Dein Sterben ist nicht mein Tod


Sterbehilfe-Debatte im Bundestag. Ein wunderbares Zeichen für die Wichtigkeit und die Richtigkeit einer Demokratie! Die Abgeordneten diskutieren emotional, ernsthaft, betroffen. Aber irgendwie immer „von außen“. Mein Lebenspartner hat sich ein selbstbestimmtes Sterben gewünscht“. „Ich stand am Fenster. Hätte mir einer einen verbalen Schubs gegeben, ich wäre gesprungen“. „Unser Freund musste schlimme Qualen leiden“. Ich habe die Debatte verfolgt. Vielleicht habe ich ja den Satz nur verpasst, auf den ich gewartet habe: „Wenn ich an mein eigenes, auf jeden Fall irgendwann eintretendes Sterben denke, dann……“

Wie kommt es, dass immer nur über das Sterben anderer gesprochen wird? Außer, im Sterben Liegende kommen zu Wort. Aber auch dann kommen sie immer so rüber wie Leute, die Pech hatten, nicht mehr zu uns Lebendigen gehören, draußen sind wie bei einem Kinderabzählreim. Wir bemitleiden sie, vielleicht mit einem Gefühl der Gänsehaut – und wollen dann schnell wieder in unsere  Alltagsordnungen eintauchen. Ins Leben. Dabei gestehen wird diesem Dasein einen Wert zu, den es angesichts seiner vorbestimmten Endlichkeit nicht hat. Punkt. Gleichzeitig nehmen wir uns mit der Ausschließlichkeitsfestlegung die Chance, in der zeitlichen Begrenztheit unserer Existenz an sich eine lebenswerte Herausforderung zu erkennen. Wenn das Leben zur Beliebigkeit wird, erst dann ist auch das Ende und die Wahl von Zeitpunkt und Art beliebig.

Vor allem aber: wie kommen wir dazu, das Leben, vom Ende her betrachtet, als wertlos zu beurteilen? Ich habe mich lange und intensiv mit dem Thema Palliativmedizin, Hospize und Sterbehilfe befasst, von außen, zugegeben. Aber mir sind fast ausschließlich Menschen begegnet, die jeden ihrer letzten Tage genießen wollten, und viele, denen das durch therapeutische und spirituelle Begleitung auch möglich war. Ich habe keinen ausgeglichenen, angstfreien, von Wärme und Zuwendung umgebenen Menschen erlebt, der, vor die Wahl gestellt, jetzt sofort durch ein Medikament oder später „natürlich“ zu sterben, die erste Variante ergriffen hätte. Ganz sicher gibt es das, dass jemand endlose Qualen leidet und sofortige Erlösung will und sucht. Jeder Tod ist persönlich une einzigartig. Ich möchte ungern den Wunsch eines Menschen erfüllen, seinem Leben hier ein Ende zu setzen. Und ich möchte auf gar keinen Fall einen anderen Menschen in die Lage bringen, mich töten zu sollen. Denn macht die Tatsache, dass ich ihn darum bitte, die Tat an sich für ihn selbst und für sein Gewissen wirklich zu etwas anderem als Mord? Ich finde, nur, wenn ich die Sache persönlich betrachte, nein, mehr persönlich fühle, werde ich der Tragweite dieser Entscheidung gerecht.

Der Bundestag hat entschieden. Ich freue mich über diese Entscheidung. Ich finde die Gefahr gewerbsmäßiger Sterbehilfe, die bis zu 10 Tausend Euro kostet und keineswegs das vom Worgt „Cocktail“ suggerierte Wellnessfeeling mit sich bringt, größer als die Herausforderung, bedarfsgerecht Palliativ- und Hospizdienste einzurichten, damit jeder Mensch, auch du und auch ich, damit wir alle unser sicheres Sterben persönlich gestalten können, vor allem aber bis zum letzten Aztemzug LEBEN. Ich finde, dass diesem Leben bis zum Tod viel zu wenig Beachtung und Würdigung widerfährt.

Angesichts 100 Tausend geplanter Suizide finde ich, dass wir viel mehr in die mitmenschliche Prävention investieren müssen! Länder mit legalisierter aktiver Sterbehilfe zeigen, dass vor allem depressive Menschen und allein Gelassene nach dem „Exit“ greifen. Das ist einer sozialen Gesellschaft nicht würdig.

Krisenhelfer in Not


DSCN2976Heute Morgen rief mich eine Freundin an. Eine sehr liebe Freundin. Eine „patente Frau“, so hätte man sie früher genannt. Steht mit beiden Beinen mitten im Leben, beruflich erfolgreich,  tough, mit Herz und Verstand. Sie war aufgewühlt und bat mich um Unterstützung bei einer Frage, die sie umtreibe: wie könne es sein, dass im bayerischen Grenzland kleine Kinder stundenlang in der Kälte warten müssten, um weiter verteilt zu werden. Warum die Staatsregierung nicht einfach mehr Busse zur Verfügung stelle. Warum in München die Helfer arbeitslos da stünden, bereit, und die Unterkünfte leer seien. Es könne doch nicht angehen, dass kleine Kinder frieren müssten, hier bei uns.

„Nein, sagte ich. Das kann nicht angehen. Ich finde es aber auch unverantwortlich, sich mit kleinen Kindern auf den Weg zu machen, in die Ungewissheit. Außer, man ist vom Tode bedroht.“ Fast hätte sie aufgelegt, und ich fühlte mich instinktiv schuldig ob meiner in der kurzen Form roh und feindlich klingenden Antwort. Ich habe sie weiter verwiesen an eine Fachpolitikerin. Und ihr einen Artikel in der SZ von heute nachgeschickt, der sehr gut erklärt, was da gerade wie, wo und warum geschieht, flüchtlingspolitisch, in Bayern und München. Hier ist der Link

Und dann habe ich ihr eine E-Mail geschrieben:

Meine Liebe, ein Grund für die aktuelle Situation ist,  dass der Umgang mit den ankommenden Flüchtlingsströmen inzwischen – wie in Deutschland gen-immanent –  professionalisiert worden ist. Das ist vielleicht gar nicht so sinnvoll, bzw. müssten die in den Sommermonaten „wild“ erstellten und dann erprobten Strukturen einfach etwas angepasst und verändert werden – aber das ist das Problem mit Strukturen, „einfach“ geht gar nicht, denn sie sind per definitionem schwerfällig. Das ist keine Entschuldigung, nur eine Erklärung, die tatsächlich auch mit der soziologischen Sichtweise übereinstimmt.

Aber darunter leiden Menschen, und das ist schrecklich! Das muss behoben werden, da bin ich ganz bei dir!

Die Flüchtlingskrise kann nicht mit einer Stellschraube beendet werden. Es müssen parallel viele Aktivitäten greifen, mehrere tragende Säulen aufgestellt werden. Die eine ist die Hilfe für die Menschen, die unterwegs sind. Und da sind, das hat sich erwiesen, Ehrenamtliche die Schlüsselfiguren, eben, weil sie keinen bürokratischen Strukturen unterworfen sind. Das hat natürlich wieder ganz spezifische Nachteile, denn es sind immer auch psychisch schwierige Menschen darunter, für die Helfen ein Selbstzweck ist und die damit ihre innere Leere füllen. Aber unterm Strich ist das grade mal egal, denn sie sind unverzichtbar. Aber diese improvisierte Unterstützung  ist und darf nichts anderes sein als Akuthilfe, schnell, effizient und punktuell. Sie kann keine offiziellen Strukturen ersetzen und sich deshalb auch nicht institutionalisieren. Auch auf die Gefahr hin, dass den Helfern plötzlich ihre eigene Tagesstruktur entgleitet und sie selbst „hilflos“ im Wortsinn werden.

(Allerdings werfen genau diese Menschen dann, wenn die Hilfe strukturiert wird, riesige Probleme auf, denn solche Psychopathen sind Egomanen, die an einem bestimmten Punkt viel Schaden anrichten, weil sie uneinsichtig sind und kritikresistent, weil sie meinen, am besten zu wissen, was den Hilfebedürftigen fehlt, weil diese für sie zu „Hilfeopfern“ werden, im schlimmsten Fall).

Die andere – und die ist immens wichtig und gerät leider hier oft aus dem Blick – ist die optimale Ausstattung der Füchtlingslager in den an die Kriegsgebiete angrenzenden Orten. Wenige wollen weiter weg als notwendig! Viele würden nicht nach Deutschland wollen, wenn sie mit Nahrung, Arbeit, Bildung ausgestattet nahe der Heimat auf ein Kriegsende warten könnten. „Would you like leaving home?“, so die Gegenfrage eines jungen Syrers, von dem ich wissen wollte, ob es ihm leicht gefallen sei, das zerbombte Damaskus zu verlassen. Leider ist es so, dass das viele Geld, das ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe unterwegs längs den Routen aufgebracht wird, dort unten immens helfen könnte. Klar, UNCHR für ein Camp im Nordirak zu spenden ist so, wie einen Baum in Brasilien zu kaufen. Das ist für viele nicht so sexy, wie Geld für einen WiFI-Hotspot in Presevo zu sammeln, oder Decken nach Kroatien zu fahren, über Nacht im geliehenen LKW.  Es tut mir leid, wenn das jetzt brutal klingt, aber ich habe in den letzten Monaten aufgrund meines Engagements für den Keleti-Bahnhof und in dessen Folge unendlich viele Ehrenamtliche kennengelernt, die genau so denken und handeln. Alternativlösung also: Geld sammeln, in größtem Stil, für die grenznahen Lager. Und, an alle Katastrophen-Touristen gerichtet: Fahrt Eure Geldbomben meinetwegen höchstpersönlich in die Türkei. Hier ist ein Link dazu

Und die dritte Lösungssäule entzieht sich auch nur scheinbar unseren Möglichkeiten. Die Politik muss am Frieden interessiert sein! USA, Russland, Iran, Saudi-Arabien, Europa, Syrien, Irak, Israel, Afghanistan, Pakistan. Solange wirtschaftliche und Machtinteressen den Friedenswillen blockieren, wird in der Levante und Nordafrika kein Frieden einziehen (Afrika ist ein differenziertes Problem, der Westbalkan hat sich der Wanderbewegung aus wirschaftlichen Gründen angeschlossen, das ist ein EU-Thema, das leider auch sehr langsam in Angriff genommen wird. Und die Sinti und Roma will keiner haben, das ist eine entsetzliche Wahrheit). Aber auch die Politik kann von den Bürgern beeinflusst werden. Durch Petitionen, durch Demonstrationen.

Schließlich muss Deutschland sich ganz offiziell zu dem bekennen, was es faktisch schon lange ist: ein Einwanderungsland. Wir können und dürfen nicht mehr unterscheiden zwischen Asylsuchenden und Wirtschaftsflüchtlingen. Höchstens zwischen Bleibewilligen und temporär sich hier Aufhaltenden. Natürlich ist es verrückt, zu glauben, dass sich Heerscharen auf den Weg machen, nur, weil „Mama Merkel“ gesagt hat, Flüchtlinge seien willkommen. Aber, und das berichten die Angekommenen immer wieder, es existiert in den Köpfen dieser leidenden Menschen das Bild eines Landes, in dem JEDER sei Glück machen kann und darf. Ganz ehrlich: es wäre SCHÖN, wenn dies so wäre! Denn wir brauchen sie, die jungen, die tatkräftigen, die ehrgeizigen Leute aus aller Welt. Und vergessen wir nicht, eine prosperierende Wirtschaft – wie wir sie haben – ist die allerbeste Voraussetzung für gelingende Integration. Deshalb braucht man nicht mal als Flüchtling zu kommen, sondern als Einwanderungswilliger. Und wir müssen diese Menschen mit offenen Armen empfangen. Als Einwanderer in unsere überalternde Gesellschaft. Das sind nämlich keine Almosenempfänger, die wir mit Geschenken überhäufen oder mit Fußtritten verjagen wollen. Das sind unsere Zukunftsträger. Es gibt bereits erste zaghafte Versuche, in einigen Ländern Hotspots einzurichten, in denen sie Ausreisewillige registrieren lassen können, Vorstufen einer Green Card, sozusagen. Das würde dann auch die menschenunwürdigen Odysseen der Flucht unterbinden, den Kindern das Frieren ersparen, das Hungern, das Ausharren in engen Unterkünften – und den Schleppern den Geldhahn zudrehen.

Das ist ein weiter Weg. Aber auch er beginnt mit dem ersten Schritt.


	

Lesung zum 10jährigen Jubiläum der fabelhaften Couchpoeten!


Das wird so langsam meine Lieblingscouch! Deshalb lese ich gleich wieder dort:

  • am 13. Oktober um 20 Uhr auf der Literaturbühne ‚Die fabelhaften Couchpoeten‘ im Stemmerhof, Plinganserstraße 6, in München-Sendling. Diesmal gibt es „Minikrimis“ von schräg bis schaurig. Es lohnt sich, denn es treten die Lieblinge der Couchpoeten auf. Also ist Spannung angesagt.
    Ich freue mich auf Euch!

Oktobersommer


Walnussgold

Es ist Herbst geworden, mitten im Sommer. Ein Gewitterregen hat den August vom Blau gespült, quasi, während er Maria himmelwärts gefahren hat. Hundstage, fürwahr. Die Vierbeiner erwachen aus der Hitzelethargie und stürmen, Nasen hoch in die Pilz- und Moderluft gereckt, durch die frisch gefallenen Blätterhaufen. Barbecuerot laubt es auf dem Kreidestaubweg hinterm Schloss. Dampf steigt aus den Wiesenresten, die ihre kümmerlichen Halme über die gebräunten Gräserleichen heben. Er riecht nach Klee und dem Parfum der Radlerin, die gerade an mir vorbeifahren ist, ein kühler Hauch, unangenehm, gestern noch hätte ich ihm voller Sehnsucht nachgehechelt. Zweige rascheln grau, die Bäume stehen müd am Weg, lehnen sich in den Wind, alt vor der Zeit schütteln sie ihre Blätter ab. Ohnehin hat der Sommeratem sie schon gelb geküsst. Und im September fällt der erste Schnee. Wirst sehen.

Es muss nicht immer Mord sein!


es_muss_nicht_immer_mord_sein….auch der ganz normalen Alltagswahnsinn steckt voller literarischer Inspirationen. Vier Autorinnen der internationalen Autorinnenvereinigung e.V.* lesen von Liebe, Glück und Genuss.

Am 19. Juni 2015 um 19 Uhr in der Magdalenenkirche, Ohlauer Str. 16, 80997 München

Wobei das auch mal tödlich enden kann. Erleben Sie vier unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben. Sybille Angers “Geliebter Moritz” ist ein Krimi ohne Mord. Marie Bastide geht mit einem genialen Sternekoch auf  – tödliche – Trüffeljagd im Fünf-Seen-Land und in der Toskana. Annegret Braun hat die Mutter der Wellküren und der Biermösl-Blosn porträtiert unter dem Blickwinkel “Wie Frauen Glück erleben”. Und Angelika Wessbecher kommentiert den Obergiesinger Alltag mit einer gehörigen Spritze humoristischer Ironie. “Hahn im Korb” ist der Gitarrist Dimitrj Tretjak, der die Lesung mit Live-Musik untermalt.

“Es muss nicht immer Mord sein” ist eine Veranstaltung im Rahmen der Moosacher Stadtteilkulturtage. Der Eintritt ist frei.

Lebst du noch – oder „nudgest“ du schon?


Ich habe das Wort schon mal gehört. In Verbindung mit der Kanzlerin. „Unserer“ (meiner? Hmmm) Kanzlerin. In einem Beitrag auf B5 Aktuell. Damit wache ich morgens auf. Dem entsprechend verschwommen ist meine Erinnerung daran, worum es bei dieser Reportage ging. Aber als ich anfange, den Artikel in meiner Sonntagszeitung zu lesen, in dem es um „nudging“ geht – und um den Erfinder des Begriffes, einen amerikanischen Verhaltensökonomen, kommt die Erinnerung wieder. Wem dieser Titel genauso fremd ist wie das denglische Wort, dem geht es nicht anders als mir vor noch nicht allzu langer Zeit. Aber das ist jetzt anders. Jetzt bin ich erleuchtet! Ich weiß, woran es liegt, wenn etwas schief läuft, in der Welt. Der kleinen und der großen. in der Politik, der Wirtschaft und der Liebe. Wer nicht nudget, der nicht gewinnt. Weshalb Barack Obama darauf setzt, und die EU, und, ja, auch Angela Merkel. Denn offenbar will sie auch die nächste Wahl gewinnen. Welche eine Vorstellung!

Gut – bevor mir meine Leser wieder abspringen, muss ich für diejenigen, die in verhaltensökonomischer Blindheit dahinwandeln, etwas erklären. Auch, um zu beweisen, dass ich zumindest im Ansatz verstanden habe, worüber ich hier gerade schreibe.

Ein Versuch am Amsterdamer Flughafen hat ergeben, dass Männer im Pissoir seltener daneben pinkeln, wenn links neben dem Abzug das Abziehbild einer Fliege aufgeklebt ist. DAS ist ein nudge. Also – nicht die Fliege, natürlich. Sondern das, was sie beim emotional belegten und rational Handelnden auslöst. Ein „heimlicher Anstoß für die freie Entscheidung“ – wie die FAZ titelt. Ein nicht ganz so intimes Beispiel: nach Obamas Annäherung an Cuba sei, so Thaler, ein Fonds gleichen Namens („Cuba“) in börsianische Höhen geschnellt, und das, obwohl der Fonds nicht das geringste mit Castros sonnigen Stränden zu tun hat. Angela Merkel soll sich im Zusammenhang mit der geringen Bereitschaft zur Organspende für nudging interessiert haben – um der unwilligen Bevölkerung mit einem „nudge“, einem freundschaftlichen Schubser, sozusagen, einen Stoß zu geben. Wie in Österreich. Dort ist, nachdem jeder Bürger ausdrücklich und schirftlich die Bereitschaft zur Organspende verneinen muss, die Spenderzahl angeblich rasant angestiegen. Frei nach dem Motto: wer nicht nein sagt, sagt ja.

„Liberalen Paternalismus“ nennen Thalers Kompagnon und Miterfinder das. Der Schlüsselbegriff ihrer Theorie – beinhaltet ein Paradoxon: Freiheit und Bevormundung sollen – angeblich – keine Gegensätze sein.Sagt die FAZ. Und das Gespann Thaler/Sunstein.

Clever, denke ich. Und fange gleich an zu überlegen, welche „nudges“ ich wo einsetzen muss, um die Verkaufszahlen meines  Miniataurus in die Höhe zu treiben. Ich verschicke ein Mailing mit einem Kaufangebot, und wer nicht ablehnt, hat schon gekauft. Ätsch bätsch! Das Kleingedruckte nicht gelesen, oder was? Ehm – da WAREN wir doch schon mal? Und haben das zumindest halbwegs gesetzlich wieder in den Griff gekriegt? Kaltwerbung, unlauterer Wettbewerb und so. Aber halt, das gilt ja wieder nur für die „kleinen Fische“. Wie war das damals? Hast du nicht bis zum festgesetzten Datum verweigert, schwupps, warst du Soldat. Hat dich keiner mehr gefragt. „Gutt“, das ist nun auch Schnee von gestern, danke, Karl T.  Doch jetzt mal ganz im Ernst: haben diese Verhaltensökonomen nicht vielleicht „die Sonne am Mittag“ entdeckt?

Mein Sohn ist ja inzwischen so gut wie flügge (ehm, naja, so gut wie :-). Und kann sich als Erwachsener noch wunderbar an all die kleinen „heimlichen Anstöße“ erinnern, mit denen ich erziehungstechnisch seine Entscheidungen in meine Bahnen gelenkt habe. Damit, dass ich mich hinter einer Säule im Einkaufszentrum versteckt habe, zum Beispiel, als er nach dreimaligem Rufen immer noch nicht von den Teddybären im Schaufenster Abschied nehmen wollte. Hui, da hatte er sich aber schnell entschieden, seine „Mamma“ zu suchen“. Oder als ich, als Motivationsschubser zum Zimmeraufräumen, kurzerhand ALLE Legosteine auf sein Bett geworfen habe – und ihn dazu. Autsch. Im Nu waren die Legos im Kasten. Meine Mutter hat mir mal 12 (!) Blumenkästen mit Geranien durch die 250 qm-Altbauwohnung in mein Zimmer getragen, nachdem ich der Bitte, diese zu gießen, lange nicht nachgekommen war. Die Erfahrung, wie leicht die armen Blumen mangels Wasser waren, hält bist heute an – und ich gieße meinen Garten regelmäßig 🙂

Schade eigentlich, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, so ein Buch zu schreiben wie Mr. Thaler. Das hätte sich vermutlich mangels Konkurrenz besser bzw. schneller verkauft als ein Trüffelkrimi.

Vielleicht sollte ich das ja nachholen. Mit einem Buch, das vor den möglichen Folgen eines Merkel-Nudgings warnt und post-Wahl-Szenarien ausmalt. Etwa so: wenn ihr euch von „Mutti“ so angestupst fühlt, dass ihr das Kreuz hinter ihrem Namen macht, unterschreibt ihr damit gleichzeitig die Erlaubnis auf völligen Verzicht jeglicher Privatsphäre. Das gilt dann für eure E-Mails ebenso wie für eure Bankgeheimnisse, und vielleicht lesen dann nicht nur die Amerikaner mit, sondern auch noch die Chinesen. Die werden sich dann dafür interessieren, welche Kondomfarben ihr bevorzugt – und das ganz und gar ohne die Notwendigkeit von irgendwelchen Freihandelsabkommen.

Nein! Das ist natürlich blanker Unsinn, meine Lieben! Ich habe maßlos übertrieben und wünsche euch jetzt einen erholsamen Sonntagabend. Übrigens: wer mir schreibt, wie die neuen Frankfurter Tatort-Kommissare waren, bekommt ein klitzekleines Geschenk von mir. (Haha, ich kann es noch, das „n“-Wort).

Umtausch ausgeschlossen?!


Hallo Schöpfung, liebe Vorsehung, verehrte Genetik – to whom it may concern!

Ich möchte mein Kind umtauschen. Ich weiß, Sie werden jetzt sagen, dass die Rückgabefrist nach 22 Jahren abgelaufen ist. Aber ein bekanntes skandinavisches Möbelhaus tauscht die Waren sogar dann noch um, wenn sie Gebrauchsspuren aufweisen. Einfach so, aus Kulanz. Sie müssen nicht einmal einen Mangel haben. Das tut mein Kind auch nicht. Im Gegenteil. Ich bin zufrieden mit ihm. Nicht nur im Großen und Ganzen. Auch im Kleinen. Gut, er lässt die Socken unterm Sofa liegen und schraubt die Zahnpastatuben nicht zu. Seine Post stapelt sich ungeöffnet auf dem Schreibtisch und droht, von den Fensterbrettern auf den Boden auszuufern. Er parkt seine Schuhe mitten im Flur und belegt gleich nach seiner Ankunft Sofa und Fernsehen mit Beschlag. Er findet wichtige Dokumente nicht und macht die Mutter dafür verantwortlich. Also mich. Ein ganz normales „Kind“, eben.

Aber genau da liegt das Problem!

Schauen Sie. Ich kenne Mütter, die müssen ihren Kindern noch im reifen Erwachsenenalter nachputzen. Deren Töchter kriegen nichts auf die Reihe und geben den Eltern die Schuld dafür. Manche müssen sich sogar verschulden, um die Kinder zu retten!

Ich kenne Familien, da sorgt allein der normale Umgangston dafür, dass die Nachbarn wegen Lärmbelästigung eine Dezibel-Messung beantragen. Söhne, die ihren Müttern nicht mal zum Muttertag ein Vergissmeinnicht auf die Fußmatte legen! Ich kenne Ehepaare, die schon ein Mietangebot in die Zeitung setzen, wenn die Kinder den Aufnahmebescheid für das übernächste Semester erhalten haben. Solche, die ihre Kinder nach Spitzbergen zum Studieren schicken und sogar persönlich dorthin begleiten würden, und alternativ gerade noch damit einverstanden sind, ein Stipendium in Ney York zu finanzieren, allerdings ohne Rückflugticket.

Ich kenne Leute, die nicht wissen, was ihre Kinder am liebsten frühstücken. Und Kinder, denen frühestens zu Weihnachten auffallen würde, dass ihren Eltern der Telefonanschluss gekündigt worden ist, weil das die einzige Gelegenheit ist, zu der sie sie anrufen. Falls in der Gegend, in der sie sich zu der Zeit gerade aufhalten, zufällig genug Netz vorhanden ist.

Sehen Sie – SO ein Kind hätte ich gerne. Stattdessen haben Sie mir einen Sohn ausgehändigt, mit dem ich mich am Karfreitag in eine Orgelandacht setzen kann. Einen, der mir auch mal – selten, allerdings – schon nah dreimaliger Aufforderung den Müll rausträgt. Einen, der den Wohnungsschlüssel seiner Studentenbude daheim vergisst, weil er lieber noch nicht zurückfahren würde. Einen, mit dem ich reden kann, diskutieren und sogar lachen. Einen, der eine kleine Leere in seinem Zimmer hinterlässt, die sogar Hund und Kater spüren. Wobei letzterer dann auch noch seinen Protest auf den Teppich pinkelt. Also ehrlich!

Das ist unfair! Deshalb würde ich gerne von meinem Rückgaberecht Gebrauch machen und lieber ein Kind haben, mit dem ich mich in keiner Weise verstehe. Eines, auf dessen Abwesenheit ich mich freue, eines, dessen Fehlen mir wie eine Erleichterung erscheint, wenn es nach kurzem Semesterurlaub wieder zum Studium zurückkehrt. Eines, das nicht kochen kann und nur Hamburger und Fritten isst. Eines – warum nicht – das rechts- oder linksradikale Parolen grölt. Eines, für das ich mich schämen möchte. Eines, das mir Vorwürfe macht, das mich antagonisiert und mit dem ich mich ganz und gar nicht verstehe.

Alles klar?

Ok. Na gut. Dachte mir schon, dass Sie das sagen.

Wissen Sie was, dann vergessen Sie die Anfrage einfach. Bzw. erwarte ich dann aber aus Kulanzgründen, dass Sie mir später, wenn es mal um Schwiegerkinder und Enkel gehen wird oder sollte, auch keinen Strich durch die Rechnung machen und mich nicht wie die böse Schwieger- oder Großmutter hinstellen. Ist das ein Deal?

Frohe Ostern!


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„Der Herr ist auferstanden!“ – „Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Die Sonne schien durch die Fenster der Matthäuskirche, spiegelte sich im Lachen des Landesbischofs und in den Gesichtern sicherlich vieler Gottesdienstbesucher. Ich jedenfalls verspürte das Großartige dieses Ostergeschehens. Und ich bin meinem Sohn dankbar dafür, dass er darauf gedrungen hat, „zu Ostern eine prunkvolle Messe, einen feierlichen Gottesdienst“ zu besuchen. Jubelnde Stimmen lassen die Freude in mir, in dir vibrieren!

Während ich dies schreibe, wirbeln Schneeflocken vor meinem Fenster weiße Tupfen auf die Tannen. Und wenn schon. Mit „Osteraugen“ betrachtet, ist auch das Wetter in seiner vielseitigen Unberechenbarkeit Ausdruck dessen, was wir spüren und – Gott sei Dank – nicht mit Verstand aufzuwiegen brauchen. Das Leben blüht. Die Natur ersteht jeden Frühling neu. Warum sollten wir uns schwer tun, daran zu glauben, dass auch wir ein Teil von ihr sind? Und dass auch wir – Gott sei Dank – wieder aufgeweckt werden?

Bedford-Strohm hat in seiner Predigt eine Begegnung im Altenheim als „prägendes Osterereignis“ bezeichnet. Ich gehe mal davon aus, dass das nicht dem wirklich perfekt strukturierten Predigtaufbau angepasst war, und nehme Geschichte und Aussage als wahr an. Eine Demenzkranke habe im Verlauf seiner Gründonnerstagpredigt immer wieder „so nimm du meine Hände“ gesungen, gesummt, wie auch immer. Und damit, so Bedford-Strohm, den Kern von Ostern vorweggenommen. Und verstanden.

Meine Mutter hatte, aufgrund  der Nebenwirkung eines Schmerzmittels, die Osternacht in verwirrtem, aber leider sehr wachem Zustand verbracht und war demzufolge leider nicht pünktlich zum Ostergottesdienst ausgehfertig. Ich denke nicht, dass sie dem Sinn oder Hintergrund von Ostern noch verstandesmäßig folgen kann. Vielmehr sagt sie immer öfter, dass sie „das mit dem Tod von Menschen nicht gut geplant“ findet. Sie hat Angst, fürchte ich. Und: sie glaubt nicht an eine Auferstehung. Weil sie das intellektuelle Konstrukt des Glaubens nicht mehr halten kann, mental. Aber: was bleibt dann dem Menschen, wenn er sich, seiner Vernunft beraubt, dem Ende nähert? Ist der Wert des Glaubens an das Denken gekoppelt? Wobei doch genau dies das Totschlagargument der Agnostiker ist: dass man Gott mit Vernunft eben nicht greifen kann?

Ich wünsche mir für meine Mutter dieses „So nimm du meine Hände“-Erlebnis. Ich wünsche es mir für mich, die ich beständig versuche, den Vorhang zwischen Diesseits und Jenseits zu lüften, mit dem Herzen, zumindest. Mich der Tatsache der Endlichkeit menschlichen Fleisches zu nähern und gleichzeitig der Akzeptanz des Nichtwissens.

Aber das ist ein weiter Weg ohne Landmarken, geführt von Gewissheiten, die mit dem Verstand nicht zu deklinieren sind.

Draußen fliegen die Schneeflocken, in einer Welt, die meine ist – und doch von mehr als einer Scheibe, einer Mauer, einer Unendlichkeit getrennt.

Ostern wird es immer wieder. Mal mehr, mal weniger. Wäre die Erkenntnis ein Spiel, würde ich meinen Level halten. Und weitermachen, bei der nächsten Gelegenheit.

Vor Ostern ist nach dem Aus


Karfreitag plus

Ich bin dann mal weg. Hätte Jesus heute gesagt, vor seiner Verhaftung, dem Prozess und der Kreuzigung. Weg – das war er dann auch. Für drei Tage, für immer, für eine Ewigkeit – je nach Winkel oder Stimmung des Betrachters.

Für mich ist er auch oft weg. Vor Ostern, aber auch danach. Obwohl ich es bin, die „weg“ ist. Weit weg. In meinem Alltag, dem Fließen und dem Überfluss. Wenn ich Glück habe, erlebe ich einen kleinen Anstoß, der mich zurückbringt. Auf den Weg. Eine Begegnung. Oder ein Film. Gestern schaltete ich kurz in das Leben französischer Nonnen. Ihre Dikussionen drehten sich um die Frage, ob man vor Liebe vergehen kann und wie. Jesus sei vor Liebe am Kreuz gestorben, sagte eine von ihnen.

Auferstehen sei ein Kunstwort, hörte ich heute einen Mönch erklären. Das griechische Wort bedeute eigentlich „aufstehen“ oder „aufgeweckt werden“. Und deshalb beinhalte unser Glauben im Licht von Ostern tatsächlich ein Aufstehen inmitten dieser Welt. Gegen Armut. Gegen Ungerechtigkeit. Gegen Terror. Gegen das Abbrennen von Häusern für Asylbewerber. Gegen ungleichen Lohn für weibliche Kolleginnen. Gegen Vorurteile. Gegen Gleichgültigkeit. Gegen das Böse in der Welt. Und in uns. Vor allem in uns, denn, seien wir ehrlich, es wird uns nicht gelingen, eine abstrakte Welt zu ändern. Aber uns können wir ändern .Wenn wir aufstehen.

Morgen, zum Beispiel. Weil wir einem Beispiel folgen können. Aus welchem Blickwinkel wir diesesn Jesus auch betrachten mögen. Als Gottes Sohn, als Revolutionär, als Querdenker, Impulsgeber. Jedenfalls war er kompromisslos. Und ein wenig von alledem kann auch uns nicht schaden. Oder?

„Ich bin dann mal weg“. So gesehen ist der Karfreitag ein Trost. Er schlägt mir eine Brücke über den Karsamstag hin zum Ostergeschehen. Per aspera ad astra. Durch die Enge zu den Sternen. Auf dieser Brücke kann ich stehen, ich kann über sie gehen. Ich kann sie in meinen Gedanken behalten, in meiner Erinnerung und in meinem Herzen.

Es hat aufgehört zu regnen. Bald wird es wieder hell. Und dann ist Ostern. Alle Jahre wieder.