Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember


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Sterntaler

Du bis mein Augenstern.

Du leuchtest nur für mich. Machst licht,

wo tiefstes Dunkel meine Seelenräume bricht.

 

Du bist mein Augenstern.

Jeder hat dich gern. Kann sein,

doch deine Blicke gelten mir allein, denn du bist mein.

 

Du bist mein Augenstern.

Dein Strahlen schmilzt das Eis in mir,

und alles Böse taut im Gestern, ich gehöre dir.

 

Du warst mein Augenstern.

Warum hast du ihn angeschaut? Du warst mir anvertraut.

Dein Seitenblick hat unser Glück versaut.

 

Die Wut will Blut, dein Blut.

Das Auge bricht, der Stern erlischt,

ein toter Blick verletzt mich nicht. Alles ist gut.

Adventskalender MiniKrimi vom 16. Dezember


Hund/e
P

Beo, Arti – Fuß!

Seit der Strumpfhosenmörder aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, aus der Haftanstalt, heißt das heute, ist der Park schon vor Einbruch der Dunkelheit leer. Als ob die Hundebesitzer Angst hätten, dass der Mörder während der Haft seine Vorlieben geändert und seine Lust ab sofort auf Hunde projiziert haben könnte.

So ein ausgesprochener Blödsinn! Arlena Möbius lacht ihr kurzes, hartes Lachen. „Beo, Arti, hier“, ruft sie ihre beiden englischen Setter. Die Rassehunde gehorchen Arlena blind. Charakter und Erziehung garantieren ihr Verhalten. Immer.

Nur nicht heute. Nur nicht jetzt. „Beo, Arti!“ Keine Reaktion. Gerade waren die Hunde noch hinter ihr auf dem Kiesweg am Fuß des Hügels. Jetzt gähnt die Dämmerung von kahlen Ästen auf Arlena herab. „Beowulf, Artemis!“ Auch ihre kompletten Rufnamen locken die beiden Setter nicht aus ihrem Versteck.

In der Mitte des Hügels bewegt sich braunes Laub. Es raschelt. Ein Jaulen. Arlena fröstelt es in ihrem Burberry. Sie wickelt das Wolltuch fester um ihre Schultern.

Unwillkürlich muss sie an den Strumpfhosenmörder denken, und ein Angstschauer jagt ihren Rücken hinunter. Angst um ihre beiden Lieblinge.

„Beo? Artiiiiii!“ Jetzt ist sie sicher, dass sie zwischen den Bäumen oben am Hügel ein Schatten bewegt. Und noch einer! Arlena stampft mit dem Füßen, bläst in die Hundepfeife, schreit. Ohne Erfolg. Ihre beiden Lieblinge bleiben verschwunden. Sekundenlang sieht sie Beo vor sich, wie er auf dem Sofa liegt, langgestreckt, mit durchtrennter Kehle. Daneben Arti, zu einem regungslosen Bündel zusammengekauert, Schaum vor dem Mund und vergiftet.

„Beowulf, Artemis, hierher!“ Entschlossen stapft Arlena den Hügel hinauf, den Regenschirm wie ein Bajonett vor sich gestreckt. Sie wird den grausamen Hundemörder erlegen, diese Bestie, die es auf ihre Prinzen abgesehen hat.

Sie ist fast am Kamm der kleinen Erhbung angekommen. Vor ihr klafft ein Loch. Ringsum aufgeworfene Erde. Artis hellbrauner Kopf lugt zwischen den Blätterhaufen hervor. Er wirft ihr einen Blick zu, erschrocken. Dreht sich nach hinten um. Arlena erkennt Beos schwarze Locken, bevor er auf der anderen Seite des Abhangs verschwindet. Er zieht etwas hinter sich her.

Arlena nähert sich dem Loch, das ganz offensichtlich gerade erst gegraben wurde. Offenbar hat jemand auf dem Hügel etwas vergraben, und jetzt ist es ausgegraben worden. Von ihren Hunden. Arlena beugt sich vor. Schaut hinein. Die Hunde haben ganze Arbeit geleistet. Mehr als eine Hand, ein Arm und ein Bein sind von der Frauenleiche nicht mehr übrig. Am Rand der Grube klebt in Büscheln langes, blondes Haar.

Der Strumphosenmörder hat seine Vorlieben im Gefängnis wohl doch nicht geändert.

Adventskalender Minikrimi vom 14. Dezember


Zartbitter

Zartbitter

„Sie haben eine neue Email“. Schon wieder R. Ella ist verzweifelt. Hört das denn nie auf?  Sie hat doch alles versucht. Alles gemacht. Sogar mehr, als verlangt. Was will T. noch von ihr? „Das ist die letzte Warnung. Wenn du nicht zahlst, bist du dran. Mich betrügst du nicht, und du wirst mich nicht los, bevor du deine Schuld beglichen hast“.

Aber das ist das Problem. Ella ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat T. Beim EInkaufen kennengelernt. Eine Zufallsbekanntschaft an der Kasse. Oder doch nicht so zufällig? Erst hatte sie sie nach einem Euro für den Einkaufswagen gefragt. Dann war sie mit ihr nach Hause gegangen, auf eine Zigarette und ein Glas Wein.

Am nächsten Tag war sie wieder gekommen, weil sie ihr Feuerzeug liegengelassen hatte. Und war gleich zum Essen geblieben. Zum Dank hatte sie angefangen, Ella im Haushalt zu helfen. Kleinigkeiten, ein Korb Bügelwäsche. Oder sie hatte sich angeboten, auf ihre Katze aufzupassen, wenn Ella übers Wochenende beruflich unterwegs war.

Dann fing sie an, Ella Tips zu geben. Was sie essen sollt und was nicht, was ihr gut stehe, was sie lesen und in welche Filme sie gehen sollte. Als sie Ella vorschreiben wollte, wohin sie in Urlaub fahren sollte und wann, wurde es Ella zu bunt. Als T. das nächste Mal anrief, hatte sie keine Zeit. Dann schrieb sie ihr, dass sie sich besser eine Weile nicht sehen sollten.

Das war der Beginn eines Albtraums. T. wusste alles über Ellas Leben, ihre Arbeit, ihre Freunde. Und sie nutzte dieses Wissen. Bald sah Ella sich von einem Netz dunkler Intrigen umgeben. Job, Freunde, plötzlich war alles, was ihr Leben ausmachte, in Gefahr. So, als stünde sie auf einer Wippe über einem Abgrund. Als T. schließlich Geld forderte, Schmerzensgeld für den Verlust einer Freundschaft, war Ella geradezu erleichtert. Sie zahlte. Grundlos  in der Hoffnung, Frieden zu finden. Umsonst. Eine Email nach der anderen. Mit immer weiteren Forderungen. Als Ella nicht mehr reagierte, kamen die Drohungen. Eines Morgens lag die Katze tot vor der Balkontür.

Da beschloss Ella, T. Pralinen zu schenken und sie davon zu überzeugen, dass sie sie trotz allem immer noch wie eine Freundin liebte. Vielleicht würde das funktionieren. Bei psychischen Krankheitn weiß man ja nie….

Sie vergewisserte sich, dass T. das kleine Paket annahm.

Sie wartete. T. war nicht in der Lage, Schokolade zu widerstehen.

Der Rest war Geschichte. Und Arsen.

 

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 10. Dezember


Birdsley

Das Haupt der Medusa

(danke den „Mädels vom Magda-SPA für die Clues)

Samstagabend und der Waschsalon ist voll. Nicht mit Menschen. Die haben lediglich ihre Tüten und Taschen mit Schmutzwäsche ausgeleert, alle 15 Maschinen befüllt und sind dann, nach einem Blick auf die Uhr, wieder gegangen, um die Zeit des Waschvorgangs mit Sinnvollem oder Nützlichem oder Angenehmen zu füllen. Und so drehen sich die Männerunterhemden, Frauenslips und Kinderpullis in buntem Reigen, ohne dass ihnen jemand Beachtung schenkt.

Mona stößt die Tür mit letzter Kraft auf, schiebt den Seesack Richtung Waschmaschinen und massiert die schmerzenden Arme. Das kann doch nicht wahr sein, denkt sie. Alles belegt? Langsam geht sie die Reihen der drehenden Trommeln ab. Ganz hinten ist noch eine frei. Na also. Sie kippt den Inhalt des Seesacks auf dem Boden, beäugt nachdenklich das friedliche Miteinander von verwaschenen Jeans, tomatenfleckigen Blusen, verfilzten Wollsocken und einer schwarzen, verknoteten Baumwolltasche. Einen Augenblic lang bereut sie, dass sie ihrer besten Freundin nie einen Wunsch abschlagen kann. „Könntest du Evas Wäsche für sie in den Waschsalon bringen?“, hat Evas Freund Ole sie auf dem Flur im Studentenwohnheim gefragt. „Sie hat es vor ihrer Abreise nicht mehr geschafft, und mir traut sie das nicht zu….“ Typisch Mann, denkt Mona. Eigentlich müsste sie damit drei Maschinen füllen. Egal. Dann gibt es heute eben nur den 20-Grad-Schonwaschgang. Und sie stopft alles in die Trommel.

Dann setzt sie sich auf einen der orangefarbenen Plastikstühle, holt ihr Reisekissen, den Thermosbecher mit Ingwertee raus und den Gedichtband „Les Fleurs du Mal“ von Beaudelaire. Das Paperpack-Exemplar jst gemütlich zerlesen, und in der Kombination mit Tee und Kissen schafft er ihr eine kleine Heimatoase mitten in der rotierenden Neonlichtwüste der Großstadtnacht.

Ganz schön brutal, denkt Mona, wie jedes Mal, wenn sie „de profundis clamavi“ liest. Kein Grauen auf der Welt….  fröstelnd schaut sie sich um in der gefühlskalten Salonatmosphäre. Was, wenn sie plötzlich ganz allein wäre? Der einzige übrige Mensch in der Stadt. Hier, unter der Neoneissonne. Allein mit den kreisenden Trommeln, und alle drehen sich in unterschiedlichem Rhythmus, jede zum Lied ihres Befüllers. Mona lässt sich hypnotisieren, folgt den Umdrehungen gegenüber. Blau, weiß, schwarz. Rot. Flammend rot! Da hat doch tatsächlich jemand eine rote Perücke in die Waschmaschine gesteckt. Die färbt ganz schön ab, langsam tanzen rote Schleier hinter dem Trommelglas. Werden zu rotem Schaum. Schaum, der jetzt aus der Maschine hervorquillt und auf den Boden fließt, ein träger, schlierigsprudelnder roter Strom.

Bei der nächsten Umdrehung der Trommel geben die roten Haarsträhnen die Sicht frei auf ein blasses Gesicht. Die Augen blicklos aufgerissen, rotiert es wie vor einem Schaufenster, um sich dann wieder zwischen Stoffstücken zu verstecken.

Endlich bahnt sich das Grauen einen Weg durch ihren Körper. Mona zittert, dann schreit sie, schreit, springt vom Stuhl zur Tür, reitß sie auf und rennt über die dunkle Straße, hinein in das nächste Geschäft. Sie zerrt eine Packung Toilettenpapier vom Stapel neben dem Eingang, reißt sie auf und wischt sich mit den dünnen Blättern den Schweiß vom Gesicht. „Ist was passiert? Sind Sie auf der Flucht?“ fragt die Kassiererin und ruft den Sicherheitsdienst. Da ist Mona schon ohnmächtig geworden. Der Anblick ihrer besten Freundin als Haupt der Medusa war einfach zuviel.

Adventskalender MiniKrimi vom 9. Dezember


Armes Würstchen

„Jesses, der Monsignore ist tot!“ Die Huberin stürzte aus der Küche, wo sie gerade anfangen wollte, ihrem Dienstherren das Frühstück zuzubereiten. Die Mär vom großen Haushalt eines Ordinariats hielt sich zwar hartnäckig, aber entgegen aller Gerüchte und der Pater Braun Verfilmungen gab es im Haushalt von Kardinal Maier und Monsignore Ehrengut kein Hausmädchen und auch keinen Chauffeur, und die Huberin kam jeden Morgen punkt acht ins Haus, um den geistlichen Herren das Frühstück zu machen. Als erstes setzte sie das Teewasser auf, dann bestrich sie die unterwegs gekauften Buttercroissants mit selbstgemachter Marmelade, stellte eine halbe, gezuckerte Grapefruit und ein Joghurt auf ein großes Tablett und ging die Treppe hinauf.  In seinem Zimmer lag der Monsignore nicht etwa auf der faulen Haut, sondern studierte im Internet eine Seite, die er regelmäßig wegklickte, wenn die Huberin auf leisen Sohlen das Zimmer betrat. „Können Sie denn nich anklopfen, Frau Huber? Sie haben moch schon wieder erschreckt!“, schimpfte der Monsignore jedesmal, und jedesmal antwortete die Huberin pflichtschuldigst mit einem angedeuteten Hofknicks „entschuldigung. Nächstes Mal.“ Bei dem Gedanken daran, dass es ab heute kein nächstes Mal geben würde, rollten der Huberin zwei dicke Tränen über die roten Wangen. Dann erst fiel ihr ein, dass der Kardinal wahrscheinlich noch am Leben und oben in Erwartung seines Frühstückes sein würde, und mit schwerem Herzen trug sie den Tee, ein Croissant und den Joghurt nach oben, zusammen mit der Hiobsbotschaft vom Tod des Monsignore.

„Sie haben ihn also in der Küche gefunden. Was wollte er denn da?“ Der Kommissar tat sich schwer mit dem Fall des toten Geistlichen. Er war überzeugter Atheist, und die Atmosphäre erschien ihm weihrauchgeschwängert und jedenfalls ungesund glaubensgetränkt. „Na ja, ich weiß es nicht. Das herauszufinden ist doch Ihre Aufgabe, Herr Kommissar“, sagte die Huberin. „Aber wenn er in der Küche erstochen wurde, dann denke ich, er hat einen Einbrecher überrascht, nicht wahr?“ „Das Denken sollten Sie lieber der Polizei überlassen, gnädige Frau“, antwortete der Kommissar von oben herab. „Ganz ehrlich, was könnte der Einbrecher denn gesucht haben, in der Küche des Ordinariats? Ist ihm vielleicht der Kaffee ausgegangen? Und weil der Monsignore so unchristlich war und ihm keinen geben wollte, hat er ihn erstochen, ha?“

Während der Kommissar sich mit dem Kardinal unterhielt – eigentlich hatte er ihn befragen wollen, aber irgendwie war er von dem imposanten Mann mit dem weißen Haarkranz in ein Gespräch verwickelt worden, das sich sehr bald um alles mögliche drehte, nur nicht um den Mord am Monsignore – währenddessen also machte sich die Huberin in der Küche auf die Suche nach etwas, das fehlte. Sie wusste nicht, was, aber etwas musste ja fehlen. Wozu sonst der Einbruch? Die Entdeckung, die sie dann machte, verriet ihr in aller Deutlichkeit, was geschehen war.

Sie nahm das Würstchenglas aus dem oberen Regal links neben der Dunstabzugshaube. Statt Würstchen steckte dort fein säuberlich eingerollt ein ganzes Bündel 500-Euro-Scheine. Mit dem Bündel in der einen und dem Würstchenglas in der anderen Hand ging sie nach oben in die Räume des Kardinals. Sie betrat das Arbeitszimmer, ohne vorher anzuklopfen, und reagierte auf den verärgerten Ausruf des Kommissars und den verwunderten des Kardinals mit einem verächtlichen Schnauben.

„Deswegen wurde der Monsignore umgebracht“, sagte sie und streckte beide Hände weit aus. Und zwar von Ihnen, Herr Kardinal! Sie haben mit dem Geld des Erzbistums spekuliert. Ihre Gewinne haben Sie in diesem Wurstglas versteckt. Aber der Monsignore ist Ihnen auf die Schliche gekommen. Er hat im Internet Ihre Spuren verfolgt. Und heute wollte er das Glas heute an sich nehmen. Sie haben ihn bis in die Küche verfolgt, ihn getötet, um es wie einen Einbruch aussehen zu lassen, und das Würstchenglas unschuldig ins Regal gestellt. Herr Kommissar, ich bin sicher, die Spurensicherung wird die entsprechenden Fingerabdrücke auf dem Glas finden.“

„Das ist doch…. absurd! Wie sind sind überhaupt auf das Glas gekommen?“, fragte der Kommissar. „Ganz einfach, der Kardinal ist Vegetarier, und der Monsignore isst kein Schweinefleisch. Ich kenne ihn gut, wir sind beide vom Vatikan als verdeckte Ermittler eingesetzt worden, weil der Kardinal schon länger unter Verdacht stand.“

Realitätsbezug: Heute haben Finanzermittler des Vatikans bei einer Razzia in den Räumen eines Kardinals in einer Würstchendose 20 Tausend Euro gefunden.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember


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Mein Herz

Mein Herz. Schlägt. Nur.
Für Dich. Für Dich, mein Herz.

Mein. Herz schlägt.
Nur.
Mein Herz schlägt nur.

Für Dich schlägt.
Mein Herz.
Nur. Schlägt.

Mein Herz schlägt.Dich, mein Herz.
Schlägt. Nur Dich.

Dich.
Schlägt und schlägt und schlägt.

Dein Herz schlägt nur für mich.
Dein Herz schlägt. schlägt. schlägt.
Sch. l.. ä …g… t

nicht.

Adventskalender MiniKrimi vom 7. Dezember


So ein Hund!

Ihr Ohrläppchen juckt. Nachhaltig. Sie macht die Augen auf. 6 Uhr sagt der Wecker. Eigentlich könnte sie noch gut eine Stunde schlafen. Aber nein. Er ist ganz offensichtlich schon wach und liebkost sie zärtlich. Erst das Ohr, dann die Wange, jetzt die Lippen. Aber sie ist nicht zum Schmusen aufgelegt.

„Lass mich los, ich muss mal“, brummt sie unwirsch, schält sich aus dem Bett und schlurft müde ins Bad. Aber er ist schneller. Und schaut sie triumphierend an. „Oh Mann, du nervst“, sagt sie und schiebt ihn von sich weg.

Jetzt ist sie eh schon auf, dann kann sie auch einen Kaffee kochen. Aber auch in der Küche lässt er sie nicht in Ruhe. Was habe ich mir da nur angelacht, denkt sie, nicht zum ersten Mal. Dabei hatte sie es sich so romantisch vorgestellt – nie mehr alleine durch den Park gehen, keine einsamenden Abende auf der Couch, und auch nachts durch die Stadt laufen wäre mit einem solchen Mann an ihrer Seite kein Problem mehr gewesen. Also war sie auf die Suche gegangen. Und sie hatten sich gefunden. Er hat Rasse, er hat Klasse. Er hat Stil.

Und jetzt? Keine einsamen Abende mehr auf der Couch – da lässt er sie nämlich nicht mehr hin, so breit macht er sich. Ihre Lieblingsbücher hat er zerfleddert, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als in seinen liebevollen Augen zu lesen. Auf der Parkbank sitzt sie nie – das findet er viel zu langweilig. Stattdessen joggen sie drei Stunden am Tag.

Keine Frage, sie ist fit wie ein Turnschuh. Und nie mehr allein. Aber um welchen Preis? „Nein, jetzt trinke ich erst meinen Kaffee, und dann bist du dran. Tyrann! Sie schaut ihm in die Augen, fest entschlossen, diesmal auch seinem treuen Hundeblick zu widerstehen. „Du kannst doch unmöglich schon wieder……“, murmelt sie, als er sich dicht an sie schmiegt.

„Weißt du was,“ sagt sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Heute treffen wir uns mit Lisa und Linda. Lisa mag dich doch so gerne. Ich glaube, ich schlage ihr einen Tausch vor. Ich habe mich entschieden, ich will nie mehr einen Rüden.“

Adventskalender MiniKrimi vom 6. Dezember


apfel
Quelle: http://photomakers.org/obst/schalenobst/apfel-fotos/apfel-bilder

 

Es muss nicht immer Apfel sein

„Cordelchen, stell dich nicht so an! Das ist eine Billigproduktion, wir haben nicht ewig Zeit für den Take!“ Regisseur Mike ist der Verzweiflung nahe. Wären seine Haare nicht mit Ultrahaftcreme steil Richtung Studiodecke gestylt, würde er sie sich jetzt raufen. Wie um alles in der Welt war er nur auf den Gedanken gekommen, seinen One-Night-Stand Cordula für diesen Werbespot vorzuschlagen?

Nein, eigentlich darf er sich diese Frage nicht stellen, denn er kennt ja die Antwort. Das Model, das er eigentlich haben wollte, war dem Kunden, dem No-Name-Hersteller eines Plagiats von einer bekannten Haftcreme für dritte Zähne, zu teuer gewesen. Die zweite Wahl war krank geworden, und die Nachricht hatte Mike im Bett ereilt, am Morgen, nachdem er Cordula abgeschleppt hatte. Nachts und nach einer Reihe Lime-Shots hatte sie fantastisch ausgesehen, und auch bei Tageslicht hatte er sie, im Bett und ohne Brille, noch ganz passabel gefunden. Gut genug jedenfalls, um auszuhelfen.

Und nun steht sie da vor der weißen Fototapete mit Wohnzimmer-Amutung, einen Apfel in der Hand. Das Licht war eingestellt, und sie sollte nur noch reinbeißen. Gut, ihre Zähne waren alles andere als strahlend, aber das würde die Technik nachher schon richten.
„Beiß doch endlich rein, Mädel“, ruft Mike. „Und lächeln nicht vergessen!“.

„Ich kann nicht“, sagte Cordula. „Nein, ich tue es nicht. Nicht für alles Geld der Welt“.

Ach so. Darauf versteht er sich. „Du willst mehr Gage“. Na warte, denkt er. Aber – er braucht sie, die Aufnahme muss heute im Kasten sein, das Studio ist nur für ein paar Stunden gebucht. „Ok, ich lege noch zweihundert Öcken drauf“.

„Nein, ich kann nicht in den Apfel beißen, Mike. Ehrlich.“

„Mensch Cordula. Hör zu, machs für mich. Und dann gehen wir zwei schön aus. Nur du und ich. Ok?“

„Du magst mich doch gar nicht.“

„Mögen? Mädel, ich LIEBE dich! Liebe auf den ersten Blick, war das. Du hast mich umgehauen! Komplett. Wir bleiben zusammen, wir zwei!“

„Ehrlich? Für immer?“

„Na klar. Und jetzt beiß rein!“

„Ach Mike. Für dich tu ich alles……“, seufzt Cordula, schüttelt ihre blonde Mähne, strahlt in die Kamera und beißt in den Apfel.

Der Dreh klappt auf Anhieb. Und das ist auch gut so. Denn Cordula bekommt bereits Sekunden später keine Luft mehr. Röchelnd geht sie zu Boden, und noch bevor die Rettungssanitäter eintreffen, ist sie erstickt. Sie hatte ja gesagt, dass sie nicht in den Apfel beißen könne.

Adventskalender MiniKrimi vom 5. Dezember


 

Das doppelte Lottchen

Das läuft ja wie am Schnürchen! Neuer Job, toller Laden – genau mein Fall. Und die Chefin ist noch zu haben. Total apart. Souveräner Look, die komplette Domina. Klar, dass sie heute keinen Blick für mich hatte. Aber ich bin sicher, unter diesen langen schwarzen Wimpern hat sie mich gesehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich anspricht. Geduld, Junge. Dann mixt du ihr einen Drink, ich glaube, sie steht auf was total Klassisches. Martini  Cocktail. Und ich bin James Bond und dann geht der Film ab….

Lisa? Mach die Augen auf, ich weiß, dass du wach bist. Das war nur ganz kleine Dosis Rohypnol im Ovomaltine, heute früh. Und jetzt ist es Abend. Lisa, Augen auf. Hier, trink das. Hey, guck nicht so. Du kennst doch unseren Keller? Oder nicht? Kann sein, dass du nicht mehr hier warst, seit wir Verstecken gespielt haben. Schau doch ruhig um, das wird jetzt dein neues Zuhause! Push, so spät. Ich muss los. Dein Laden macht gleich auf. Nein, mein Laden, ab heute. Und vorher muss ich mich noch in deine Klamotten schmeißen. Das ist wirklich das Unangenehmste. So gar nicht mein Stile.  Aber für die Liebe muss man eben Opfer bringen. Wenn du noch wach bist, wenn ich heimkomme, erzähl ich dir, wie es gelaufen ist, mit Niko.

Wahnsinn! Was für eine Nacht! Ich hab doch gewusst, dass sie auftauen wird. Und es hat nicht mal ne Woche gedauert. Sie war gar nicht sauer, dass ich mir n bisschen Mut angetrunken habe. Obwohl sie mir beim Einstellungsgespräch gesagt hat, dass sie Alkohol bei ihren Mitarbeitern nicht toleriert. Sie war überhaupt wie ausgewechselt. Irgendwie weicher. Hat sich zu mir an die Bar gesetzt, statt die Poledancer zu kontrollieren. Ich hab sie angeschaut, und dann war’s um uns geschehen. Wie in diesem Bogart- Film. Casablanca. Ich hatten nie gedacht, dass sie mich gleich mit in ihr Büro nimmt. Aber wow. Sie war ja sowas von geil. Boah….. Wenn das so weitergeht, bin ich nächsten Monat ihr Teilhaber.

Lisa. Du schaust ja grausig aus. Entschuldige. Du hast bestimmt Hunger. Oder Durst? Oder beides? Hier, ne Flasche Wasser und eine Pizza. Ist von gestern. Aber der Hunger treibst runter, denke ich. Ich mach dir den Klebestreifen vom Mund, aber erst e erzähle ich dir, wie es gestern gelaufen ist. Ach wars, heute! Also in der Bar hat keiner was gemerkt. Höchstens, dass die Mädels sich gewundert haben, weil die Chefin so freundlich war. Ich hab sie nicht angebrüllt, und ich hab auch keine gezwungen, mit dem Kunden aufs Zimmer zu gehen, wenn sie nicht wollte. Ich glaube, die werden dich mögen. Ich bin eine viel bessere Chefin als du! Ja und Nico… Ich glaube du hast einen großen Fehler gemacht. Eigentlich zwei. Der Typ ist so süß, du hättest ihn für dich nehmen sollen. Auf jeden Fall hättest du mir nichts ein Foto zeigen dürfen. Du weißt ich steh auf schwarze lange Locken und Sixpack.jedenfalls, Nico hat auch nichts gemerkt! Erst haben wir ein bisschen was getrunken… Und dann sind wir ziemlich schnell in deinem Büro verschwunden. Der Rest ist Schweigen. Nur soviel: es war eine Wahnsinnsnacht. Ich weiß jetzt nicht genau wie ich weiter machen werde. Eigentlich möchte ich mir gerne sagen, dass ich nicht du bin, sondern ich. Warum solle er mich nicht mögen. Ich sehe genauso aus wie du.  Aber irgendwie habe ich Angst davor. Was, wenn ihr mir böse ist weil ich ihn angeschwindelt habe? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, dass du verschwinden musst, Lisa. Tut mir leid!

Ich weiß nicht, irgendwie ist mir diese Frau unheimlich. Als hätte sie zwei Gesichter. Ich kenne sie zwar erst seit zwei Wochen, aber sie ist jetzt völlig anders als am Anfang. Die Mädels und der Kollege an der Bar sagen das auch. Ich glaube ich besuche sie mal daheim. Finde ich eh komisch, es findet immer Ausreden und trifft sich mit mir nur im Büro. Ist doch blöd oder? Vielleicht wächst ihr das alles über den Kopf… So verliebt zu sein.

Niko? Was machst du denn hier? Woher hast du meine Adresse? Wie, klar wohne ich hier alleine. Du siehst doch nur meine Fotos an der Wand, oder? Geräusch? Was für ein Geräusch? Oh, verdammt… Warte mal kurz, ich muss nur die Kellertür zu machen….. Ahhhhhhhh….

Lisa? Was ist….? Lisa?

Das ist nicht Lisa. Das ist Charlotte. Mein Zwilling. Und wenn du ihr hilfst, kriegst du auch eine Flasche übergezogen. Die dumme Kuh ist natürlich voll auf dich abgefahren. Soviel Kriminelle Energie hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Mich wochenlang im Keller einzusperren.

Jetzt wird’s nichts mit deinem Traum von der Topless-Bar. Aber wenn ich es mir genau überlege, dann passt ihr beide eigentliche perfekt zusammen. Auch in meinem Kofferraum!

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 4. Dezember


Wir retten die Welt

Sie packt ihre Sachen. Sorgfältig, so, wie sie es immer wieder geübt hat. So, wie es in dem Video gezeigt wird. Sie vergisst nichts. Und dabei hört sie seine Stimme. Du wirst sehen, alles wird gut. Alles wird besser. Keiner wird dich auslachen. Keiner wird uns trennen. Wir werden zusammen sein, und niemand wird uns trennen. Zeig es Ihnen. Wir zeigen es Ihnen.

Turnschuhe. Ein schwarzer Kapuzenpulli. Wecker, Handy und alles, was man braucht, um ein, zwei Existenzen in die Luft zu jagen. Du schaffst es, Baby. Vergiss das Geld nicht. Nimm alles mit, die brauchen es nicht mehr, und dir sind sie es schuldig. Jeder kriegt, was er verdient.

Sie hat lange versucht, die Stimme abzuschalten, aber in ihrem Kopf ist kein Knopf. Deshalb lässt sie ihn weiterreden. Du wirst sehen, alles wird gut.

Ja, ganz bestimmt. Alles wird besser. Sie geht aus dem Haus. Unbemerkt. Am Spielplatz kriecht sie in den Hohlraum unter der Rutsche. Zieht sich um. Stopft Kleid und High Heels in den Altkleidercontainer am Eck.

Du darfst keine Spuren hinterlassen, Baby. Sie werden uns nicht finden. Und dann sind wir schon ganz weit weg. Der Krieg beginnt hier, sie sind unsere
Feinde. Wir müssen anfangen zu kämpfen. Hier, und dann unten. Dort warten Sie auf uns. Wir retten die Welt, Baby.

Jetzt steht sie an der Tankstelle. Den Rucksack fest an sich gedrückt. Das Handy in der Hand, bereit, auf die entscheidende Taste zu drücken. Bereit, damit zu beginnen, die Welt zu retten.

Der Toyota fährt in die Tankstelle ein. E nickt ihr zu. Jetzt, Baby. Wirf den Rucksack in den Eingang. Spring ins Auto. Drück auf die Taste. Und BUUUMMMM.

Er hält nicht einmal an, reißt die Tür auf. Komm Baby spring. Und dann los. Ab in die Freiheit. Sie beugt sich zu ihm, schaut ihm sekundenlang in die Augen. Ciao, Baby. Ich rette die Welt. Meine. Vor dir. Statt ins Auto zu springen, wirft sie den Rucksack hinein. Rennt davon und drückt auf die Taste. BUUMMM und sie ist frei. Von ihm.

Sie lauscht in ihren Kopf, aber alles was sie hört, sind die Geräusche der Welt. Sie musste nirgendwo hin, um sie zu befreien. Nur er musste weg.