. Chiara hat sich am 31.12.2013 ab 15 Uhr strikt geweigert, das Haus zu verlassen. Nicht einmal ein „Biselsprint“ in den Garten war möglich. Nun schleicht sie geduckt und mit der Rute tief zwischen den Hinterläufen versenkt hinter mir her. Überall liegen die Leichen abgeknallter Feuerwerkskörper. Offenbar haben sich die Leute in unserem ansonsten eher ruhigen Viertel auf das Neue Jahr bereits gut eingeschossen. Das war sicher sehr feucht und sehr anstrengend, kein Mensch ist um halb neun unterwegs.

Keiner, bis auf die Hundebesitzer. Und da in dieser Gegend am Münchner Stadtrand das – gefühlte – Verhältnis von 2- zu vierbeinigen Bewohnern 1:2 ist, begegnen mein Hund und ich auf Schritt und Tritt neuen Gassigehern. Was sagt man sich, am 1. Januar? Grüß Gott? Hallo? Servus? „Frohes Neues Jahr“, der Satz kommt einem automatisch über die Lippen.

Einem, aber nicht mir. Zu viel ist geschehen, im nun vergangenen Jahr, als dass ich auf die platte Wunschformel reiner „Freude“ verfallen könnte. In einem Gespräch mit einer Hundebesitzerin im Park habe ich nachhaltig nachgedacht darüber, warum und wann ich was wünschen möchte, an Anfang dieses Jahres.

Sie hatte mir erzählt, dass ihr Mann im letzten Jahr gestorben sei und dieses neue für sie ganz gewiss kein frohes Jahr werden würde. Als herzlos hatte sie die stereotypen Wünsche empfunden, die vorgedruckt per Postkarten kamen von Leuten, die es besser hätten wissen müssen.

„Aber vielleicht gelingt es Ihnen, Zufriedenheit zu finden, trotz und in und mit den neuen Lebensumständen? Das würde ich Ihnen zumindest gerne wünschen“, sagte ich. Sie fand das gut, und wir einigten uns auf ein „Zufriedenes Neues Jahr“ als Anrede. Aber ich dachte weiter. Gesundheit. Ohne sie geht gar nichts. Und auch, wenn das immer nur ein frommer Wunsch bleiben mag, weil ich keine Fee bin, weder die 13. noch die 12., so wünsche ich doch allen genau dies. Ein Gesundes Neues Jahr. Aber dann ist es doch sicher auch ein gutes. Gut hat viele Facetten, gut ist individuell zu füllen. Gut ist gut, für jeden und für alle anders.

Und so wünsche ich Euch allen, liebe Leser, liebe Freunde, genau das.

Ein GUTES NEUES JAHR 2014!

Ein Jahr, das auch für das ein oder andere Wunder gut ist, das euch begegnen und beglücken möge!

 

Buon Natale! Frohe Weihnachten! Merry Christmas! Joyeux Noel!


Buon Natale 13

Heute kein Krimi! Stattdessen meine Weihnachtsgeschichte vom Grant. Meine Freunde der IsarChillies und auf Facebook kennen sie bereits – allen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen spannenden Heiligen Abend! Und bitte nicht vergessen: Jesus is the reason for the season!

Viola und der Grant

Viola ist elf Jahre alt und lebt mit ihren Eltern in einer Stadt irgendwo in Europa. Normalerweise wartet sie wie alle anderen Kinder voller Spannung auf den Heiligen Abend. Aber in diesem Jahr ist alles ganz anders. Und sie wird die Erlebnisse dieses Nachmittags nie wieder vergessen.

Viola hockt auf der Fensterbank und schaut hinaus in den Heiligen Abend. Sie langweilt sich. „Still, still, still, weil‘s Kindlein schlafen will“ haben sie heute bei der Chorprobe gesungen. Sie ist kein Kindlein mehr und will auch nicht schlafen. Und still ist dieser Abend ganz und gar nicht. Heilig hin oder her. Im Flur rumpelt und scheppert es. „Pass doch auf, Marc!“ ruft die Mutter. „Steh doch nicht immer im Weg“, schimpft der Vater. Still ist anders, denkt Viola. Dunkelheit streift wie der Saum eines festlichen Kleides über den Nachmittag. Mit funkelnden Diamanten besetzt schreitet sie durch die Straßen und trinkt die Wintersonne von den Fenstern und Dächern. Taucht sie in Himbeerglut und streut dann übers Abendschwarz auf den Plätzen und Gassen die Lichter von Sternen und Kerzen.

Wie hat sie diesem Abend entgegengefiebert. Eigentlich geht es ihr nicht einmal um die erhofften Geschenke. Der Heilige Abend hatte für sie schon immer einen ganz eigenen Zauber. So, als läge Magie in der Luft und als wäre die Tür zur Welt aller Wünsche sperrangelweit offen, und jeder Traum könnte wahr werden. Einfach so. Das Flüstern der Eltern, der Tannenduft, als stünde die Wohnung nicht in der Maria-Theresia-Straße sondern mitten im Wald. Das verschlossene Weihnachtszimmer, die vielen Küchengerüche nach Braten, Orangen, Zwiebeln, Vanille und Zimt. Die Glocken, die vom Dom herüber riefen. Ja, eigentlich liebt Viola den Heiligen Abend.

Aber diesmal ist alles anders. Den ganzen Tag über waren die Leute, denen Viola begegnet ist, ausnehmend schlecht gelaunt. Angefangen bei der Hausmeisterin, die den frisch gefallenen Schnee, der den schmutziggrauen Bürgersteig herrlich weiß herausgeputzt hatte, energisch und mit zusammen gekniffenen Lippen wegschaufelte. Der Trambahnschaffner ranzte alle Fahrgäste an, wollte kein Wechselgeld ausgeben oder befahl, mehr Abstand von den Türen zu halten, was bei der vollbesetzten Tram gar nicht möglich  war. Viola überstand die Fahrt bis zur Chorprobe für die Christmette eingeklemmt zwischen einem Dauertelefonierer, der seinen Freund beschimpfte, weil er lieber mit der Familie essen als auf die X-Mas-Party im Jugendkeller wollte, und einer kräftigen Blondine, die sich ständig bückte, um eins der zehn Päckchen aufzuheben, die sie unters Doppelkinn geklemmt hatte und das ihr von dort immer wieder auf den nassen Trambahnboden fiel.

Auch die Chorleiterin war äußert schlecht drauf. „Ihr singt alle falsch“, schrie sie, und: „Ich gehe, ihr könnt euch heute Abend alleine blamieren.“ Natürlich würde sie das nicht wahr machen, sondern pünktlich um halb zehn zum Einsingen in der Kirche stehen, doch die Stimmung war und blieb getrübt.

„Was ist das nur, warum sind alle so mies gelaunt?“ fragt sich Viola auf ihrer Fensterbank. Sogar ihre Eltern machen da keine Ausnahme. „Lauf uns nicht ständig zwischen den Füßen herum“, hat ihr Vater sie angefahren. Und: „Warum gehst du nicht in dein Zimmer und schläfst ne Runde, oder schaust ne DVD. Oder irgendwas.“, hat die Mutter nicht eben freundlich vorgeschlagen. Früher haben  die Eltern am Nachmittag vor dem Heiligen Abend noch mit ihr im Kinderzimmer gesessen und „Madita, es schneit“ gelesen. Obwohl sie schon längst selbst lesen konnte, hat sie diese gemeinsame Viertelstunde immer sehr genossen.

„Was haben die nur alle?“ fragt sich Viola und legt sich auf ihr Bett, die Hände hinterm Kopf verschränkt. „Aua“, ruft sie unvermittelt. Denn etwas hat sie ins Ohr gebissen. Und dann hört sie auch schon eine fremde Stimme, wispernd und irgendwie rau. „Was die alle haben? Das gleiche, was du jetzt auch hast. MICH. Den Grant.“ „He, spinn ich? Wer spricht denn da? Ich seh‘ niemanden.“ „Natürlich nicht, kein Mensch kann mich sehen.“ „Ok. Du sagst, du bist der Grant. Und was machst du hier? Und warum versaust du uns die Weihnachtsstimmung?“ „Was heißt hier Weihnachtsstimmung! Nur, weil ihr die Vorstellung habt, zu Weihnachten müssten alle Leute einen Heiligenschein aufsetzen und lieb zueinander sein, muss das ja nicht für alle Welt gelten. Besser gesagt, für alle Welten. In unserer Welt sieht das nämlich zufällig ganz anders aus.“ „In eurer Welt? Wo kommst du denn her?“ fragt Viola. Auch, wenn es zugegebenermaßen komisch ist, sich mit einer unsichtbaren Stimme zu unterhalten, die ihr direkt ins Ohr zischelt, fängt die Sache an, ihr Spaß zu machen. Jedenfalls ist ihr jetzt nicht mehr langweilig.

„Na hör mal, das weißt du ganz genau. Du glaubst doch selbst an die Magie des Heiligen Abend und daran, dass heute die Türen zu anderen Welten offen stehen. Zur Welt der Wünsche, zum Beispiel. Und auch zu meiner.“ „Und wie heißt deine Welt?“ will Viola wissen. „Unfried. Meine Welt heißt Unfried. Unsere Hauptstadt ist Grantheim. Sie heißt nach meinem Urgroßvater, Hieronymus Grant.“ „Aha. Aber – warum bist du nicht daheim, heute, am Heiligen Abend? Wenn ihr den überhaupt feiert….“ „Na klar feiern wir den“, sagt der Grant erregt. „Das ist es ja gerade!“ „Hähh? Versteh ich nicht!“ „Hach, dass ihr Menschen immer so schwer von Begriff sein müsst! Also, noch mal zum Mitschreiben: Auch bei uns gibt es Weihnachten. Auch wir machen Geschenke. Und unser Geschenk besteht darin, möglichst viel Unfrieden zu stiften. Wer nachweisen kann, dass er den allerallermeisten Unfrieden überhaupt angestiftet hat,  der wird für ein Jahr zum Obergrantminister von Granthausen ernannt. Kapiert?“ „Oh, das ist ja schrecklich! Ihr Ärmsten. Das ganze Jahr hindurch müsst ihr euch ärgern, und dann, am Heiligen Abend, kommt noch das ganz dicke Ende hinterher. Wie furchtbar!“ „Was? Nix furchtbar, wunderprachtvollmärchenschauderhaft!“ schreit der Grant so laut, dass Viola meint, ihr Trommelfell muss gleich platzen.

„Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du dann hier bist und nicht bei dir daheim. Und da Unruhe stiftest, statt uns hier den Weihnachtsfrieden zu zerstören.“ „Weil. Weil. Weil….“ plötzlich scheinen dem so gesprächigen Grant die Worte zu fehlen. „Ja, weil? Ich höre“, sagt Viola und klingt so wie ihre Mutter, wenn sie eine Beichte aus ihrer Tochter herausbekommen will. Zum Beispiel, dass sie die Unterschrift unter der Mathe-Fünf gefälscht hat oder nur zehn Minuten mit dem Hund draußen war statt einer Stunde.

„Also – das ist so. Als Urenkel des großen Grant’ muss ich natürlich etwas ganz besonderes anstellen. Also nicht bloß auf ganz Unfried die Schnürsenkel verknoten oder die kandierten Äpfel komplett mit kandierten Zwiebeln austauschen.“ „Igitt“, Viola liebt die kandierten Äpfel auf dem Weihnachtsmarkt und stellt sich vor, wie sie herzhaft in eine Zwiebel beißt und ihr die Tränen kommen. Das würde auch bei ihr garantiert großen Unfrieden auslösen. „Es genügt auch nicht, einfach alle Telefone abzuhören und Emails zu lesen und dann zu veröffentlichen.“ „Oh, das gibt in unserer Welt aber mega Probleme,“ weiß Viola aus den Nachrichten der letzten Wochen und den Gesprächen der Eltern.

„Bei uns reicht das höchstens für eine Auszeichnung als Grant dritten Grades“, seufzt der Grant. „Und weil mir nicht mal so etwas eingefallen ist, hat mein Vater gesagt: „Grant, du gehst jetzt rüber in die Welt der Menschen, die Türen stehen heute bis Mitternacht offen. Und da stiftest du soviel Unfrieden wie möglich. Dann kommst du hierher und berichtest. Das hat noch keiner gemacht, dann können wir alle wieder stolz auf dich sein.“

Jetzt hat Viola plötzlich Mitleid mit dem armen Grant. So weit weg von daheim – und in so einer schwierigen Mission. „Weißt du was?“ fragt sie ihn. „Nein.“ „Ich werde dir helfen. Ich komme jetzt gleich mit dir nach Grantheim, als Zeugin für deine Untaten. Wir können gerne auch noch jede Menge dazu erfinden. Dann stehst du gut da – und wir haben Ruhe vor dir. Was meinst du dazu? Allerdings müssen wir gleich aufbrechen, denn ich will unbedingt zur Bescherung zurück sein, und danach muss ich mit meinem Chor in der Christmette singen.“

„Hach, der Chor. Die Chorleiterin kommt sicher nicht, der habe ich doch den Abend schon gründlich vermiest“, sagt der Grant. „Ach was, die kriegt sich schon wieder ein. Also, nimmst du meinen Vorschlag an?“ „Hmmm….“ der Grant überlegt. „ Ich wäre der erste, der einen leibhaftigen Menschen vorzeigen kann. Und wenn du dann noch etwas dick aufträgst, was meine Mission betrifft… könnte das klappen.“

„Also abgemacht. Aber halt: wie komme ich denn in deine Welt? Ich seh’ dich ja nicht mal. Und: wie weit ist das überhaupt?“ „Gar nicht weit. Und kein Problem. Warte……“ Plötzlich hört Viola ein Rauschen im Ohr, ein Dröhnen wie von einem startenden Düsenflugzeug. Das Zimmer beginnt sich um sie herum zu drehen. Ihr wird schwindelig, und sie muss die Augen zumachen. Als das Drehen aufhört und sie die Augen wieder öffnet, steht sie in einem Wald aus hellblauen Bäumen. Es ist Nacht, und statt Sternen funkeln am Himmel tausend Kerzen. Sie schweben einfach so in der Luft, und dazwischen schwimmen hellrosa Wolken. „Schön!“, ruft Viola. „Ja, schon“, sagt der Grant neben ihr. Und jetzt kann sie ihn sehen. Er ist vielleicht so alt wie sie, hat goldene Haare und eine tief violette Haut. Er schaut sie mit einem stechend grünen Blick von oben bis unten an, und wenn er spricht, riecht die Luft nach Pfefferminze. „Hübsch bist du“, sagt er. „Soll ich dir noch schnell eine fette Warze auf die Nase wünschen? Das würde deine Glaubhaftigkeit sicher sehr steigern“. „Untersteh dich!“ ruft Viola, aber dann fängt sie an zu lachen. Unglaublich, aber wahr. Sie mag den Grant. „Na gut, mach nur“, sagt sie und fasst sich an die Nase. Tatsächlich, da thront eine riesige Warze. Na wenn schon. „Los, wir müssen uns beeilen, gleich beginnt das Fest.“

Der Grant nimmt Viola an der Hand, und sie gehen eine Straße aus orangefarbigem Kopfsteinpflaster entlang bis zu den Toren einer riesigen Stadt. Sie steht auf einem großen Hügel und ist ganz aus schwarzen Steinen gebaut. In jedem der unzähligen runden Fenster leuchtet ein kobaltblaues Licht. „Achtung!“ sagt der Grant. „Wir haben keine Zeit, um den normalen Weg zu gehen.“ Er drückt ihre Hand und wieder dreht sich alles, und dann stehen die beiden mitten in einem großen goldenen Saal. Boden, Wände, Decke, alles ist aus purem Gold. Oder es sieht zumindest so aus. Der Saal ist voller Grants mit den unterschiedlichsten Haut- und Haarfarben. Die einzige Gemeinsamkeit sind die apfelgrünen Augen. Ehrerbietig machen sie den Kindern Platz. Dabei tuscheln sie in einer Sprache, die nur aus Zischlauten zu bestehen scheint, und die Viola nicht versteht.

Vor dem Thron des Obergrants bleiben die beiden stehen. „Nun, mein Sohn, du bist zurück. Und was hast du da mitgebracht?“ Der Grant übersetzt Viola die Worte seines Vaters. Dann fängt er an, zu berichten. Lange und lebhaft. Immer wieder deutet er auf Viola, und sie nickt dann zustimmend, ohne zu wissen, worum es geht. Sie will ihm ja helfen. Schließlich hält er erschöpft inne. „Und das ist alles?“ donnert der Obergrant – und plötzlich kann Viola ihn verstehen. „Du hast ein paar Leuten den Heiligen Abend versaut? Na und? Das REICHT NICHT!“ Die versammelte Menge murrt, einige heben drohend die Arme. „Ruhe!“ brüllt  der Obergrant. Er überlegt einen Augenblick, dann sagt er: „Mein Sohn ist noch jung und unerfahren in der Kunst des…. Berichtens. Er will das Geheimnis seines Erfolges bis zuletzt aufheben. ICH werde es jetzt für dich lüften, mein Sohn. Und ich bin sicher, damit hast du den größten Unfrieden auf Erden gestiftet.“ Alle starren den Obergrant an, auch sein Sohn und Viola.

„Als erster Grant überhaupt hast du ein Menschenkind entführt. Es wird jetzt hier bei uns bleiben als unsere Sklavin und Spionin. Es wird uns alles über seine Welt berichten, und mit diesem Wissen werden wir die ganze Erde erobern.“ „NEIN!“ schreit Viola. „Das dürft ihr nicht tun. Lasst mich gehen. Sofort. Ich will nach Hause!“

„Ergreift sie“, befiehlt der Obergrant den Wachen, die um den Thron stehen. „Nein!“ ruft da auch der Grant. Er umklammert ganz fest Violas Hand. Im Nu dreht sich der ganze goldene Saal um seine eigene Achse. Dem Mädchen wird schwarz vor Augen.

„Viola, sag mal, willst du heute gar keine Bescherung?“ Die Mutter sitzt am Bettrand und streicht ihrer Tochter über die Stirn. „Du bist ja ganz heiß, Kind. Hast du was Aufregendes geträumt?“

„Ich, was, wo bin ich?“ Viola braucht ein paar Sekunden, um sich in ihrem Zimmer zurechtzufinden. „Hab ich das alles etwa geträumt?“ fragt sie sich. Sie ist erleichtert und gleichzeitig ein wenig enttäuscht. Eigentlich war der Grant ja ganz nett. Und hübsch.

Da klingelt im Wohnzimmer das Weihnachtsglöckchen, und Viola geht mir ihrer Mutter hinein. Der Baum ist mit goldenen Kugeln und Kerzen geschmückt, und der Raum sieht ein bisschen so aus wie der Saal in Grantheim, findet Viola. Die Großeltern sind da, Onkel und Tante. Der Hund kaut schon an seinem Knochen. „Frohe Weihnachten“, sagen sich alle. Und dann packt Viola ihre Geschenke aus.

„Was der Grant wohl jetzt macht?“ fragt sie sich. Dann schaut sie sich noch einmal alle Geschenke an. Der Hobbit als DVD, ein paar Ohrringe, neue Winterstiefel, drei Vampirbücher. „Was ist denn, mein Schatz, bist du mit dem Weihnachtsmann nicht ganz zufrieden?“ fragt der Vater. „Na jaaaa, also, eigentlich….. warum habe ich keinen Laptop bekommen, den hatte ich mir doch ganz besonders gewünscht!“ Und während sie das sagt, spürt sie, wie es in ihrem Ohr leise flüstert. Sie lächelt. „Schon ok, vielen Dank für alles! Und nehmt’s mir nicht übel, das eben war nur der Grant“.

 

 

 

Kassenschlager


„Sie erwarten zu Weihnachten wohl viele Gäste?“ fragt der graumelierte Herr mit dem Bauchansatz und den goldenen Manschettenknöpfen Anne an der Supermarktkasse und schaut sie mit einem Kennerblick von oben bis unten an. „Dass ich sie nicht früher bemerkt habe“, kann sie ganz deutlich aus seinen Augen herauslesen. Er ist so von ihr eingenommen, dass er den kleinen Tumult hinter ihr gar nicht registriert. Sie hat ihn nämlich schon länger beobachtet und sich geschickt hinter ihn in die Schlange eingefädelt. Jetzt zwinkert sie ihn mit einem bezaubernden kornblumenblauen Lächeln an und sagt heiser – wobei sie eine ganz leichte Verlegenheitsröte auf ihre Wangen projiziert: „Ach nein, das ist nichts. Mein Sohn hat nur ein paar kleine Jungs zum Monopolyspielen eingeladen. Wissen Sie, ich bin alleinerziehend, da muss ich das Geld zusammenhalten. Kein Fernsehen und keinen Gänsebraten. Aber wenigsten ein paar Chips und Cola muss ich den Kids doch spendieren.“

Sie hat zwei Einkaufswagen damit vollgehäuft. „Ist das denn gesund?“ fragt der Herr und macht einen auf väterlich freundlich, während seine Waren über’s Band laufen. „Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich für zehn Kinder Äpfel kaufen soll – das kann ich mir wirklich nicht leisten,“ klagt Anne.

„Macht zweihundert Euro“, sagt die Verkäuferin, und Annes Verehrer nestelt abwesend an seiner Brieftasche. „Huch, so viel Geld für zwei Flaschen und die paar kleinen Döschen?“ wundert sich Anne mit heller Stimme. „Naja, Champagner und Kaviar leiste ich mir auch nur zu besonderen Anlässen“, sagt er. „Ach je – jetzt, wo Sie’s sagen! Mein Sohn hatte sich doch eine Dose Erdnüsse gewünscht! Jetzt muss ich nochmal durch den ganzen Laden laufen, und das mit meinem kaputten Fuß!“

„Lassen Sie nur, meine Liebe. Ich erledige das schnell für Sie“, sagt der Herr – ein vollkommener Gentleman eben. „Wenn Sie so lange auf meinen Champagner aufpassen?“ Er lacht schelmisch, und Anne blinzelt schüchtern zurück.

Als er wiederkommt, sind Anne und sein Einkauf längst verschwunden, und die beiden Einkaufswagen voller Chips und Cola stehen verwaist an der Kasse. „Zehn fuffzig, und bringen Sie die Coladosen zurück, dann kriegen Sie das Pfand raus“, sagt die Verkäuferin ihm und grinst bis über beide Ohren.

Oh Tannenbaum


Silke und Matthias hatten sich so auf ihr Eigenheim gefreut! Endlich raus aus dem Plattenbau und rein in das Leben, das sich schon ihre Eltern erträumt hatten und dann nach der Wende nicht mehr genießen konnten. Statt ewig dreckiger Treppenhäuser am großen Dreesch schmucke Garagenauffahrten, fein säuberlich nebeneinander in Reih und Glied, eine ganze niegelnagelneue Einfamilienhaussiedlung vom Reißbrett. Und sie mittendrin.

Aber dann zogen die Meiers ein. Ausgerechnet nebenan. Statt Gartenzwerge pflanzten sie moderne Kunst in den Garten und statt ordentlicher Salatbeete einen Teich mit Kois. Sie machten keine Grillparties sondern Barbecues, und sie hatten sich auf der Gemeinde wegen Matthias Laubbläser beschwert. Erfolgreich! „Nur, weil das Wessies sind“, hatte Matthias gemutmaßt, aber der Verdacht war nie bestätigt worden.

Egal, was Silke und Matthias sich anschafften, um ihren Status zu festigen – die Nachbarn hatten es schon und paradierten damit, oder machten die Errungenschaft kurzerhand schlecht. Am ersten Advent hatte Matthias einen kompletten Rentierschlitten aufs Vordach gestellt, mit weißrotblau blinkenden Lichtern. Daraufhin hängten die Nachbarn nur einen einzelnen Stern ins Fenster – und montierten einen Bewegungsmelder, der in einer Entfernung von 5 Metern vor der Haustür „Mache dich auf und werde Licht“, gesungen von den Thomanern, erschallen ließ. Silkes Haustür war weniger als 5 Meter entfernt, und schon nach 1 Tag konnte sie die Musik nicht mehr hören und schaltete den Rentieren den Strom ab.

Aber das jetzt hier schlägt dem Fass den Boden aus! Es ist nicht zu fassen! Silke und Matthias haben von der neuen Tannensorte gehört. Korktanne soll sie heißen und ganz wunderbar duften. Sie recherchieren und telefonieren – und dann fahren sie ans andere Ende der Stadt und finden bei dem Gärtner hinten am Ende der Straße das allerletzte Exemplar. „Das nehmen wir“, ruft Silke. Dann liest sie das kleine Plastikband um den Stamm: reserviert für Meier. Matthias sieht rot, dann hat er eine Idee. Meier können die Korktanne ruhig kaufen, aber heil nach Hause bringen werden sie sie nicht. Hilfsbereit schnürt er sie „fachgerecht“ auf dem Dach des Meierschen Autos fest. Und fährt dann hinterher, um dem Triumph zu genießen.

Und tatsächlich. Bei der ersten Vollbremsung – am unbewachten Bahnübergang, um genau zu sein – lösen sich die Riemen, und die Tanne saust vom Dach. Leider direkt in die Frontscheibe des dahinter fahrenden Autos. Der Fahrer wird aufgespießt, Silke überlebt schwer verletzt. Dass Meiers im Sommer umziehen werden, ist für sie keine Genugtuung.

Die goldene Gans


Die Adventszeit hat eindeutig zu wenig Abende, denkt Sissy. Zumindest für sie. Sie macht sich für die Weihnachtsfeier ihrer Yogagruppe zurecht und packt gleichzeitig in den Shopper, was sie auf der anschließenden Weihnachtsfeier ihres Tanzvereins tragen wird. Eigentlich müsste sie einen Koffer mitschleppen! „Mann müsste die Weihnachtsfeiern gleichmäßig übers Jahr verteilen“, davon ist Sissy überzeugt. Das wäre besser für das Zeit-, aber auch für das Kalorienmanagement! Aber absolut schlecht für Sissys Haupteinnahmequelle……

Sissy ist vielseitig interessiert und engagiert. Und das spiegelt sich in einer Vielfalt von Einladungen wieder. Golf- und Tennisclub, Yoga und Tanz, Chor und das ganze Ehrenamt. Und dann ist da natürlich noch das Event des Jahres. Die Weihnachtsfeier ihrer eigenen Agentur. Die beste Gelegenheit, um zu säen und zu ernten. Sissy ist immer und überall. Sie steht in der Toilette und hört ungesehen, wie das Mädel vom Empfang den Chef intim empfängt. Sie schaut genau hin, wenn kleine Briefumschläge den Besitzer wechseln. Sie geht ganz zufällig vorbei, wenn Tim und Tom das Auto der Vereinsvorsitzenden entführen, für eine Spritztour gegen den Laternenpfahl. Und sie steht tatenlos daneben, während der Creativdirektor sich am Praktikanten Lars vergeht.

Sissy ist verschwiegen. Keine Frage. Was unterm Mistelzweig passiert, muss ja nicht in alle Welt gelangen. Natürlich hat Sissys Schweigen seinen Preis. Davon kann sie sich dann zum Beispiel dieses süße goldene Lurexkleidchen kaufen, aus der allerneusten Designerkollection von A., ein Unikat! Ein letzter Blick in ihren Spiegel – wow! Gut, für den Yogakurs ist das absolut overdressed. Aber sie will ihrem Kundalini-Meister zeigen, was ihn die ungebetene Privatlektion mit der erst 16 Jahre jungen Nina gekostet hat, die Sissy selbstverständlich rein zufällig mit angesehen hat. 

Nach der Yogafeier mit dem grässlich grünen Matetee freut sie sich auf das Fünf Sterne Essen ihres Tanzclubs. Auch ihr Agenturchef wird dabei sein. Dieses Mal mit seiner Frau – weshalb Sissy die Besenkammer nicht aus dem Auge lassen wird, ebenso wenig wie die neue Trainerin. Hmmm, das Buffet ist ein wahrer Traum. Die Gänseleber sündhaft teuer. Und so lecker. Sissy tut es leid, dass sie den Teller stehen lassen muss, um schnell hinauszuschlüpfen, hinter ihrem Chef. Was hat er vor? Sie wittert eine neue Quelle.

Leider steht er dann nur am Empfang und raucht. Er raucht? Das wusste sie noch nicht. Na gut, Sissy geht zurück zum Tisch und widmet sich hingebungsvoll der Gänseleber. 

„Diese goldene Gans wurde jedenfalls mit Arsen gestopft“, erklärt der Pathologe tags darauf dem Kommissar. Er spricht von Sissy, die jetzt für immer schweigend auf dem Obduktionstisch liegt.