5. Dezember: In einem kleinen Apfel…..


IMG039Auf der Ismaninger Straße in unmittelbarer Nähe vom Max-Weber-Platz reihen sich die kleinen Geschäfte aneinander. Der Schreibwaren-Lotto-Toto-Laden mit dem Geschenke-Eck, in dem selbst die Briefumschläge dezent nach Zigarettenrauch riechen. Der überteuerte Grieche mit den wie gemalt in der Auslage prangenden Pizzarädern, aus dessen enger Tür Sommer wie Winter die Mittagsgäste ihre verwartete Zeit  auf die Straße ergießen. Und der Gemüsetürke, eine breitgesichtige Frau und ihr untersetzter Mann, genauer gesagt. Vor der Tür sind exotische Früchte in Holzkisten drapiert, saisonale Blumenbüschel daneben. Jetzt eben grade Tannengestecke mit staubbeschichteten Christbaumkugeln. „Mei, die Türken halt, was sie so von Weihnachten wissen“, flüstern die Alten im Vorübergehen. Und Alte gehen viele vorüber. Vor mir wieder eine. Drahtig und ganz aufrecht, das schulterlange strohweiße Haar frisch gelegt. Ihre blaue Stoffhose aus den Siebzigern mit Schlag gut gepflegt, die Sportjacke ein modernes Outdoormodell. Wie auf einem Gleis gehend strebt sie dem Gemüseladen zu. Bleibt vor der Auslage ruckartig stehen. Zieht den Kopf ein, ich sehe es ganz deutlich, wie eine Schildkröte, die zum Angriff ansetzt oder zur Flucht nach innen. Ihre behandschuhten Finger schießen hervor, umklammern einen Apfel – wie der Greifarm in den Münzaquarien, die früher an jeder Raststätte standen, bunt gefüllt mit billigsten Plüschtieren. Blitzschnell steckt sie den Apfel in ihre Jackentasche. Steht wie angewurzelt und schraubt ihren Blick ins Innere des Ladens. Erst, als der Besitzer auf sie zu kommt, bewegt sie sich. Dreht sich um und läuft, nicht rennt, gemessenen Schrittes davon. „Halt, halt!“ ruft der Türke und springt auf den Bürgersteig,……

 

4. Dezember: Gestohlene Zucchini sind hippie


DSCN2893Weihnachtsessen können richtig spannend sein. Eine Balkan-Pizzeria neben einem heruntergekommenen Nobelhotel, in dem heute Gastarbeiter wohnen – nein, keine Asylbewerber, diesmal. Eine Stufe höher, immerhin. Zimmerpalmen und Gummibäume auf den Fensterbrettern, „Aubergine mit Sinkenrollen“ oder „Klbsschnizel“ auf der Speisekarte. Dann doch lieber Pizza! Mein Gegenüber fragt nach meinem Alter und enthält sich gnädig jeden Kommentars. „So alt!“ wäre natürlich genauso daneben gewesen wie „siehst aber jünger aus“ oder „hast dich aber gut erhalten“! Und so können wir ungehindert abdriften in Erzählungen aus der Vergangenheit. Erkennt man Alter daran, dass man nicht mehr über die Kleinkindzeiten der Kinder spricht, sondern sich wieder an sich selbst erinnert?

Ihm haben in der Studentenzeit 200 Mark für einen Monat gereicht. Bei mir waren die 80 Mark für die Woche schon am Dienstag futsch. Danach lebte ich von geklautem. Champagner und Gänseleberpastete. Heute könnte ich das nicht, würde ohnmächtig werden vor Angst, noch bevor ich die Hand nach der Flasche ausstrecken und in die Manteltasche schieben könnte.

„Ich hab nur einmal geklaut“, erzählt er. Einmal und nie wieder. „Ich war in Griechenland unterwegs. Wie immer mit einem Schlafsack, einem Bundeswehr-Umhang und einem Pulli. Ohne Geld. Ich war Hippie, damals. Da lag auf einer Gartenmauer nicht weit vom Strand eine riesige Zucchini. Ich  wusste nicht ,was das war. Hatte so’n Ding noch nie gesehen. Ich fand das interessant. Und hab’s mitgenommen. Einfach so, ohne groß drüber nachzudenken.

Später lag ich mit meiner Freundin am Strand. Ein toller Strand, ich hab grad kürzlich im Internet gesehen, dass das heute noch so ein toller Strand ist. Wir lagen also so da. Da legt sich ein junger Grieche in unsere Nähe. Schaut mich an und fragt plötzlich in total perfektem Deutsch: „Warum klaust du?“ Ich war sprachlos. „Warum klaust du meiner Großmutter die Zucchini?“ Er studierte in München, war in den Semesterferien zu Hause. Und hatte die Zucchini erkannt. Das war das erste und das letzte Mal, dass ich was gestohlen habe“.

Ich sitze am Laptop, und vor mir schlagen die Wellen an den griechischen Strand, ich muss immer noch grinsen. Danke für das Weihnachtsessen und den Ausflug in die 1970er Jahre. War wirklich ein bunter Abend.

3. Dezember: Schneetänzerin auf den Isarterrassen


IMG_0251Die Winternacht hat der Stadt ihre Stimme geraubt. Jetzt, im fahlen Montagsgrau, steigt sie als Basso Continuo heiser dumpf aus der Dämmerung herauf. Kriecht über das Isarwehr und die Auen empor, abgasächzend. Raben hüpfen von einem aufs andere Bein, als wären die eisigen Kiesel zu spitz, in den Schnäbeln tragen sie weiß bepuderte Beute. Der Schnee auf der Wiese ist grün gesprenkelt. Weit breiten die Winterlinden schwarznackte Arme aus, ohne die  rieselnden Flocken zu fangen.

Dort, wo die Terrassenwege sich gabeln, am Scheitelpunkt fast zwischen Straße und Park, steht eine blasse Figur wie auf einem Teppich. Die Hände nach Lindenart ausgestreckt, den kurzdunklen Kopf kerzengrade, eingehüllt in  eng anliegenden mattweißen Stoff, vollführt sie exakte Bewegungen, beugt sich im Takt einer nur für sie hörbaren Harmonie. Schneetänzerin zwischen Dunkel und Morgen.

2. Dezember: Halali!


DSCN4049Ein magischer Ort, das Mühltal. Die drei Beten bewachen im Wechsel mit Maria und Kind eine sprudelnde Quelle. Auf braunbauschigen Hügeln wölben sich keltische Gräber, blaue Wimpel und wispernde Spiegel umflattern das längst leere Bett der Seherin. Ein Sonntag in Eisweiß, mattblau und blattbraun. Hügelauf hügelab und dann wieder hinunter zur wildmurmelnden Würm. Laub raschelt und Eishaut zerblättert an frierender Erde. Kalter Atem läuft uns voran zum Forsthaus. Blicklose Fenster starren uns an, der Hirsch baumelt rostfröstelnd herunter. Die Kreideschrift auf der Karte spricht von Sommersalaten. Doch der Hund reckt die Nase nach oben, und da rieche ieh es: geröstete Zwiebeln!  Aus der Tür tritt ein Mann, braune Hose und Zähne. Zigarette dazwischen. „Restaurant haben geschlossen“, sagt er. Zu uns und den vier Wanderern hinter uns. „Wird renoviert?“ frage ich. „Nicht deutsch sprechen“, sagt er.  Und ich: „Englisch?“. „Little. No restaurant, now.“ „Was denn dann?“ „Refugee camp. Asyl. Ich von Iran.“ Auf den Fensterbänken stehen noch Dekorehe, und dahinter leben jetzt 20 Familien aus den Krisenherden der Welt. Iran und Irak, Afghanistan, Serbische Roma. Leben und essen, schlafen und kochen. Es duftet nach Zwiebeln. „Landratsamt gibt uns Gutschein, wir kaufen in Laden, dann kochen.“ Wieder kommen drei jagateedurstige Sonntagsbesucher, stiefeln an dem protestierenden Mann vorbei, einfach, erkennen dann wohl ihren Irrtum. „Das ist eine Unterkunft für Asylbewerber“, erkläre ich. Sie glotzen verdutzt und trollen sich. Kein Glühwein kein Mitgefühl. So ist das.

Einen Moment lang habe ich die Vision von Wandererscharen, die an dampfenden Töpfen voll exotischer Köstlichkeiten vorbeigehen, sich die Teller füllen und das gute Essen dann auch gut bezahlen. Warum denn nicht? „Landratsamt gibt Gutschein, wir kaufen im Laden, dann kochen Essen und an Deutsche verkaufen.“ Klingt gut. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Na also…..


avvento

1. Dezember

…. von einem Bild zum nächsten. Überall gibt es so viel zu sehen! Nein, noch halten sich die Weihnachtsmänner zurück beim Fensterln. Und auch die Lichtkaskaden fließen bis jetzt nur von Restaurantfassaden. Aber es glitzert und flittert bereits an vielen Straßenecken und Torbögenenden. In bunter Pracht kommen die möglichen Geschenke daher und strecken ihre besternten Preisschilder aus, nach dir. Nach mir. Und unter meinen Füßen knirscht es eisweiß, kahle Äste tragen Puder und in der Zwischennebelsonne funkeln Diamanten auf braunglänzendem Laub. So viel gibt es zu sehen! So viel zu hören, in dieser Adventskalenderzeit. Nicht nur das genudelte Gedudel aus Weihnachtsmusik-Konserven. Viele Stimmen, zart und leise, tief und samten, schrill und hart. Überall. In dir und aus mir.

Jeden Tag ein Bild. Jeden Tag ein Klang. In Worte gegossen. Kurz wie die letzten Wochen des Jahres. Hinter den Türen meiner Vorweihnachtsblicke.

Was bleibt


Der Geruch von gebratenen Zwiebeln aus Mittagsfenstern.

Der Herbstglanz von Laub, Kupfer und Gold, auf den Stoppelwiesen.

Die Trauerränder unter Spielkindernägeln.

Das Wasserprasseln auf Straßengrau.

Der Wolkenatem vorm Himmelblau.

Heute wie gestern wie morgen.

Du und ich. Bleiben nicht.

Heimlichkeit Plätzchenzeit ist*s so weit?


Es schneit! Vorbei die Zeiten, als du aufwachtest, Madita-like, und es tropfte weiß und dick vom Himmel. Morgengeschenk, seit dem letzten Herbstbunt erwartetes, unverhofftes. Kam dann oft. Und oft auch nicht. Überraschung, rief der Schnee und lag vor der Tür. Heute erzählen es uns Männer ohne Kacheln, aber mit langweiligen Krawatten schon Tage vorher. Malen mit großen Gesten in die Luft und hoffen, dass ihre Finger die digitale Anzeigewand treffen werden, im Bildschirm. Sehen Sie, hiiiiiiier wandert das Wolkenband dann entlang und bring von hiiiiiier bis hiiiiiier Schnee. So, wie die das sagen, klingt das, wie wenn der Postmann dreimal klingelt und ein unerwünschtes Paket abgibt. Das wir annehmen MÜSSEN.

Aber dann ist es so weit, und wir haben es gewusst und erwartet und die Rosen eingepackt, noch gestern Abend, und die Blätter zu einem vorletzten gelben Walnusshaufen gekehrt. Und wir freuen uns trotzdem und schauen hinaus und uns an und es leuchtet aus unseren Sätzen: Es schneit! Und der Hund tobt im Gras und die UGGs sind nicht wasserdicht, nur après-Ski-fest, offensichtlich. Und oben auf dem Schirm krustet es weiß, ja tatsächlich. Und morgen hat es neun bis vier Grad – sagen die Herren – und das ist doch dann Tauwetter, aber ohne Melone. Egal. JETZT schneit es! Und die Reifen sind noch nicht winterfest und die Musiknacht startet sicher erst nach neun und in einer warmen Neuhauser Kneipe – nicht verraucht, allerdings. Nebel sagen die Herren auch nie voraus, oder?

Also kurzundgutum: es schneit. Backst du Plätzchen, Mamma? fragt der Sohn und bückt sich unterm Türrahmen durch. Vom Klavier rieseln leise die Töne.

Walnusslicht


Dieses Licht! Flüssiges Gold gießt der Walnussbaum aus, braun tropft es von seinen Ästen aufs Rosenbeet. Aus zartgeränderten Augen blütet es ihm entgegen. Himmelblau atmet süßlich und dumpf, aber verstohlen und nur hinter vorgehaltener Hecke. Vergessene Früchte zieren kahles Gestrüpp, blutrote Ringe an herbstgrauen Fingern. Morgen um diese Zeit wird es Nacht. Weißer Besen fegt dann die Hüllen verlorener Träume ins Nichts. Aber heute schlürfen wir aus den letzten Pfützen des Sommers.

Was sicher kaum einer über Sex wissen möchte


Beim Laubrechen kommen die wundervollsten Gedanken. Vielleicht haben die griechischen Philosophen immer Laub gerecht, vielleicht ist das Gerüst unserer Philosophie auf Laub gebaut?

Ich reche viel Laub, in diesen Zeiten. Es ist Herbst. Da fallen die Blätter bei jedem Wetter. Und die Gedanken flattern nur so umher, in der sonnigen nebligen Vorwinterluft.

Gestern erkannte ich, während ich zwei gelbe und ein rostrotes Blatt aufspießte, was die meisten Menschen nie über Sex wissen wollten – und nur wenige als schrumplige Wahrheit entdeckt haben:

Sexuelle Begierde, oder auch schlicht „Lust“, ist nichts weiter als der Ausdruck eines intellektuellen, psychischen oder emotionalen Defizits.

Sex haben kann jeder – ganz unabhängig von IQ oder sozialen, ethischen, moralischen oder materiellen Werten.

Sex wollen ist eine intellektuelle Entscheidung, die ein gewisses Maß an intellektueller Eigenständigkeit verlangt. Wenn du die nicht hast, fehlt dir ein Universum an Dimensionen, folglich bleibt dir nur die eine.

Frage: Wenn dir morgen jemand einen Deal anböte: 10 Jahre ohne Sex und dafür den Pulitzer Preis? Den Literaturnobelpreis?

Also ganz ehrlich: ich würde keine Sekunde zögern….!

Einfach nur entspannen.


„Du solltest einfach entspannen“. Sagte sie zu mir.

„Tu ich doch!“

„Wie denn das?“

„Na ich lese. Oder schreibe. Oder zeichne.“

„Das meine ich nicht. Entspannen heißt nicht, etwas anderes tun. Entspannen heißt  NICHTS tun.“

„Ach. So.“

„Ja.“

„Und wie mache ich das? Zum Beispiel?“

„Ganz einfach. Wenn du gehst, also läufst, dann achtest du auf deine Schritte. Und deinen Atem. Tief und gleichmäßig.“

„Sonst nichts?“

„Sonst nichts. Du denkst nicht an deine Arbeit, entwirfst keine Einkaufsliste und auch keinen neuen Roman. Du schreitest und atmest. Ganz einfach.“

„Na wenn das alles ist!“

Ich verabschiede mich von ihr. Gehe die Treppen hinunter. Zur Tür hinaus. Achte auf den Gehsteig und auf meine Schritte. Atme tief und gleichmäßig. So einfach ist das.

Vor mir geht eine Frau, mittel jung mittel dünn mittel schnell. Zündet sich beim Gehen eine Zigarette an.

Ich achte auf meine Schritte. Wieder. Und auf meinen Atem. Hole tief Luft. Rieche den Rauch atme den Rauch huste den Rauch. Achte nicht auf meinen Atem, sondern auf die Zigarette vor mir.

„Das ist wieder so typisch ich. Da will ich entspannen. Ganz einfach. Auf meine Schritte achten und auf meinen Atem. Das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt. Und dann raucht da so eine vor mir. Und aus isses mit der Entspannung.“ Erzähle ich ihr bei nächster Gelegenheit.

„Und was hast du da gemacht?“

„Wie, was habe ich gemacht. Nicht entspannt, jedenfalls. Konnte ich ja nicht mehr. Nicht meine Schuld.“

„Klar. Aber. Warum hast du nicht einfach die Straßenseite gewechselt?“

Ganz einfach.