Adventskalender MiniKrimi vom 10. Dezember


Birdsley

Das Haupt der Medusa

(danke den „Mädels vom Magda-SPA für die Clues)

Samstagabend und der Waschsalon ist voll. Nicht mit Menschen. Die haben lediglich ihre Tüten und Taschen mit Schmutzwäsche ausgeleert, alle 15 Maschinen befüllt und sind dann, nach einem Blick auf die Uhr, wieder gegangen, um die Zeit des Waschvorgangs mit Sinnvollem oder Nützlichem oder Angenehmen zu füllen. Und so drehen sich die Männerunterhemden, Frauenslips und Kinderpullis in buntem Reigen, ohne dass ihnen jemand Beachtung schenkt.

Mona stößt die Tür mit letzter Kraft auf, schiebt den Seesack Richtung Waschmaschinen und massiert die schmerzenden Arme. Das kann doch nicht wahr sein, denkt sie. Alles belegt? Langsam geht sie die Reihen der drehenden Trommeln ab. Ganz hinten ist noch eine frei. Na also. Sie kippt den Inhalt des Seesacks auf dem Boden, beäugt nachdenklich das friedliche Miteinander von verwaschenen Jeans, tomatenfleckigen Blusen, verfilzten Wollsocken und einer schwarzen, verknoteten Baumwolltasche. Einen Augenblic lang bereut sie, dass sie ihrer besten Freundin nie einen Wunsch abschlagen kann. „Könntest du Evas Wäsche für sie in den Waschsalon bringen?“, hat Evas Freund Ole sie auf dem Flur im Studentenwohnheim gefragt. „Sie hat es vor ihrer Abreise nicht mehr geschafft, und mir traut sie das nicht zu….“ Typisch Mann, denkt Mona. Eigentlich müsste sie damit drei Maschinen füllen. Egal. Dann gibt es heute eben nur den 20-Grad-Schonwaschgang. Und sie stopft alles in die Trommel.

Dann setzt sie sich auf einen der orangefarbenen Plastikstühle, holt ihr Reisekissen, den Thermosbecher mit Ingwertee raus und den Gedichtband „Les Fleurs du Mal“ von Beaudelaire. Das Paperpack-Exemplar jst gemütlich zerlesen, und in der Kombination mit Tee und Kissen schafft er ihr eine kleine Heimatoase mitten in der rotierenden Neonlichtwüste der Großstadtnacht.

Ganz schön brutal, denkt Mona, wie jedes Mal, wenn sie „de profundis clamavi“ liest. Kein Grauen auf der Welt….  fröstelnd schaut sie sich um in der gefühlskalten Salonatmosphäre. Was, wenn sie plötzlich ganz allein wäre? Der einzige übrige Mensch in der Stadt. Hier, unter der Neoneissonne. Allein mit den kreisenden Trommeln, und alle drehen sich in unterschiedlichem Rhythmus, jede zum Lied ihres Befüllers. Mona lässt sich hypnotisieren, folgt den Umdrehungen gegenüber. Blau, weiß, schwarz. Rot. Flammend rot! Da hat doch tatsächlich jemand eine rote Perücke in die Waschmaschine gesteckt. Die färbt ganz schön ab, langsam tanzen rote Schleier hinter dem Trommelglas. Werden zu rotem Schaum. Schaum, der jetzt aus der Maschine hervorquillt und auf den Boden fließt, ein träger, schlierigsprudelnder roter Strom.

Bei der nächsten Umdrehung der Trommel geben die roten Haarsträhnen die Sicht frei auf ein blasses Gesicht. Die Augen blicklos aufgerissen, rotiert es wie vor einem Schaufenster, um sich dann wieder zwischen Stoffstücken zu verstecken.

Endlich bahnt sich das Grauen einen Weg durch ihren Körper. Mona zittert, dann schreit sie, schreit, springt vom Stuhl zur Tür, reitß sie auf und rennt über die dunkle Straße, hinein in das nächste Geschäft. Sie zerrt eine Packung Toilettenpapier vom Stapel neben dem Eingang, reißt sie auf und wischt sich mit den dünnen Blättern den Schweiß vom Gesicht. „Ist was passiert? Sind Sie auf der Flucht?“ fragt die Kassiererin und ruft den Sicherheitsdienst. Da ist Mona schon ohnmächtig geworden. Der Anblick ihrer besten Freundin als Haupt der Medusa war einfach zuviel.

Adventskalender MiniKrimi vom 9. Dezember


Armes Würstchen

„Jesses, der Monsignore ist tot!“ Die Huberin stürzte aus der Küche, wo sie gerade anfangen wollte, ihrem Dienstherren das Frühstück zuzubereiten. Die Mär vom großen Haushalt eines Ordinariats hielt sich zwar hartnäckig, aber entgegen aller Gerüchte und der Pater Braun Verfilmungen gab es im Haushalt von Kardinal Maier und Monsignore Ehrengut kein Hausmädchen und auch keinen Chauffeur, und die Huberin kam jeden Morgen punkt acht ins Haus, um den geistlichen Herren das Frühstück zu machen. Als erstes setzte sie das Teewasser auf, dann bestrich sie die unterwegs gekauften Buttercroissants mit selbstgemachter Marmelade, stellte eine halbe, gezuckerte Grapefruit und ein Joghurt auf ein großes Tablett und ging die Treppe hinauf.  In seinem Zimmer lag der Monsignore nicht etwa auf der faulen Haut, sondern studierte im Internet eine Seite, die er regelmäßig wegklickte, wenn die Huberin auf leisen Sohlen das Zimmer betrat. „Können Sie denn nich anklopfen, Frau Huber? Sie haben moch schon wieder erschreckt!“, schimpfte der Monsignore jedesmal, und jedesmal antwortete die Huberin pflichtschuldigst mit einem angedeuteten Hofknicks „entschuldigung. Nächstes Mal.“ Bei dem Gedanken daran, dass es ab heute kein nächstes Mal geben würde, rollten der Huberin zwei dicke Tränen über die roten Wangen. Dann erst fiel ihr ein, dass der Kardinal wahrscheinlich noch am Leben und oben in Erwartung seines Frühstückes sein würde, und mit schwerem Herzen trug sie den Tee, ein Croissant und den Joghurt nach oben, zusammen mit der Hiobsbotschaft vom Tod des Monsignore.

„Sie haben ihn also in der Küche gefunden. Was wollte er denn da?“ Der Kommissar tat sich schwer mit dem Fall des toten Geistlichen. Er war überzeugter Atheist, und die Atmosphäre erschien ihm weihrauchgeschwängert und jedenfalls ungesund glaubensgetränkt. „Na ja, ich weiß es nicht. Das herauszufinden ist doch Ihre Aufgabe, Herr Kommissar“, sagte die Huberin. „Aber wenn er in der Küche erstochen wurde, dann denke ich, er hat einen Einbrecher überrascht, nicht wahr?“ „Das Denken sollten Sie lieber der Polizei überlassen, gnädige Frau“, antwortete der Kommissar von oben herab. „Ganz ehrlich, was könnte der Einbrecher denn gesucht haben, in der Küche des Ordinariats? Ist ihm vielleicht der Kaffee ausgegangen? Und weil der Monsignore so unchristlich war und ihm keinen geben wollte, hat er ihn erstochen, ha?“

Während der Kommissar sich mit dem Kardinal unterhielt – eigentlich hatte er ihn befragen wollen, aber irgendwie war er von dem imposanten Mann mit dem weißen Haarkranz in ein Gespräch verwickelt worden, das sich sehr bald um alles mögliche drehte, nur nicht um den Mord am Monsignore – währenddessen also machte sich die Huberin in der Küche auf die Suche nach etwas, das fehlte. Sie wusste nicht, was, aber etwas musste ja fehlen. Wozu sonst der Einbruch? Die Entdeckung, die sie dann machte, verriet ihr in aller Deutlichkeit, was geschehen war.

Sie nahm das Würstchenglas aus dem oberen Regal links neben der Dunstabzugshaube. Statt Würstchen steckte dort fein säuberlich eingerollt ein ganzes Bündel 500-Euro-Scheine. Mit dem Bündel in der einen und dem Würstchenglas in der anderen Hand ging sie nach oben in die Räume des Kardinals. Sie betrat das Arbeitszimmer, ohne vorher anzuklopfen, und reagierte auf den verärgerten Ausruf des Kommissars und den verwunderten des Kardinals mit einem verächtlichen Schnauben.

„Deswegen wurde der Monsignore umgebracht“, sagte sie und streckte beide Hände weit aus. Und zwar von Ihnen, Herr Kardinal! Sie haben mit dem Geld des Erzbistums spekuliert. Ihre Gewinne haben Sie in diesem Wurstglas versteckt. Aber der Monsignore ist Ihnen auf die Schliche gekommen. Er hat im Internet Ihre Spuren verfolgt. Und heute wollte er das Glas heute an sich nehmen. Sie haben ihn bis in die Küche verfolgt, ihn getötet, um es wie einen Einbruch aussehen zu lassen, und das Würstchenglas unschuldig ins Regal gestellt. Herr Kommissar, ich bin sicher, die Spurensicherung wird die entsprechenden Fingerabdrücke auf dem Glas finden.“

„Das ist doch…. absurd! Wie sind sind überhaupt auf das Glas gekommen?“, fragte der Kommissar. „Ganz einfach, der Kardinal ist Vegetarier, und der Monsignore isst kein Schweinefleisch. Ich kenne ihn gut, wir sind beide vom Vatikan als verdeckte Ermittler eingesetzt worden, weil der Kardinal schon länger unter Verdacht stand.“

Realitätsbezug: Heute haben Finanzermittler des Vatikans bei einer Razzia in den Räumen eines Kardinals in einer Würstchendose 20 Tausend Euro gefunden.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember


IMG_3519.JPG

Mein Herz

Mein Herz. Schlägt. Nur.
Für Dich. Für Dich, mein Herz.

Mein. Herz schlägt.
Nur.
Mein Herz schlägt nur.

Für Dich schlägt.
Mein Herz.
Nur. Schlägt.

Mein Herz schlägt.Dich, mein Herz.
Schlägt. Nur Dich.

Dich.
Schlägt und schlägt und schlägt.

Dein Herz schlägt nur für mich.
Dein Herz schlägt. schlägt. schlägt.
Sch. l.. ä …g… t

nicht.

Adventskalender MiniKrimi vom 7. Dezember


So ein Hund!

Ihr Ohrläppchen juckt. Nachhaltig. Sie macht die Augen auf. 6 Uhr sagt der Wecker. Eigentlich könnte sie noch gut eine Stunde schlafen. Aber nein. Er ist ganz offensichtlich schon wach und liebkost sie zärtlich. Erst das Ohr, dann die Wange, jetzt die Lippen. Aber sie ist nicht zum Schmusen aufgelegt.

„Lass mich los, ich muss mal“, brummt sie unwirsch, schält sich aus dem Bett und schlurft müde ins Bad. Aber er ist schneller. Und schaut sie triumphierend an. „Oh Mann, du nervst“, sagt sie und schiebt ihn von sich weg.

Jetzt ist sie eh schon auf, dann kann sie auch einen Kaffee kochen. Aber auch in der Küche lässt er sie nicht in Ruhe. Was habe ich mir da nur angelacht, denkt sie, nicht zum ersten Mal. Dabei hatte sie es sich so romantisch vorgestellt – nie mehr alleine durch den Park gehen, keine einsamenden Abende auf der Couch, und auch nachts durch die Stadt laufen wäre mit einem solchen Mann an ihrer Seite kein Problem mehr gewesen. Also war sie auf die Suche gegangen. Und sie hatten sich gefunden. Er hat Rasse, er hat Klasse. Er hat Stil.

Und jetzt? Keine einsamen Abende mehr auf der Couch – da lässt er sie nämlich nicht mehr hin, so breit macht er sich. Ihre Lieblingsbücher hat er zerfleddert, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als in seinen liebevollen Augen zu lesen. Auf der Parkbank sitzt sie nie – das findet er viel zu langweilig. Stattdessen joggen sie drei Stunden am Tag.

Keine Frage, sie ist fit wie ein Turnschuh. Und nie mehr allein. Aber um welchen Preis? „Nein, jetzt trinke ich erst meinen Kaffee, und dann bist du dran. Tyrann! Sie schaut ihm in die Augen, fest entschlossen, diesmal auch seinem treuen Hundeblick zu widerstehen. „Du kannst doch unmöglich schon wieder……“, murmelt sie, als er sich dicht an sie schmiegt.

„Weißt du was,“ sagt sie, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Heute treffen wir uns mit Lisa und Linda. Lisa mag dich doch so gerne. Ich glaube, ich schlage ihr einen Tausch vor. Ich habe mich entschieden, ich will nie mehr einen Rüden.“

Adventskalender MiniKrimi vom 6. Dezember


apfel
Quelle: http://photomakers.org/obst/schalenobst/apfel-fotos/apfel-bilder

 

Es muss nicht immer Apfel sein

„Cordelchen, stell dich nicht so an! Das ist eine Billigproduktion, wir haben nicht ewig Zeit für den Take!“ Regisseur Mike ist der Verzweiflung nahe. Wären seine Haare nicht mit Ultrahaftcreme steil Richtung Studiodecke gestylt, würde er sie sich jetzt raufen. Wie um alles in der Welt war er nur auf den Gedanken gekommen, seinen One-Night-Stand Cordula für diesen Werbespot vorzuschlagen?

Nein, eigentlich darf er sich diese Frage nicht stellen, denn er kennt ja die Antwort. Das Model, das er eigentlich haben wollte, war dem Kunden, dem No-Name-Hersteller eines Plagiats von einer bekannten Haftcreme für dritte Zähne, zu teuer gewesen. Die zweite Wahl war krank geworden, und die Nachricht hatte Mike im Bett ereilt, am Morgen, nachdem er Cordula abgeschleppt hatte. Nachts und nach einer Reihe Lime-Shots hatte sie fantastisch ausgesehen, und auch bei Tageslicht hatte er sie, im Bett und ohne Brille, noch ganz passabel gefunden. Gut genug jedenfalls, um auszuhelfen.

Und nun steht sie da vor der weißen Fototapete mit Wohnzimmer-Amutung, einen Apfel in der Hand. Das Licht war eingestellt, und sie sollte nur noch reinbeißen. Gut, ihre Zähne waren alles andere als strahlend, aber das würde die Technik nachher schon richten.
„Beiß doch endlich rein, Mädel“, ruft Mike. „Und lächeln nicht vergessen!“.

„Ich kann nicht“, sagte Cordula. „Nein, ich tue es nicht. Nicht für alles Geld der Welt“.

Ach so. Darauf versteht er sich. „Du willst mehr Gage“. Na warte, denkt er. Aber – er braucht sie, die Aufnahme muss heute im Kasten sein, das Studio ist nur für ein paar Stunden gebucht. „Ok, ich lege noch zweihundert Öcken drauf“.

„Nein, ich kann nicht in den Apfel beißen, Mike. Ehrlich.“

„Mensch Cordula. Hör zu, machs für mich. Und dann gehen wir zwei schön aus. Nur du und ich. Ok?“

„Du magst mich doch gar nicht.“

„Mögen? Mädel, ich LIEBE dich! Liebe auf den ersten Blick, war das. Du hast mich umgehauen! Komplett. Wir bleiben zusammen, wir zwei!“

„Ehrlich? Für immer?“

„Na klar. Und jetzt beiß rein!“

„Ach Mike. Für dich tu ich alles……“, seufzt Cordula, schüttelt ihre blonde Mähne, strahlt in die Kamera und beißt in den Apfel.

Der Dreh klappt auf Anhieb. Und das ist auch gut so. Denn Cordula bekommt bereits Sekunden später keine Luft mehr. Röchelnd geht sie zu Boden, und noch bevor die Rettungssanitäter eintreffen, ist sie erstickt. Sie hatte ja gesagt, dass sie nicht in den Apfel beißen könne.

Adventskalender MiniKrimi vom 5. Dezember


 

Das doppelte Lottchen

Das läuft ja wie am Schnürchen! Neuer Job, toller Laden – genau mein Fall. Und die Chefin ist noch zu haben. Total apart. Souveräner Look, die komplette Domina. Klar, dass sie heute keinen Blick für mich hatte. Aber ich bin sicher, unter diesen langen schwarzen Wimpern hat sie mich gesehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie mich anspricht. Geduld, Junge. Dann mixt du ihr einen Drink, ich glaube, sie steht auf was total Klassisches. Martini  Cocktail. Und ich bin James Bond und dann geht der Film ab….

Lisa? Mach die Augen auf, ich weiß, dass du wach bist. Das war nur ganz kleine Dosis Rohypnol im Ovomaltine, heute früh. Und jetzt ist es Abend. Lisa, Augen auf. Hier, trink das. Hey, guck nicht so. Du kennst doch unseren Keller? Oder nicht? Kann sein, dass du nicht mehr hier warst, seit wir Verstecken gespielt haben. Schau doch ruhig um, das wird jetzt dein neues Zuhause! Push, so spät. Ich muss los. Dein Laden macht gleich auf. Nein, mein Laden, ab heute. Und vorher muss ich mich noch in deine Klamotten schmeißen. Das ist wirklich das Unangenehmste. So gar nicht mein Stile.  Aber für die Liebe muss man eben Opfer bringen. Wenn du noch wach bist, wenn ich heimkomme, erzähl ich dir, wie es gelaufen ist, mit Niko.

Wahnsinn! Was für eine Nacht! Ich hab doch gewusst, dass sie auftauen wird. Und es hat nicht mal ne Woche gedauert. Sie war gar nicht sauer, dass ich mir n bisschen Mut angetrunken habe. Obwohl sie mir beim Einstellungsgespräch gesagt hat, dass sie Alkohol bei ihren Mitarbeitern nicht toleriert. Sie war überhaupt wie ausgewechselt. Irgendwie weicher. Hat sich zu mir an die Bar gesetzt, statt die Poledancer zu kontrollieren. Ich hab sie angeschaut, und dann war’s um uns geschehen. Wie in diesem Bogart- Film. Casablanca. Ich hatten nie gedacht, dass sie mich gleich mit in ihr Büro nimmt. Aber wow. Sie war ja sowas von geil. Boah….. Wenn das so weitergeht, bin ich nächsten Monat ihr Teilhaber.

Lisa. Du schaust ja grausig aus. Entschuldige. Du hast bestimmt Hunger. Oder Durst? Oder beides? Hier, ne Flasche Wasser und eine Pizza. Ist von gestern. Aber der Hunger treibst runter, denke ich. Ich mach dir den Klebestreifen vom Mund, aber erst e erzähle ich dir, wie es gestern gelaufen ist. Ach wars, heute! Also in der Bar hat keiner was gemerkt. Höchstens, dass die Mädels sich gewundert haben, weil die Chefin so freundlich war. Ich hab sie nicht angebrüllt, und ich hab auch keine gezwungen, mit dem Kunden aufs Zimmer zu gehen, wenn sie nicht wollte. Ich glaube, die werden dich mögen. Ich bin eine viel bessere Chefin als du! Ja und Nico… Ich glaube du hast einen großen Fehler gemacht. Eigentlich zwei. Der Typ ist so süß, du hättest ihn für dich nehmen sollen. Auf jeden Fall hättest du mir nichts ein Foto zeigen dürfen. Du weißt ich steh auf schwarze lange Locken und Sixpack.jedenfalls, Nico hat auch nichts gemerkt! Erst haben wir ein bisschen was getrunken… Und dann sind wir ziemlich schnell in deinem Büro verschwunden. Der Rest ist Schweigen. Nur soviel: es war eine Wahnsinnsnacht. Ich weiß jetzt nicht genau wie ich weiter machen werde. Eigentlich möchte ich mir gerne sagen, dass ich nicht du bin, sondern ich. Warum solle er mich nicht mögen. Ich sehe genauso aus wie du.  Aber irgendwie habe ich Angst davor. Was, wenn ihr mir böse ist weil ich ihn angeschwindelt habe? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich, dass du verschwinden musst, Lisa. Tut mir leid!

Ich weiß nicht, irgendwie ist mir diese Frau unheimlich. Als hätte sie zwei Gesichter. Ich kenne sie zwar erst seit zwei Wochen, aber sie ist jetzt völlig anders als am Anfang. Die Mädels und der Kollege an der Bar sagen das auch. Ich glaube ich besuche sie mal daheim. Finde ich eh komisch, es findet immer Ausreden und trifft sich mit mir nur im Büro. Ist doch blöd oder? Vielleicht wächst ihr das alles über den Kopf… So verliebt zu sein.

Niko? Was machst du denn hier? Woher hast du meine Adresse? Wie, klar wohne ich hier alleine. Du siehst doch nur meine Fotos an der Wand, oder? Geräusch? Was für ein Geräusch? Oh, verdammt… Warte mal kurz, ich muss nur die Kellertür zu machen….. Ahhhhhhhh….

Lisa? Was ist….? Lisa?

Das ist nicht Lisa. Das ist Charlotte. Mein Zwilling. Und wenn du ihr hilfst, kriegst du auch eine Flasche übergezogen. Die dumme Kuh ist natürlich voll auf dich abgefahren. Soviel Kriminelle Energie hätte ich ihr gar nicht zugetraut. Mich wochenlang im Keller einzusperren.

Jetzt wird’s nichts mit deinem Traum von der Topless-Bar. Aber wenn ich es mir genau überlege, dann passt ihr beide eigentliche perfekt zusammen. Auch in meinem Kofferraum!

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 4. Dezember


Wir retten die Welt

Sie packt ihre Sachen. Sorgfältig, so, wie sie es immer wieder geübt hat. So, wie es in dem Video gezeigt wird. Sie vergisst nichts. Und dabei hört sie seine Stimme. Du wirst sehen, alles wird gut. Alles wird besser. Keiner wird dich auslachen. Keiner wird uns trennen. Wir werden zusammen sein, und niemand wird uns trennen. Zeig es Ihnen. Wir zeigen es Ihnen.

Turnschuhe. Ein schwarzer Kapuzenpulli. Wecker, Handy und alles, was man braucht, um ein, zwei Existenzen in die Luft zu jagen. Du schaffst es, Baby. Vergiss das Geld nicht. Nimm alles mit, die brauchen es nicht mehr, und dir sind sie es schuldig. Jeder kriegt, was er verdient.

Sie hat lange versucht, die Stimme abzuschalten, aber in ihrem Kopf ist kein Knopf. Deshalb lässt sie ihn weiterreden. Du wirst sehen, alles wird gut.

Ja, ganz bestimmt. Alles wird besser. Sie geht aus dem Haus. Unbemerkt. Am Spielplatz kriecht sie in den Hohlraum unter der Rutsche. Zieht sich um. Stopft Kleid und High Heels in den Altkleidercontainer am Eck.

Du darfst keine Spuren hinterlassen, Baby. Sie werden uns nicht finden. Und dann sind wir schon ganz weit weg. Der Krieg beginnt hier, sie sind unsere
Feinde. Wir müssen anfangen zu kämpfen. Hier, und dann unten. Dort warten Sie auf uns. Wir retten die Welt, Baby.

Jetzt steht sie an der Tankstelle. Den Rucksack fest an sich gedrückt. Das Handy in der Hand, bereit, auf die entscheidende Taste zu drücken. Bereit, damit zu beginnen, die Welt zu retten.

Der Toyota fährt in die Tankstelle ein. E nickt ihr zu. Jetzt, Baby. Wirf den Rucksack in den Eingang. Spring ins Auto. Drück auf die Taste. Und BUUUMMMM.

Er hält nicht einmal an, reißt die Tür auf. Komm Baby spring. Und dann los. Ab in die Freiheit. Sie beugt sich zu ihm, schaut ihm sekundenlang in die Augen. Ciao, Baby. Ich rette die Welt. Meine. Vor dir. Statt ins Auto zu springen, wirft sie den Rucksack hinein. Rennt davon und drückt auf die Taste. BUUMMM und sie ist frei. Von ihm.

Sie lauscht in ihren Kopf, aber alles was sie hört, sind die Geräusche der Welt. Sie musste nirgendwo hin, um sie zu befreien. Nur er musste weg.

Adventskalender MiniKrimi vom 3. Dezember 2015


quecksilber

(Bildquelle netdoktor.de)

Das Bohrloch

„So, gleich geschafft. Sie waren wirklich tapfer, Jeanette. Wollen Sie nochmal ausspülen, bevor ich die Füllung einsetze?“

Jeanette Mohr-Eininger nickt. Diese Zahnärztin ist wirklich fantastisch. Wenn sie, die notorische Angstpatientin, Frau Bähr schon vor zehn Jahren gekannt hätte, dann hätte sie jetzt nicht lauter Ruinen im Mund. Sie wirft Frau Bähr einen dankbaren Blick zu und hebt die rechte Hand von der Armlehne. Frau Bähr lächelt von oben auf sie herab. Ein tiefgründiges Lächeln, strahlend weiß.

„Danke“ flüstert Jeanette, die Worte verzerrt durch die Wirkung der Anästhesie. Eigentlich wollte sie gar keine Spritze. Aber Dr. Bähr hatte ihr keine Wahl gelassen. „Sonst behandle ich Sie nicht. Ich brauche meine Finger, und wenn Sie reinbeißen, bin ich arbeitsunfähig“.

Während die Zahnärztin mit ihren Geräten hantiert, redet sie mit Jeanette. Das tut ihr gut und nimmt ihr die Angst. Auch, wenn sie sich über die Neugier von Frau Dr. Bähr wundert. „Wie lange kennen Sie Ihren Mann denn schon?“, und „So ein Überlebenstraining in den Alpen ist sicher sehr romantisch, da kommt man sich schnell näher. Oder mögen Sie lieber Komfort?“ Woher weiß sie, wie Marc und ich uns kennengelernt haben?, fragt sich Jeanette. Aber dann zuckt sie die Schultern, ist doch egal. Ihre Gedanken schweben auf weichen Wattewolken, alles andere ist unwichtig.

„Mund auflassen, bitte! Perfekt. Die Füllung behalten Sie bis an Ihr Lebensende. Nochmal ausspülen, wir sind fertig.“ „Jeanette setzt sich auf, ihr ist schwindelig, und sie sieht die Ärztin wie durch einen Schleier. Lange schwarze Haare, große graue Augen. Mit dunklen Schatten darunter. Und tiefe Falten rundherum. Sorgenfalten. „Und Sie? Sind Sie eigentlich verheiratet?“ Jeanette hat das Gefühl, dass sie jetzt auch etwas fragen darf. „Ich bin geschieden. Mein Mann hat mich vor drei Jahren wegen einer jüngeren verlassen. Blond und dumm, aber dürr. Männer sind alle gleich. Sie wissen schon.“

Unbewusst schaut Jeanette an ihrem  knabenhaften Körper herab. Sind Männer alle gleich? Marc sagt ihr immer, wie aufregend er ihn findet. „Nicht so wie Alexandra mit ihrem Vorbau und dem gebärfreudigen Becken“. Frau Dr. Bähr ist nicht dick. Für ihr Alter hat sie eine gute Figur. Zu kurvenreich für Marcs Geschmack, wahrscheinlich. Sie ist wahrscheinlich sogar genauso alt wie er. „Wie heißt denn Ihr Mann?“ Jeanette zuckt zusammen, als sie ihre eigene Stimme hört.

„Eininger“, antwortet Dr. Bähr und hält ihrer Patientin die Tür auf. „Die Welt ist klein. Sagen Sie Marc, dass es mir wieder gut geht, inzwischen. Sehr gut, sogar! Adieu.“

Jeanette ist erstaunt, dass Marc auf ihren Bericht nur mit einem Lachen reagiert. Er wirkt erleichtert.

Die Ärzte werden keine Erklärung für Jeanettes Kopfschmerzen, ihre Müdigkeit und Entzündungen haben. Wenn sich ihre Persönlichkeit verändern wird, sie erst ängstlich wird und dann aggressiv, wird Marc sie in ein Pflegeheim einweisen lassen. Die Obduktion wird eine Quecksilbervergiftung ergeben, deren Ursache nicht zu finden sein wird.

AdventskalenderMiniKrimi vom 2. Dezember 2015


Teatime!

Claire schaut auf die Uhr. Jetzt muss er jeden Moment kommen. Bis jetzt war er immer püntklich. Sie erinnert sich noch genau, als er zum ersten Mal in ihrem Teeladen stand. Er hatte so eine ganz bestimmte Art, sie anzuschauen. „Haben Sie auch Darjeeling? Oder nur diese parfümierten Aufgüsse?“ Eine verwandte Seele, hatte sie gedacht. Und ihm eine dampfende Tasse First Flush hingestellt, perfekt zubereitet und mit Liebe serviert.

Von da ab war er jeden Tag gekommen. Non Montag bis Freitag. Punkt vier Uhr stand er in ihrem kleinen Laden, lächelte sie an, setze sich an das Tischchen hinten links neben der Toilettentür und genoss die tägliche Teespezialität, die Claire ihm servierte.

Sie bestellte immer neue Sorten, suchte und fand im Internet, per Anzeige und schließlich sogar auf dem Schwarzmarkt die ausgefallensten Ernten. Und freute sich den ganzen Tag lang auf seinen erstaunten Gesichtsausdruck nach dem ersten Schluck. Sie war so lange allein gewesen, sie hatte fast vergessen, wie das ist, sich auf jemanden zu freuen, und mit jemandem. Sie hatte die Hoffnung fast aufgegeben. Aber nur fast.

„Claire, Sie sind ein Genie. Sie sind meine Tee-Fee“, hatte er zu ihr gesagt. Nicht mehr. Sie hatte so sehr darauf gehofft. Vielleicht war er besonders  schüchten. Teekenner sind ja besondere Menschen.

Gestern war es dann soweit gewesen. „Claire, wir kennen uns jetzt schon fast ein Jahr“, hatte er begonnen, nachdem er die Tasse mit dem erlesenen Golden Yunnan First Grade abgsetzt hatte. Der Tee hatte Claire ein kleines Vermögen gekostet. Ihr Herz klopfte wie wild. Es hatte sich offenbar gelohnt. „Darf ich Sie etwas fragen?“ „Ja, natürlich. Sehr gerne.“ Und ich sage auch ganz bestimmt ja, hatte sie hinzugefügt, aber nur in Gedanken.

„Es ist etwas sehr delikates, wissen Sie. Also, morgen ist doch der erste Dezember. Und da dachte ich, also, verkaufen Sie denn auch Tee-Adventskalender?“

„Äh, ja, das heißt, nein, oder: na klar! Na klar, wenn Ihnen das eine Freude macht. Welche Sorten sollen denn drin sein? Nur Darjeelings, oder auch andere?“

„Nein, nein. Nichts dergleichen. Bitte nur Himbeer-Sahne, Maracuja-Banane und so. Der Adventskalender ist für meine Frau, sie hat einen ganz besonderen Geschmack“.

„Für….. Ihre ….. Frau? ………. Aber natürlich. Ich stelle Ihnen etwas ganz besonderes zusammen. Versprochen!“

„Mit den besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin“, sagt Claire, als er Punkt vier ihren Laden betritt. Schade, dass sie nie erfahren wird, wie ihr die Kräuterteemischung geschmeckt hat. Vor allem die mit den getrockneten Schierlingsblättern……

Wer nichts „kann“, wird Politiker? Meine Antwort auf einen Blogbeitrag.


Ich bin auf FB auf einen Beitrag gestoßen,der dort u.a. von Leuten, die eindeutig der Antisemitischen Szene angehören, geteilt wird. Ich bin auf die Blogseite gegangen und habe einen Kommentar abgegeben. Ich veröffentliche ihn auch hier, weil ich mich über die Plattheit der Argumente geärgert habe, die die Lebensläufe von Politikern kritisieren. Ok, naklar, es gibt ganz sicher schwarze Schafe unter den Politikern. Vielleicht sogar eine ganze Menge. Aber Pauschalverurteilungen aufgrund abgebrochener Berufslaufbahnen finde ich…….. blöd. Ich verlinke hier nicht auf den Blogbeitrag, auf den ich antworte, weil ich ihm nicht noch mehr Publicity verschaffen möchte. Auf persönliche Nachfrage schicke ich den Link aber gerne.

Hier mein Beitrag:

Ich gehe davon aus, dass die Antisemitische Szene nicht deine Zielgruppe war? Ich arbeite FÜR Politiker und kenne etliche, die durchaus einen oder mehrere abgeschlossene Berufe haben. Sie sind Erzieherinnen und Juristen, Handwerker und Sozialpädagogen, um nur einige der Berufe zu nennen. Politik kann man übrigens – Gott sei Dank – nicht als Studienfach belegen. Das wissen einige deiner Kommentatoren vielleicht nicht? Schade, denn das ist ein WESENSZUG einer Demokratie! Demokratie kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie Herrschaft des Volkes. Und, ganz ehrlich, ich bin sehr froh darüber, dass bei uns jeder Taxifahrer und jeder Studienabbrecher theoretisch die Politik des Landes mitbestimmen kann. Mir ist es viel lieber, wenn Leute aus dem Volk die Gesetze für das Volk machen, als wenn das „Oberbonzen“ einer „Politikerkaste“ tun – so, wie es in Diktaturen jeder Couleur der Fall ist. Als Politiker durchläuft man die „Parteischule“, man fängt im Ortsverein an und kümmert sich um die Lokalpolitik, das sind die ganz kleinen Themen, vom Bolzplatzlärm über die Bordsteinabsenkungen bis hin zur Straßenbeleuchtung. Dann kommt man in den Stadtrat, dort geht es um kommunale Entscheidungen. Es gibt Bezirkspolitiker, Landräte, und es gibt die Landtagsabgeordneten, die für ein Bundesland entscheiden. Wenige werden Bundestagsabgeordnete, einige Europaabgeordnete. Sie alle haben viel praktische Erfahrung, und das ist wichtiger, als Universitätsseminare besucht zu haben. Die nützen einem nämlich herzlich wenig, wenn es um handfeste politische Probleme geht.

Kann es sein, dass Leute, die gerne über die Lebensläufe von Politikern herziehen, sich vielleicht ähnlich verhalten wie der Fuchs, dem die Trauben zu hoch hängen? Wobei es hier einen deutlichen Unterschied gibt: der Fuchs wird nie auf einen Baum klettern können. Die Querulanten allerdings hätten es in ihrer eigenen Hand gehabt, auch Politiker zu werden. Oder in ihrem Kopf. Ok, oder vielleicht nicht. Ihnen allen möchte ich schreiben: macht’s anders. Engagiert euch! Werdet auch ihr politisch, wenn euch die Politik nicht passt. Das Spektrum der Parteien ist so groß, da findet ihr alle eine Heimat. Oder wollt ihr einfach nur mal ne Runde motzen? Klar, das ist bequemer. Hilft aber nicht mit, unsere Gesellschaft voranzutreiben. In welche Richtung auch immer.

So, nun bin ich gespannt, ob mein Kommentar veröffentlicht wird. Ich stelle ihn parallel auch auf meinen Blog. Ich habe übrigens fertig studiert. Und bewundere die Politiker, für die ich arbeite, für ihr Engagement und ihre Ausdauer und ihre durchaus sichtbaren Erfolge.