Wie still es ist! Schnee hat sich um das Leben gelegt wie ein Schalldämpfer. Am Horizont kauert die Ahnung von himmelblauer Geschäftigkeit und wartet auf ihren Auftritt. Aber heute gönnt uns der Advent noch einen schwarzgrauen Traum. Sch….. Seid leise! Dann hört ihr aus der Tiefe der Winterwolken ein flüsterndes Licht. Einen Funken, der sich auf eure Wimpern setzen möchte und eure Blicke sattelt mit ruhiger Innigkeit. Wenn sie dann nicht als hastige Rennrösser durch den Tag stürmen, sondern wie schlendernde Schnecken, innehaltend für jede weißsalzige Flocke, für jeden taglängs gestreuten Ruf, dann spürt ihr nach, kostet sie, nehmt sie auf wie ein durstiges Glas. Diese sirrende, schwirrende, lautleere, lichtsatte Stille vor dem vorweihnachtsbrausenden Sturm.
11. Dezember: Ausgesperrt
10 offene Türen. 10 Einblicke. Ausblicke. Rundumblicke. 10 Tore in die Welt. 10 Wege. Vor dem elften stehe ich und rüttele und schüttele. Vergeblich. Dieses Türchen bleibt verschlossen. Hinter diesem Tor versteckt sich mir die Welt. Und der ungebetene Wächter findet immer neue Gründe. Hält mich hin. Und her. „Es besteht keine Verbindung zum Server“. „Möchten Sie ein anderes Netzwerk wählen?“ Nein. Ich liebe meine Netze. Meine Werke. Ich will nicht raus, ICH WILL HIER REIN!
10. Dezember: Grüne Flocke
Aus weichem Puder ist dicker Zuckerguss geworden. Schwer liegt er auf den Hecken, tropft träge von der Brückenbrüstung, garniert Äste und Dächer mit flaumigem Pelz. Eine Krähe streitet mit dem Friedensengel, hackt ihm erbost auf den goldenen Kopf. Vielleicht hat er ihr das Märchen vom glücklichen Prinzen erzählt und gehässig bemerkt, dass sie leider keine Schwalbe sei. Nun gut, aber er trägt auch keine Rubine und Diamanten. So ein Wintermorgen hat etwas Magisches an sich, und die buntesten dunkelsten Bilder der Kindheit tanzen plötzlich das nasse Kopfsteinpflaster entlang, balancieren auf dem schmalen Grat, den die Sonne zwischen Morgen und Schneewolken lächelt. Hände in Handschuhen und Handschuhe in den Manteltaschen, so stapfe ich fellbestiefelt vom Landtag herunter. Eiskalter Wind irrt durch die Gassen und jagt seine Böen hinunter zum Isarwehr. Ich wäre nicht im Mindestens erstaunt, würde plötzlich vor mir Knecht Ruprecht auftauchen oder Frau Holle, vielleicht. Da! Ein grüner Punkt hüpft auf die Straße. Tüll weht und bauscht sich. Ein Froschkönig? Oder die grüne Fee? Ich erinnere mich: vorgestern lief das gleiche Mädchen in einem orangefarbenen Tüllkostüm vor mir her. Und heute grün! Wo kommt sie her? Wohin geht sie? Gegen die Kälte trägt sie Jeans unterm Reifrock und dicke Schuhe. Das sehe ich. Und unbekümmert schleift sie den Saum auf dem Schneematsch. Das schöne Kleid! Vielleicht sucht sie ihren Mitternachtsschuh? Oder sie probt für den Faschingsempfang? Ich werde es nicht wissen, denn jetzt ist sie vorn um die Ecke gebogen und außer Sicht……
9. Dezember: Mordsgedanken
Es schneit! Der Wind treibt dicke weiße Flocken waagerecht vor sich her. Winzige Geschosse, die Eva gezielt in die Augen jagen. Das Wartezimmer ihres Hausarztes ist witterungsentsprechend voll und dampft dumpf aus feuchten Mänteln, Schirmen, Teppichen. „Darf ich mal kurz da Fenster aufmachen?“ fragt Eva. Und erntet wütend bis verhaltenen Protest. „Wollns dass mir alle krank wern?“ fragt ein adipöser Mann mit offensichtlichem Bluthochdruck. Als Eva endlich an der Reihe ist und dem Arzt in sein Behandlungszimmer folgt, schwirrt ihr der Kopf. Früher hat sie das alles besser weggesteckt. Die Kinderschreie und die sauertöpfischen Gesichter, das Gekicher und Geschwätz. „Ich bin alt, Herr Doktor“, sagt sie. „Ja, das stimmt. Aber Ihr Alter steht Ihnen wirklich gut!“ „Charmeur! Ich möchte wirklich wissen, wie gesund ich bin. Oder wie krank.“ Auf den Arztblick legt sich sofort ein analytischer Schleier. „Irgendwelche Beschwerden?“ „Nein, nichts Akutes. Aber, naja, Sie wissen ja…“ „Wie geht es Ihrem Mann? Sind Sie sicher, dass Sie das schaffen, mit der Pflege?“ Eva richtet sich kerzengrade auf im Stuhl. „Auf jeden Fall. Mein Mann geht in kein Krankenhaus. Und auch in keine Palliativstation. Wir bleiben zusammen. Bis zum Schluss!“ Der Arzt ist klug genug, nichts zu erwidern. Er schaut sie nur still an. Still und sehr intensiv. „Ja, und deshalb wollte ich wissen, ob mir mir alles ok ist. Ganz ehrlich, Herr Doktor, ich wüsste gerne, wie lange ich selbst noch leben werde. Also, theoretisch. Wenn mein Mann dann tot ist.“ „Warum?“ Nur dieses eine kleine Wort. Und dazu der stille, tiefe Blick. Fast hätte Eva es ihm gesagt. Beinah hätte sie ihm Adams und ihren Plan anvertraut. Im letzten Moment beißt sie sich auf die Zunge. Senkt den Blick. Der Arzt spürt, dass ihm gerade etwas auf ausgestreckten Händen hingehalten worden und dann ganz schnell zurückgezogen worden war. Nein. Ich kann ihm nicht erzählen, dass wir uns überlegen, welches Verbrechen ich begehen muss, um nach Adams Tod bis zum Ende meiner eigenen Tage warm und sicher aufgehoben zu sein, im Gefängnis. Ich kann ihm nicht erklären, dass unser letztes Geld mit Adams Pflege Tag für Tag verrinnt. Dass es für mich weder die Wohnung noch einen Platz im Altenheim geben wird – außer in einem Mehrbettzimmer neben keine Ahnung welchen alten Weibern. Dann schon lieber eine Einzelzelle mit Vollpension. Nur – wie komme ich dahin? Erst einmal muss sie wissen, welches Strafmaß sie anstrebt. Adam hat ganz recht. Planvoll muss es angegangen werden, dieses erste und letzte Verbrechen ihres Lebens.
8. Dezember: Des Rätsels Lösung ist des Ratens Anfang
„Bist du sicher, dass das richtig ist, was wir hier machen?“ Eva schaut Adam an, von unten herauf, so, wie sie es vor 60 Jahren gemacht hat, als sie sich grade kennengelernt hatten. Mitten im Aufbruch, zwischen Kriegstrümmern und Hoffnungsschimmern. Schnell waren sie gemeinsam losgegangen Richtung Zukunft. Zu zweit war vieles leichter, das Frieren der Hunger die Suche nach dem Anfang eines roten Lebensfadens. Und manches schwerer. Eine Wohnung zu finden, doppelte Kohlenmenge schleppen. Zu dritt dann und zu viert. Bergauf Richtung Erfolg. Der Handel blühte und die Firma auch. Adam und Eva hatten das Paradies gemeinsam gefunden. Und waren nie um ein Wort verlegen, für einander. „Adam? Warum sagst du nichts?“ Ich schau dich an, Eva. Solange ich noch kann.“ „Es wäre wirklich einfacher, ich würde mich erschießen, wenn du stirbst.“ Eva sagt das in flachem, sachlichem Ton. Nicht weinerlich nicht aggressiv. So, als würde sie die Lösung eines Rätsels suchen und Alternativen abwägen. „Ach was, Eva. So etwas darfst du vielleicht denken, aber nicht aussprechen. Das erlaube ich nicht!“ Adam hebt sich nur ganz leicht aus den Kissen, schiebt den Kopf nach vorne, und schon schüttelt ihn der Husten. Trocken, hart. Eva lächelt und nimmt seine Hand. Adam hat ihr nie etwas verboten. „Wir müssen planvoller an die Sache rangehen,“ flüstert Adam. „Am besten, du gehst morgen gleich zum Arzt und lässt einen Gesundheitscheck machen.“
7. Dezember: Adam und Eva
Die Frau wohnt in einer renovierten Altbauwohnung gleich hinterm Wiener Platz. Als er den Schlüssel im Schloss hört, ruft ihr Mann ihr aus dem Schlafzimmer entgegen: „Eva, wo warst du so lange? Ich hab schon gedacht, die Polizei hätte dich erwischt!“ Eva stellt die Tüte mit den Äpfeln auf den Boden. Zieht sich die Outdoorjacke aus und die Schuhe. Schlüpft in bequeme Mokassins. Hebt die Tüte wieder auf und geht zu ihrem Mann. Jedes Mal durchzuckt sie ein Schmerz wie ein Stromschlag oder ein Eiszapfen, der ihr vom Rücken ins Herz getrieben wird, wenn sie ihn so liegen sieht. Blasse Wangen, eingefallen. Dünnes Haar klebrig auf der glänzenden Stirn, altersfleckenübersäht. Der Atem rasselt, raschelt und setzt aus. „Adam“, sagt sie. Er hebt die rechte Hand, klopft leise auf die Matratze. „Setz dich und erzähl.“ Von der Straße und dem Laden und dem schnellen Griff, der Flucht, dem freundlich nachdrücklichen Türken. Dann steht sie unvermittelt auf geht in den Flur kommt mit der grünen Plastiktüte wieder. Hält ihm einen Apfel hin.
„Ach, Eva, herrje. Naja, aller Anfang ist schwer, weißt du. Nächstes Mal klappt es sicher besser. Vielleicht solltest du gleich zu Käfer gehen? Aber dort solltest du dich besser nicht erwischen lassen. Das wirft uns sonst um Monate zurück. Und du weißt, soviel Zeit habe ich nicht mehr…..“
6. Dezember: …. ist der Wurm drin
Der türkische Gemüsehändler musste sich nicht beeilen, um die alte Frau einzuholen. Drei, vier, fünf große Schritte, und er war mit ihr auf gleicher Höhe, auf dem schmalen Bürgersteig gegenüber dem Universitätskrankenhaus. „Halt, bleiben Sie doch stehen“! Sein Deutsch ist akzentfrei, aber irgendwie nicht der Situation angepasst. „Halt, stehenbleiben“ wäre plausibler gewesen. Vielleicht hat das Unterbewusstsein der alten Diebin genau das verstanden. Sie friert jedenfalls mitten im Ausschreiten fest. Schlägt Wurzeln im Asphalt, ohne sich zu ihrem Verfolger umzudrehen. Jetzt greift er nach ihrem Arm. Dem Jackenärmel. Redet auf sie ein. Ich kann seine Worte nicht verstehen. Also spricht er leise. Schreit nicht. Die Frau schaut zu Boden. Dann plötzlich hebt sie den Kopf. Guckt ihm mitten ins Gesicht. Er zupft an ihrem Ärmel. Dreht sich Richtung Laden. Zieht die widerstrebende Alte mit sich mit. Bleibt erst vor der Auslage stehen. Lässt sie los, bleibt dabei aber so stehen, dass er ihr den Weg versperrt. Greift mit der Linken nach einer dünnen grünen Plastiktüte. Mit der rechten nach ein zwei drei vier fünf dicken roten Äpfeln. Packt sie in die Tüte, drückt sie der Frau in die Hand. Nickt ihr zu, wie um sie aufzumuntern, und geht dann schnell über die Schwelle hinein ins Ladendunkel.
Die alte Frau hat wieder Wurzeln geschlagen. Ihre Wangen sind hochrot. Sie starrt dem Gemüsehändler nach. Dann plötzlich lässt sie die Schultern hängen und geht über die Ismaninger Straße Richtung Wiener Platz. Als wögen die Äpfel in ihrer Hand Tonnen.
5. Dezember: In einem kleinen Apfel…..
Auf der Ismaninger Straße in unmittelbarer Nähe vom Max-Weber-Platz reihen sich die kleinen Geschäfte aneinander. Der Schreibwaren-Lotto-Toto-Laden mit dem Geschenke-Eck, in dem selbst die Briefumschläge dezent nach Zigarettenrauch riechen. Der überteuerte Grieche mit den wie gemalt in der Auslage prangenden Pizzarädern, aus dessen enger Tür Sommer wie Winter die Mittagsgäste ihre verwartete Zeit auf die Straße ergießen. Und der Gemüsetürke, eine breitgesichtige Frau und ihr untersetzter Mann, genauer gesagt. Vor der Tür sind exotische Früchte in Holzkisten drapiert, saisonale Blumenbüschel daneben. Jetzt eben grade Tannengestecke mit staubbeschichteten Christbaumkugeln. „Mei, die Türken halt, was sie so von Weihnachten wissen“, flüstern die Alten im Vorübergehen. Und Alte gehen viele vorüber. Vor mir wieder eine. Drahtig und ganz aufrecht, das schulterlange strohweiße Haar frisch gelegt. Ihre blaue Stoffhose aus den Siebzigern mit Schlag gut gepflegt, die Sportjacke ein modernes Outdoormodell. Wie auf einem Gleis gehend strebt sie dem Gemüseladen zu. Bleibt vor der Auslage ruckartig stehen. Zieht den Kopf ein, ich sehe es ganz deutlich, wie eine Schildkröte, die zum Angriff ansetzt oder zur Flucht nach innen. Ihre behandschuhten Finger schießen hervor, umklammern einen Apfel – wie der Greifarm in den Münzaquarien, die früher an jeder Raststätte standen, bunt gefüllt mit billigsten Plüschtieren. Blitzschnell steckt sie den Apfel in ihre Jackentasche. Steht wie angewurzelt und schraubt ihren Blick ins Innere des Ladens. Erst, als der Besitzer auf sie zu kommt, bewegt sie sich. Dreht sich um und läuft, nicht rennt, gemessenen Schrittes davon. „Halt, halt!“ ruft der Türke und springt auf den Bürgersteig,……
4. Dezember: Gestohlene Zucchini sind hippie
Weihnachtsessen können richtig spannend sein. Eine Balkan-Pizzeria neben einem heruntergekommenen Nobelhotel, in dem heute Gastarbeiter wohnen – nein, keine Asylbewerber, diesmal. Eine Stufe höher, immerhin. Zimmerpalmen und Gummibäume auf den Fensterbrettern, „Aubergine mit Sinkenrollen“ oder „Klbsschnizel“ auf der Speisekarte. Dann doch lieber Pizza! Mein Gegenüber fragt nach meinem Alter und enthält sich gnädig jeden Kommentars. „So alt!“ wäre natürlich genauso daneben gewesen wie „siehst aber jünger aus“ oder „hast dich aber gut erhalten“! Und so können wir ungehindert abdriften in Erzählungen aus der Vergangenheit. Erkennt man Alter daran, dass man nicht mehr über die Kleinkindzeiten der Kinder spricht, sondern sich wieder an sich selbst erinnert?
Ihm haben in der Studentenzeit 200 Mark für einen Monat gereicht. Bei mir waren die 80 Mark für die Woche schon am Dienstag futsch. Danach lebte ich von geklautem. Champagner und Gänseleberpastete. Heute könnte ich das nicht, würde ohnmächtig werden vor Angst, noch bevor ich die Hand nach der Flasche ausstrecken und in die Manteltasche schieben könnte.
„Ich hab nur einmal geklaut“, erzählt er. Einmal und nie wieder. „Ich war in Griechenland unterwegs. Wie immer mit einem Schlafsack, einem Bundeswehr-Umhang und einem Pulli. Ohne Geld. Ich war Hippie, damals. Da lag auf einer Gartenmauer nicht weit vom Strand eine riesige Zucchini. Ich wusste nicht ,was das war. Hatte so’n Ding noch nie gesehen. Ich fand das interessant. Und hab’s mitgenommen. Einfach so, ohne groß drüber nachzudenken.
Später lag ich mit meiner Freundin am Strand. Ein toller Strand, ich hab grad kürzlich im Internet gesehen, dass das heute noch so ein toller Strand ist. Wir lagen also so da. Da legt sich ein junger Grieche in unsere Nähe. Schaut mich an und fragt plötzlich in total perfektem Deutsch: „Warum klaust du?“ Ich war sprachlos. „Warum klaust du meiner Großmutter die Zucchini?“ Er studierte in München, war in den Semesterferien zu Hause. Und hatte die Zucchini erkannt. Das war das erste und das letzte Mal, dass ich was gestohlen habe“.
Ich sitze am Laptop, und vor mir schlagen die Wellen an den griechischen Strand, ich muss immer noch grinsen. Danke für das Weihnachtsessen und den Ausflug in die 1970er Jahre. War wirklich ein bunter Abend.
3. Dezember: Schneetänzerin auf den Isarterrassen
Die Winternacht hat der Stadt ihre Stimme geraubt. Jetzt, im fahlen Montagsgrau, steigt sie als Basso Continuo heiser dumpf aus der Dämmerung herauf. Kriecht über das Isarwehr und die Auen empor, abgasächzend. Raben hüpfen von einem aufs andere Bein, als wären die eisigen Kiesel zu spitz, in den Schnäbeln tragen sie weiß bepuderte Beute. Der Schnee auf der Wiese ist grün gesprenkelt. Weit breiten die Winterlinden schwarznackte Arme aus, ohne die rieselnden Flocken zu fangen.
Dort, wo die Terrassenwege sich gabeln, am Scheitelpunkt fast zwischen Straße und Park, steht eine blasse Figur wie auf einem Teppich. Die Hände nach Lindenart ausgestreckt, den kurzdunklen Kopf kerzengrade, eingehüllt in eng anliegenden mattweißen Stoff, vollführt sie exakte Bewegungen, beugt sich im Takt einer nur für sie hörbaren Harmonie. Schneetänzerin zwischen Dunkel und Morgen.
