AdventsKalender MiniKrimi vom 4. Dezember


Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Allerdings reitet er nicht – er fährt, in einer „Kutsche“ mit vielen Pferdestärken. Er fährt schnell, zu schnell. Und das Kind, das angeschnallt im Beifahrersitz versinkt, schaut mit Schrecken auf die am Autofenster vorbeiziehenden Nebelstreifen. „Mama!“murmelt es. „Mama?“ fragt es. „Mamaaaa!“ ruft es. „Sei still. Wir rufen Mama an, wenn wir da sind. Wir wollen sie doch überraschen, nicht?“, antwortet der Vater. „Ich will sie aber nicht überraschen. Ich will nicht wegfahren. Ich will wieder nach Hause!“ „Schluss jetzt! Sei endlich still! Ich muss mich konzentrieren!“ Der Vater ist genervt. Er hatte sich das einfacher vorgestellt. Zu einfach, offenbar. Er hatte gedacht, nachdem er ein Jahr gebraucht hatte, um den Aufenthaltsort seiner geschiedenen Frau herauszufinden, würde alles andere ein Spaziergang werden. Mit einer gefälschten Unterschrift das Kind aus dem Hort abholen. Ihm zu erzählen, sie würden zu den Großeltern fahren und der Mama eine Katze mitbringen. Eine, die genauso aussieht wie Polo, der Kater, der auf die Straße gelaufen war bei ihrem letzten großen Streit. Direkt vor ein Auto. Und dann weiterfahren, immer weiter, über eine Grenze und noch eine. Dahin, wo sie ihn und das Kind nicht finden wird.

Aber jetzt ist alles anders. Das Kind will zurück, will nicht zu den Großeltern, will nicht bei ihm bleiben. Mit ihm fahren. Der Wind wird immer stärker, der Nebel immer dichter. Die Straße ist glatt. Das Kind quengelt. Er hat schon seit Stunden nicht mehr geraucht. Dann sieht er das Schild. „Da fahren wir raus“, sagt er und gibt Gas. „Nein“, ruft das Kind und hämmert mit seinen kleinen Fäusten auf ihn ein, unvermittelt. „Nein, ich will Mama anrufenl“ Er versucht, den Wagen unter Kontrolle zu halten. Vergeblich.

„Hallo! Polizei? Gott sei Dank, dass Sie anrufen. Sie haben meinen Sohn gefunden?“

Adventskalender-Minikrimi vom 2. Dezember


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Zug um Zug
Dass es einmal so hatte kommen müssen, war ihr schon lange klar geworden. Sie wusste, sie musste die Weichen stellen, um ihr eigenes Leben nicht in Gefahr zu bringen. Und sie wusste auch, dass sie dabei keine Rücksicht auf die Konsequenzen nehmen konnte. Heimlich hatte sie den Fahrplan auswendig gelernt, um mit möglichst geringem Aufwand den maximalen Grad an Zerstörung zu erreichen. Ein letzter Blick auf die Häuser vor ihr, so schön mit dem feinen Fachwerk und den spitzen roten Giebeln. Und die Brücke, verwitterte Steine über dunkelgrünem Wasser. Eine kunstvolle Landschaft. Schade drum! Schade auch um die Menschen auf dem Platz vor der Brücke, die Kinder mit Schulranzen, die Frau mit dem Fahrrad. Aber egal. Was sein muss muss sein. Sie holte noch einmal tief Luft, und genau in dem Moment, als die Dampflok und der Fernzug auf der Brücke auf einander zu fasten, drückte sie den Knopf. Alles wirbelte durch die Luft, Häuser Züge Figuren.

„Die Scheißanlage wird uns die gemeinsame Zeit nicht mehr kaputt machen, Schatz. Und morgen fahren wir in die Berge. Die echten!“, murmelt sie. Und strahlt.

AdventsKalender-MiniKrimi vom 1. Dezember


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Der wahre Tatort

Der Sonntagabend ist mir heilig. Tatortzeit. Vorher noch schnell die Rolläden runterlassen, schließlich ist es draußen bitterkalt. Und stockdunkel. Plötzlich wird der Garten nebenan in gleißend helles Scheinwerferlicht getaucht. Eine Gestalt macht sich am Tomatenbeet zu schaffen. Ich gehe näher ans Fenster. Schaue hinab. Es ist der Neue aus der WG. Mit einem großen Spaten schlägt er die gefrorene Erde auf. Schon türmt sich ein großer Haufen neben dem Beet. Sieht aus wie ein Grabhügel. Sauberes Bürschchen, denke ich. Erst erwische ich ihn, wie er sich an meinem Streusalzeimer in der Garage zu schaffen macht. Ganz offensichtlich will er mein Streusalz klauen will. Dann macht er ein Riesentheater, als ich das Säckchen wieder in meinen Salzeimer ausleere.

Und jetzt das! Wahrscheinlich hat er seinen Mitbewohner umgebracht. Nicht nur ein Dieb, sogar ein Killer! Ha, der glaubt, hinter den meterhohen Hecken sieht keiner, was er treibt. Außer mir. Ich werde ihn stellen. Mit dem Fotoapparat in der Hand schleiche ich aus dem Haus um die Garage.

„Herr Nachbar, ich hab’s gewusst. Ihre Neugier bringt sie nochmal um. Eigentlich schade um die Ladung „Salz“.“ Ich höre seine Stimme, ich spüre einen Stich. Dann explodiert die Nacht, und ich stolpere in mein frisch ausgehobenes Grab.

Seit wann liegt Pisa in den Alpen?


Mein großer Traum: einmal eine Rallye mitmachen. Am liebsten den Baltic Sea Circle, 16 Tage ohne Sonnenuntergang bis zum Polarkreis und zurück. Fast hätte ich es dieses Jahr versucht. Aber dann kam das Leben dazwischen. Deshalb ziehe ich meinen imaginären Hut vor denen, die sich auf die Rallyepiste machen. Und helfe, wenn ich kann. Vor allem, wenn es um einen guten Zweck geht. Einmal Europa rauf und runter, von München über die Spanische Wüste bis nach Amsterdam. Wer gewinnt, tut das, um zu helfen. Das Team Roadrunner unterstützt die Deutsche Lebensbrücke mit Sitz in München. Eine der Aufgaben lautet, ein Foto vom schiefen Turm von St. Moritz in die Medien zu bringen. Et voilà: hier ist Eure Bild. Und ich wünsche Euch gute Fahrt und einen guten Platz! Chapeau!

pisa-smUnd zur Auflösung des Titel sei abschließend noch erklärt, dass St. Moritz, ebenso wie Pisa, ganz offensichtlich einen Glockenturm hat, der schief steht……

FallTäglichkeiten


Ich stehe in der Pizzeria, die Münchens beste Holzofenpizza macht. Nein, nicht die, die Sie meinen. Und nein, auch nicht Ihre. Nicht die im Lehel, nicht die auf der Leo und nein, ich bin sicher, auch die andere nicht.

Die Pizzeria, die dem Urteil meiner italienischen Geschmacksknospen nach die beste Pizza der Stadt zubereitet, liegt im Münchner Westen. Sie gehört zu einem aktiven Sportverein, weshalb Gastraum und Garten immer sehr gut frequentiert sind. „Der Laden brummt“, mit einfachen Worten. Also stehe ich zweimal in der Schlange, einmal, um die sagenhafte Pizza zu bestellen, die mein Abendbrot zum Highlight des Tages werden lassen wird. Und dann, um sie abzuholen. „Quasi pronte“, sagt der Kellner, was wörtlich übersetzt bedeutet: „fast fertig“, tatsächlich aber meint: „Der Pizzabäcker wird die Pizze in den nächsten 10 Minuten belegen, nach weiteren 10 Minuten holt er sie aus dem Ofen, und dann brauchen wir noch maximal 5 Minuten, um sie einzupacken. Sie können ja schon mal zahlen“. Sie glauben mir nicht? Der Beweis: der Barista stellt mir lächelnd ein Glas Prosecco auf den Tresen, um mir das Warten zu versüßen.

Über den Glasrand schaue ich auf die Gäste. Eine bunte, nicht unbedingt absolut sportfanatische Mischung. Das bauchige Ehepaar mit den Lasagne kam ganz sicher nicht direkt von der Aschenbahn. Der rotbackige Junge im Trainingsanzug schon eher. Da geht die Terrassentür auf – und herein kommt das Protopaar des bourgeoisen Stadtteils. Zwei Jungyuppies wie aus dem Münchner Bilderbuch. Weidenrutenschlanke Stengelbeine, eingehüllt in Designerjeans, darüber Markenstrick und ein dünn gezeichnetes Lächeln. Der Gang zwischen den Tischen ist schmal, aber es ist offensichtlich, dass die beiden nicht  – nur – deshalb aneinander kleben, als ihn wie einen Laufsteg Richtung Tresen entlangschweben. Ein strahlendes Blickpaar in die Runde, gefolgt von einem Kuss mit geschürzten Lippen. Unwillkürlich suche ich nach der versteckten Kamera. Das kann nicht authentisch sein. Da kommt der Kellner aus der Küche, gekonnt balanciert er meine drei Pizzakartons auf den Fingerspitzen der rechten Hand. Er streckt sie mir entgegen, und ich greife danach,  hungrigfröhlich lächelnd.

„Halr“ ruft da eine erstaunlich feste Stimme. Passt gar nicht zu dem zarten Mädchen mit dem casual hochgesteckten Blondhaar. „Das sind unsere Pizzen! Oder, Schatz?“ Unsere! Pizzen! PizzEN! Offenbar gehören die beiden nicht zur Lago di Monaco-Fraktion. Ich bin so platt, ich sage nur: „Ich hab die vor ner halben Stunde bestellt.“ „Wir auch! Das sind ganz sicher unsere“, keift  das Mädchen gesittet und schnappt dem verwirrten Kellner die Kartons einfach aus der Hand. „Wir können ja reinschauen“, schlage ich vor, und könnte mich gleichzeitig in den Hintern treten. Mein Gutmenschentum sollte wenigstens vor einer heißen Pizza kapitulieren – zumal ich sie kalt einfach nicht essen kann. Der Freund zieht die dunklen Augenbrauen in die Höhe und die ganz offenbar permanent behandelten Lippen nach unten. Seine Freundin zögert kurz, um dann huldvoll zu nicken. Der Kellner lüftet den obersten Deckel. Pizza Parma. „Meine“, sage das junge Mädchen und ich gleichzeitig. Also die nächste. „Monte Bianco“. „Sowas hatten wir aber nicht bestellt, Schatz“, flötet es neben mir. Aber ich höre schon nicht mehr hin, packe die Pizze und marschiere zur Tür. Dort drehe ich mich noch ein letztes Mal um. „Wenn die jetzt kalt sind, wegen Euch, dann geht die nächste auf Eure Rechnung“, zische ich. Und gehe, ohne die Reaktion auf meinen zugegeben schwachen Abgang auch noch abzuwarten.

DAS ist München. Während ich daheim mit vielen ausschmückenden Adjektiven erzähle, warum sich die Pizza-Auslieferung verzögert hat, wird meine Monte Bianco noch kälter, der Käse gummiweich und der Rand zäh und labbrig.

Nächstes Mal esse ich die Pizza wieder vor Ort. Oder ich wechsle die Pizzeria. Wie war noch mal die Adresse von Ihrer Lieblingspizzeria?

 

WeiseN


Nicht nur Kindermund tut Wahrheit kund. Auch demente Menschen sagen oft Weisheiten und sehen die Welt aphoristisch.

„Die Welt ist sehr groß“, sagte meine Mutter heute im Gespräch mit der Logopädin. Und dann, auf die Bitte um eine Erklärung: „So groß, dass wir nicht wissen, was am Rand los ist“.

 

 

Hat Sankt Florian versagt?


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„Heiliger Sankt Florian, verschon‘ mein Haus, zünd‘ and’re an“. Das „and’re“ steht heute Abend in München. Ich habe immer wieder gesagt, dass wir hier keinen Bonus haben, weder einen touristischen noch einen humanitären. Und jetzt hat es in München eine Schießerei gegeben. Zufällig sogar ganz in meiner Nähe. Ganz zufällig bin ich heute Abend nicht ins „OEZ“ gefahren, nicht, weil ich eine Vorahnung gehabt hätte, sondern weil ich zu müde war. Alhamdulillah!

Ich finde, es ist nicht die Zeit für Mutmaßungen, für Spekulationen, Hypothesen oder Beschwichtigungen. Ich will kein Öl auf’s Feuer gießen und kein Wasser. Es ist das erste Mal, das ich mich in vermutet sicherer Nähe – vermutet, da die Täter flüchtig sind und sich theoretisch überall aufhalten können – eines Terroranschlags befinde. Denn ein Terroranschlag ist es ganz sicher. Wenn jemand mit einer Langwaffe wahllos um sich schießt, ist das Terror. Mit völlig unbekanntem Hintergrund, derzeit. Es könnten Islamisten sein oder Rechtsradikale, Psychopathen oder Mafiosi. Lediglich die extreme Linke schließe ich mal a priori aus – die Besucher des OEZ sind weder geldig noch einflussreich, sie sind zu 70% und mehr Ausländer, also nicht die klassische Zielgruppe der Linksterroristen….

Ich habe die Rollläden heruntergelassen, im Erdgeschoss. Ich habe Garten- und Haustüren abgeschlossen und den Dachstrahler angemacht, um die Terrassen taghell zu beleuchten. Ich bringe die Hunde nicht zu ihrer Abendrunde und sitze in einer selbstgebauten Falle. Und dennoch fühle ich mich sicher nicht im Ansatz so wie viele meiner Freunde und Bekannte. Ich habe niemanden verloren, heute Abend. Ich bin nicht direkt bedroht worden. Mein Haus wurde nicht beschossen. Ich habe maximal Angst vor drei flüchtigen Mördern und muss weder ein mörderisches Regime noch hochgerüstete Terrormilizen fürchten.

Ich bin entsetzt. Über die Tat. Über mich und meine Reaktion. Ich bin überrascht. Über die Nachfragen aus aller Welt, binnen Stundenfrist. Erleichterung, dass es mir gut geht. Entsetzen über das, was geschah. Ausgerechnet in München. Ausgerechnet? Ich bin unendlich traurig und sehr besorgt. München hat mit beispielloser Herzlichkeit Platz geschaffen für Tausende von Flüchtlingen, im vergangenen Jahr. Räumlich, aber auch in den Köpfen und Herzen der Menschen. München hat Pegida die Stirn geboten und rassistischem Gedankengut eine bunte Mauer entgegengestellt. Eine Mauer aus Bürgern, Politikern, Vertretern von Kirchen und allen relevanten Institutionen der Stadt.

Und jetzt? Noch ist nicht klar, wer den Anschlag auf das belebte und beliebte Einkaufszentrum geplant und ausgeführt hat. Aber ich habe Angst, dass, ganz unabhängig vom Fortgang der Ermittlungen, das Klima der Offenheit, der Hilfsbereitschaft, der Barmherzigkeit gegenüber Menschen auf der Flucht dieser Terrortat zum Opfer fallen wird. Menschen, die vor Tod und Verfolgung zu uns kommen und nicht verdient haben, auch hier unter Generalverdacht gestellt und verfolgt zu werden. Damit wirft der Horror einen Schatten, dessen Länge noch nicht einzuschätzen ist.

München ist eine Stadt mit vielen dunklen Vergangenheitsflecken, angefangen bei ihrer Rolle als Hauptstadt der  Bewegung, über die Attentate während der Olympischen Spiele 1972 und des Oktoberfests 1980 bis hin zum laufenden NSU-Prozess. Ich hoffe, dass die Menschen in dieser Stadt aufgrund ihrer kulturellen, religiösen und emotionalen Vielfalt resilient ist und dem Anschlag auf das OEZ mit großer Menschlichkeit begegnet, mit tiefer Trauer und echtem Mitgefühl. Aber nicht mit Hass. Heute jährt sich der beispiellose Amoklauf des Anders Breivik. Norwegen hat mit seiner Reaktion darauf einen Meilenstein gesetzt im Umgang mit solchen Taten. Es ist schrecklich, wieviel Leid einzelne Individuen binnen Sekunden zufügen können. Physisches Leid. Seelisches Leid.

Wir wollen diesem Leid nicht auch noch die Genugtuung der Täter hinzufügen, Grundwerte unserer Gesellschaft getroffen und außer Kraft gesetzt zu haben.

Wir sind nicht München. Wir sind Münchner. Wir sind Menschen. Das wollen wir bleiben. Mit allem, was uns ausmacht. Mit.Menschlichkeit. Vorverurteilung und Fremdenhass gehören nicht dazu.

Adventskrimi vom 22. Dezember


Die Keule

Hmm, wie das duftet! Andreas liegt auf der Couch und genießt die Fußballbundesliga, ein Glas Chardonnay vor sich auf dem Tischchen, die Flasche im Kühler in Reichweite.

„Was für ein Glück, dass ich bei Marion geblieben bin“, denkt er – nicht zum ersten Mal. Natürlich war Suse viel attraktiver gewesen. Noch heute, zwei Monate, nachdem sie ihn sitzen gelassen hat, befällt ihn beim Gedanken an Suses pralle Brüste dieses heiße Gefühl der Erregung, das er bei Marion nur nach einer Flasche Wein heraufbeschwören kann, und auch das nicht immer.

Aber der Mann lebt nicht vom Sex allein, und poppen macht eben nicht satt. Andreas braucht Befriedigung rundum. Und kulinarisch ist Marion top of the list. Sie hat sogar schon mal beim perfekten Dinner mitgemacht! Fürsorglich ist sie außerdem. Gut, keine Spur von Abenteuer hier. Das Prickeln der Gefahr, das er mit Suse verspürt hat, wenn sie sich hinter den Müllcontainern geliebt haben oder auf dem Rücksitz eines Leihwagens, dieses Gefühl kann Marion ihm nicht geben.

Aber wofür gibt es Internet? Selbst Hand anlegen und dabei zuschauen, wie die virtuelle Partnerin am Bildschirm sich vor Lust verrenkt, ist letztendlich bequemer. Und danach kann er nach ein paar Papiertaschentuch-Anwendungen runter in die Küche und seinen Hunger mit Marions Köstlichkeiten stillen, statt noch ewig mit dem Auto fahren zu müssen, um eventuelle Spuren zu verwischen.

Aber komisch ist es schon, denkt Andreas, dass die Suse so einfach verschwunden ist, von einem Tag auf den anderen….ohne Ciao und Servus. Dabei ist sie so auf ihn gestanden. Ach ja…. Schnell schüttelt Andreas die Erinnerungen ab. Besser so. Marion hatte ohnehin schon Lunte gerochen. Einmal hat er sogar gedacht, sie hätte Suse erwischt, als sie aus dem Haus schlich. Das war, als Marion unangekündigt zwei Stunden zu früh nach Hause kam, weil die blöde VHS-Stunde „kochen wie in Papua-Neuguinea“ ausgefallen war. Kein Verlass auf diese Institutionen. Direkt danach ist Suse aus Andreas Leben verschwunden. Egal, denkt er pragmatisch.  „Mausi, das riecht ja so dermaßen lecker, heute. Was gibt’s denn?“

„Keule in Rotwein, mein Hase“, ruft Marion aus der Küche. „Ich glaube, jetzt muss ich ihm bald mal wieder ein Date arrangieren“, denkt sie. „Außer ’nem Stück Rücken und ’nem bisschen Lende ist von Suse nix mehr übrig.“

 

Adventskalender MiniKrimi vom 20. Dezember


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Marias Traum

Wintersonnwende. Magischer Wintertag. Maria hat alles höchst sorgfältig vorbereitet. Nur nichts dem Zufall überlassen, denn wenn die Finsternis ein Schlupfloch findet, überfällt Dunkelheit den einen, heiligen Moment, und es wird Nacht. Ewige Nacht.

Der Traumfänger hatte viel zu tun, sie spürt, dass unzählige böse Ahnungen darin gefangen sind. Während sie ihre To-do-Liste abarbeitet, wird sie immer wieder von schwarzen Gedanken bedrängt. Wie typisch für diesen Tag, an dem die Grenzen der Welten durchlässig sind. Empfindliche Menschen wie ich müssen stark sein, denkt Maria. Ich bin stark, sagt sie sich. Immer wieder. Als sie die dunklen Tücher einpackt und die weißen Kerzen. Das Sturmfeuerzeug, denn bei aller Magie muss sie praktisch denken, und es kann sein, dass es windig ist, dort draußen.

Sie druckt sich die Wegbeschreibung aus, zur Sicherheit, auch, wenn sie den Weg im Schlaf zu kennen glaubt. Mit dem Auto bis zur großen Schranke, dann vorbei an den leeren Hütten bis hinauf zu Heidewiese. Dann den Abhang hinunter, über die Holzbrücke auf die Insel im Fluss.

Maria ist stolz, dass sie auserwählt wurde, die Welt vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Sie nimmt ihren Auftrag sehr ernst, und sie hat sich mehrfach vergewissert, dass sie wirklich gemeint ist. Drei Mal hat sie das I Ging Orakel befragt, und drei Mal haben die Würfel dieselbe Antwort gegeben. Drei Mal hat sie die Tarotkarten gelegt. Drei Mal bekam sie die gleiche Antwort.

Als die Dämmerung ihre Schattenfinger über die Häuser streicht und das Abendrot von den Dächern nimmt, fährt Maria los. Alleine, so will es ihr Auftrag. Mühelos findet sie den Parkplatz. Das Bündel ist schwer und das Gras nass und klebrig. Aber sie hat nicht erwartet, dass ihre Mission eine leichte sei. Viel lieber wäre sie jetzt mit den anderen im fackelerleuchteten Hof, wo die Flammen schon hoch in den Nachthimmel lodern. Sie wäre sogar als erste durchs Feuer gesprungen, um dieser kaltfeuchten Einsamkeit hier zu entgehen. Du bist stark, sagt sie sich. Auf der glitschigen Brücke gleitet sie aus und wäre beinahe in den Fluss gestürzt. Die dunklen Mächte wollen sie aufhalten. Vom Ast einer Tanne schaut ein Rabe herab, Gelbfunkelauge. Hinter den Büschen am Ende der Insel, am Eingang des Stollens, leuchtet ein anderes ihr entgegen. Maria denkt an die Bücher, die sie gelesen hat. Fantasygeschichten. Kinderkram. Das ist das wahre Leben. Und sie mittendrin. Allein. Eine Kämpferin für das Gute der Welt.

Und morgen wird keiner wissen, dass sie es war, die das Licht zurückgebracht hat. Alle werden sich freuen, dass die dunkelste Nacht für ein Jahr vorüber ist. Aber sie, Maria, erwartet keinen Dank von den Menschen. Sie dient einer größeren Macht.

Sie breitet das Tuch auf den Steinen aus, verteilt das Sternenkreuz und die Kerzen, streut Kräuter als magischen Kreis ringsherum. Als der Mond durch die weißgrauen Wolken bricht, beginnt sie zu tanzen.

Sie singt und tanzt zum flackernden Schein ihrer Kerzen, zum Heulen des Käuzchens, zum Rauschen des Wassers. Sie tanzt und sie singt, bis das Gelbfunkelauge ihre Lieder zerbricht. Ihre Welt wird schwarz, und dann dunkel und eng. Aber sie hat keine Angst. Denn der Morgen bringt Licht. Doch als der Morgen dann kommt, sieht Maria ihn nicht. Eingesperrt in dem dunklen Stollen ist sie umhüllt von der ewigen Nacht.

Von Spaziergängern alarmiert, durchkämmt die Polizei nur halbherzig die Insel. Es ist nicht das erste Mal, dass Spinner zur Sonnwende ihre Rituale hier abhalten und dann einfach verschwinden. Umweltsünder statt Weltenretter! In den Stollen zu schauen fällt ihnen nicht ein. Maria bleibt in ihrem Albtraum gefangen. Allein.