2. Dezember: Halali!


DSCN4049Ein magischer Ort, das Mühltal. Die drei Beten bewachen im Wechsel mit Maria und Kind eine sprudelnde Quelle. Auf braunbauschigen Hügeln wölben sich keltische Gräber, blaue Wimpel und wispernde Spiegel umflattern das längst leere Bett der Seherin. Ein Sonntag in Eisweiß, mattblau und blattbraun. Hügelauf hügelab und dann wieder hinunter zur wildmurmelnden Würm. Laub raschelt und Eishaut zerblättert an frierender Erde. Kalter Atem läuft uns voran zum Forsthaus. Blicklose Fenster starren uns an, der Hirsch baumelt rostfröstelnd herunter. Die Kreideschrift auf der Karte spricht von Sommersalaten. Doch der Hund reckt die Nase nach oben, und da rieche ieh es: geröstete Zwiebeln!  Aus der Tür tritt ein Mann, braune Hose und Zähne. Zigarette dazwischen. „Restaurant haben geschlossen“, sagt er. Zu uns und den vier Wanderern hinter uns. „Wird renoviert?“ frage ich. „Nicht deutsch sprechen“, sagt er.  Und ich: „Englisch?“. „Little. No restaurant, now.“ „Was denn dann?“ „Refugee camp. Asyl. Ich von Iran.“ Auf den Fensterbänken stehen noch Dekorehe, und dahinter leben jetzt 20 Familien aus den Krisenherden der Welt. Iran und Irak, Afghanistan, Serbische Roma. Leben und essen, schlafen und kochen. Es duftet nach Zwiebeln. „Landratsamt gibt uns Gutschein, wir kaufen in Laden, dann kochen.“ Wieder kommen drei jagateedurstige Sonntagsbesucher, stiefeln an dem protestierenden Mann vorbei, einfach, erkennen dann wohl ihren Irrtum. „Das ist eine Unterkunft für Asylbewerber“, erkläre ich. Sie glotzen verdutzt und trollen sich. Kein Glühwein kein Mitgefühl. So ist das.

Einen Moment lang habe ich die Vision von Wandererscharen, die an dampfenden Töpfen voll exotischer Köstlichkeiten vorbeigehen, sich die Teller füllen und das gute Essen dann auch gut bezahlen. Warum denn nicht? „Landratsamt gibt Gutschein, wir kaufen im Laden, dann kochen Essen und an Deutsche verkaufen.“ Klingt gut. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Na also…..


avvento

1. Dezember

…. von einem Bild zum nächsten. Überall gibt es so viel zu sehen! Nein, noch halten sich die Weihnachtsmänner zurück beim Fensterln. Und auch die Lichtkaskaden fließen bis jetzt nur von Restaurantfassaden. Aber es glitzert und flittert bereits an vielen Straßenecken und Torbögenenden. In bunter Pracht kommen die möglichen Geschenke daher und strecken ihre besternten Preisschilder aus, nach dir. Nach mir. Und unter meinen Füßen knirscht es eisweiß, kahle Äste tragen Puder und in der Zwischennebelsonne funkeln Diamanten auf braunglänzendem Laub. So viel gibt es zu sehen! So viel zu hören, in dieser Adventskalenderzeit. Nicht nur das genudelte Gedudel aus Weihnachtsmusik-Konserven. Viele Stimmen, zart und leise, tief und samten, schrill und hart. Überall. In dir und aus mir.

Jeden Tag ein Bild. Jeden Tag ein Klang. In Worte gegossen. Kurz wie die letzten Wochen des Jahres. Hinter den Türen meiner Vorweihnachtsblicke.

Was bleibt


Der Geruch von gebratenen Zwiebeln aus Mittagsfenstern.

Der Herbstglanz von Laub, Kupfer und Gold, auf den Stoppelwiesen.

Die Trauerränder unter Spielkindernägeln.

Das Wasserprasseln auf Straßengrau.

Der Wolkenatem vorm Himmelblau.

Heute wie gestern wie morgen.

Du und ich. Bleiben nicht.

Heimlichkeit Plätzchenzeit ist*s so weit?


Es schneit! Vorbei die Zeiten, als du aufwachtest, Madita-like, und es tropfte weiß und dick vom Himmel. Morgengeschenk, seit dem letzten Herbstbunt erwartetes, unverhofftes. Kam dann oft. Und oft auch nicht. Überraschung, rief der Schnee und lag vor der Tür. Heute erzählen es uns Männer ohne Kacheln, aber mit langweiligen Krawatten schon Tage vorher. Malen mit großen Gesten in die Luft und hoffen, dass ihre Finger die digitale Anzeigewand treffen werden, im Bildschirm. Sehen Sie, hiiiiiiier wandert das Wolkenband dann entlang und bring von hiiiiiier bis hiiiiiier Schnee. So, wie die das sagen, klingt das, wie wenn der Postmann dreimal klingelt und ein unerwünschtes Paket abgibt. Das wir annehmen MÜSSEN.

Aber dann ist es so weit, und wir haben es gewusst und erwartet und die Rosen eingepackt, noch gestern Abend, und die Blätter zu einem vorletzten gelben Walnusshaufen gekehrt. Und wir freuen uns trotzdem und schauen hinaus und uns an und es leuchtet aus unseren Sätzen: Es schneit! Und der Hund tobt im Gras und die UGGs sind nicht wasserdicht, nur après-Ski-fest, offensichtlich. Und oben auf dem Schirm krustet es weiß, ja tatsächlich. Und morgen hat es neun bis vier Grad – sagen die Herren – und das ist doch dann Tauwetter, aber ohne Melone. Egal. JETZT schneit es! Und die Reifen sind noch nicht winterfest und die Musiknacht startet sicher erst nach neun und in einer warmen Neuhauser Kneipe – nicht verraucht, allerdings. Nebel sagen die Herren auch nie voraus, oder?

Also kurzundgutum: es schneit. Backst du Plätzchen, Mamma? fragt der Sohn und bückt sich unterm Türrahmen durch. Vom Klavier rieseln leise die Töne.

Walnusslicht


Dieses Licht! Flüssiges Gold gießt der Walnussbaum aus, braun tropft es von seinen Ästen aufs Rosenbeet. Aus zartgeränderten Augen blütet es ihm entgegen. Himmelblau atmet süßlich und dumpf, aber verstohlen und nur hinter vorgehaltener Hecke. Vergessene Früchte zieren kahles Gestrüpp, blutrote Ringe an herbstgrauen Fingern. Morgen um diese Zeit wird es Nacht. Weißer Besen fegt dann die Hüllen verlorener Träume ins Nichts. Aber heute schlürfen wir aus den letzten Pfützen des Sommers.

Was sicher kaum einer über Sex wissen möchte


Beim Laubrechen kommen die wundervollsten Gedanken. Vielleicht haben die griechischen Philosophen immer Laub gerecht, vielleicht ist das Gerüst unserer Philosophie auf Laub gebaut?

Ich reche viel Laub, in diesen Zeiten. Es ist Herbst. Da fallen die Blätter bei jedem Wetter. Und die Gedanken flattern nur so umher, in der sonnigen nebligen Vorwinterluft.

Gestern erkannte ich, während ich zwei gelbe und ein rostrotes Blatt aufspießte, was die meisten Menschen nie über Sex wissen wollten – und nur wenige als schrumplige Wahrheit entdeckt haben:

Sexuelle Begierde, oder auch schlicht „Lust“, ist nichts weiter als der Ausdruck eines intellektuellen, psychischen oder emotionalen Defizits.

Sex haben kann jeder – ganz unabhängig von IQ oder sozialen, ethischen, moralischen oder materiellen Werten.

Sex wollen ist eine intellektuelle Entscheidung, die ein gewisses Maß an intellektueller Eigenständigkeit verlangt. Wenn du die nicht hast, fehlt dir ein Universum an Dimensionen, folglich bleibt dir nur die eine.

Frage: Wenn dir morgen jemand einen Deal anböte: 10 Jahre ohne Sex und dafür den Pulitzer Preis? Den Literaturnobelpreis?

Also ganz ehrlich: ich würde keine Sekunde zögern….!

Einfach nur entspannen.


„Du solltest einfach entspannen“. Sagte sie zu mir.

„Tu ich doch!“

„Wie denn das?“

„Na ich lese. Oder schreibe. Oder zeichne.“

„Das meine ich nicht. Entspannen heißt nicht, etwas anderes tun. Entspannen heißt  NICHTS tun.“

„Ach. So.“

„Ja.“

„Und wie mache ich das? Zum Beispiel?“

„Ganz einfach. Wenn du gehst, also läufst, dann achtest du auf deine Schritte. Und deinen Atem. Tief und gleichmäßig.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts. Du denkst nicht an deine Arbeit, entwirfst keine Einkaufsliste und auch keinen neuen Roman. Du schreitest und atmest. Ganz einfach.“

„Na wenn das alles ist!“

Ich verabschiede mich von ihr. Gehe die Treppen hinunter. Zur Tür hinaus. Achte auf den Gehsteig und auf meine Schritte. Atme tief und gleichmäßig. So einfach ist das.

Vor mir geht eine Frau, mittel jung mittel dünn mittel schnell. Zündet sich beim Gehen eine Zigarette an.

Ich achte auf meine Schritte. Wieder. Und auf meinen Atem. Hole tief Luft. Rieche den Rauch atme den Rauch huste den Rauch. Achte nicht auf meinen Atem, sondern auf die Zigarette vor mir.

„Das ist wieder so typisch ich. Da will ich entspannen. Ganz einfach. Auf meine Schritte achten und auf meinen Atem. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Und dann raucht da so eine vor mir. Und aus isses mit der Entspannung.“ Erzähle ich ihr bei nächster Gelegenheit.

„Und was hast du da gemacht?“

„Wie, was habe ich gemacht. Nicht entspannt, jedenfalls. Konnte ich ja nicht mehr. Nicht meine Schuld.“

„Klar. Aber. Warum hast du nicht einfach die Straßenseite gewechselt?“

Ganz einfach.

Kleider machen Urlaub 1.0


Die Scheinwerfer schneiden das Ahrntaldunkel in drei Scheiben. Alles was du von der Bergwelt draußen siehst, ist gelbgeränderter Asphalt und, in den Kurven, Straßenmarkierungen links und rechts. Aber du riechst den Herbst, der von den Gipfel still ins Tal hinunterschleicht, du riechst den würzig wilden Atem, mit dem der erste Schnee den letzten Almblüten ein Schlaflied sing. Dann bist du da. Vertraute Laute fremde Stufen eine Tür. Licht flutet einen klaren Raum. Aus hellem Holz ein Bett, ein Schrank, Nachttischchen, Deckenlampe und ein Kreuz, polierte Bodenbretter. Die Nacht versteckt sich hinter grünem Leinen. Du stellst den Koffer ab. Sein grau-orangefarbenes Plastik ist geduldet, nicht daheim, in diesem Alpenzimmer. So wie ich. Am Boden kniend ziehe ich den Reißverschluss von recht nach links rund um den Kofferbauch und klappe seine beiden Hälften auf. Wie ein tranchiertes Hendl sieht er aus, mit Paprika und krosser Haut. Und innen ziemlich leer. Zwei Tage Ruhe sind nicht viel für meinen überlauten Kopf. Zu wenig um mit Kleiderfragen vollgestopft zu werden. Hose, Hemd, Rock, Bluse Schuhe. Socken.  Mit Bedacht öffne ich die Flügeltüren an dem großen Kleiderschrank. Zehn Bügel baumeln da mit leicht gespreizten Armen, wie zum Willkommensgruß der fremden Kleidungsstücke.  Ich lege beide Hände unter die längs gefaltete Jodpurhose. Ihr kühles Schwarz fließt über meine Finger und schmiegt sich in perfektem Kontrast an den Bügel. Das Blütenkleid, das sich so gerne um mich legt wie eine zweite Haut, hänge ich daneben. Die blaue Sommerbluse und den Hauch aus weißer Gaze, wir beide werden frieren, in der Morgenluft……..

Grenzliniengängerinnen haben auch Freunde.


Das Leben ist einfach nicht  zweifach.  Da werden Grenzen nicht ungeschoren verschoben.

Mehrfach daneben gelegen ist viel zu weit ab vom Schuss. Golden geht dann auch nicht mehr.

Bleibt die Zigarette. Kratz im Hals. Brennt auf der Haut.

Alles brennt. Der Wodka die Glut die Nacht das Gestern. Einsamkeiten zu zweit und allein.

Morgen liegt hinter verbrannten Brücken. Asche schmeckt bitter nach Blut.

Hoffen ist leichter als wagen. Versagen liegt näher als Mut. Was tut da noch gut? Mit drei Promille den Rettungsweg finden.

Verschiedene Grenzen verschieben.  Sich michdich.

Echtheit


Du sitzt am PC, so intensiv, wie wahrscheinlich früher kein Mensch an der Schreibmaschine saß. Allein die Tatsache, dass drei Durchschläge mit Kohlepapier zwischen deinen Gedanken und der Druckerschwärze lagen, zwang zur Prägnanz. Heute ist die Intensität vor allem der Omnipräsenz gewidmet, nicht so sehr der Qualität. Wie viele Seiten hast du auf? Wie viele tasks übst du multifähig aus?

Du sitzt und schreibst, bevor du denkst. Du tippst und lenkst deine Träume über den Bildschirm hinaus.

Da schleichen vier Pfoten ins Zimmer. „Mauu“ macht es leise am rechten Stuhlbein, ein weicher Buckel schicbt sich dir entgegen. Ein hungriger Kater. So einfach ist das Leben.