Pfirsichhaut


Giardinograzie

„Ab furorem rusticorum libera nos domine“ – lautete der Wahlspruch meines Großvaters, und das seit wer weiß wie vielen Generationen. Das Motto lässt bei aller Deutlichkeit immer noch ein paar Interpretationsvarianten. Heute kleide ich meinen aufstöhnenden Geist in folgende: „Vor den schrecklichen Mühen des bäuerlichen Lebens, vor allem während und nach der Erntezeit, verschone mich der Herr“. Ja, ich genehmige mir sogar den Luxus des Pluralis Majestatis! „Nos“. Den habe ich mir verdient. Und das ganz alleine. Denn meine Mutter – einen boshaften Moment lang argumentiere ich stammbaumtechnisch damit, dass sie aufgrund ihrer nicht eindeutig bzw. nicht beidseitig großbürgerlichen, geschweige denn aristokratischen Herkunft im Grunde viel besser für die nun allein hinter mir liegende Aufgabe geeignet gewesen wäre – meine Mutter also reagierte auf meine tagelangen, mal mehr, mal weniger verschleierten Aufforderungen, die prallen, blassrosaweißen Gartenfrüchte zu verarbeiten, mit einer irritierenden weil meiner Erfahrung nach schlicht aufgesetzten Demonstration ihrer Alzheimer-Erkrankung.

„Ich kann nicht all die Früchte in dem großen Eimer auf einmal essen.“ „Das sollst du auch nicht, Mum. Du könntest sie aber schälen, putzen und kleinschneiden.“ „Pfirsiche braucht man nicht zu schälen. Die Haut kann man mitessen.“ „Ja, Mum. Wenn man einen Pfirsich essen möchte, oder zwei, dann kann man natürlich die Haut  dranlassen. Aber nicht, wenn man 1 Kilo zu Marmelade verarbeiten will. Dann muss man die Früchte  schälen.“ „Warum willst du sie denn verarbeiten? Es ist besser, die Früchte so zu essen.“ „Ja, Mum. Aber das sind zu viele Früchte, um sie zu essen. Du hast z.B. keinen einzigen Pfirsich gegessen, seit wir sie geerntet haben, und das ist schon eine Woche her.“ „Du hast mir keinen angeboten. Ich bin hier nicht zu Hause und kann mich nicht einfach von den Pfirsichen bedienen.“ „Mum, du hast sie doch eigenhändig geerntet und weißt, dass sie verbraucht werden müssen. Das hast du doch selbst gesagt, beim Pflücken.“ „ICH habe nichts geerntet!“ „Gut. Mum, würdest du denn bitte die Pfirsiche putzen, schälen und kleinschneiden? Ich mache dann daraus Marmelade, ist doch schade, wenn die schönen Früchte verfaulen. Einige sind schon halb braun.“ „Dann iss sie doch.“ „Es sind zu viele.  Nimm dir einfach ein paar zum gleich Essen weg, und die anderen schälst du, ja?“ „Man muss sie nicht schälen. Man kann sie so essen.“ „Ja, Mum, aber es sind zu viele.“ „Das ist doch nicht meine Schuld! Immer versuchst du, mir die Schuld zu geben. Du bist unausstehlich. Was ist nur aus meiner Tochter geworden?“ „Mum, du würdest mir wirklich helfen, wenn du die Pfirsiche schälen und kleinschneiden würdest.“ Sie steht im Türrahmen, eine winzige Person, leicht und grau wie eine Feder – eine Stahlfeder. „Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss mich hinlegen.“

Zwei Stunden, einen Berg nasser Fruchtschalen und ein paar ruinierte Hände später stehen fünf goldgelb gefüllte Einmachgläser zum Abkühlen auf dem Terrassentisch. Danke, Bruder Pfirsichbaum, denke ich, dann gehe ich zu dem kleinen, gebeugten Baum, der im Garten kauert und auf eine schamanische Weise meiner Mutter ähnelt. Ich küsse seine rissige Rinde und sage: Danke.

Diese Marmelade ist köstlich! Auch, wenn ich kaum jemals bei Dallmayr oder Käfer einen so kostspieligen Brotaufstrich finden geschweige denn kaufen würde. Allein der aus Baumpflege, Pflücken, Rezeptrecherche und Zubereitungszeit summierte Stundensatz treibt den Wert eines der kleinen Gläser ins Astronomische. Aber: mit nichts aufzuwiegen ist das Gefühl, eine Produktionskette von Anfang bis Ende begleitet und geleitet zu haben. Tröste ich mich.

„Mum, probier‘ mal diese Marmelade! Die habe ich gerade gemacht, aus UNSEREN Pfirsichen!“ „Pfirsiche? Aha.“ „Und, wie schmeckt sie?“ „Normal.“ Danke, Mum. Ab furorem rusticorum libera nos domine, denke ich und unterziehe mich der fast ebenso langwierigen Prozedur der Hand- und Fingernagelreinigung.

Aber vorher mache ich ein Foto. Und stelle es ins Netz, neben die 350 Millionen anderen Selbstbildnisse, nur, dass meine Pfirsichhaut die schönste ist.

Janusmenschen


Er schlägt die Augen auf und schaut aus dem Fenster. Die Sonne tränkt Himmel und Bäume mit leuchtender Transparenz. „Scheißtag“, flucht er. „Warum denn? Ist doch so schön, heute!“ „Na und? Mir doch egal, ich muss arbeiten! Da würde Regen besser zu meiner Laune passen.“ Wenn jeder so dächte und alle diesen einen Wunsch frei hätten, wäre die Welt schon längst in einer Sintflut ertrunken.

Oder er sitzt am Ufer eines Sees. Leise umspielen helle Wellen seine Füße, Schaumflaum leckt an seinen Zehen. Um ihn herum die Kulisse weißgrüner Berge, alles eingetaucht in ein deftiges Sommerblau. „Wie schön, der Rhythmus des Wassers, plätschernd flüstert es von seinen weiten Reisen“. „Ha, mir doch egal, was die Wellen flüstern. Lächerlich klein, das sind sie. Ja, wenn ich jetzt am Meer wäre, da könnte ich die Wellen genießen!“ Wenn die Wellen ihn hören könnten, würden sie ihn überrollen und holen und ihm zeigen, dass auch der Boden eines Bergsees unendlich tief sein kann?

Einmal, mitten auf dem Weg zum Gipfelkreuz,  ein Stein. Mit dem Abdruck einer Muschel. Steinalter Zeuge von Kraft und Bewegung. Ewigkeit. „Boah, Wahnsinn! So ein Fund!“ „Na und? So ein Fossil kann ich nicht essen. Jetzt ein Teller Weißweinmuscheln oder besser Austern. Nicht einmal die kann ich mir leisten. Das Leben macht mir einfach keinen Spaß!“

Es gibt Menschen, Janusmenschen, die dem Leben ihre dunkle Seite zudrehen. Wollen. Müssen? Was wäre, wenn diese Menschen auf einer Brücke stünden, hoch über der Autobahn, weltabgewandt, endlich, und bereit zum Sprung? Ganz sicher würden sie beim letzten Blick nach unten einen alten Honda Civic sehen  oder einen Mtsubishi, einen Daihatsu Cuore. Und: „Hach! Also nein! Ich habe wirklich immer Pech! Ich kann mich doch nicht von so einem alten Japaner überfahren lassen!“ Sprachs und ging von dannen. Vielleicht – hoffentlich – mal mit der hellen Seite vorneweg…..

MiniKrimis im WahlKampf! Ein Beitrag der IsarChillies München!


Politiker werben mit Wahlplakaten. Klar. Je näher der Wahltermin rückt, desto mehr Plakate säumen die Straßen. Am Ende ist das ein richtiger Wald. Blau, Gelb, Rot, Grün, Bunt. Da kennt sich keiner mehr aus und niemand schaut hin.

Niemand?

Falsch! In Moosach, Neuhausen, Nymphenburg, Laim und im Hasenbergl stehen Menschentrauben vor den Plakaten einer SPD-Politikerin, Diana Stachowitz. Jeder will ganz vorne sein und lesen. Ja, was denn nur?

Die MiniKrimis der IsarChillies, natürlich!

Aber Vorsicht: die Krimis sind rar gesägt, man muss schon Glück haben, um einen zu entdecken. Weil wir euch unsere kriminalistischen Miniaturen aber nicht vorenthalten wollen, werte Leserschar, veröffentlichen wir sie hier und exklusiv.

Im Gegenzug freuen wir uns über Fotos der platzierten Krimis auf den Plakaten, wenn ihr sie entdeckt habt!

CU! Eure IsarChillies

1.
Rote Retter

Die Dämmerung streicht mit langen Schattenfingern über den See und vertreibt die letzten Badegäste. Nur ein Mädchen liegt einsam schlafend auf der Uferwiese, als ein dumpfer Laut sie weckt. Bedrohlich rascheln die Holunderbüsche, und ein Mann steht vor ihr. Splitternackt. Sie schreit, er auch, geht auf sie zu, die Arme nach ihr ausgestreckt. Sie rennt davon. Er hinterher.  Kommt näher.  Da! Wie aus dem Nichts steht eine rote Frau vor ihr, auf Siebenmeilenstiefeln.  Stellt sich dem Nackten in den Weg.  Der deutet hinter sich, auf das Gebüsch, auf seinen Körper, wie wild und immer wieder. Endlich wird klar:  keine Gefahr. Er wurde im Schlaf beraubt, alles ist weg, Klamotten, Handy – und vor Schreck jetzt auch die Stimme. Diana hilft direkt: Auf Siebenmeilenstelzen holt sie eine Decke für den Nackten – und erst einmal Kaffee für alle, auf den Schock.

2. Gute Noten

Alles war perfekt geplant: Joe überfällt die Bank, packt alle Scheine in die große rote Tasche mit der Aufschrift „Noten“ und stellt sie unauffällig auf dem Kirchplatz ab, dort, wo der Chor gleich probt. Keiner wird sich  im Vorbeigehen wundern. Wenn der Chor zu singen anfängt, kommt Jack vorbei, schnappt sich die Tasche und dann nichts wie weg. Hoppla, da steh’n ja gleich zwei rote „Noten“-Taschen! Egal, er klemmt sich beide untern Arm, läuft los. „Halt, unsere Noten, halt!“ schreit die Dirigentin. Auf Siebenmeilenstiefeln startet Diana die Verfolgung.  Kurz vor der U-Bahn stellt sie den Dieb –  und übergibt allen wieder ihre Noten, den Sängerinnen und der Bank.

3. Hausbesuch

„Grüß Gott,  wir bringen Ihnen den „Wahlkrimi“ in der neuen Diana direkt!“Dianas Wahlkampfhelfer sind schon lange unterwegs, gleich wird es dunkel. „Noch zwei Häuserblocks, dann sind wir durch. Pst, habt ihr das gehört?“ Diana steht vor der letzten Wohnungstür im Erdgeschoss und lauscht. Isolde Lehmann, steht auf dem Schild. Drinnen scheppert es, dann Stille.  Diana klingelt. „Betteln verboten“ knurrt ein Mann durch den Spalt der Türsicherung. Er will die Tür zuknallen. Aber der Metallfuß von Dianas Siebenmeilenstiefel steckt dazwischen. „Frau Lehmann“, ruft sie. Von drinnen kommt ein undeutliches Stöhnen. „Schnell, ruf die Polizei“, sagt Diana. Da zersplittert Glas, ein dumpfer Knall. Die Polizei findet Frau Lehmann gesund, aber geknebelt. Der Einbrecher ist ab durch’s Küchenfenster. Alles gut – Diana sei Dank.

Lose Grenzen


„Perfekt! Danke dir, mein Goldschatz. Komm her, lass dich drücken!“ Gerne und ein klein wenig zu schnell schmiegt er sich in ihre einladend geöffnete Umarmung. So schnell, dass ihr Griff nach der Schere sein Sichtfeld wie ein Schatten streift, nicht mehr. Dann sticht sie zu, und das letzte, was er sieht, bevor sein Blick zerbricht, ist der neue Glanz in ihren Augen. Die Frage, ob das die Krönung seines Stylings ist oder doch eine vorwitzige Träne, stellt Gino sich nicht mehr. Aber Gaia spürt die Feuchtigkeit am Wimpernrand und tupft verblüfft und vorsichtig mit einem Kleenex nach. Gefühle kommen noch vor Masern und sind das Allerletzte, womit sie sich jetzt anstecken sollte. Eine letzte Spiegelprüfung, dann geht sie in den Flur. Legt Feuer an die lange Zündschnur und verlässt eilig doch gemessenen Schrittes die Gartenlaube. „Diebesbanden schrecken vor nichts zurück“, wird das BLATT in seiner Nachtausgabe titeln, und aus den Autospuren auf einen erneuten Anschlag der Grenzräuber schließen, die fortan Grenzmörder heißen. Aber das wird Gaia nicht mehr lesen, denn im Ausland kauft sie keine deutsche Zeitung.

Sie pustet Milchschaum über den Tassenrand in Richtung Sonnenuntergang im Meer. Der Abendwind frischt auf, und sie knotet ein Tuch um ihre wehend schwarzen Haare. Nicht, dass sie ihr davonfliegen!

Fabiola heute nacht


Fabi

Die Rosen knospen. Zartes Blütengewebe, maigrün umschleiert. Für Dich. Siehst du es?

Das Meer tost. Grünes Wellenwogen zupft am Sand, zerzaust die Strandgutlinien, wühlt im Tang. Riechst du es?

Der Himmel glüht. Rosawolkenreich erklimmt er Marmorberge. Kippt an knappen Kämmen ins Zinnober und verlischt im Wäldernebel, grollend. Hörst du es?

Die Seele weint dein Sohn hat Fieber und der Tag sinkt in den Abend wie Zitrone in ein warmes Glas. Leer. Du hast es ausgetrunken. Wovon lebst du nun? Und wo?

Vermisse dich. Grüß mir Vater Bruder Nichte. Gott.

Einfach nicht totzukriegen.


Karfreitag und der Himmel lacht. Ob mit mir oder über mich, diese Frage stelle ich 30 Jahre später. Und die Antwort kennt nicht einmal der Wind. Der zauste mir und meinem Pinsel zärtlich das Haar, als ich am Balkontisch saß, Augen sichtscharf lichtdicht geschlitzt. In der Hand ein ausgeblasenes Hühnerei. Hingebungsvoll malte ich es an. Schwarze Hennen mit violetten Schildern an den Flügeln: „Unsere Eier gehören uns!“. Ob ich damit auf die § 18 Diskussionen anspielen wollte? Wahrscheinleicht. Ich malte schnell und gezielt. Denn um drei wurde ich abgeholt. Von meiner Clique, mit meinem Freund. Und dann ging es durch aprilschattige Wälder voller grünzwitschernder Vögel sanfte Wege hinunter zum Metonkel. Ein schrulliger Kauz, der in einem Wohnwagen auf einer struppigen Lichtung hauste. Im Wald unter nicht näher untersuchten Bedingungen Bienen züchtete und Honig machte, primär, und daraus Met, sekundär, um ihn tertiär zu verkaufen. Ausgeschenkt an Biertischen mit schmutzgerändertem Wachstuch, in schmierigen Gläsern. Sehr bedenklich, und das nicht nur unter hygienischen Aspekten. Wie wir zurück kamen, daran habe ich keine Erinnerung mehr. Nur, dass es ein außergewöhnlich sonniger, warmmilder, versöhnlicher Karfreitag war. Einer, der das Kreuz ganz hinten an den Horizont rückte. Von wo ich es heute hervorhole.

Karfreitag und der Himmel schmollt. Blau blinzelt einzelsam durch Wolken, die den frisch aus weißer Decke aufgetauchten Krokussen mit Schneegestöber drohen. Mich friert, und ich würde nicht auf der Terrasse sitzen wollen, um mein Haar dem Eiswind hinzusträhnen. Er ist nicht totzukriegen, hat Abt Benedikt gesagt. Er hat sich mit uns eingelassen auf die abenteuerlichste aller Reisen, die in unser Innerstes hinein. Sagt er. Das leuchtet mir ein. Und leuchtet in die Abendtrübe. Lacht mich an nicht aus, während ich am Esstisch sitze, Pinsel in der Hand, Augen sichtscharf bebrillt. Und Jugendstilgesichter auf die Eier male. Konzentriert und schnell. Denn später kommt mein Sohn zum Abendessen. Und meine Mutter ist so schrullig, wie der Metonkel nie war…….. Ach, ja. Das Kreuz.

Opfer, g’schleckerte!


MONun wissen wir es. Nicht, dass wir darauf gewartet hätten. Ich zumindest hatte bis heute um 7.08 Uhr sogar vergessen, dass es so etwas Weltbewegendes wie eine Jury aus Sprachforschern gibt, die aus 2241 (die Zahl wurde nachträglich nochmal nach oben korrigiert, aha) Einsendungen in einer Sitzung, über deren Länge und Ausgestaltung nichts weiter in den Medien steht, ein „Unwort“ kürt. Wobei das Wort „küren“ eigentlich durch einen negativ konnotierten Gegensatz ersetzt werden müsste. Aber das sind sprachwissenschaftliche Peanuts, bzw. Kleinzudruckendes, um im Sprachbild zu bleiben. „Der Begriff Unwort ist ein Schlagwort aus dem Bereich der Sprachkritik und bezeichnet ein „unschönes“, aber auch ein „unerwünschtes“ Wort“, lese ich. Einmal. Und noch einmal. Ich zumindest habe Opfer-Abo noch nie gehört. es ist mir so fremd, dass ich ihm nicht einmal Attribute wie „unschön“ oder „unerwünscht“ zuordnen kann. Offensichtlich konnten das auch die Einsender  nicht, bzw. war das Wort einer breiteren und engagierten Öffentlichkeit völlig unbekannt, denn unter den 1019 unterschiedlichen Vorschlägen rangiert es an hinterster Stelle. Im Vorfeld wurden die „Schlecker-Frauen“ als Nummer Eins gehandelt, gefolgt von der „modernen Tierhaltung.“ Prompt sieht sich die Vorsitzende der „Unwort“-Jury im Erklärungszwang und sagt, es sei schon mehrfach ein einzelner Vorschlag ausgewählt worden. Mag ja sein. Aber ganz ehrlich: „Opfer-Abo“! Das Wort bleibt völlig geschmacksneutral, auch, wenn ich es wieder und wieder auf der Zunge zergehen lasse, als Linguistin, die ich – ja! – bin.

Nein, es ist nicht selbsterklärend. Zum Glück kommen mir die Medien zu Hilfe, beziehungsweise die Jurymitglieder selbst. Sie bezögen sich auf eine Äußerung des „gestürzten Wettergottes“ (Anm. d. Red.). Jörg Kachelmann, der in einer Talkshow gesagt habe, Frauen würde in Vergewaltigungsverfahren „stets die Opferrolle zugesprochen werden“. Ah ja. Jetzt bekommt das Wort einen Geschmack. Oder vielmehr ein „Geschmäckle“! Und ich frage mich ernsthaft  dreierlei.

Erstens: woher in aller Welt diese „unabhängige, sprachkritische Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt“ ihre Legitimation erhält. Gut, da hat die Gesellschaft für deutsche Sprache die Wahl zum Unwort des Jahres 1994 abgegeben. An eine „institutionell unabhängige“ Jury. Ok. Über die Hintergründe hierzu darf spekuliert – und vor allem recherchiert werden.

Zweitens: was macht „Opfer-Abo“ zum Schlagwort? (Definition: Begriff, der den Inhalt eines Dokuments auf der Grundlage eines normierten Begriffsverzeichnisses beschreibt). Normiert? Ah so. Ja. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Ich schaue mir dir „Norm“ der Jury an.

Und ich frage, drittens: waren die vier männlichen Mitglieder in Zugzwang gegenüber der weiblichen Sprecherin? War das also eine veritable „Opfer-Abo“-Situation? Wenn ja, dann wäre es für das öffentliche Verständnis sicher hilfreich, den MO der Wort-Wahl offen zu legen. Nur dieses eine Mal. Bittesehr. Ich möchte der Dame kein geplatztes Rendezvous mit Kachelmann nebst daraus folgenden Racheszenarien unterstellen. Fakt ist, dass schon Stunden nach Bekanntgabe das Wort selbst nicht mehr an erster Stelle der Berichterstattung steht, sondern nur einem C-Promi wieder an die Spitze des medialen Rankings verholfen hat. Chauvinismus hin oder her. War das die Absicht? Jetzt wird der Sinn des Wortes deutlich. Wenn einer ein Opfer-Abo hat, dann Kachelmann! Alice Schwarzer war übrigens kein Jury-Mitglied. Leider!

Die Schlecker-Frauen hingegen, meistgenannt als Vorschlag und mit der nicht erfolgten Anschlussverwertung doppelt gestraft, haben –  wieder mal – lediglich die Opfer-Rolle. Toll!

Zum Glück gibt es ja noch das Wort des Jahres 2012. Das wurde zeitnah im Dezember gekürt, zum Glück immer noch von der Gesellschaft für deutsche Sprache.  Es lautet „Rettungsroutine“ und steht „für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.“ Das hilft den Schlecker-Frauen zwar nicht unmittelbar. Aber vielleicht können im Zuge dieser Rettungsroutine auch ihre Arbeitskräfte wieder aus dem Opferkeller hervorgeholt werden.

Ich habe übrigens schon einen Vorschlag für das Unwort des Jahres 2013: Frauenmafia! Honi soit qui mal y pense…..