Einfach nur entspannen.


„Du solltest einfach entspannen“. Sagte sie zu mir.

„Tu ich doch!“

„Wie denn das?“

„Na ich lese. Oder schreibe. Oder zeichne.“

„Das meine ich nicht. Entspannen heißt nicht, etwas anderes tun. Entspannen heißt  NICHTS tun.“

„Ach. So.“

„Ja.“

„Und wie mache ich das? Zum Beispiel?“

„Ganz einfach. Wenn du gehst, also läufst, dann achtest du auf deine Schritte. Und deinen Atem. Tief und gleichmäßig.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts. Du denkst nicht an deine Arbeit, entwirfst keine Einkaufsliste und auch keinen neuen Roman. Du schreitest und atmest. Ganz einfach.“

„Na wenn das alles ist!“

Ich verabschiede mich von ihr. Gehe die Treppen hinunter. Zur Tür hinaus. Achte auf den Gehsteig und auf meine Schritte. Atme tief und gleichmäßig. So einfach ist das.

Vor mir geht eine Frau, mittel jung mittel dünn mittel schnell. Zündet sich beim Gehen eine Zigarette an.

Ich achte auf meine Schritte. Wieder. Und auf meinen Atem. Hole tief Luft. Rieche den Rauch atme den Rauch huste den Rauch. Achte nicht auf meinen Atem, sondern auf die Zigarette vor mir.

„Das ist wieder so typisch ich. Da will ich entspannen. Ganz einfach. Auf meine Schritte achten und auf meinen Atem. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Und dann raucht da so eine vor mir. Und aus isses mit der Entspannung.“ Erzähle ich ihr bei nächster Gelegenheit.

„Und was hast du da gemacht?“

„Wie, was habe ich gemacht. Nicht entspannt, jedenfalls. Konnte ich ja nicht mehr. Nicht meine Schuld.“

„Klar. Aber. Warum hast du nicht einfach die Straßenseite gewechselt?“

Ganz einfach.

Kleider machen Urlaub 1.0


Die Scheinwerfer schneiden das Ahrntaldunkel in drei Scheiben. Alles was du von der Bergwelt draußen siehst, ist gelbgeränderter Asphalt und, in den Kurven, Straßenmarkierungen links und rechts. Aber du riechst den Herbst, der von den Gipfel still ins Tal hinunterschleicht, du riechst den würzig wilden Atem, mit dem der erste Schnee den letzten Almblüten ein Schlaflied sing. Dann bist du da. Vertraute Laute fremde Stufen eine Tür. Licht flutet einen klaren Raum. Aus hellem Holz ein Bett, ein Schrank, Nachttischchen, Deckenlampe und ein Kreuz, polierte Bodenbretter. Die Nacht versteckt sich hinter grünem Leinen. Du stellst den Koffer ab. Sein grau-orangefarbenes Plastik ist geduldet, nicht daheim, in diesem Alpenzimmer. So wie ich. Am Boden kniend ziehe ich den Reißverschluss von recht nach links rund um den Kofferbauch und klappe seine beiden Hälften auf. Wie ein tranchiertes Hendl sieht er aus, mit Paprika und krosser Haut. Und innen ziemlich leer. Zwei Tage Ruhe sind nicht viel für meinen überlauten Kopf. Zu wenig um mit Kleiderfragen vollgestopft zu werden. Hose, Hemd, Rock, Bluse Schuhe. Socken.  Mit Bedacht öffne ich die Flügeltüren an dem großen Kleiderschrank. Zehn Bügel baumeln da mit leicht gespreizten Armen, wie zum Willkommensgruß der fremden Kleidungsstücke.  Ich lege beide Hände unter die längs gefaltete Jodpurhose. Ihr kühles Schwarz fließt über meine Finger und schmiegt sich in perfektem Kontrast an den Bügel. Das Blütenkleid, das sich so gerne um mich legt wie eine zweite Haut, hänge ich daneben. Die blaue Sommerbluse und den Hauch aus weißer Gaze, wir beide werden frieren, in der Morgenluft……..

Grenzliniengängerinnen haben auch Freunde.


Das Leben ist einfach nicht  zweifach.  Da werden Grenzen nicht ungeschoren verschoben.

Mehrfach daneben gelegen ist viel zu weit ab vom Schuss. Golden geht dann auch nicht mehr.

Bleibt die Zigarette. Kratz im Hals. Brennt auf der Haut.

Alles brennt. Der Wodka die Glut die Nacht das Gestern. Einsamkeiten zu zweit und allein.

Morgen liegt hinter verbrannten Brücken. Asche schmeckt bitter nach Blut.

Hoffen ist leichter als wagen. Versagen liegt näher als Mut. Was tut da noch gut? Mit drei Promille den Rettungsweg finden.

Verschiedene Grenzen verschieben.  Sich michdich.

Echtheit


Du sitzt am PC, so intensiv, wie wahrscheinlich früher kein Mensch an der Schreibmaschine saß. Allein die Tatsache, dass drei Durchschläge mit Kohlepapier zwischen deinen Gedanken und der Druckerschwärze lagen, zwang zur Prägnanz. Heute ist die Intensität vor allem der Omnipräsenz gewidmet, nicht so sehr der Qualität. Wie viele Seiten hast du auf? Wie viele tasks übst du multifähig aus?

Du sitzt und schreibst, bevor du denkst. Du tippst und lenkst deine Träume über den Bildschirm hinaus.

Da schleichen vier Pfoten ins Zimmer. „Mauu“ macht es leise am rechten Stuhlbein, ein weicher Buckel schicbt sich dir entgegen. Ein hungriger Kater. So einfach ist das Leben.

AnderZeit


Ich bin neunzehn und hocke im Garten.  In der Hand eine Harke. Vor mir ein Beet voller Giersch. Unkraut jäten. Wie spießig ist das denn? Die Sonne brennt. Ich würde mich gerne ins Gras legen und meine dicken Beine bräunen. Das wäre vergeudete Zeit, denn meine Beine bleiben weiß wie Elfenbein, nur nicht so glatt. Egal. Ich könnte mir einen Campari-Orange mixen und abwechselnd eine Seite Agatha Christie lesen und einen Schluck von dem eiskalten Getränk zu mir nehmen. Dann wäre ich nach zwanzig Minuten glücklich, keine Giftmörderin zu sein und auch kein Opfer, und meine Beine würden aus der Liegestuhlwarte mit steigendem Alkoholpegel auch immer länger und glatter werden. Aber nein. ich hocke im Garten mit der Hacke in der Hand und weiß, wenn ich den verdammten Giersch nicht bis zur Rückkehr meiner Mutter entsorgt habe, gibt es ernstlich Ärger.

Ich rebelliere, zunächst in Gedanken. Das ist IHR Garten! Ihr Azaleenbeet. Und IHR verdammter Giersch. Was habe ICH damit zu schaffen? Außer, dass ich den Giersch heute entfernen soll? Warum macht sie das nicht selbst? Hallo? Sie kommt um sechs nach Hause. Nach zwölf Stunden unterwegs, davon neun in einem stickigen Büro mit irgend welchen ausländischen Antragstellern könnte sie sich bei dieser Jätarbeit ideal entspannen. Rundherum alles grün. Die Azaleen, der Giersch. Der Rasen, die Hügel. SIE wollte hierher ziehen. Soll SIE doch sehen, wie sie damit klarkommt. ICH packe jetzt meine Sachen und fahre zurück nach Frankfurt. Ins Studentenwohnheim. Zu meiner Freundin. Zu Cocktails und Joints und Jazzclub und Kakerlaken. Einziges Problem: wie komme ich an mein Wochengeld?  Also packe ich die Harke fester, meine Hände haben schon Schwielen, körperliche Arbeit, das ist etwas für Kulaken, nicht für Literatinnen!

Ich bin … Schwamm drüber…. und hocke im Garten. In der Hand ein Kneipchen. Der Garten ist VIEL kleiner als der in meiner Studentenzeit. Aber er bringt auch Arbeit mit sich. „Wenn ich weg bin, entfernst du bitte das Unkraut aus den Ritzen“, habe ich meinem Sohn gesagt. Gesagt habe ich es, nicht ihn gebeten. Und ich habe seinen Blick dabei gesehen. „DU wolltest hierher ziehen. Es ist DEIN Garten. Schau DU doch zu, wie du damit klarkommst. Und überhaupt: Unkraut aus Steinritzen kratzen, wie spießig ist das denn?“ Er sagt es nicht. Er schaut an mir herunter, Tankini (! immerhin! Ich bin ja nicht blind) und Clogs, und fragt: „Wo willst du denn hin, in dem Aufzug?“ Töchter sind grausam. Söhne sind tödlich. Dann fährt er ins Fitnessstudio.

ICh hocke im Garten. Kneipchen in der Hand. Reißezupfe Unkraut aus den Ritzen zwischen den Steinen. Weil ich weiß, dass sonst nach einer gewissen, unglaublich kurzen Zeit die Steine instabil werden – Grünzeug ist insistent! – und wackelig. Weil ich weiß, dass ich nicht das Geld habe, um den gesamten Gartenweg neu zu pflastern. Weil ich ein schlechtes Gewissen habe deswegen. Weil ich schreibe und dichte statt NUR NOCH Geld zu verdienen, um den verdammten Gärtner zur zahlen – vorausgesetzt, ich finde einen – der alle drei Woche kommt und das verdammte Unkraut zwischen den Steinritzen entfernt. UND den Rasen mäht. UND die Rosen düngt. UND die Pflanzen gießt – allerdings täglich.

Nein – ich brotarbeite fast rund um die Uhr, und statt zu schlafen dichte ich. Schreibe. Statt ins Fitness-Studio zu gehen, jäte ich Unkraut. Das ist mein Leben. Ich LIEBE es. Aber ich liebe auch meinen Sohn. Deshalb hocke ich hier im Garten…. gut, was ich tue, ist klar. Ich will ihm kein schlechtes Gewissen machen. Will nicht, dass er in zwanzig Jahren eines bekommt. So wie ich, heute.

Aber…………………………………………….

ich betrachte das Bild meines Vaters im Treppenhaus über dem cremigen Marmor. Die vier Jahreszeiten, hat er es genannt. Schaue auf das geschlossene Buch mit den Lebenserfahrungen. Frage mich: warum muss der Kreislauf von leben und sterben zwangsläufig auch einer von Wissen und Nichtwissen sein? Von Nichtakzeptieren und zu spätem Verstehen?

Ich bin neunzehn. Ich stehe im Garten. Ich schwinge die Hacke. Ich hole den Rechen. Nach einer halben Stunde ist das Beet erdbraun und glatt. Meine Mutter kommt heim, müde von menschlichem Leid, wenig Schlaf, langer Fahrt. „Oh wie schön!“ ruft sie. Und „Danke!“

Zwei Wochen später hat der Giersch seinen Weg über die aufgeschüttete Erde gefunden.

Ich komme in zwei Wochen wieder nach Hause. Zwei Wochen mit meiner dementen Mutter. Im zeitzerstörten Garten, wo der Giersch lange nicht mehr wuchert, es ist ihm zu öd, da. Der Mensch und die Zeit. Sie passen nicht in- und nicht zu einander. Wer geht und wer bleibt? Ist es an der Zeit?

Pergamentich


Vor dem Fenster fingerblättert eine grüne Wand rote Spitzen auf mich, knusperdroht mir mit dem Entern meines Häuschens. Dicke Schalen glocken ohne Laut  im Wind . Herbstnüsse, wenn die Sonne sie nur eine Weile küsst.

Töne dringen aus den Tiefen stiller Räume an mein linkes Ohr. Tröstend greifbar, ich kann ihre Spur zurückverfolgen bis zu einem klaren Bild.

Wie die Nüsse säß ich gern in meiner festen Haut, sicher vor dem Reifeplatzen, grün geborgen.

Aber ich – pergamentblass offen lasse ich in mich hinein, was durch den Tag an Ängsten strömt, an Sorgen. Nöten. Autofahrer mit gefurchten Stirnen Frauen hinter Diagnosescreenings Väter Töchter Mütter, Arme voller Hoffnungssträuße vor den Kliniktoren. Liebeskummer Armutsfalten Todesahnungen und Lebensüberdruss. Das alles muss aus vollen Herzen in die Julihitze. Dort bin ich. Und spüre Wellen Wellen Wellen aus den übervollen Seelentöpfen quellen. Reißen mit mich um. Beinah. In mich hinein durch mich hindurch. Als wäre Pergament ich. Unsichtbare Tafel für die Stifte ihrer Not. Ist das Tintenschwarz aus ihrem Herz getropft, sind sie wohl heller? Und ich dunkler?

Gestern habe ich begonnen, mich zu wehren. Nicht mit Schlägen. Mit Gedanken. Eine Gegenwand aus Mut und Kraft, semipermeabel. Ausgeschickt ins volle Nichts. Zur Lösung einer Gleichung mit unendlich vielen Unbekannten. Jetzt ist es gut.

Ach ja – wenn du mir Freude denkst, heut abend, morgen früh – trink pergamentich gierig aus und sende – Doppelglück! zurück.

Häuser ohne Zukunft


In den Straßen ringsum entstehen wie über Nacht neue Häuser. Alle kühl alle grau alle hochfenstrig mit mittigen Orchideen. Alle schmal alle loftig nicht luftig. Mit dunkelroten Türrahmen und Fenstern. Mit farbigen Innenwänden, die ich durch die vorhanglosen Scheiben gut erkenne, beim Abendgassigang, Wo sind die alten Bungalows geblieben? Sie lagen am Ende verschwiegener Gartenalleen, gesäumt von Apfelspalieren und Lupinenbüschen. 70er Jahre Blumen, Altobst, das neue Jahrtausend verlangt nach geordneten Linien und Formen. Nach Bambus und Buddhas und kantigen Gräsern. Wo sind die Bewohner? frage ich durch ein gekipptes Fenster den bierbebauchten Neuankömmling inmitten der Bauzäune und Zementsäcke. Im Altenheim sagt er. Und ich: Na, dann wissen Sie ja, was Sie in dreißig Jahren erwartet. Soll ich ein paar Lupinen züchten, solange, für Ihre Nachbewohner?

Gegenüber recken die Betonmauern einer Kita ihre überhohen Fenster in den Himmel. Kurfristiger Belegungsbedarf angesichts der Geburtenstatistik, Kotau vor weltfernen wahlnahen Gesetzeseifern. Hauptsache, der Bau ist barrierefrei. Wir werden ihn brauchen, für Rollstuhlfahrten zu gemeinsamen Altersmahlzeiten, balddann, wenn die Kinderstimmen gebrochen über unsere Überzahl fluchen.

Werden vergehen. Wachsen verblühn. Schaffen zerfallen. Mephisto wo bist du?

 

Tatort Bibel – kriminelle Geschichten mit biblisch-musikalischem Hintergrund


Alle die glauben, in der Bibel stünden nur alte Kamellen, werden eines Besseren belehrt. Im Tatort Bibel geht es um Mord und Totschlag mit biblischem Hintergrund. Im Rahmen der Moosacher Stadtteilkulturtage liest Krimiautorin Maria-Jolanda Boselli biblisch inspirierte Geschichten, umrahmt und untermalt von Klavier- und Gitarrenmusik und Gesang rund um Liebe, Mord und Eifersucht. Die Interpreten sind Julia Korzh, Ingrid Zacharias und Ludger im Winkel.

Am 12. Juli 2012 um 19 Uhr in der Magdalenenkirche, Ohlauer Straße 16, 80997 München. Der Eintritt ist frei.

Maria-Jolanda Boselli ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen, sowie bei der Autorinnenvereinigung AV. “Die Bibel ist voll faszinierender Geschichten”, sagt sie. “ Viele davon, vor allem im Alten Testament, handeln wirklich von Mord und Totschlag. Sie sind heute noch genauso spannend wie vor mehreren tausend Jahren. Deshalb lassen sich die Motive wunderbar in die Gegenwart übertragen”. Julia Korzh, Sängerin und Pianistin, hat passend zum Thema dramatische Stücke ausgesucht, u.a. von Schostakowitsch, Mozart und List. Die Mezzosopranistin Ingrid Zacharias spannt mit ihrem Gitarristen einen weiten Bogen von russischen Liedern über irische und amerikanische Balladen bis hin zu Brecht und deutschen Chansons. Ein unterhaltsamer Abend, der unter die Haut geht.

Wannsee sehn…..! Und lesen!


Kofferpacken. Wird es schwül oder kalt? Regenmantel oder High heels?  Listenschreiben. Haifischpressebecken Berlin. Wartet DOCH auf uns. Texte sammeln. 60 Sekunden reichen mir für ein paar hundert Tote. Und dann vor allem: Stimmen sehen, fühlen, ohne Telefonentfernung. Kennen. Lernen. Endlich. Und davor noch Jubeln für die Himmelblauen. Heute an der Kaufhauskasse schscht mich die exotische Kassiererin an, als ich nach italienischen Fanartikeln frage. Und ein – süßer – Mann mit grauem Pferdeschwanz – ach die immer gleichen Präferenzen, aber wenigsten akzeptiere ich inzwischen nicht nur schwarze Haare – fragt mich adleraugig: Sind Sie italienisch? „Ich mag nur lieber Leute, die mit Freude spielen, als solche, die verbissen kämpfen immer wieder um diesen verdammten Endsieg“, sage ich nur zum Teil. „Und sie?“ schiebe ich provokativ nach. „Ma, io sono italiano“, lacht er. Und verschwindet leider wieder. Trotzdem – sie werden verlieren. Und ich also früh ins Bett dürfen statt auf der Leo Straßen zu schlachten. Auch was wart. Und morgen dann……….. hui. Berlin Berlino. Forza. Arrivo!

http://www.autorinnenvereinigung.de/index.php?id=73&tx_ttnews[tt_news]=51&cHash=54cdec40efdf7c3a3c8fb870bbe0b027

Kastanienfenster


Vor dem Fenster türmt sich eine grüne Wand

raschelt rauscht wiegt sich im blassen Abendblau

drei rote Blätterspitzen

recken sich noch kaum entkräuselt

am Mutterastarmschwung entlang

Unter hellen Schalen quellen juniweich

die frisch geborenen Versprechen von einem reichen Herbst.

Septemberblumen weißen an der Hecke

und der Tag

ist schon ein paar Sekunden müder.

Aber noch wärmen wir uns an heißen Träumen glühwürmchenlauer Nächte.