Fabiola heute nacht


Fabi

Die Rosen knospen. Zartes Blütengewebe, maigrün umschleiert. Für Dich. Siehst du es?

Das Meer tost. Grünes Wellenwogen zupft am Sand, zerzaust die Strandgutlinien, wühlt im Tang. Riechst du es?

Der Himmel glüht. Rosawolkenreich erklimmt er Marmorberge. Kippt an knappen Kämmen ins Zinnober und verlischt im Wäldernebel, grollend. Hörst du es?

Die Seele weint dein Sohn hat Fieber und der Tag sinkt in den Abend wie Zitrone in ein warmes Glas. Leer. Du hast es ausgetrunken. Wovon lebst du nun? Und wo?

Vermisse dich. Grüß mir Vater Bruder Nichte. Gott.

Einfach nicht totzukriegen.


Karfreitag und der Himmel lacht. Ob mit mir oder über mich, diese Frage stelle ich 30 Jahre später. Und die Antwort kennt nicht einmal der Wind. Der zauste mir und meinem Pinsel zärtlich das Haar, als ich am Balkontisch saß, Augen sichtscharf lichtdicht geschlitzt. In der Hand ein ausgeblasenes Hühnerei. Hingebungsvoll malte ich es an. Schwarze Hennen mit violetten Schildern an den Flügeln: „Unsere Eier gehören uns!“. Ob ich damit auf die § 18 Diskussionen anspielen wollte? Wahrscheinleicht. Ich malte schnell und gezielt. Denn um drei wurde ich abgeholt. Von meiner Clique, mit meinem Freund. Und dann ging es durch aprilschattige Wälder voller grünzwitschernder Vögel sanfte Wege hinunter zum Metonkel. Ein schrulliger Kauz, der in einem Wohnwagen auf einer struppigen Lichtung hauste. Im Wald unter nicht näher untersuchten Bedingungen Bienen züchtete und Honig machte, primär, und daraus Met, sekundär, um ihn tertiär zu verkaufen. Ausgeschenkt an Biertischen mit schmutzgerändertem Wachstuch, in schmierigen Gläsern. Sehr bedenklich, und das nicht nur unter hygienischen Aspekten. Wie wir zurück kamen, daran habe ich keine Erinnerung mehr. Nur, dass es ein außergewöhnlich sonniger, warmmilder, versöhnlicher Karfreitag war. Einer, der das Kreuz ganz hinten an den Horizont rückte. Von wo ich es heute hervorhole.

Karfreitag und der Himmel schmollt. Blau blinzelt einzelsam durch Wolken, die den frisch aus weißer Decke aufgetauchten Krokussen mit Schneegestöber drohen. Mich friert, und ich würde nicht auf der Terrasse sitzen wollen, um mein Haar dem Eiswind hinzusträhnen. Er ist nicht totzukriegen, hat Abt Benedikt gesagt. Er hat sich mit uns eingelassen auf die abenteuerlichste aller Reisen, die in unser Innerstes hinein. Sagt er. Das leuchtet mir ein. Und leuchtet in die Abendtrübe. Lacht mich an nicht aus, während ich am Esstisch sitze, Pinsel in der Hand, Augen sichtscharf bebrillt. Und Jugendstilgesichter auf die Eier male. Konzentriert und schnell. Denn später kommt mein Sohn zum Abendessen. Und meine Mutter ist so schrullig, wie der Metonkel nie war…….. Ach, ja. Das Kreuz.

Opfer, g’schleckerte!


MONun wissen wir es. Nicht, dass wir darauf gewartet hätten. Ich zumindest hatte bis heute um 7.08 Uhr sogar vergessen, dass es so etwas Weltbewegendes wie eine Jury aus Sprachforschern gibt, die aus 2241 (die Zahl wurde nachträglich nochmal nach oben korrigiert, aha) Einsendungen in einer Sitzung, über deren Länge und Ausgestaltung nichts weiter in den Medien steht, ein „Unwort“ kürt. Wobei das Wort „küren“ eigentlich durch einen negativ konnotierten Gegensatz ersetzt werden müsste. Aber das sind sprachwissenschaftliche Peanuts, bzw. Kleinzudruckendes, um im Sprachbild zu bleiben. „Der Begriff Unwort ist ein Schlagwort aus dem Bereich der Sprachkritik und bezeichnet ein „unschönes“, aber auch ein „unerwünschtes“ Wort“, lese ich. Einmal. Und noch einmal. Ich zumindest habe Opfer-Abo noch nie gehört. es ist mir so fremd, dass ich ihm nicht einmal Attribute wie „unschön“ oder „unerwünscht“ zuordnen kann. Offensichtlich konnten das auch die Einsender  nicht, bzw. war das Wort einer breiteren und engagierten Öffentlichkeit völlig unbekannt, denn unter den 1019 unterschiedlichen Vorschlägen rangiert es an hinterster Stelle. Im Vorfeld wurden die „Schlecker-Frauen“ als Nummer Eins gehandelt, gefolgt von der „modernen Tierhaltung.“ Prompt sieht sich die Vorsitzende der „Unwort“-Jury im Erklärungszwang und sagt, es sei schon mehrfach ein einzelner Vorschlag ausgewählt worden. Mag ja sein. Aber ganz ehrlich: „Opfer-Abo“! Das Wort bleibt völlig geschmacksneutral, auch, wenn ich es wieder und wieder auf der Zunge zergehen lasse, als Linguistin, die ich – ja! – bin.

Nein, es ist nicht selbsterklärend. Zum Glück kommen mir die Medien zu Hilfe, beziehungsweise die Jurymitglieder selbst. Sie bezögen sich auf eine Äußerung des „gestürzten Wettergottes“ (Anm. d. Red.). Jörg Kachelmann, der in einer Talkshow gesagt habe, Frauen würde in Vergewaltigungsverfahren „stets die Opferrolle zugesprochen werden“. Ah ja. Jetzt bekommt das Wort einen Geschmack. Oder vielmehr ein „Geschmäckle“! Und ich frage mich ernsthaft  dreierlei.

Erstens: woher in aller Welt diese „unabhängige, sprachkritische Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt“ ihre Legitimation erhält. Gut, da hat die Gesellschaft für deutsche Sprache die Wahl zum Unwort des Jahres 1994 abgegeben. An eine „institutionell unabhängige“ Jury. Ok. Über die Hintergründe hierzu darf spekuliert – und vor allem recherchiert werden.

Zweitens: was macht „Opfer-Abo“ zum Schlagwort? (Definition: Begriff, der den Inhalt eines Dokuments auf der Grundlage eines normierten Begriffsverzeichnisses beschreibt). Normiert? Ah so. Ja. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Ich schaue mir dir „Norm“ der Jury an.

Und ich frage, drittens: waren die vier männlichen Mitglieder in Zugzwang gegenüber der weiblichen Sprecherin? War das also eine veritable „Opfer-Abo“-Situation? Wenn ja, dann wäre es für das öffentliche Verständnis sicher hilfreich, den MO der Wort-Wahl offen zu legen. Nur dieses eine Mal. Bittesehr. Ich möchte der Dame kein geplatztes Rendezvous mit Kachelmann nebst daraus folgenden Racheszenarien unterstellen. Fakt ist, dass schon Stunden nach Bekanntgabe das Wort selbst nicht mehr an erster Stelle der Berichterstattung steht, sondern nur einem C-Promi wieder an die Spitze des medialen Rankings verholfen hat. Chauvinismus hin oder her. War das die Absicht? Jetzt wird der Sinn des Wortes deutlich. Wenn einer ein Opfer-Abo hat, dann Kachelmann! Alice Schwarzer war übrigens kein Jury-Mitglied. Leider!

Die Schlecker-Frauen hingegen, meistgenannt als Vorschlag und mit der nicht erfolgten Anschlussverwertung doppelt gestraft, haben –  wieder mal – lediglich die Opfer-Rolle. Toll!

Zum Glück gibt es ja noch das Wort des Jahres 2012. Das wurde zeitnah im Dezember gekürt, zum Glück immer noch von der Gesellschaft für deutsche Sprache.  Es lautet „Rettungsroutine“ und steht „für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.“ Das hilft den Schlecker-Frauen zwar nicht unmittelbar. Aber vielleicht können im Zuge dieser Rettungsroutine auch ihre Arbeitskräfte wieder aus dem Opferkeller hervorgeholt werden.

Ich habe übrigens schon einen Vorschlag für das Unwort des Jahres 2013: Frauenmafia! Honi soit qui mal y pense…..

Vampirschwesters Lieblingsnichtenkind


Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 

Die Tageslosung. Sie macht mich freudenspringen, denn sie spricht mir aus dem Herzen. Gestern Abend kam meine Nichte. Neun Jahre, viel Schicksal, noch mehr Sport, grüne Augen und eine ganze Menge starker grauer Zellen, um mit Hercule Poirrot zu sprechen. Du hast schon einen gebrochenen Fuß, eine demente Mutter, einen Nachtschicht-arbeitenden Sohn, Hund und Katze. Und jetzt auch noch ein kleines Mädchen? Klein ist sie nicht. Eher groß und kräftig. Und Mädchen? Ja. Trotz Fußball und Hockey. Eindeutig. Und was für eins: „Wenn ich die alten Frauen sehe, die allein auf der Straße gehen, tun die mir so leid.“ „Warum denn?“ „Weil sie alleine sind.“ Ein erstaunliches aber ein Mädchen. „Wer ist die junge Frau da in deinem Bett?“ fragt meine Mutter. „Meine Nichte“, erkläre ich, beim zehnten Mal leider und völlig Alzheimer-unzweckmäßig sehr gereizt. „Aber ihr seid doch nicht blutsverwandt?“ „Doch, Mamma. Sie ist meine Großnichte.“ „Aber du hattest doch nie etwas mit ihr zu tun?“ „Doch, Mamma. Schon seit ihrer Geburt.“ „Und wo ist ihre Mutter?“ „Tot. Gestorben. Vor anderthalb Jahren.“ „Aber die habe ich nie gekannt!“ Oh Mamma. Die Vergangenheit, dieses buntschillernde Papier, in das dein Leben eingehüllt war, hat sich aufgelöst, als habe es zu lange auf dem Bordstein gelegen, achtlos beiseite geworfen von deiner Krankheit, bevor sie von deinen Gedanken genascht hat, und vom Regen blassgespült. Der römische Sommer, deine Lieblingsenkelin und du, verschollen irgendwo im Salento, wochenlang nichts als Badeurlaub und Freiheitsgenuss. Weg wie Sackgasse. Weg. Aus der Erinnerung aus dem Sinn aus dem Herzen. Jetzt wacht sie auf, das Lieblingsnichtenkind. Freut sich auf einen Münchentag mit Lasagne und Vampirschwestern. ich freu mich auch!

24. Dezember: Schöne Bescherung


ChiesaDer Warteraum in der Notaufnahme des Krankenhauses ist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Wobei ich das nur mit den Augen erfasse. Wäre ich blind, würde ich vermutlich davon ausgehen, die einzige Patientin zu sein. So aber sehe ich sie alle schweigend und entsetzensblass auf den Plastikstühlen kauern. Frauen mit karierten Küchentüchern an den Füßen, Frauen mit geschwollenem Bein, Frauen mit Händen, von denen es blutrot auf untergehaltene Küchenrollen-Abrisse tropft. Und nein: dies ist  – leider – keine literarische Übertreibung, sondern blanke Vorweihnachts-Realität. Die Männer tragen Wintermäntel, Handtaschen und Sorgenfalten. Sind womöglich noch blasser als ihre Frauen. „Frau X. wird begleitet von ihrem äußerst besorgten Ehemann“, steht dann völlig unwahrheitsgemäß auf dem Arztbrief. Denn dadurch entsteht ein irreführender Eindruck. Die Ehemänner sind nicht um ihre Frauen besorgt, sondern um ihre ganz persönliche unmittelbare Zukunft.

Der Heilige Abend steht vor der Tür. Die Gäste praktisch auf der Matte. Der Christbaum noch im Garten. Die Kugeln auf dem Dachboden. Die Zutaten zum Festmenu im Kühlschrank. Nur die Frau steht nicht mehr. Sie sitzt. Oder liegt sogar, wie die Brunette, die grade angekommen ist, auf einem Transportbett. Schöne Bescherung! Was soll jetzt werden? Ach, wäre die Welt doch einfach untergegangen, am 20. Dezember. Ein konzertiertes, kollektives Ende wäre nichts gewesen im Vergleich zu diesem interfamiliären Supergau. Die Hand zerschnitten beim Versuch, die 5-Kilo-Gans in gefrorenem Zustand zu zerteilen. Das Gehirn erschüttert beim Sturz im gedankenlosen Griff nach dem guten Geschirr ganz oben in der Schrankwand. Den Fuß gebrochen beim Slalom zwischen aufgetürmten Geschenkpaketen, leider noch nicht eingepackt. Während die Frauen mit bleichen Lippen und wirren Blicken ihrer Behandlung entgegenfiebern wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank, klingeln, surren, vibrieren die Handys der Ehemänner. „Mama, gut dass du anrufst! Könntest du vielleicht schon früher kommen und deinen Sauerbraten mitbringen? Viola hat sich blöderweise (!) verletzt! Wie bitte? Ach, du kennst sie ja! Immer das perfekte Timing…. Nein, Mama, das ist doch nicht…. wirklich? Ach, das wäre ja…. Danke, Mama! Nein nein, die Kinder lass ich bei Viola, dann ist sie nicht so allein. Also, dann bin ich pünktlich zur Bescherung bei Euch!“ Oder so ähnlich.

Frau B. bitte in Zimmer drei. Ich raffe mich auf und humpele durch die Glastür meiner Diagnose entgegen. Zehn Minuten und einen Gips später weiß ich: dieses Fest wird unvergesslich! „Wenn Sie den Fuß ruhig halten, kommen Sie vielleicht um eine OP drumrum“, hat mir der unsympathische und völlig unempathische Arzt mit auf Weg gegeben. Soll wohl heißen: wir sehen uns in einer Woche auf dem Tisch wieder. Denn wie bitte soll ich meine demente Mutter pflegen, den Hund rausbringen, die Katze füttern, ohne mich vom Bett zu bewegen? Als erstes falle ich gleich mit den Krücken die Treppe hinauf. Der Hund flieht vor mir, die Katze schenkt mir einen Riesenhaufen – der nach drei Stunden zum Glück aufhört, zu stinken. Und das ist der erste Tag!

Schöne Bescherung!

Und dann kommen Freunde und holen den Hund zum Spaziergang. Andere bringen das Essen. Mein Sohn geht einkaufen. Nur meine Mutter steht alle zehn Minuten vor mir und fragt: „willst du nicht bald mal mit den Vorbereitungen anfangen? Was hast du denn da gemacht? Ach so, ja, mir tut auch schon der Arm weh“.  Aber auch dafür werden wir eine Lösung finden.

Ich niste mich jetzt auf dem Sofa ein – und schreibe meinen Alzheimer-Krimi fertig! Das ist wirklich eine schöne Bescherung!

Einen gesegneten, besinnlichen Heiligen Abend Euch allen! Wünscht aus dankbarem Herzen Eure Marie Bastide

18. Dezember 2012: Wenn ich einmal alt bin


Barbies_P1„Zwei fünfzehnjährige Mädchen unterhalten sich. Zwanzig geht ja noch, so grade. Aber dreißig! Ne, das is so ultra. So alt will ich nie werden.“ Der Schriftsteller erzählt, dass er mit Mitte Vierzig die Hälfte seines Lebens verbraucht habe und ihm die Rückschau auf fünfzehn wie ein Wimpernschlag vorkomme. „Wenn ich mal pensioniert bin“, sagen viele. Und fächern ihre Träume auf. Nach Spanien ziehen. Malen. Schreiben. Schlafen bis in die Puppen. Klar, mit den Puppen geht ja nicht mehr, dann, irgendwie. Viele freuen sich auf’s Alter. Auf die Zeit, die sie sich frei einteilen können, dann. Darauf, mit ihrem Partner alt zu werden. Mit den Enkelkindern zu spielen, Cricket unter Orangenbaumblüten, meinetwegen. Und nie mehr weggehen zu müssen.

Ich verstehe das nicht. Ich will nicht älter werden, auch, wenn ich weiß, dass ich muss. Im besten Fall! Weil ich keine Träume habe, die am Horizont darauf lauern, verwirklicht zu werden. Weil ich alles in Händen halte, was ich später vielleicht nicht mehr werde halten können. Einen Stift. Meine Erinnerung. Ideen. Plots.Weil die Vorstellung, mit einem alten Mann vor einem überlauten Fernseher zu sitzen, mir die Nackenhaare aufstellt. Weil ich die fünf Katzen und drei Hunde im Grunde auch jetzt schon haben könnte. Und weil die Enkel doch auch keine Lust hätten, der Oma beim Krimischreiben zuzuschauen. Obwohl…. vielleicht gäbe es spannende Horrorgeschichten….

Nein. Ich kann nichts damit anfangen, dass ich älter werde. Ich will auch nicht jünger sein. Ich würde am liebsten so bleiben, wie ich bin. Wenn ich mir das jeden Tag sage, dann passt es ja unter’m Strich wieder!

2. Dezember: Halali!


DSCN4049Ein magischer Ort, das Mühltal. Die drei Beten bewachen im Wechsel mit Maria und Kind eine sprudelnde Quelle. Auf braunbauschigen Hügeln wölben sich keltische Gräber, blaue Wimpel und wispernde Spiegel umflattern das längst leere Bett der Seherin. Ein Sonntag in Eisweiß, mattblau und blattbraun. Hügelauf hügelab und dann wieder hinunter zur wildmurmelnden Würm. Laub raschelt und Eishaut zerblättert an frierender Erde. Kalter Atem läuft uns voran zum Forsthaus. Blicklose Fenster starren uns an, der Hirsch baumelt rostfröstelnd herunter. Die Kreideschrift auf der Karte spricht von Sommersalaten. Doch der Hund reckt die Nase nach oben, und da rieche ieh es: geröstete Zwiebeln!  Aus der Tür tritt ein Mann, braune Hose und Zähne. Zigarette dazwischen. „Restaurant haben geschlossen“, sagt er. Zu uns und den vier Wanderern hinter uns. „Wird renoviert?“ frage ich. „Nicht deutsch sprechen“, sagt er.  Und ich: „Englisch?“. „Little. No restaurant, now.“ „Was denn dann?“ „Refugee camp. Asyl. Ich von Iran.“ Auf den Fensterbänken stehen noch Dekorehe, und dahinter leben jetzt 20 Familien aus den Krisenherden der Welt. Iran und Irak, Afghanistan, Serbische Roma. Leben und essen, schlafen und kochen. Es duftet nach Zwiebeln. „Landratsamt gibt uns Gutschein, wir kaufen in Laden, dann kochen.“ Wieder kommen drei jagateedurstige Sonntagsbesucher, stiefeln an dem protestierenden Mann vorbei, einfach, erkennen dann wohl ihren Irrtum. „Das ist eine Unterkunft für Asylbewerber“, erkläre ich. Sie glotzen verdutzt und trollen sich. Kein Glühwein kein Mitgefühl. So ist das.

Einen Moment lang habe ich die Vision von Wandererscharen, die an dampfenden Töpfen voll exotischer Köstlichkeiten vorbeigehen, sich die Teller füllen und das gute Essen dann auch gut bezahlen. Warum denn nicht? „Landratsamt gibt Gutschein, wir kaufen im Laden, dann kochen Essen und an Deutsche verkaufen.“ Klingt gut. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Na also…..


avvento

1. Dezember

…. von einem Bild zum nächsten. Überall gibt es so viel zu sehen! Nein, noch halten sich die Weihnachtsmänner zurück beim Fensterln. Und auch die Lichtkaskaden fließen bis jetzt nur von Restaurantfassaden. Aber es glitzert und flittert bereits an vielen Straßenecken und Torbögenenden. In bunter Pracht kommen die möglichen Geschenke daher und strecken ihre besternten Preisschilder aus, nach dir. Nach mir. Und unter meinen Füßen knirscht es eisweiß, kahle Äste tragen Puder und in der Zwischennebelsonne funkeln Diamanten auf braunglänzendem Laub. So viel gibt es zu sehen! So viel zu hören, in dieser Adventskalenderzeit. Nicht nur das genudelte Gedudel aus Weihnachtsmusik-Konserven. Viele Stimmen, zart und leise, tief und samten, schrill und hart. Überall. In dir und aus mir.

Jeden Tag ein Bild. Jeden Tag ein Klang. In Worte gegossen. Kurz wie die letzten Wochen des Jahres. Hinter den Türen meiner Vorweihnachtsblicke.

Was bleibt


Der Geruch von gebratenen Zwiebeln aus Mittagsfenstern.

Der Herbstglanz von Laub, Kupfer und Gold, auf den Stoppelwiesen.

Die Trauerränder unter Spielkindernägeln.

Das Wasserprasseln auf Straßengrau.

Der Wolkenatem vorm Himmelblau.

Heute wie gestern wie morgen.

Du und ich. Bleiben nicht.