AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 15. Dezember


felicia

Tief unter dem Fell/ II.

„Es muss sein“, sagten sie. „Hier könnt ihr nicht bleiben. Hier will man euch nicht. Ihr fühlt Euch hier wie zu Hause, aber das ist keine Heimat für Euch. Ihr müsst gehen. Wir sind zu wenige, und ihr seid zu viele. Wir können Euch nicht auf Dauer beschützen.“ Eine Frau, eine Unbekannte, packte meine Sachen, legte mich in eine Tragetasche und nahm mich mit. Fort von der Finca und allem, was mir vertraut war. Die Reise war lang, erst auf der Straße und dann durch die Wolken mitten hinein in ein wattiges, dröhnendes Nichts. Meine Angst war sehr groß. Die Frau versuchte, mich zu beruhigen. Umsonst. Wir sind nicht dafür gemacht, den Himmel zu queren, ebenso wenig wie das Meer. Wir sollten auf dem Boden bleiben. In die Luft springen, schwimmen, das ja. Aber aus eigener Kraft oder nur, soweit die Schwerkraft es zulässt.

Und dann war es vorbei. Viele Menschen, hintereinander in schweigenden Reihen, gleißendes Licht. Der Herbstwolf war hier schon ganz weiß geworden. Sein Atem wuchs in Säulen aus dem Grau. Überall. Diese andere Welt hatte ganz offensichtlich keine Farben. Schließlich wurde die Tasche geöffnet, und ich war frei. Frei und sicher. Keine Fesseln mehr. Aber auch keine vertrauten Gesichter. Jeder Geruch neu und fremd. Meine Augen tränten von der langen Reise, ich hatte Hunger, war müde, verängstigt. Vor allem aber hatte ich meine Familie verloren. Meine Mutter und jetzt auch noch meine Schwester.

Ich bin im Juli geboren. Im Dezember kam ich in ein anderes Zuhause, zu einer fremden Familie. Ich bin daran gewöhnt, mich einzugewöhnen. Es geht mir gut. Ich bin satt, ich habe Spielsachen und genug Raum, um zu rennen und zu schlafen. Ich lasse mich streicheln, und ich gebe Zärtlichkeiten zurück, jeden Tag ein klein wenig mehr. Ich bin eine Katze unter Hunden. Ich bin noch klein. Wenn ich groß bin, werde ich mich wie ein Hund benehmen, weil ich unter Hunden aufwachse. Aber tief unter dem weißen Fell, auf der inneren Seite meiner Haut, bleibe ich eine Katze.

Menschen in den reichen Ländern Europas nehmen Tiere auf, die aus dem Ausland Zuflucht suchen, begleitet von Flugpaten und sehnsüchtig erwartet mit Futter, mit Decken, mit Spielzeug. Sie geben ihnen ein neues Zuhause und Sicherheit. Rund ein Million Tiere werden angeblich jährlich aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt und mühelos als das integriert, was sie sind: Geflüchtete Hunde und Katzen. Eine Obergrenze ist nicht angepeilt. Tierliebe ist gut, aber sie ersetzt keine Menschenliebe.

Refugees welcome! Auf vier, aber auch auf zwei Beinen.

AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 14. Dezember


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Tief unter dem Fell / I.

Ich bin im Juli geboren. Wir hatten Glück. Als bei meiner Mutter die Wehen einsetzten und sie auf der Straße zusammenbrach, wurde sie von Ehrenamtlichen aufgenommen und betreut. An die ersten Tage meines Lebens kann ich mich nicht erinnern. Später, als ich anfing, mich umzuschauen, war die Welt um mich herum warm, bunt und laut. Ein Kaleidoskop sich bewegender Menschen und Tiere, von Geräuschen, Gerüchen und Düften. Schon morgens um sechs klapperten die Töpfe in der Küche, und dann gab es Essen für alle unter der Pergola im Garten. Lavendel, Jasmin und Majoran wehten mit der salzigen Brise vom Meer herüber, und unter den schattigen Palmen leuchteten rote Hibiskusblüten. Meine Schwester und ich hatten den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als zu spielen und immer neue Streiche auszuhecken. Wir versteckten uns zwischen den frisch gewaschenen Laken und zerrten so lange daran, bis sie ins Gras glitten. Das fanden die Hunde besonders lustig, und sie stapften mit ihren sandigen Tatzen darauf herum, bis die Tücher aussahen aus wie große, zum Trocken ausgelegte abstrakte Gemälde. Nur den guten Leuten oben in der Finca gefiel unser spontanes Kunstwerk leider gar nicht.

Immer häufiger standen sie zusammen und besprachen sich leise. Dann schauten sie zu uns herüber, zu meiner Schwester und mir, und tuschelten weiter. Was sie sagten, verstanden wir nicht. Also taten wir so, als wäre alles wie immer. Das war in dem Paradies, in dem wir lebten, nicht schwer. Der blaue Himmel, die stillen Wolken, das flüsternde Meer, die Zikaden, die Sonne.

Und dann kam der Herbst. Leise wie ein Wolf hat er sich in unsere Welt geschlichen und sie eingehüllt in sein wolliges Grau. Sein kalter Atem verwehte die Weinblätter an der Pergola, die Vipern verschwanden zwischen den Steinen und die Leute frühstückten in der Küche, eingehüllt in die Düfte und Dämpfe von Suppe und Brot. Auch wir lagen dort in der rauchigen Wärme und dösten. Da nahmen die Leute meine Schwester und mich auf den Arm und trennten uns.

AdventsKalender MiniKrimi vom 13. Dezember


tritanopie

Das Blaue vom Himmel

 „Das ist ein todsicherer Job“, sagt er und lacht über den unfreiwilligen Wortwitz. „Du rempelst ihn auf der Straße an, um Punkt 19 Uhr,wenn er aus dem Fitness-Center kommt. Du hast einen Kaffee in der Hand und kippst ihm den auf seinen weißen Anorak. Den trägt er immer beim Sport. Du entschuldigst dich und lädst ihn auf einen Drink ein. Die Bar ist nur ein paar Meter entfernt. Egal. was er bestellt, du gibst ihm das GRAUE Glas, trinkst aus dem anderen und gehst. Vor der Tür steht ein Taxi, das bringt dich zum Zug. Du hast gerade genug Zeit, zu verschwinden, bevor er stirbt.“ Er schiebt ihr zwei fünfhundert Euro Scheine entgegen. Dreht sich um und verschwindet in der Menge.

Um 19 Uhr lehnt sie im Hauseingang gegenüber vom Fitness-Studio, einen Becher Kaffee in der Hand. Als er aus der Drehtür kommt, geht sie ihm in schnellen Schrittes entgegen und rempelt ihn an. Braun und dampfend rinnt der Kaffee von der schneeweißen Jacke. Nach einigem Zögern nimmt er die Entschuldigung an. Der Barkeeper stellt ihr die Drinks auf die Theke. Ein Glas ist leuchtend blau, das andere blassgrün. Sie hat keine Zeit, sie muss sich entscheiden und reicht ihm das blassgrüne Glas. Beide trinken. Sie schafft es nicht einmal mehr bis zur Tür. Da er glaubhaft versichern kann, sie nicht zu kennen und die Frau, die in der Stadt gänzlich unbekannt ist, in Belgien als Auftragskillerin gesucht wird, geht die Polizei von einem Selbstmord aus. Wer sollte auch darauf kommen, dass ihr Auftraggeber an Tritanopie litt?

AdventsKalender MiniKrimi vom 11. Dezember


Minolta DSC

TrashCrash auf der Brücke

Mitternacht. Die Brücke leuchtet gespenstisch im Scheinwerferlicht. „Scheiße, hoffentlich ist die Ampel an der Baustelle grün, sonst steh ich hier ewig.“ Nein, die Ampel ist nicht grün, sie ist aus. Aber das Schild am Straßenrand gibt ihm „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Mit 100 Sachen fährt der BMW-Fahrer weiter. Auf der anderen Seite der Brücke stoppt der Audifahrer kurz, aber die Ampel an der Baustelle ist abgeschaltet. Stattdessen gibt ihm ein Schild am Straßenrand „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Er fährt weiter. Gleichzeitig sehen beide gleißend helle Scheinwerfer auf sich zukommen. Vollbremsung, quietschende Reifen. In allerletzter Sekunde kommen beide Autos auf der Brückenmitte zum Stehen. Türen werden aufgerissen. „Sie Vollidiot“ „Sie Analphabet!“ „Wollten Sie mich umbringen?“ „Ich Sie? Sie mich!“ Wutentbrannt holt der BMW-Fahrer aus und stößt den Audifahrer vor die Brust. Der wehrt sich und schlägt ihm mit der flachen Hand die Brille von der Nase. Sie fliegt in hohem Bogen über das provisorische Brückengeländer. „Du Arschloch, Du…..“ Der BMW-Fahrer stürzt sich mit erhobenen Fäusten auf seinen Gegner. Die Männer sind gleich stark und durchtrainiert. Der Kampf tobt hin und her. Schließlich springt der Audifahrer auf das Dach des BMW und fängt an, wie wild darauf herum zu trampeln.Daraufhin holt der BMW-Fahrer den Wagenheber aus dem Kofferraum und zertrümmert die Windschutzscheibe des Audi. Glassplitter wirbeln wie Hagelkörner im Scheinwerferlicht. Der Audifahrer auf dem BMW-Dach nimmt kurz Anlauf, um dem Feind in den Nacken zu springen. Aber er verfehlt sein Ziel und kracht gegen das Brückengeländer – wir erinnern uns, es ist provisorisch. Er versucht noch, das Gleichgewicht wiederzugewinnen, aber der BMW-Fahrer ist schon zur Stelle, holt aus und befördert ihn mit einem kräftigen Fußtritt in die Tiefe. Leider hat auch er seine Kraft nicht genau bemessen. Der Schwung reißt ihn nach vorne, und kopfüber fällt auch er in den Fluss.

Am Ende der Brücke hört die schwarz gekleidete Gestalt zweimal kurz hintereinander ein Aufklatschen auf dem Wasser. „Sauber“, sagt er und räumt bedächtig die beiden „Vorrang vor dem Gegenverkehr“-Schilder in den Kofferraum seines VW-Busses. Am nächsten Tag berichten die Medien vom tragischen Unfall des Unternehmers K. und des Bankdirektors P. Beide waren unlängst schon mal in die Schlagzeilen geraten, der eine wegen skrupellosen Entlassungen und der andere, weil er den entlassenen Mitarbeitern Übergangskredite verwehrt hatte.

(Vielen Dank an Olga Maria Eggart für die Kooperation!)

AdventsKalender MiniKrimi vom 10. Dezember 2016


(Ruf)Mord unter Schwestern

Einigkeit macht stark. Auch wortstark. Katharina hatte immer das Credo vertreten, dass Frauen nur durch Netzwerkarbeit nach vorne kommen, an die Stelle in der Gesellschaft, an die sie gehören. Dafür müssen allerdings erst mal die Männer Platz machen. Aber davon können sie durch ein Netzwerk gut ausgebildeter Frauen besser überzeugt werden als von einer qualifizierten Einzelkämpferin. Die Einladung in den Damenclub war genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. .Bei der feierlichen Einführung las sie ihre Rede ab, um nur ja genug von „Ehre“ und „Dank“ zu sprechen. Aber dann kam alles anders. Statt Lobbyarbeit für ihre Mitglieder im besonderen und Frauen im allgemeinen zu machen, trafen sich die Damen lieber in regelmäßigen Abständen zu Gourmetverkostungen von zumeist männlichen Chef de Cuisines, besuchten Ausstellungen großer Maler, Konzerte berühmter Virtuosen, und, aber nur heimlich und in kleinen Gruppen, bestimmte Outletsiedlungen.

Bald verstand Katharina, warum nur berufstätige Frauen in sicherer Position aufgenommen wurden – der Clubstandard erforderte doch erhebliche Ausgaben. „Wenn ich schon soviel zahle, will ich auch was davon haben“, sagte sich Katharina. Sie brauchte einen Plan. Sonst würde sie nie an den Chefsessel in der Anwaltskanzlei rankommen, den sie angepeilt hatte.

Beim Weihnachtessen mit Partnern kam Priscilla, die Vorsitzende, an Katharinas Tisch, um dem Neuling ihr Perlencollier und ihren Mann vorzuführen. „Es gibt also doch noch Zeichen und Wunder“, dachte Katharina, die den Mann sofort erkannt hatte. Jetzt hieß es, die gebotene Chance zu gestalten. Der Champagner floss reichlich, Priscillas Ehemann war Katharinas Reizen so gar nicht abgeneigt.

Es half ihm nichts, dass er ein paar Tage später den One-Night-Stand zu leugnen versuchte. Das Handyvideo auf der Toilette war ebenso deutlich wie die Kündigung, die Priscillas Vater und Seniorchef der Kanzlei persönlich unterzeichnete. Übrigens auf dem selben Schreibtisch, auf dem die Bewerbungsunterlagen einer jungen Anwältin lagen. „Sehr beeindruckend“, erzählte er Priscilla später. „Welch ein Glück, dass Antons Sessel gerade frei geworden ist. Leider darf ich Dir nicht mehr über sie sagen, Du weißt ja, Firmengeheimnis. Schade, denn sie würde Dir sicher gefallen. Und hätte vielleicht auch gut in Euren Club gepasst“.

 

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 9. Dezember


 

Es ist alles wahr!

„Wie kommen wir darauf, zu glauben, ein Außenseiter wie Donald Trump sei Präsident geworden, weil die Mehrheit der Amerikaner ihn gewählt hätte? Dass dahinter ganz andere Mächte stecken ,ist jedenfalls viel mehr als eine Hypothese“. Silvia ist plötzlich hellwach. Ihr Radiowecker hat sie nicht nur in die Realität geholt, sondern in klaren Worten ausgedrückt, was sie die ganze Zeit fühlt. Da sind viel zu viele Zufälle in der Welt. Von der Ermordung von Prinzessin Di über das Attentat vom 11. September bis zum Krieg in Syrien und dem Wahlerfolg von Donald Trump. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. „Und jetzt sagen sie es auch schon im Radio, na bitte. Ich habe also Recht“, sagt Moni eine Stunde später zu ihrer Lieblingskundin Frau Rosenbaum, während sie die gelben Fußnägel schneidet und dann mit einem elektrischen Hobel die rötlichbrauen Hornhaut reduziert. „Wie meinen Sie das?“ fragt Frau Rosenbaum und schiebt sich mit der linken Hand einen Schokotrüffel in den Mund, während sie gleichzeitig mit der rechten einem schnaufenden Pekinesen eine Zartbitterpraline vor’s Mäulchen hält.

„Na das ist doch sonnenklar“, nuschelt Silvia hinter dem Mundschutz. Unglaublich, der Geruch von Frau Rosenbaums Nägeln geht sogar durch den dichten Stoffilter durch. Ekelhaft. „Diese Verschwörungsmafia wird immer gröscher“, sagt die Rosenbaum jetzt durch den Schokotrüffel hindurch. „Mein Bruder muschte seine Putzfrau kündigen. Die hat doch tatsäschlisch behauptet, dass die Rotschilds von Amerika aus Strahlen in ihre Wohnung schicken, um sie zu foltern, damit sie sisch nackt zeigt. Als ob die jemand hätte nackt schehen wollen! Und dann hat sie meinem Bruder unterstellt, dass er mit den Rothschilds unter einer Decke schteckt.“ „Und? Steckt er?“ fragt Silviia. „WIe bitte?“ Frau Rosenbaum schießt einen Torpedoblick auf sie ab, der so gar nicht zu ihrer normalen Harmlosigkeit passt. Sie ist eine von ihnen, fällt es Silvia da wie Schuppen von den Augen. Und dann fallen alle Puzzleteile zusammen und ergeben ein schlüssiges Ganzes. Warum sie drei Kunden verloren hat, seit sie der Rosenbaum die Nägel schneidet. Warum ihr die Haare ausfallen, vermehrt, und warum sie urplötzlich einen Heißhunger auf Cognacpralinen entwickelt hat – wobei sie diese bislang nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte.

„SIE stecken mir DENEN unter einer Decke! Wahrscheinlich haben Sie oben auf dem Dachboden Ihrer Villa eine Kommandozentrale. Deshalb auch die vielen Satellitenschüsseln Von wegen ausländische Fernsehsender. SIE…. SIE…. SIE sind SCHULD! Aber Sie haben einen Fehler gemacht. Sie haben mich unterschätzt! Sie haben mir nicht mal 50 Cent Trinkgeld gegeben, wenn ich Ihre schmutzigen, stinkenden Füße bearbeite. Sie Blutsauger Sie. Aber Sie unterschätzen mich nicht nochmal.“ Sie nimmt ihre Profnagelschere mit der 6-Zentimeter-Klinge und rammt sie der völlig überraschten Frau Rosenbaum in den Hals. Gelernt ist gelernt.“ Igittigitt, denkt Silvia, als das Blut auf den cremenfarbenen Teppich und die Samttepete spritzt. Dann geht sie in die Küche, reißt einen großen Bogen Alufolie vom Halter, faltet sich einen breitkrempigen Hut und verlässt das Haus. „Der Kampf hat begonnen“.

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 5. Dezember 2016


Morgen, Kinder, wird’s was geben….

Im Zuge der Rationalisierung hat die Post ihre Annahmestellen ausgelagert. In Supermärkte oder Tankstellen, zum Beispiel. Das Personal dort ist vielleicht nicht so geschult wie die Postbeamten hinter den gelben Schaltern, aber dafür in der Regel freundlicher. Die junge Frau, die am späten Nachmittag die Postfiliale in der Allguth-Tankstelle betritt, ist sichtlich überfordert, verschwitzt und ungekämmt. Sie schaut sich suchend um, dabei schiebt sie die dichten Haarsträhnen zur Seite, die ihr immer wieder ins Gesicht fallen. Vor ihr stehen zwei Männer und eine Frau in der Schlange. Wollen Pakete von Amazon und Zalando zurückgeben. Sie könnte schreien vor Glück. Hilflos zuckt sie die Achseln und reiht sich ein. Da taucht neben dem Mitarbeiter, der für die Nachmittagsschicht am Schalter abgestellt worden ist, eine Blondine auf. Mittelblond, mittelalt und nur mittelgut geübt im Posthandwerk, soll sie ganz offensichtlich eingearbeitet werden. Die junge Frau strahlt sie aus unschuldig blauen Augen an. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen, einen passenden Karton hierfür zu finden? Sonst halte ich den ganzen Betrieb auf, wenn ich dran bin….“. Und sie hält etwas in die Höhe, was aussieht wie ein sehr grober, überdimensionierter Strumpf. „Mein Sohn ist im Schullandheim, wissen Sie. Aber er wartet ganz bestimmt auf seinen Nikolaus.“ Die Blonde lächelt, sie hat vielleicht auch ein Kind. Schließlich finden sie einen geeigneten Karton. „Ist zwar für Flaschen, aber wenn wir den Strumpf etwas anpassen….“ „Ich mach schon“, sagt die junge Mutter. „Sind ja nur weiche Sache drin, außer dem Apfel.“ Sie drückt und quetscht, und in der Tat lässt sich der Inhalt gut genug verformen, um in die Verpackung zu passen. „Nur ein paar Tüten mit Mandeln“. Am Ende bleibt der Apfel draußen.

Schließlich ist alles verpackt, die Adresse des Schullandheims ist ein Briefkasten an einer oberbayerischen Straßenkreuzung. Die junge Mutter zerfließt fast vor Dankbarkeit. „Hier, nehmen Sie doch den Apfel“, sagt sie. Die Blonde freut sich über ihre gute Tat. Sie hat eine Mutter glücklich gemacht.

Und ihren Partner, der das reine Kokain am Nikolausmorgen aus dem Briefkasten an der oberbayerischen Straßenkreuzung fischt.  Spurlos verschwunden aus der Asservatenkammer am Münchner Flughafen. „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 4. Dezember


Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Allerdings reitet er nicht – er fährt, in einer „Kutsche“ mit vielen Pferdestärken. Er fährt schnell, zu schnell. Und das Kind, das angeschnallt im Beifahrersitz versinkt, schaut mit Schrecken auf die am Autofenster vorbeiziehenden Nebelstreifen. „Mama!“murmelt es. „Mama?“ fragt es. „Mamaaaa!“ ruft es. „Sei still. Wir rufen Mama an, wenn wir da sind. Wir wollen sie doch überraschen, nicht?“, antwortet der Vater. „Ich will sie aber nicht überraschen. Ich will nicht wegfahren. Ich will wieder nach Hause!“ „Schluss jetzt! Sei endlich still! Ich muss mich konzentrieren!“ Der Vater ist genervt. Er hatte sich das einfacher vorgestellt. Zu einfach, offenbar. Er hatte gedacht, nachdem er ein Jahr gebraucht hatte, um den Aufenthaltsort seiner geschiedenen Frau herauszufinden, würde alles andere ein Spaziergang werden. Mit einer gefälschten Unterschrift das Kind aus dem Hort abholen. Ihm zu erzählen, sie würden zu den Großeltern fahren und der Mama eine Katze mitbringen. Eine, die genauso aussieht wie Polo, der Kater, der auf die Straße gelaufen war bei ihrem letzten großen Streit. Direkt vor ein Auto. Und dann weiterfahren, immer weiter, über eine Grenze und noch eine. Dahin, wo sie ihn und das Kind nicht finden wird.

Aber jetzt ist alles anders. Das Kind will zurück, will nicht zu den Großeltern, will nicht bei ihm bleiben. Mit ihm fahren. Der Wind wird immer stärker, der Nebel immer dichter. Die Straße ist glatt. Das Kind quengelt. Er hat schon seit Stunden nicht mehr geraucht. Dann sieht er das Schild. „Da fahren wir raus“, sagt er und gibt Gas. „Nein“, ruft das Kind und hämmert mit seinen kleinen Fäusten auf ihn ein, unvermittelt. „Nein, ich will Mama anrufenl“ Er versucht, den Wagen unter Kontrolle zu halten. Vergeblich.

„Hallo! Polizei? Gott sei Dank, dass Sie anrufen. Sie haben meinen Sohn gefunden?“

Adventskalender-Minikrimi vom 2. Dezember


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Zug um Zug
Dass es einmal so hatte kommen müssen, war ihr schon lange klar geworden. Sie wusste, sie musste die Weichen stellen, um ihr eigenes Leben nicht in Gefahr zu bringen. Und sie wusste auch, dass sie dabei keine Rücksicht auf die Konsequenzen nehmen konnte. Heimlich hatte sie den Fahrplan auswendig gelernt, um mit möglichst geringem Aufwand den maximalen Grad an Zerstörung zu erreichen. Ein letzter Blick auf die Häuser vor ihr, so schön mit dem feinen Fachwerk und den spitzen roten Giebeln. Und die Brücke, verwitterte Steine über dunkelgrünem Wasser. Eine kunstvolle Landschaft. Schade drum! Schade auch um die Menschen auf dem Platz vor der Brücke, die Kinder mit Schulranzen, die Frau mit dem Fahrrad. Aber egal. Was sein muss muss sein. Sie holte noch einmal tief Luft, und genau in dem Moment, als die Dampflok und der Fernzug auf der Brücke auf einander zu fasten, drückte sie den Knopf. Alles wirbelte durch die Luft, Häuser Züge Figuren.

„Die Scheißanlage wird uns die gemeinsame Zeit nicht mehr kaputt machen, Schatz. Und morgen fahren wir in die Berge. Die echten!“, murmelt sie. Und strahlt.

AdventsKalender-MiniKrimi vom 1. Dezember


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Der wahre Tatort

Der Sonntagabend ist mir heilig. Tatortzeit. Vorher noch schnell die Rolläden runterlassen, schließlich ist es draußen bitterkalt. Und stockdunkel. Plötzlich wird der Garten nebenan in gleißend helles Scheinwerferlicht getaucht. Eine Gestalt macht sich am Tomatenbeet zu schaffen. Ich gehe näher ans Fenster. Schaue hinab. Es ist der Neue aus der WG. Mit einem großen Spaten schlägt er die gefrorene Erde auf. Schon türmt sich ein großer Haufen neben dem Beet. Sieht aus wie ein Grabhügel. Sauberes Bürschchen, denke ich. Erst erwische ich ihn, wie er sich an meinem Streusalzeimer in der Garage zu schaffen macht. Ganz offensichtlich will er mein Streusalz klauen will. Dann macht er ein Riesentheater, als ich das Säckchen wieder in meinen Salzeimer ausleere.

Und jetzt das! Wahrscheinlich hat er seinen Mitbewohner umgebracht. Nicht nur ein Dieb, sogar ein Killer! Ha, der glaubt, hinter den meterhohen Hecken sieht keiner, was er treibt. Außer mir. Ich werde ihn stellen. Mit dem Fotoapparat in der Hand schleiche ich aus dem Haus um die Garage.

„Herr Nachbar, ich hab’s gewusst. Ihre Neugier bringt sie nochmal um. Eigentlich schade um die Ladung „Salz“.“ Ich höre seine Stimme, ich spüre einen Stich. Dann explodiert die Nacht, und ich stolpere in mein frisch ausgehobenes Grab.