Adventskalender MiniKrimi vom 24. Dezember


Natale 15

Buon Natale, pace al mondo! Merry Christmas, peace to the world! Joyeux Noel, paix et amours au monde!

Meine diesjährige Weihnachtsgeschichte: ein kleiner, ganz normaler Familienkrimi mit fröhlichem Ausgang als Tipp für die Gestaltung des Heiligen Abends:

Die Weihnachtserbin

Was bisher geschah:

Heiligabend: Frida hat ihren Mann Jan und die Kinder auf den Weihnachtsmarkt geschickt, um in Ruhe die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Alles wie jedes Jahr, sie erwarten Oma Anita, Opa Bernd und Jans arroganten Bruder David. Sie gilt als perfekte Gastgeberin. Aber heute fragt sie sich, ob sie in den letzten Jahren, seit sie in das Haus am Stadtrand von Berlin gezogen sind, nicht zu oft nachgegeben und zu wenig an sich gedacht hat. Ihr Blick fällt auf die rote Küchenuhr, die ihre besten Tage hinter sich hat. Vielleicht geht es mir genauso, denkt Frida. Und sie spürt, wie so etwas wie Unmut in ihr aufsteigt und Unzufriedenheit. Da klingelt es an der Tür. Wer kann das sein?

„Ja, bitte?“, fragt sie in das Schneegestöber. Vor ihr steht ein Mann mit roter Mütze. Nein, nicht der Weihnachtsmann, das erkennt Frida an der grimmigen Miene, mit der er ihr einen aufgeweichten Umschlag entgegenstreckt. „Frida Rosenzweig?“, schnauzt er sie an. „Ja. Haben Sie was gegen meinen Namen?“ „Ist mir egal, solange er auf dem Briefkasten steht.“ „Aber das tut er doch nicht!“ „Eben. Deshalb musste ich so lange suchen. Eilauftrag vom Kunden. Und das an Heiligabend. Hier, unterschreiben!“ Natürlich passt ihr ganzer Name, Kahler-Rosenzweig, nicht auf das Signaturpad. Ebenso wenig wie auf den Briefkasten. „K. Rosenzweig“ krakelt Frida auf das Pad, dann stürmt der Mann zurück auf die Straße. „Frohe Weihachten“, ruft sie ihm hinterher, um ihrem perfekten Image noch irgendwie gerecht zu werden.

Dann setzt sie sich mit dem Brief in die Küche. Dr. Ernst R. Schreck, Notar, steht auf dem Umschlag. Er enthält die Einladung zur „Testamentseröffnung im Erbfall Pepita Rosenzweig“ am 24.12.2015, 13 Uhr, in der Straße zum Löwen 12 in Wannsee. Frida schaut auf die Küchenuhr. Fünf vor zwölf. Wie passend, denkt sie. Was mache ich jetzt? Du kannst da unmöglich hin, sagt die perfekte Gastgeberin in ihr. Die Vorbereitungen! Na und, antwortet eine Stimme, die Frida nicht mehr gehört hat, seit sie hier eingezogen ist. Denk an dich! Pepita muss Oma Anitas totgeschwiegene Zwillingsschwester sein. Bestimmt hat sie dir was vererbt, sonst hätte dich dieser Schreck nicht eingeladen.

Frida schaut sich in der Küche um, sieht die abblätternde Farbe an den Fensterrahmen, die angeschlagenen Kacheln. „Willst du so weitermachen? Das Haus muss dringend renoviert werden. Aber dafür fehlt euch das Geld. Jan ist lieb und nett, aber er verdient nicht genug. Nimm die Sache selbst in die Hand. Zieh den Mantel an und geh.“

Und das tut Frida. Der Weg nach Wannsee über leergefegte Straßen ist kürzer als gedacht. Das Anwesen Nummer 12 entpuppt sich als majestätische Gründerzeit-Villa mit Auffahrt und Freitreppe. Frida parkt den alten Familienvolvo direkt neben einem grün funkelnden Jaguar XJ. Sie wird erwartet, in der Tür steht ein untersetzter Mann mit Kugelbauch und schütterem Haar. Auch kein Weihnachtsmann, konstatiert Frida mechanisch. „Frau Rosenzweig, schön, dass Sie da sind. Schreck“, sagt er mit öliger Stimme.

Die nächste Stunde vergeht wie im Traum. Das getäfelte Arbeitszimmer, die hohen Stühle. Das Video, in dem eine Frau wie ein Rabe im schwarzen Kleid mit funkelnden Knopfaugen sagt, dass sie Haus, Auto und Bankkonten ihrer Großnichte Frida vererben will. „Die einzige Bedingung, die du erfüllen musst“, krächzt ihre brüchige Stimme aus den Lautsprechern, „ist, zu beweisen, dass du nicht so verlogen bist wie der Rest meiner Familie.“ „Und wie?“ fragt Frida. „Ganz einfach“, erklärt der Notar, „Sie müssen vollkommen ehrlich sein. Und zwar alle.“ „Das sind wir doch immer“, strahlt Frida. Wenn’s weiter nichts ist. In Gedanken zieht sie schon in die prachtvolle Villa ein. Das Treppengeländer ist eine prima Skater-Rail für Finn, und im Garten könnte Annas Pony stehen. „Gehen wir?“ Dr. Schreck sieht sie auffordernd an. „Wir? Wohin?“ „Zu Ihnen nach Hause. Ihre Großtante hat mich mit der Überprüfung Ihrer Ehrlichkeit betraut“.

Die Rückfahrt verläuft schweigsam. Bestimmt würde Dr. Schreck den Heiligen Abend lieber woanders verbringen. „Mein Gänsebraten ist vorzüglich“, flötet Frida und öffnet die Tür. Rauchschwaden vernebeln die Sicht, ein beißender Geruch nach verbranntem Fleisch straft ihre Behauptung Lügen. Mit einem Schrei stürzt Frida in die Küche. Sie hantiert immer noch hektisch mit Töpfen und Pfannen, als Jan und die Kinder nach Hause kommen. „Was ist denn hier passiert?“ Anna rümpft die Nase. „Das stinkt.“ „Kinder, riecht doch lecker.“ Jan will die Stimmung retten. Da sieht er den rundlichen Mann, der Frida ein spöttisches Lächeln zuwirft. „Das gilt noch nicht“, sagt sie hastig. „Erst muss ich alles erklären.“

Jan runzelt kritisch die Stirn. Aber die Kinder sind begeistert. „Zum Glück ist die dumme Gans angebrannt“, ruft Finn. „Jetzt gibt’s Spaghetti mit Tomatenketchup, ok?“ „Das fängt ja gut an“, wispert Frida ihrem Mann zu. „Das wir noch viel besser“, antwortet er.

Statt eines „Du wirst immer jünger, wie machst du das bloß?“ hilft Jan Oma Anita mit der Bemerkung aus dem Mantel: „Du hast ganz schön zugenommen!“ Und Finn brüllt: „Pelz ist Mord! Freiheit für alle Tiere jetzt sofort!“ Opa Bernd erlangt nach Fridas Erklärung zu diesem „etwas anderen“ Heiligabend als erster die Fassung wieder. „Wir können endlich aufhören mit dem Theater, Anita.“ Dann fragt er: „Frida, darf mein Mann dazukommen?“ Denn Bernd und Anita gehen schon lange getrennte Wege. Sie unterhält einen Swingerclub auf Malle, und er hat seine heimliche Liebe Adam geheiratet. „Glaubt bloß nicht, dass ihr den Sommerurlaub bei mir verbringen könnt“, warnt Anita vorsorglich. “Ihr seid viel zu spießig für meine Gäste.“ Frida wundert sich, warum Anita und Pepita sich nicht vertragen haben. Wo sie sich so ähnlich sind. Zwillinge eben.

Als David kommt, macht es ihr sogar richtig Spaß, ehrlich zu sein. „Du bist viel zu spät. Wie immer. Gut, so haben wir wenigstens ohne deine Anzüglichkeiten essen können“, wirft sie ihm an den Kopf. Und setzt noch eins drauf: „Wir haben kein Geschenk für dich. Du bringst ja auch nie was mit.“ „Stimmt nicht“, antwortet David, zieht ein zerknülltes Päckchen aus der Manteltasche und beweist seine Anpassungsfähigkeit an die besonderen Umstände mit der Bemerkung: „Beim Ausmisten habe ich deine alten Topflappen gefunden, die musst du bei mir vergessen haben, als du zu Jan gezogen bist. Hier – stehen dir ganz wunderbar“.

Da stößt Finn einen Wutschrei aus. Anna und er haben ihre Geschenke ausgepackt. Der Junge hält einen Chemiebaukasten in die Höhe. „Papa. Was soll das? Wo ist mein neues Skateboard?“ „Kannst du mir mal sagen, warum dieses Kind sich für nichts von alledem interessiert, was mir als Kind Spaß gemach hat?“, fragt Jan leise seine Frau. „Das liegt vielleicht daran, dass er gar nicht dein Sohn ist, sondern der deines Bruders“, flüstert Frida zurück. Was für ein Albtraum, denkt sie. Und: hätte ich bloß diesen Brief nie bekommen!

Der Rest des Abends versinkt im Chaos. Bernd hat sich von Adam abholen lassen. David haben die beiden gleich mitgenommen, mitsamt dem Veilchen, das ihm Jan verpasst hat. Anita sitzt mit Dr. Schreck auf der Terrasse und raucht einen Joint. „Das habe ich mir auf Malle angewöhnt. Hilft super gegen Arthrose“. Jan hat die Kinder ins Bett gebracht. Jetzt steht er im Schlafzimmer und packt seinen Koffer. „Mensch Jan, bitte. Es tut mir so leid. Das war einfach alles zu viel für mich“, sagt Frida und macht eine ausladende Armbewegung. „Alles“ meint dieses Leben. „Wollen wir es nicht noch mal versuchen? In Tante Pepitas Haus? Ohne Sorgen?“ „Und wie bringen wir Dr. Schreck dazu, in uns eine ehrliche Familie zu sehen?“, fragt ihr Mann. „Hm, wir geben ihm einfach so viel zu trinken, dass er sich morgen an nichts mehr erinnert!“

Am 25. sitzen alle beim Frühstück. Frida und Jan, Finn, Anna und Oma Anita, als Dr. Schreck die Treppe hinunter kommt. Sein Aussehen macht seinem Namen alle Ehre. „Guten Morgen“, ruft Frida gut gelaunt. „Schauen Sie, die perfekte ehrliche Familie!“ „Von wegen“, sagt Schreck. „Sie sind verlogen! Sie haben mich gestern betrunken gemacht, damit ich mich an nichts erinnere. Aber hier, ich habe alles aufgenommen“, und er zeigt auf sein Handy. Da klingelt es an der Tür. „Das ist mein Taxi. Auf Nimmerwiedersehen, Familie Kahler-Rosenzweig,“ „Halt, Sie können uns doch nicht so einfach sitzen lassen, nach allem, was wir wegen Ihnen durchgemacht haben“, ruft Frida verzweifelt und versucht, ihn festzuhalten. Es klingelt ein zweites Mal. „Lassen Sie mich los“, faucht Dr. Schreck.

Als es zum dritten Mal klingelt, fährt Frida zusammen. Ist sie doch glatt am Küchentisch eingenickt! Es riecht nach verbranntem Braten, und durch dicke Rauschschwaden fällt ihr Blick auf die rote Uhr. So spät! Sie rennt zur Tür. „Schatz, wir haben die Zeit vergessen, nicht böse sein!“ Jan legt ihr mit beschwichtigender Mine den Arm und die Schultern. „Macht nichts!“ Frida strahlt ihre Familie an. „Ich bin auch noch nicht fertig. Hatte wichtigeres zu tun. Was haltet ihr davon, wenn wir Heiligabend heute mal anders feiern? Nicht perfekt, aber dafür so, dass alle Spaß haben?“ „Au ja“, ruft Anna. „Können wir statt dem Gänsebraten Spaghetti essen?“ Und Finn ergänzt hoffnungsvoll: „Mit Tomatenketchup?“

Adventskrimi vom 22. Dezember


Die Keule

Hmm, wie das duftet! Andreas liegt auf der Couch und genießt die Fußballbundesliga, ein Glas Chardonnay vor sich auf dem Tischchen, die Flasche im Kühler in Reichweite.

„Was für ein Glück, dass ich bei Marion geblieben bin“, denkt er – nicht zum ersten Mal. Natürlich war Suse viel attraktiver gewesen. Noch heute, zwei Monate, nachdem sie ihn sitzen gelassen hat, befällt ihn beim Gedanken an Suses pralle Brüste dieses heiße Gefühl der Erregung, das er bei Marion nur nach einer Flasche Wein heraufbeschwören kann, und auch das nicht immer.

Aber der Mann lebt nicht vom Sex allein, und poppen macht eben nicht satt. Andreas braucht Befriedigung rundum. Und kulinarisch ist Marion top of the list. Sie hat sogar schon mal beim perfekten Dinner mitgemacht! Fürsorglich ist sie außerdem. Gut, keine Spur von Abenteuer hier. Das Prickeln der Gefahr, das er mit Suse verspürt hat, wenn sie sich hinter den Müllcontainern geliebt haben oder auf dem Rücksitz eines Leihwagens, dieses Gefühl kann Marion ihm nicht geben.

Aber wofür gibt es Internet? Selbst Hand anlegen und dabei zuschauen, wie die virtuelle Partnerin am Bildschirm sich vor Lust verrenkt, ist letztendlich bequemer. Und danach kann er nach ein paar Papiertaschentuch-Anwendungen runter in die Küche und seinen Hunger mit Marions Köstlichkeiten stillen, statt noch ewig mit dem Auto fahren zu müssen, um eventuelle Spuren zu verwischen.

Aber komisch ist es schon, denkt Andreas, dass die Suse so einfach verschwunden ist, von einem Tag auf den anderen….ohne Ciao und Servus. Dabei ist sie so auf ihn gestanden. Ach ja…. Schnell schüttelt Andreas die Erinnerungen ab. Besser so. Marion hatte ohnehin schon Lunte gerochen. Einmal hat er sogar gedacht, sie hätte Suse erwischt, als sie aus dem Haus schlich. Das war, als Marion unangekündigt zwei Stunden zu früh nach Hause kam, weil die blöde VHS-Stunde „kochen wie in Papua-Neuguinea“ ausgefallen war. Kein Verlass auf diese Institutionen. Direkt danach ist Suse aus Andreas Leben verschwunden. Egal, denkt er pragmatisch.  „Mausi, das riecht ja so dermaßen lecker, heute. Was gibt’s denn?“

„Keule in Rotwein, mein Hase“, ruft Marion aus der Küche. „Ich glaube, jetzt muss ich ihm bald mal wieder ein Date arrangieren“, denkt sie. „Außer ’nem Stück Rücken und ’nem bisschen Lende ist von Suse nix mehr übrig.“

 

Adventskrimi vom 21. Dezember


Saubere Sache

„Wir machen Ihnen seriöses Angebot. Sie verdienen ab 4 Tausend bis 10 Tausend Euro in Monat. Für nur wenig Stunden Arbeit.“

Es stimmt nicht, dass nur Zuschauer von Nachmittags-Reality-Soaps in Privatsendern auf solche Emails reagieren. Gut, Hubert war vielleicht etwas vorsichtiger als der Durschnitts-RTLler, außerdem bevorzugte er Vox. Vor allem hatte Hubert eines: viele unerfüllte Wünsche. Und die kosteten einfach mehr, als er mit seinem Gehalt als Fliesenleger verdienen konnte. Selbst, wenn er etwas auf die „hohe Kante“ gelegt hätte, bildlich gesprochen – es hätte nie für all das gereicht, was sich Hubert als Grundlage eines gelungenen Lebens vorstellte. Ein Motorrad UND ein Sportwagen. Eine Markenuhr. UND viele richtig abgefahrene Tattoos. Und und und. Natürlich genug Kohle, um die Mädels am Wochenende einzuladen, mit Wodka, Cola und Koks. Und dann flachzulegen, am besten im Hotel.

Hubert schaute gerne amerikanische Fersehserien. Deshalb fand er die Email bereits beim zweiten Lesen gar nicht übel. Nach dem dritten Lesen klickte er auf „antworten“.

Eine Woche später waren die ersten tausend Euro auf seinem Konto. Er tat, was von ihm verlangt wurde, hob das Geld ab und steckte es in einem braunen Papierumschlag in einen toten Briefkasten. Abzüglich seiner Provision. Das war alles. Und sein Wochenende war geritzt.

Hubert war ein zuverlässiger Mitarbeiter. Die Geldbeträge, die er überwiesen bekam, wurden immer höher. Aber er war so verliebt in seine neue Patek Philippe, dass er die Blicke der Kassierin in seiner Bank nicht einmal registrierte. Zur Sicherheit eröffnete er mehrere Konten. Hubert war gerade aus seinem Porsche Targa gestiegen und hatte der langbusigen, blondbeinigen Tamara zum Abschied auf den Hintern geklapst, als er von zwei Herren im Trenchcoat begrüßt und in herzlicher Umarmung abgeführt wurde.

Beim Geldwäscheprozess konnte Hubert aufgrund seiner Einfältigkeit  glabhaft machen, dass er die Machenschaften seiner Auftraggeber nicht wirklich durchschaut hatte, und so blieb es bei einer Bewährungsstrafe. Die Auftraggeber wanderten allerdings für Jahre hinter Gitter. So konnte Hubert in aller Ruhe die letzten Überweisungssummen unter den Fliesen hervorholen. Nicht, dass ihm jemand etwas hätte nachweisen können. Das Geld war ja jetzt „sauber“.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 20. Dezember


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Marias Traum

Wintersonnwende. Magischer Wintertag. Maria hat alles höchst sorgfältig vorbereitet. Nur nichts dem Zufall überlassen, denn wenn die Finsternis ein Schlupfloch findet, überfällt Dunkelheit den einen, heiligen Moment, und es wird Nacht. Ewige Nacht.

Der Traumfänger hatte viel zu tun, sie spürt, dass unzählige böse Ahnungen darin gefangen sind. Während sie ihre To-do-Liste abarbeitet, wird sie immer wieder von schwarzen Gedanken bedrängt. Wie typisch für diesen Tag, an dem die Grenzen der Welten durchlässig sind. Empfindliche Menschen wie ich müssen stark sein, denkt Maria. Ich bin stark, sagt sie sich. Immer wieder. Als sie die dunklen Tücher einpackt und die weißen Kerzen. Das Sturmfeuerzeug, denn bei aller Magie muss sie praktisch denken, und es kann sein, dass es windig ist, dort draußen.

Sie druckt sich die Wegbeschreibung aus, zur Sicherheit, auch, wenn sie den Weg im Schlaf zu kennen glaubt. Mit dem Auto bis zur großen Schranke, dann vorbei an den leeren Hütten bis hinauf zu Heidewiese. Dann den Abhang hinunter, über die Holzbrücke auf die Insel im Fluss.

Maria ist stolz, dass sie auserwählt wurde, die Welt vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Sie nimmt ihren Auftrag sehr ernst, und sie hat sich mehrfach vergewissert, dass sie wirklich gemeint ist. Drei Mal hat sie das I Ging Orakel befragt, und drei Mal haben die Würfel dieselbe Antwort gegeben. Drei Mal hat sie die Tarotkarten gelegt. Drei Mal bekam sie die gleiche Antwort.

Als die Dämmerung ihre Schattenfinger über die Häuser streicht und das Abendrot von den Dächern nimmt, fährt Maria los. Alleine, so will es ihr Auftrag. Mühelos findet sie den Parkplatz. Das Bündel ist schwer und das Gras nass und klebrig. Aber sie hat nicht erwartet, dass ihre Mission eine leichte sei. Viel lieber wäre sie jetzt mit den anderen im fackelerleuchteten Hof, wo die Flammen schon hoch in den Nachthimmel lodern. Sie wäre sogar als erste durchs Feuer gesprungen, um dieser kaltfeuchten Einsamkeit hier zu entgehen. Du bist stark, sagt sie sich. Auf der glitschigen Brücke gleitet sie aus und wäre beinahe in den Fluss gestürzt. Die dunklen Mächte wollen sie aufhalten. Vom Ast einer Tanne schaut ein Rabe herab, Gelbfunkelauge. Hinter den Büschen am Ende der Insel, am Eingang des Stollens, leuchtet ein anderes ihr entgegen. Maria denkt an die Bücher, die sie gelesen hat. Fantasygeschichten. Kinderkram. Das ist das wahre Leben. Und sie mittendrin. Allein. Eine Kämpferin für das Gute der Welt.

Und morgen wird keiner wissen, dass sie es war, die das Licht zurückgebracht hat. Alle werden sich freuen, dass die dunkelste Nacht für ein Jahr vorüber ist. Aber sie, Maria, erwartet keinen Dank von den Menschen. Sie dient einer größeren Macht.

Sie breitet das Tuch auf den Steinen aus, verteilt das Sternenkreuz und die Kerzen, streut Kräuter als magischen Kreis ringsherum. Als der Mond durch die weißgrauen Wolken bricht, beginnt sie zu tanzen.

Sie singt und tanzt zum flackernden Schein ihrer Kerzen, zum Heulen des Käuzchens, zum Rauschen des Wassers. Sie tanzt und sie singt, bis das Gelbfunkelauge ihre Lieder zerbricht. Ihre Welt wird schwarz, und dann dunkel und eng. Aber sie hat keine Angst. Denn der Morgen bringt Licht. Doch als der Morgen dann kommt, sieht Maria ihn nicht. Eingesperrt in dem dunklen Stollen ist sie umhüllt von der ewigen Nacht.

Von Spaziergängern alarmiert, durchkämmt die Polizei nur halbherzig die Insel. Es ist nicht das erste Mal, dass Spinner zur Sonnwende ihre Rituale hier abhalten und dann einfach verschwinden. Umweltsünder statt Weltenretter! In den Stollen zu schauen fällt ihnen nicht ein. Maria bleibt in ihrem Albtraum gefangen. Allein.

Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember


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Sterntaler

Du bis mein Augenstern.

Du leuchtest nur für mich. Machst licht,

wo tiefstes Dunkel meine Seelenräume bricht.

 

Du bist mein Augenstern.

Jeder hat dich gern. Kann sein,

doch deine Blicke gelten mir allein, denn du bist mein.

 

Du bist mein Augenstern.

Dein Strahlen schmilzt das Eis in mir,

und alles Böse taut im Gestern, ich gehöre dir.

 

Du warst mein Augenstern.

Warum hast du ihn angeschaut? Du warst mir anvertraut.

Dein Seitenblick hat unser Glück versaut.

 

Die Wut will Blut, dein Blut.

Das Auge bricht, der Stern erlischt,

ein toter Blick verletzt mich nicht. Alles ist gut.

Adventskalender MiniKrimi vom 18. Dezember


Nicht alle sind so.

Freitag Morgen in einem Lebensmittel-Discounter. Ahmed schlendert langsam durch die Reihen voller Pappkartons mit Ware. Es ist nicht wahr, dass er nicht weiß, was für ein Laden das hier ist. Er weiß genau, es gibt auch andere. Mit großen Körben voll exotischer Früchte, mit stimmungsvoller Musik und gedämpftem Licht, das den Wein in den Flaschen schimmern lässt, durch das Glas hindurch. Mit duftenden Wurstsorten – auch, wenn er die als Moslem nicht essen soll, wie seine Mutter ihm immer wieder einschärft, sie riechen verführerisch. Und dann das Kaffeeregal! Man fühlt sich wie in einem Bazar. Die Leute hetzen nicht durch die Gänge wie hier im Discounter, sie schreiten von Abteilung zu Abteilung und planen ihren Genuss.

Nicht, dass Ahmed sich das in genau diesen Worten ausmalt. Er geht in die neunte Klasse einer Mittelschule, zum zweiten Mal schon, aber ímmer noch ziemlich erfolglos. Am Ende des Schuljahres wird er auf der Straße stehen. Ohne Schulabschluss und ohne Ausbildungsplatz. Vinzenz Murr nimmt auch Leute ohne Abschluss, hat der Vater ihm gestern erst gesagt. Oder Onkel Ali – genau, wegen dem ist Ahmed so dermaßen gehänselt worden, wegem dem dummen Lied „Junge“. Weil Onkel Ali hat tatsächlich einen Gemüseladen. Ich werd bestimmt kein Metzger, ey, und Gemüse verkauf ich auch nicht, kapiert? Überhaupt, was is das hier fürn Scheißland voller Vorurteile? Guck mal da drüben, das is bestimmt ein Ladendetektiv. Wetten, dass der mich filzen will, wenn ich rausgehe? Ohne Grund einfach so? Vollidiot, Lan.

Ahmed geht am Getränkeregal entlang. Ein Liter Cola und eine Flasche Wodka. Das wär’s. Scheiß auf die Schule. Heute hat er keinen Bock, aber absolut, nee, wirklich nicht.

Ey Alter, was isn das für einer? Hat der sich hier verlaufen oder was?

Der Mann, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht ist und jetzt angelegentlich die „Champagner“-Flaschen betrachtet, passt auf den ersten Blick nicht das Discounter-Ambiente. Er trägt einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, komplett mit Weste und Einstecktuch. Dazu schwarze Socken und Schuhe, die aussehen wie handgenäht, auf dem Arm einen beigen Trenchcoat. Die Haare sind graublond und das einzige, was nicht ins Bild passt, an ihm. So von hinten. Sie sind dünn, zu lang und ölig.

Wallah, was macht der hier? fragt sich Ahmed nochmal. Neugierig geht er dem Mann hinterher. Der schaut sich diverse Flaschen an, nimmt sie aus dem Regal und stellt sie wieder zurück. Jetzt steht er vor dem Schinken im Kühlregal. „Mensch Olli was willst du? Ich kann gerade nicht, ich muss jemand beschatten“, sagt Ahmed ins Smartphone. Als er aufschaut, ist der Mann um die Ecke gebogen und befingert das Brot. Ohne Handschuh. „Lan, wie eklig“, denkt Ahmed. Greift sich eine Cola und überholt den Mann auf dem Weg zur Kasse.

„Hallo, einen Moment bitte. Darf ich mal sehen, was Sie da in der Tasche haben?“ „Lan, ey, hab ich gewusst. Bist du Rassist oder  was?“ Aber der Discounter-Detektiv beachtet Ahmed gar nicht. Breitbeinig hat er sich vom dem Mann im Nadelstreifenanzug aufgebaut. Als dieser wortlos an ihm vorbeigehen will, reißt er ihm den Trenchcout vom Arm. In der jetzt nicht mehr versteckten Hand hält der Mann eine Flasche Champagner, und in die Armbeuge geklemmt ein Brot. „Das Brot ist von gestern“, sagt der Mann, ohne sich um einen semantischen Zusammenhang zu bemühen.

„Das gibt jetzt ne Strafanzeige. Kommen Sie mal mit ins Büro, ich rufe derweil die Polizei“. Der Detektiv zückt sein Telefon.

Was dann passiert, kapiert Ahmed selber nicht. Er steht quasi neben sich und schaut sich zu, während er den Fünfzig- Euro-Schein, den er nach der Schule zu Onkel Ali bringen soll, rausholt, zu dem Mann geht, sagt: „Papa ey, du sollst doch nich immer weglaufen. Komm, gib mir das mal zum Bezahlen. Du weißt doch, Mama gibt nur mir Geld.“ Und dann, zum Detektiv und in die ganze Ladenrunde: „Mein Papa is dämlich, also dem…dement. Sorry, hab nur kurz mit nem Kumpel telefoniert, da is er mir abgehauen.“

Der Detektiv ist so verblüfft, dass er den Mann losläst. Die Kassierin tippt Champagner und Brot ein, Ahmed zahlt und schiebt den Mann vor sich auf die Straße. Da stehen sie. Ahmed starrt in das ungesund blasse Gesicht mit den tiefen Augenringen und den geplatzen Äderchen auf Nase und Wangen. Auf den zerrissenen Hosensaum und den Riss im Schuh. Der Mann starrt zu Boden.

„Ts – was n Scheißland, was Scheißtypen“, sagt Ahmed und geht. „Nicht alle“, sagt der Mann und geht in die andere Richtung.

Adventskalender MiniKrimi vom 17. Dezember


Ware Liebe

Wahnsinn, denkt Johnny. Wahnsinn Wahnsinn Wahnsinn! Er hatte sich ja gedacht, dass man rund um das Fest der Liebe genau damit Geld machen kann. Mit Liebe. Weil jeder sie haben will und in einer Zeit und einem Land, in dem man alles kaufen oder bestellen kann, die Liebe zu einem der vielen Weihnachtsangebote mutiert. Aber dass seine Geschäftsidee gleich so reinhauen würde, nein, dass hätte sich Johnny nicht mal in seinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Deshalb hat er die Leute heute schon um elf nach Hause geschickt statt wie üblich um Mitternacht. Jetzt sitzt er an seinem Schreibtisch, vor sich das millionste Paket. Das Büro ist improvisiert, wie die ganze gemietete Fabrikhalle. Ein Abbruchhaus, und genau deshalb erschwinglich. Nach Weihnachten wird er umziehen. Verwaltungsräume in einem verglasten Hochhaus und das Lager verkehrsgünstig direkt an der Autobahn.  Und alles dank seiner genialen Geschäftsidee. Er klebt die Verpackung fast andächtig zu, und  obendrauf fixiert er einen großen, goldene. Aufkleber: Wahre Liebe. Nur echt mitten goldenen Pfeil. Garantierte Wirkung. Mit Geldzurückgarantie.

Insgeheim glaubt Johnny, dass das Geheimnis seines Erfolges genau in diesem Satz begründet liegt. Was eine Geldzurückgarantie hat, das wirkt. Angefangen hat Johnny mit Tee. Eine ganz einfacher Kräutermischung, nicht mal biologisch. Aromatisiert mit etwas Zimt, für das Weihnachtsfeeling, und Roibusch. Auf der Unterseite der Packung, ein paar Schriftpunkte kleiner als die Inhaltsstoffe, steht: belebende Wirkung. Und darauf bezieht sich die Garantie. Schließlich ist Johnny kein Betrüger.

Er geht zum Kühlschrank und holt eine Flasche Champagner. Das millionste Paket will er feiern. Mit sich allein. Er genießt die Stille. Die Dunkelheit. Den Kontrast zwischen der bienenstocksummenden Geschäftigkeit des Verpackens und der nächtlichen Ruhe. Irgendwo knarrt eine Tür, ein Luftzug fährt durch die Halle. Sonst nichts.

Nachdem der Tee so erfolgreich war, hat Johnny Schaumbadkugeln ins Programm genommen. Schokolade. Und Kondome. Inzwischen hat er einen richtigen Katalog mit Wahre-Liebe-Produkte.

An der Wand hinter ihm hängen Briefe von zufriedenen Kunden. Die meisten erzählen witzige Geschichten, in denen seine Produkte eine Brücke werden, ein Hilfsmittel, um das immer gleiche  Ziel zu erreichen: die Liebe eines anderen Menschen. Natürlich regen sich auch ein paar Leute auf. Er ist auch schon mal angezeigt worden, wegen Betrugs. Das Verfahren wurde niedergeschlagen. Ihm war keine Schuld nachzuweisen. Der Mann hat ihn später noch bedroht. Er habe sein Versprechen nicht gehalten, wahre Liebe zu verkaufen. Ich krieg dich, das verspreche ich dir.

Das ist schon zwei Wochen her. Johnny ist sicher, dass der Mann Seuche weggekommen ist. Was für ein Psycho, wie kann er glauben, dass wahre Liebe käuflich ist?

Die Tür zum Lager bewegt sich. Geräuschlos kommt ein Mann in Johnnys Büro. „Du versprichst wahre Liebe, aber was du verkaufst, ist nur schlechte Ware. Im Gegensatz zu dir halt ich mein Versprechen“, sagt der hagere Mann und krallt seinen Blick in Johnnys Gesicht. Dann drückt er ab.

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 16. Dezember


Hund/e
P

Beo, Arti – Fuß!

Seit der Strumpfhosenmörder aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, aus der Haftanstalt, heißt das heute, ist der Park schon vor Einbruch der Dunkelheit leer. Als ob die Hundebesitzer Angst hätten, dass der Mörder während der Haft seine Vorlieben geändert und seine Lust ab sofort auf Hunde projiziert haben könnte.

So ein ausgesprochener Blödsinn! Arlena Möbius lacht ihr kurzes, hartes Lachen. „Beo, Arti, hier“, ruft sie ihre beiden englischen Setter. Die Rassehunde gehorchen Arlena blind. Charakter und Erziehung garantieren ihr Verhalten. Immer.

Nur nicht heute. Nur nicht jetzt. „Beo, Arti!“ Keine Reaktion. Gerade waren die Hunde noch hinter ihr auf dem Kiesweg am Fuß des Hügels. Jetzt gähnt die Dämmerung von kahlen Ästen auf Arlena herab. „Beowulf, Artemis!“ Auch ihre kompletten Rufnamen locken die beiden Setter nicht aus ihrem Versteck.

In der Mitte des Hügels bewegt sich braunes Laub. Es raschelt. Ein Jaulen. Arlena fröstelt es in ihrem Burberry. Sie wickelt das Wolltuch fester um ihre Schultern.

Unwillkürlich muss sie an den Strumpfhosenmörder denken, und ein Angstschauer jagt ihren Rücken hinunter. Angst um ihre beiden Lieblinge.

„Beo? Artiiiiii!“ Jetzt ist sie sicher, dass sie zwischen den Bäumen oben am Hügel ein Schatten bewegt. Und noch einer! Arlena stampft mit dem Füßen, bläst in die Hundepfeife, schreit. Ohne Erfolg. Ihre beiden Lieblinge bleiben verschwunden. Sekundenlang sieht sie Beo vor sich, wie er auf dem Sofa liegt, langgestreckt, mit durchtrennter Kehle. Daneben Arti, zu einem regungslosen Bündel zusammengekauert, Schaum vor dem Mund und vergiftet.

„Beowulf, Artemis, hierher!“ Entschlossen stapft Arlena den Hügel hinauf, den Regenschirm wie ein Bajonett vor sich gestreckt. Sie wird den grausamen Hundemörder erlegen, diese Bestie, die es auf ihre Prinzen abgesehen hat.

Sie ist fast am Kamm der kleinen Erhbung angekommen. Vor ihr klafft ein Loch. Ringsum aufgeworfene Erde. Artis hellbrauner Kopf lugt zwischen den Blätterhaufen hervor. Er wirft ihr einen Blick zu, erschrocken. Dreht sich nach hinten um. Arlena erkennt Beos schwarze Locken, bevor er auf der anderen Seite des Abhangs verschwindet. Er zieht etwas hinter sich her.

Arlena nähert sich dem Loch, das ganz offensichtlich gerade erst gegraben wurde. Offenbar hat jemand auf dem Hügel etwas vergraben, und jetzt ist es ausgegraben worden. Von ihren Hunden. Arlena beugt sich vor. Schaut hinein. Die Hunde haben ganze Arbeit geleistet. Mehr als eine Hand, ein Arm und ein Bein sind von der Frauenleiche nicht mehr übrig. Am Rand der Grube klebt in Büscheln langes, blondes Haar.

Der Strumphosenmörder hat seine Vorlieben im Gefängnis wohl doch nicht geändert.

Adventskalender MiniKrimi vom 15. Dezember


Eisstockschießen

„Das kann doch gar nicht sein“. Kommissar Beck lässt seinem Unmut freien Lauf. Es ist zwei Uhr nachmittags, außer Kaffee hat er heute noch nichts zu sich genommen, davon allerdings mehr als zwei Kannen. Seit acht Uhr sitzt er im Vernehmungsraum, er hat mit zehn Personen gesprochen, und keiner will den toten André Mühlich bemerkt haben. Obwohl alle, wirlich alle, an ihm vorbeigelaufen sein müssen, einige sogar mehrfach.

„Das ist mir in meiner ganzen Dienstzeit noch nicht vorgekommen“, bestätigt seine Assistentin Sara Wehner. Nicht, dass sie so lange dabei wäre wie Beck. Aber in zehn Jahren ist auch ihr noch nie so ein Fall untergekommen. Da sitzt ein Toter direkt neben der Eisstockbahn, stundenlang, und keiner kriegt was mit. „Diese verdammten Weihnachtsfeiern“, schimpft Beck. „Die Leute verballern  den letzten Rest Verstand, den ihnen das Arbeitsjahr übrig gelassen hat, mit Glühwein. Und wenn dann um sie herum die Welt untergeht  – egal“. „Naja“, gibt Wehner zu bedenken. „Also Mühlichs Kollegen haben ihn ja noch gesehen. Also, lebendig. Er war doch sogar einer der besten beim Eisstockschießen. Das hat einigen nicht gepasst. Dieser Pauli, der war richtig sauer, dass seine Mannschaft wegen Mühlich verloren hat. Wie hat er das gemeint, dass Mühlich sich an jeden Stock hängt?“ „Keine Ahnung. Die Redewendung kenne ich auch nicht. Aber ein verlorenes Spiel ist doch kein Grund, jemanden umzubringen! Und dann auch noch auf diese Art. Mit einem Korkenzieher mitten ins Herz.“ „Das spricht jedenfalls für eine Affekthandlung. Oder es sollte so aussehen. Hat die blonde Sekretärin nicht erzählt, der Chef hätte dem Sieger den neuen Abteilungsleiterposten versprochen? Das wäre dann doch ein Grund…“.

„Glaub ich nicht.“ Beck schüttelt den Kopf und geht noch einmal alle Aussagen durch. Die blonde Sekretärin, Mia, hat ausgesagt, dass sie André nicht mehr gesehen hat, nachdem er sich heiße  Gulaschsuppe auf den Arm geschüttet hat, so gegen neun. Pauli, Andrés direkter Konkurrent, will ihn danach noch an der Eisstockbahn gesehen haben, direkt neben dem Glühweinfass, rauchend. Uhrzeit? halb elf? Natalja, die russische Praktikantin, ist beinahe über ihn gestolpert, auf dem Rückweg von der Toilette in den Stadl, in der die Firmenfeier stattfand. Da kniete André angeblich am Boden, als suche er etwas.

Die anderen Zeugen konnten sich „dunkel“ daran erinnern, eine Person gesehen zu haben, die neben dem Weinfass stand. Und zwar mindestens ab elf und dann bis zur Sperrstunde. Das heißt, sie haben ihn gesehen, ohne dass er ihnen aufgefallen wäre. Denn er stand da neben dem Weinfass wie einer von diesen Pappaufstellern zu Werbezwecken. Stocksteif und unbeweglich. Natürlich. Er war ja tot.

„Fehlt uns jetzt noch jemand? Oder können wir was essen gehen?“ Becks Magen fühlt sich an wie ein riesiger Hohlkörper. „Nur noch Frau Yidirim, die Putzfrau. Sie hat den Toten „gefunden“. Die kommt nach ihrem letzten Job.“ „Ach herrje, Yildirim. Da wird die Verständigung ja bis zum Abendessen dauern“, stöhnt Beck resigniert. Sunna Yildirim kommt pünktlich um halb vier. Sie hat den ganzen Tag Zeit zum Nachdenken gehabt. „Als ich zum Saubermachen in den Stadl gegangen bin, habe ich schon gesehen, dass jemand am Weinfass stand. Aber ich habe nicht weiter darauf geachtet. Aber als ich nach einer Stunde fertig war mit dem Putzen, stand er immer noch genauso da. Und das kam mir dann doch komisch vor“, erzählt Frau Yildirim in akzentfreiem Deutsch.

„Und vorher, also bevor Sie zum Putzen ins Stadl gegangen sind, haben Sie den Mann natürlich nicht gesehen.“ Es ist eine Feststellung. „Doch, ich habe ihn davor auch schon gesehen. Um elf, als ich zur Arbeit gekommen bin. Da stand er auch schon am Weinfass, aber nicht allein. Er hat mit jemandem….. geknutscht. Also, die beiden haben sich geküsst. Umarmt.“ „Konnten Sie ihn denn so deutlich sehen, dass sie ihn erkannt haben?“ „Nein. hab ich nicht. Zuerst. Aber dann nachher, dann habe ich ihn wiedererkannt. An dem großen Fleck auf dem Ärmel.“ „Na gut, danke, Frau Yildirim. Sie können dann gehen“. „Echt? Wollen Sie denn nicht wissen, wen er geküsst hat?“ „Wie……“. „Den habe ich nämlich deutlich gesehen.“ „Und wer war das?“ „Also, die anderen im Stadl haben ihn Pauli genannt“.

„André wollte reinen Tisch machen, bevor er die neue Stelle annahm. Ich habe versucht, ihn davon zu überzeugen, dass das Selbstmord gewesen wäre. Von wegen Toleranz. Schwule passen nicht zum Firmen-CI. Wir hätten beide unseren Job verloren. Ich hab mich mit ihm am Weinfass getroffen. Hab ihn umarmt und mit dem Korkenzieher erstochen. Als Natalja dazukam, habe ich mich mit ihm zusammen am Boden zusammenkauert, als würde er etwas suchen.“ Liebe ist wichtiger als ein Job, sagt Pauli am Ende seines Geständnisses. Aber diese Erkenntnis ist ihm zu spät gekommen.

Adventskalender Minikrimi vom 14. Dezember


Zartbitter

Zartbitter

„Sie haben eine neue Email“. Schon wieder R. Ella ist verzweifelt. Hört das denn nie auf?  Sie hat doch alles versucht. Alles gemacht. Sogar mehr, als verlangt. Was will T. noch von ihr? „Das ist die letzte Warnung. Wenn du nicht zahlst, bist du dran. Mich betrügst du nicht, und du wirst mich nicht los, bevor du deine Schuld beglichen hast“.

Aber das ist das Problem. Ella ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat T. Beim EInkaufen kennengelernt. Eine Zufallsbekanntschaft an der Kasse. Oder doch nicht so zufällig? Erst hatte sie sie nach einem Euro für den Einkaufswagen gefragt. Dann war sie mit ihr nach Hause gegangen, auf eine Zigarette und ein Glas Wein.

Am nächsten Tag war sie wieder gekommen, weil sie ihr Feuerzeug liegengelassen hatte. Und war gleich zum Essen geblieben. Zum Dank hatte sie angefangen, Ella im Haushalt zu helfen. Kleinigkeiten, ein Korb Bügelwäsche. Oder sie hatte sich angeboten, auf ihre Katze aufzupassen, wenn Ella übers Wochenende beruflich unterwegs war.

Dann fing sie an, Ella Tips zu geben. Was sie essen sollt und was nicht, was ihr gut stehe, was sie lesen und in welche Filme sie gehen sollte. Als sie Ella vorschreiben wollte, wohin sie in Urlaub fahren sollte und wann, wurde es Ella zu bunt. Als T. das nächste Mal anrief, hatte sie keine Zeit. Dann schrieb sie ihr, dass sie sich besser eine Weile nicht sehen sollten.

Das war der Beginn eines Albtraums. T. wusste alles über Ellas Leben, ihre Arbeit, ihre Freunde. Und sie nutzte dieses Wissen. Bald sah Ella sich von einem Netz dunkler Intrigen umgeben. Job, Freunde, plötzlich war alles, was ihr Leben ausmachte, in Gefahr. So, als stünde sie auf einer Wippe über einem Abgrund. Als T. schließlich Geld forderte, Schmerzensgeld für den Verlust einer Freundschaft, war Ella geradezu erleichtert. Sie zahlte. Grundlos  in der Hoffnung, Frieden zu finden. Umsonst. Eine Email nach der anderen. Mit immer weiteren Forderungen. Als Ella nicht mehr reagierte, kamen die Drohungen. Eines Morgens lag die Katze tot vor der Balkontür.

Da beschloss Ella, T. Pralinen zu schenken und sie davon zu überzeugen, dass sie sie trotz allem immer noch wie eine Freundin liebte. Vielleicht würde das funktionieren. Bei psychischen Krankheitn weiß man ja nie….

Sie vergewisserte sich, dass T. das kleine Paket annahm.

Sie wartete. T. war nicht in der Lage, Schokolade zu widerstehen.

Der Rest war Geschichte. Und Arsen.