Auch nur ein MANN


Hund/e
P

Jeden Morgen das gleiche Spiel. Du wachst vor mir auf. Bleibst trotzdem liegen. Im wohligen Halbschlaf grunzt du ab und zu, dein Herz schlägt gleichmäßig unter dem warmen Pelz auf deiner Brust. Du bist eine haarige Angelegenheit, durch und durch,  aber das wusste ich ja. Oder hätte es wissen können, wäre ich nicht dem Charme deiner braunen Augen erlegen.

Erst wenn ich mich endlich aus den Laken schäle, rappelst auch du dich auf. Gähnst herzhaft, streckst dich und schaust mich erwartungsvoll an. Sonst nichts. Sobald ich aufstehe, folgst du mir. Du oder ich, wer gewinnt den Wettlauf ins Bad? Ich. Aber dann du stehst vor mir, drängelnd,  und kannst es kaum erwarten, bis ich die Klospülung drücke. Der Weg in die Küche wird zum Spießrutenlauf. Kaffee kochen, Milch heiß machen, alles unter deinem wachen, aber trägen Blick. Du hängst an mir, ich weiß. Und habe ich mir das nicht immer gewünscht? Nie wieder auf Platz 2 liegen hinter  Job, Computer oder Sport. Nie wieder nur die Alternative sein zu Mutters Wachmaschine oder dem Stammplatz beim Billig-Italiener. Die sprechende Version von Air Doll, die Putzfrau ohne Sozialversicherung. Die Nachtchauffeuse.

Du warst der letzte Versuch. Neuanfang und Kapitulation in einem. Ja. Du brauchst mich. Aber das wird mir jetzt zur Last. Deine Blicke sind wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Ich kann dir nicht entfliehen. Du folgst mir, wo ich gehe und stehe. Du vergötterst mich. Aber du kannst so lange mit deinem zugegeben langen Schwanz vor mir herum wedeln, wie du willst. Das macht mich nicht an. Du forderst mich nicht heraus. Du rufst mich ab. Ich soll für dich da sein. Tag und Nacht. Gut, ich hatte sie satt, die einsamen Couch-Wochenenden mit Celluloidträumen aus der Videothek. Jetzt weiß ich, dass ich weder Holly Golightly bin noch Lara Croft. In mich verliebt sich niemand bedingungslos. Auch du nicht.

Ich wollte nie mehr allein im Englischen Garten spazieren gehen und mein Gesicht hinter einem Liebesroman verstecken, jedesmal, wenn ein Pärchen an meiner Bank vorbeischlendert. Es stimmt, diese Zeiten sind nun vorbei! Ich habe keine Minute mehr, um Liebesromane zu lesen. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Video ausgeliehen habe. Du erfüllst meinen Tag von morgens bis abends. Du willst meine Aufmerksamkeit, und wenn ich sie dir verweigere, wirst du brutal. Meine Kaschmirweste hast du zerrissen. Meine Armani-Jeans zerfetzt. Von den Flecken auf dem Wohnzimmerteppich will ich gar nicht anfangen. Natürlich, ich war schuld. Ich bin immer schuld. Auch jetzt. Hör auf, mich so  anzustarren. Verdammt noch mal. Siehst du nicht,  dass ich noch im Pyjama bin? Darf ich wenigstens erst meinen Milchkaffee austrinken?

Jetzt reicht`s! Hau ab! Hier ist die Tür! Verschwinde. Und komm erst wieder, wenn du alles gemacht hast. Du Mistvieh, du nerviges. Hätte ich mir nur ein Weibchen geholt, beim Hundezüchter.

So – das habe ich letztes Jahr geschrieben. Das ironische Lächeln klebt mir wie Eiszapfen am Herzen. Nein, ein Mistvieh war er nie. Eher ein Schatten, der auf meiner Erinnerung liegt, jetzt. Und fehlt. Mir. Uns. Sogar der Kater sucht auf dem Sofa, dem Bett, dem Teppich, der Terrasse mit tierischem Gespür die Plätze, an denen er lag.

Ja, ein Weibchen wird es sein, das nächste Mal. Aber sicher nicht vom Züchter. Eher vom Sonnenhof. Aber ein Ersatz? Niemals.

Sturz ins Bodenlose


Sturz ins Bodenlose

Sommerkrimi. Ab sofort zum kostenlosen Download  im Sony-Reader-Club.

Sturz ins Bodenlose

Es sollte ein Neuanfang werden. In einer neuen Stadt, mit einem neuen Job und einer neuen Liebe. In München wollte Iva Brenner alles hinter sich lassen, den despotischen Vater, den Krebstod der Mutter, die gescheiterte Ehe. Aber dann holt sie die Vergangenheit ein. Und in der trügerischen Idylle des Landsberger Sommers durchlebt Iva ihren ganz persönlichen Psycho-Thriller.

Lust zu Lesen? Hier ist der Link: https://reader-club.sony.de/web/guest/leseproben

Und noch etwas: Keine Angst vorm dicken Schmöker: es ist ein KURZ-Krimi 🙂 !

In den Hundehimmel


Ich sperre die Tür auf und Stille stürzt mir aus dem Haus entgegen.

Aus dem Augenwinkel streife ich das glänzende Parkett neben der Bibliothek und blanke Leere verdunkelt mir die Sicht.

Ich steige die Treppe hinauf und die Breite der Stufen ohne drängelnde Schnauze an meinem Knie hemmt meinen Schritt.

Ich sitze am Schreibtisch und hinter mir auf dem Sofa schnaufen die Kissen. Ich stehe in der Tür und auf dem Gästebett räkelt sich Hundegeruch.

Keine Samttatzen, die auf den Boden tapsen. Kein Sechsuhr-Freudengeheul, das den Abendnapf grüßt. Kein verhaltenes Knurren, das den Kater vom Sofa verjagt.

Die Körbchen im Keller, die Leinen im Schrank, die letzten Leckerli landen im Müll.

Erinnerungen verschlucken die Worte. Kein Satz groß genug für so viele Momente. Leise trauere ich auf meine Weise um einen Begleiter.

As time goes by: vergangene Welten


Die Koffer sind gepackt. Nichts vergessen? Zahnbürste, Unterhosen, Sonnencreme – du weißt, deine Haut ist empfindlich…. Kind…. Viele fremde Stimmen, hohe tiefe schrill vor Aufregung oder flach vor Rührung. Unruhiges Wuseln und Plätzesuchen. Jeder will ans Fenster, alle auf die hintere Bank. Eltern winken, Kinder grinsen, Augen leuchten oder glänzen tränenfeucht.

Eine Woche ohne Kind! Eine Woche Fernverantwortung, allerhöchstens. Und am nächsten Samstag dann ein lautes Wuseln, müde Kinderaugen, glücklich sonnenbraunes Lachen und so viel Matsch und Sand im Zeltlagergepäck.

Vor zehn Jahren habe ich meinen Sohn das erste Mal dorthin begleitet. Auf den Bus gewartet, Brote in die Hand gedrückt und dann gehofft, dass alles gut geht. Dass er Spaß hat. Freunde findet. Heute morgen packe ich wieder. Gummistiefel Regenjacke und – ungebeten – den Namen der Rose – in die Tüte. Fahre zum Treffpunkt, stelle die Tasche ab. Vermeide die Blicke der anderen Eltern. Neugierig, fragend, uninteressiert. Mutter? Oma? Leiterin?

Sie waren vor zehn Jahren eine freie Woche lang die Superhelden. Jungs und Mädels, 17, 18, lange oder kurze Haare, lässig cooler Gang, Dreitagebart und Stirnband, mit Ohrring, viele, und dann dieser leicht verpeilte Blick. Einmal nur allein mit ihnen reden. Wow. Das war das größte für die kleinen Zelter. Vor zehn Jahren beschlich mich angesichts der kaum erwachsenen Betreuer ja so mancher Zweifel. Den verpeilten Blick kannte ich gut – auch den Geruch nach Gras. Und Bier.

Heute fährt er selbst am Vortag durch den Regen, baut die Zelte auf. Nimmt die Kiddies in Empfang. Und ist ihr Held, für eine freie Woche zwischen Bergen, Wald und Wildbach. Nur ich eile immer noch am Sonntag an den Sammelpunkt. Verloren zwischen neugierigen Elternblicken. Trage ihm die Tasche nach mit allem, was er so vergessen hat.

Nicht mehr  nur eine Woche ohne „Kind“.

Ein ganzes Restleben ohne Verantwortung für Sonnenbrände, Kinderkummer, aufgerissene Knie.

Es ist ok.

Aufatmen


Morgens Himmelblau mit Sahnewolken. Sonnenflecken tanzen auf den Ahornblättern, die Katze spielt mit unreifen Walnussschalen im taugrünen Gras.

Meine Mutter fühlt sich wohl, daheim. „Ich war viel zu lange weg. Jetzt habe ich so viel zu ordnen. Von morgens bis abends!“ Trockenes Laub zwischen den Steinen, alte Werbeflyer, Tageszeitungen, Plastiktüten, Bügelwäsche von vor sieben Jahren. Gemüse im Kühlschrank. Tag und Nacht. Solange sie ordnet, lebt sie. Gut. Sie ruft mich an, irgendwann und immer wieder neu, voller Freude über ihr großes Haus und den riesigen Garten. „Was machst du denn damit, Mum?“ „Was man eben macht, mit Haus und Garten.“ „Ja, was denn?“ „Ach, das muss ich dir doch nicht erzählen, oder? Und jetzt hab ich zu tun. Ciao.“

Der Hund hat das Gästebett erobert. Ich habe die Papiere geordnet, die dort lagen, in Haufen. Werbeflyer, Tageszeitungen. Plastiktüten. Alles weg. Manchmal schnuppert der große weiße Hund an der frisch gewaschenen Tagesdecke. Er riecht wie sie, irgendwie. Noch ist die Leere heilsam.

Später türmen sich die Sahnewolken zu bedrohend schwarzen Himmelsbergen. Hagelkörner schlagen ein, die Katze flüchtet in den Keller und der Hund ins Gästebett.

Spätestens wenn die Blätter welkend auf die Gräser segeln, wird sich der Genuss in Trübsal wandeln. Wir das Haus zu groß, zu leer, der Garten eine Bürde. Wird meine Mutter tagelang im Bett dem Tod entgegen sinnen, im Dialog mit meinem toten Vater auf dem Nachttischfoto. Dann werde ich, eines frühen Abends, wie ein Retterritter angefahren kommen, schnell ein paar Klamotten in den Koffer werfen, diesmal nicht vergessen, den neuen Kühlschrank auszuleeren, und sie mit nach Hause nehmen. Zum Friseur, zu Hund und Katze und dem frisch bezogenen Gästebett.

Später. Aber noch ist Sommer. Gartensommer. Herzensommer. Atemsommerpause.

Zu allein vorm Haus


Schaukelbaum

Der Himmel weint um dich, Celia. Schau, du kannst die dicken Tropfen sehen. Kannst du nicht. Schau, der Schaukelbaum. Wie ein Käfig der Sitz. Ein goldener Käfig  aus filigranrosa Streben. Nur deine Gedanken flogen hoch hinaus, Celia. Du selbst warst doch festgebunden an diesem Ast.

So allein, Celia. Der Vater im Stall, die Mutter im Garten. Dann kam ich. Hab dich aus deinem Käfig geholt. Warum fliegst du nicht? Mehr.

Loslassen. Ziehen lassen. Zurückbleiben.


KinderschildEs regnet aus nachtdunklem, gewitterschweren Himmel. Die Rücklichter blitzen wie ein schnelles Lachen, dann ist er weg. Knapp vierhundert Kilometer trennen ihn von dem Wünscheort seiner Kindheit. Der Zuflucht vor Elternstreit und Schulgelächter. Von dem Sofa mit der rein wollenen Decke, dem Allerlieblingsessens-Tisch. Der Märchenmarypoppins seiner Kindheit. Telefonseelsorge, Kummerkasten, Mutmachfrau.

Heute fährt er in die Nacht, gleich doppelt. Zum ersten Mal allein. Und nicht als Gast. Als Kind. Als Schützling. Heute fährt er Richtung Großmama, um aufzuräumen, um zu helfen, um das Chaos zu bannen, wieder monatsweise. Um ein Feuer zu entfachen, ganz weit hinten im dem großen Garten, wo die Tannen nicht mehr hänselgretelhoch über ihm ragen, sondern nur noch Bäume sind mit altem Astwerk, trockenen Nadeln.

Vielleicht erinnert er sich an die Lagerfeuer mit dem Stockbrot und den Steckerlwürstchen, sicher weiß er noch, wie er die Sommertage zwischen Schwimmbadrutsche und Erlebnispark verteilte. Hinten auf dem Kindersitz. Heute sitzt er selbst am Steuer, froh, dass sie ihm das Auto heil und kampflos übertragen hat. Und wird sie morgen durch die Dörfer fahren.

Erwachsen werden heißt, Verantwortung erkennen und nicht vor ihr fliehen.

Ich sitze hier. Die Mutter macht derweil im Omahaus zum x-ten Mal die Gästebetten fertig, schimpft mich herzlos, weil der Enkel nachtfährt, ausgerechnet. Ich sitze hier und schreibe, weil ich lieber neben ihm gesessen wäre. Vor mir sorgenfaltig lange Stunden. Und weiß dabei, dass ich ihn fahren lassen muss, damit er ankommen kann, in seinem eigenen Leben.

Maige(t)witter


Legorote Dächer ducken sich, schieferblau erdrückt vom Himmel. Strecken Schornsteinarme mit Antennenfingern in die Luft. Um hochgespannte Seile wirbeln rote gelbe grüne Blätter. Sturmtanz, doch die Vögel zwitschern.  Noch. Jetzt beginnen auch die Kronen alter Fichten sich zu wiegen. Vor dem Haus mein kleiner Ahorn winkt mir zu. Schneller schneller pfeilen Frühheimkehrer kreuz und quer nach Hause. Der Asphalt brennt unter ihren Reifen. Nacht schiebt sich heran, von Westen. Vor den ersten Blitzen zucken meine Lider. Donner schlägt den Takt, die Windsbraut ruft. Ich komme!

Parkplatzer


Weltuntergangsgestimmt fahre ich zu einem Heimwerkermarkt. Nein. Nicht, um nach haltbaren handgeknüpften Seilen zu suchen! Ich brauche eine Bank. Oder einfach Ablenkung.

Es gelingt mir wirklich – und das ist ob meiner immer eingeschränkteren Sehschärfe gar nicht selbstverständlich -, die in Plastik eingeschweißten Rohholz-Einzelteile durch den Kassengang, vorbei an rankenden Orchideenarmen, schwankenden Holzkohlehalden und kaufunschlüssigen Kunden bis zum Auto zu balancieren. Auch das Einpacken funktioniert, ohne dass ich dabei wesentliche Lackschäden verursache.

Misstrauisch beäuge ich den Parkplatz. Ich bin halt schlicht schlecht drauf, heute. Hoffentlich komme ich elegant aus der Lücke. Das scheint sich auch der Fahrer des glänzend schwarzen Mercedes-Coupé zu denken, der neben mir einparken möchte und ganz offensichtliche Vorurteile gegenüber weiblichen Fahr- und Parkqualitäten hat. Seine Frau neben ihm schaut derweil fest geradeaus, prüfend und besorgt. Was mich erstaunt. Zunächst. Aber dann erkenne ich schnell den Grund. Bzw. ich höre ihn. Klonkklonk macht es, und RRRaTTsch. Der Mercedes steht in der Parklücke neben mir. Und wie. Das ratschende, kratzende Geräusch entstand beim Kontakt des aufwändigen Frontspoilers mit der zehn Zentimeter hohen Parkplatzbegrenzung aus baumarktüblichen Betonsteinen.

Ich kann nicht anders. Ich muss grinsen. Da trifft mich der Blick seiner Frau. Sie fängt mein Grinsen auf und lacht zurück. Herzhaft und schwesterlich schadenfroh.

Ist doch gar nicht so schlecht, dieser Tag voll weiblicher Solidarität!

Micromoments


ShivastreetEs stimmt nicht. Sonnenschein und blauer Himmel sind keine gute-Laune-Garanten. Ebensowenig wie blühende Blumen, grünende Gräser und schwärmende Schwalben.

Wenn du dich fühlst, als wäre deine Haut ein helles Gewand und innen wärest du schwarz ausgekleidet, ganz, dann duften die Wiesen nach Moder, die Singvögel flöten zum Trauermarsch und die Luft liegt schwer auf deinem Atmen.

Schwüle breitest du aus um dich. Doch dein Gewitter lauert auf Entladung. Wirst du aus dir fließen? Oder eine Seite weiter blättern und die Dunkelwolken UnterSchlagen?