Lesen aus verbrannten Büchern


Lesen aus verbrannten Büchern MarieBastide liest aus verbrannten Büchern

Die IsarChillies Kathrin Schubert und Maria-Jolanda Boselli alias Marie Bastide bei ihrer Lesung aus verbrannten Büchern auf dem Münchner Königsplatz. Die beiden Autorinnen hatten Werke der Familie Mann ausgewählt, Mario und der Zauberer von Thomas Mann und Der Fromme Tanz von Klaus Mann.

Weil Lesen sich erinnern heißt.

Mehr dazu auch siehe Bücherfrauen-Blog: http://blog.buecherfrauen.de/muenchen-liest-aus-verbrannten-buechern/

Das brennt!


IsarChillies lesen aus verbrannten Büchern am 10. Mai 2014 um 15.40 Uhr auf dem Königsplatz

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„Damit kein Gras darüber wächst”, so die Motivation der Aktion „Lesen aus verbrannten Büchern“ desInstituts für Kunst und Forschung, München. Deshalb lesen am 10. Mai 2014 Münchnerinnen und Münchner auf dem Königsplatz/Antikensammlung aus den Werken von Künstlern, deren Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt oder verbannt wurden.

Die Münchner Autorinnenvereinigung “IsarChillies” ist in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei. Die Autorinnen Maria-Jolanda Boselli alias Marie Bastide, Olga Maria Eggart, Kathrin Schubert und Angelika Wessbecher lesen von 15.40 Uhr bis 16 Uhr aus Werken der Familie Mann: der Brüder Heinrich und Thomas sowie der Geschwister Erika und Klaus Mann.

„Wir können heute schreiben, was wir denken, und veröffentlichen, was immer wir sagen möchten. Auch extreme Positionen haben in unserer Demokratie das Recht, gehört und gelesen zu werden. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn ein Autor, eine Autorin wegen ihrer Texte verfolgt werden. Damit leben wir in Deutschland heute in einer privilegierten Situation. Wir brauchen Europa gar nicht zu verlassen, um grobe Verstöße gegen die Meinungs- und Pressefreiheit zu sehen – praktisch vor unserer Haustür. Schauen wir nach Russland, fällt uns sofort der Fall Pussy Riot ein. Sehen wir die ungewisse Zukunft der Ukraine, erkennen wir, wie wichtig es ist, dass wir uns immer daran erinnern, was 1933 geschah. Wir wollen für Frieden und Meinungsfreiheit eintreten, damit Europa nie wieder in Krieg, Schutt und Asche zu versinken droht. Deshalb lesen wir!”, so das Statement der Autorinnen.
Damit viele Münchnerinnen und Münchner sich gemeinsam an den Tag der Bücherverbrennung erinnern, bitten wir herzlich um Veröffentlichung des Termins. Wir freuen uns natürlich ebenso über Ihre Berichterstattung am Tag selbst.

Mehr zu der Aktion finden Sie unter http://www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de/veranstaltungen/muenchen-liest-aus-verbrannten-buechern
Mehr zu den IsarChillies finden Sie unter http://www.isarchillies.wordpress.com

Ein neues Leben


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Die Hitze auf dem Rollfeld trifft Mia wie ein Faustschlag. Auf dem kurzen Weg zum Shuttlebus ist sie nassgeschwitzt, Schweißperlen hängen in ihren Wimpern wie Regentropfen, die Bluse klebt an Rücken und Bauch, als sei sie durch einen Monsun gelaufen. Hektische Geschäftigkeit überall, vor dem Flughafen, auf den Straßen. Normalität liegt wie ein Veneer über der Stadt. Darunter schwelt der Ausnahmezustand, wird nur dem aufmerksamen Zuschauer erkennbar, am Flackern in den Augen der Frauen, wenn sich ihre Blicke treffen, an der hastigen Bewegung eines Händlers, wenn ein Mann auf einem Mofa dicht an seinem Stand vorbeiknattert. Deutlich dann an großen Kreuzungen, auf denen Sicherheitskräfte patrouillieren, die entsicherten Waffen im Anschlag.

Mia hat es eilig. Sie fährt direkt zu der Adresse, die ihr Lou am Vorabend ihrer Reise, ihrer letzten Reise, aufgeschrieben hat. Ein Viertel in den Außenbezirken der Stadt. Der Weg führt durch ausgebombte Straßen, Ruinen säumen den staubigen Weg, immer weniger Menschen begegnen ihrem Taxi. Dann verändert sich die Landschaft. Ein grüner Hügel, akkurate Mauern, kleine Häuschen. Über ihnen thront ein halb zerstörtes Kirchlein. Am Fuß der steilen Gasse stoppt der Fahrer. Twenty Dollars, nuschelt er, und Mia zahlt, ohne zu diskutieren, den viel zu hohen Preis. Soll er seiner Familie doch ein Festmahl gönnen, mit dem Geld. Schließlich ist heute Ostern.

In der Mittagsglut ist jeder Schritt bergauf die reinste Qual. Mia schleppt sich vorwärts, gedankenlos, getrieben von Gefühlen ohne Namen. Links neben der Kirche lehnen sich rostige Kreuze an einen schartigschroffen Felsen. Das muss der Friedhof sein. Mia stößt das Eisengitter auf und geht die Grabreihen entlang. Knirschender Kies unter ihren Schuhen, schrille Vogelschreie über ihrem Kopf. Ansonsten Stille. Ganz hinten, halb in den Fels gehauen, findet sie ein offensichtlich frisches Grab. Im Schatten kniet sie sich daneben, schaut hinein. Hastig aufgeschüttete Erde, die Mia mit den Händen aufhebt und beiseite wirft. Trockene Krumen, die kaum an ihren Fingern kleben. Sie scharrt und schaufelt. Und sie findet nichts. Über ihr ziehen die Vögel höhnende Kreise. Da steht sie auf und geht.

Vor einer unscheinbaren Pforte in der Backsteinmauer hält sie an. Klopft. Drei Mal. Dann wieder. Eine von Kopf bis Fuß in graues Leinen gehüllte Gestalt öffnet die schwere Tür  einen Spalt breit, nicht mehr als notwendig, damit Mia sich und ihre Tasche hindurchzwängen kann. Ohne sie auch nur mit einem Blick zu streifen, geht der Mensch, Mia kann nicht erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau, ein junger Mann oder ein Mädchen, ihr voran. Führt sie durch einen Kreuzgang, der einen blühenden Innenhof mit Mango- und Feigenbäumen umschließt. Mia ist überwältigt von den Düften, die ihr auf dem Schattenweg entgegen schweben. Minze, Rosmarin, Lavendel. Aus dem Innern des Gebäudes dringt mit dem Klappern von Geschirr ein Hauch von Berberitze und Zitrone. In einem kleinen Raum stehen ein runder Tisch, vier Stühle und ein Samowar. Tschai, flüstert die Gestalt, drückt ihr ein Glas mit dampfendem Minztee in die Hand und lässt sie allein.

„Da bist du ja, mein Liebling“. Lou legt Mia von hinten die Arme um den Hals, schmiegt ihre Wange an ihr feuchtes Haar. Legt ihr, der tausend Fragen auf den Lippen brennen, sanft den Finger auf den Mund.

„Schau mal, so war es doch das Beste. Sven hätte mich nie gehen lassen, oder? Ich habe meine Konten vor dem Abflug aufgelöst. Hier lebt es sich nicht nur gut und lange, hier können wir uns eine neue Existenz erkaufen. Und endlich zusammen sein.“

„Ich dachte, du bist tot. Ich habe alles stehen und liegen lassen, um dein Grab zu suchen. Und jetzt steht du hier vor mir und hast uns einfach ein neues Leben ausgemalt. Ohne mich zu fragen. Lou! Ohne …. mich… Ich denke, du bist tot. Für mich.“

Fremdes Grab


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Halb elf. Mia starrt das Telefon an, hypnotisiert es mit brennenden Augen. Schlafmangel reibt wie Sandpapier an ihren Lidern. Es ist das letzte Mal, hat Lou ihr versprochen. Danach höre ich auf damit. Und ich sage Sven, dass ich ihn verlasse. Und auch nicht mehr für ihn die Kastanien aus dem Feuer hole. Nur dieses eine Mal noch. Ich liebe dich.

Gestern war alles ruhig. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel keine Heckenschützen, keine Soldaten und, wenn Mia Lou glauben konnte, auch am Abend kein Raketenbeschuss. Heute sollte Lou die koptische Gemeinde im Osten der Stadt besuchen.  Ihre Kirche ist schon drei Mal angegriffen worden, die Apsis ist eingestürzt, letzte Woche wurde der Pfarrer angeschossen. Die Menschen haben Angst und hoffen auf Hilfe durch die weltweite Öffentlichkeit. Sven hat das Interview, das   Lou führen soll, gleich an mehrere internationale Sender verkauft. Lou ist eine routinierte Journalistin, menschlich und hoch professionell.

Mia schenkt sich noch einen Rotwein ein. Elf Uhr. Das hat nichts zu bedeuten, sagt sie sich. Die Verbindung durch die halbe Welt steht nicht immer, steht nicht gleich. Sie schaltet den Fernseher an, nichts. Den Tablet. Das Telefon klingelt in der selben Minuten, in der Mia in einem versteckten Insiderforum die Meldung liest, kaum mehr als eine Randnotiz. Deutsche Journalistin bei einem Attentat auf koptische Kirche getötet.

„Mia? Ich bin’s, Evelyn. Sven hat grade hier angerufen. Lou…… Ich dachte, jemand sollte es dir sagen….. Sie, sie ist…. Also sie wurde wohl voll von der Bombe erwischt. Sie haben sie direkt dort unten begraben, auf dem koptischen Friedhof. Alles schon passiert. Tut mir so leid!“

Mia schluckt einen dunklen Schrei hinunter und flüstert: „Danke. Danke dir.“

Dann steht sie auf. Trinkt ihr Glas aus, in einem Zug, und geht ins Schlafzimmer packen. Morgen wird sie den ersten Flieger nehmen.

Kreuz das trägt


Avatar von mariebastideMariebastide erzählt die Welt

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Das Haus ist noch  im Rohbau. Bislang stehen nur drei Mauern und  ein Paar Zwischenwände. An der offenen Seite ist ein mächtiger Baumstamm wie ein Rückgrat, ein Kreuz, an die Balken gebunden. Frei schwebend lehnen sich die zukünftigen Räume an das alte, starke Holz. Es trägt ihr Werden und ihr Sein.

Das Kreuz ist heute nicht mehr unumstritten als Symbol für Gottes Liebe zu den Menschen durch den Tod und darüber hinaus. Leiden als Grundvoraussetzung für Wohlergehen in der Ewigkeit ist nicht mehr „in“, wo Genuss und Überfluss das Maß unseres Denkens bestimmen.

Ein Gekreuzigter ist kein appetitlicher Anblick, Helikoptereltern können ihren Kindern  nicht erklären, was der Tote am Kreuz mit dem süßen Jesusbaby in der Kindergartenkrippe zu tun haben soll. Und wer will über das Sterben nachdenken, wo  jeder tote Goldfisch oder Hamster oder Hund einfach ersetzt wird?

Andere Religionen empfinden das Symbol des Christentums als Bedrohung, als Verherrlichung von Tod…

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Kreuz das trägt


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Das Haus ist noch  im Rohbau. Bislang stehen nur drei Mauern und  ein Paar Zwischenwände. An der offenen Seite ist ein mächtiger Baumstamm wie ein Rückgrat, ein Kreuz, an die Balken gebunden. Frei schwebend lehnen sich die zukünftigen Räume an das alte, starke Holz. Es trägt ihr Werden und ihr Sein.

Das Kreuz ist heute nicht mehr unumstritten als Symbol für Gottes Liebe zu den Menschen durch den Tod und darüber hinaus. Leiden als Grundvoraussetzung für Wohlergehen in der Ewigkeit ist nicht mehr „in“, wo Genuss und Überfluss das Maß unseres Denkens bestimmen.

Ein Gekreuzigter ist kein appetitlicher Anblick, Helikoptereltern können ihren Kindern  nicht erklären, was der Tote am Kreuz mit dem süßen Jesusbaby in der Kindergartenkrippe zu tun haben soll. Und wer will über das Sterben nachdenken, wo  jeder tote Goldfisch oder Hamster oder Hund einfach ersetzt wird?

Andere Religionen empfinden das Symbol des Christentums als Bedrohung, als Verherrlichung von Tod und Brutalität. Und es ist in der Tat ein Kreuz mit dem Kreuz. Warum muss ein allmächtiger Gott seinen eigenen Tod inszenieren und den Sieg über das postulierte Böse, um seine Geschöpfe zum ewigen Leben zu führen? Warum brauchen Menschen einen Stellvertreter als Sündenbock, um von einem Liebenden Vatergott Verzeihung zu erhalten?

Wissenschaft und Forschung bringen immer mehr Licht in die historischen Ereignisse jener Zeit. Der Schauprozess gegen Jesus ist dank der Evangelisten gut dokumentiert, ebenso ist es die Politik der römischen Besatzer. Der Tod am Kreuz war gängige Hinrichtungspraxis, für Verbrecher ebenso wie für Regimekritiker. Jesus ist ihn gegangen. Er hat sich nicht umgedreht und sich nicht umdrehen lassen. Insofern ist er ein Vorbild für alle, die gegen Ungerechtigkeit aufbegehren, bis zu Bonhoeffer, den Geschwistern Scholl und ungezählten Namenlosen. Die Stärke dafür hatte er von Gott, und wir haben sie auch.

Ist Jesus Christus für unsere Sünden gestorben? Oder ist er gestorben, damit wir mit unseren Sünden leben und täglich neu gegen sie ankämpfen können? Mit einem lebendigen Ziel vor Augen?

Mir gefällt die Interpretation eines katholischen Geistlichen vom Symbol des Kreuzes. Sie versöhnt mit mit seiner Sperrigkeit, die nicht anders ist als unser Leben selbst. Der Querbalken zeigt die Verbundenheit Gottes mit der Welt, die er in ihrer Ganzheit umarmt. Der senkrechte Balken symbolisiert die Verbindung von Himmel und Erde. Durch den lebenden, gestorbenen, lebendigen Gott. Dieses Kreuz trage ich gerne, und es hält mich aufrecht auf meinem Weg mit dem Blick nach vorn. Richtung Zukunft.

 

 

Gartenanbetung


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Elizabeth war stolz auf ihren Garten. Sie liebte ihn wie ihren Augapfel. Im Winter wachte sie argwöhnisch darüber, dass der Nordwind die Tannenreiser nicht zerzauste, die sie liebevoll zwischen ihre Rosenbüsche gesteckt hatte. Kaum waren die letzten Schneekristalle weggetaut und die ersten Schneeglöckchen stecken ihre weißen Köpfchen aus der Erde hervor – natürlich waren es in Elizabeths Garten nicht ganz gewöhnliche Schneeglöckchen, sondern die seltenen Titania. In diesem Jahr war der Frühling schon Mitte März in vollem Gange. Überall sprießte und knospte es, und Elizabeth vernachlässigte vor lauter Schneiden und Harken, Zupfen und Rupfen alle anderen Arbeiten im Haushalt. „Schon wieder Dosenravioli?“ beklagte sich Edward eines Sonntags, als er alleine aus der Kirche nach Hause kam, und er prophezeite kopfschüttelnd: „Ich werde dir noch einen Altar auf dem Rasen aufstellen, Liza. Du betest deinen Garten ja förmlich an. Ich finde, du übertreibst es ein wenig.“ Der gutmütige Edward war, zumal nach 25 Ehejahren, so einiges gewöhnt. Aber er hätte nie von sich selbst behauptet, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen…..

„Edward, mein Lieber, ich kann nicht anders. Du weißt doch, wie sehr ich gerade meine Sunburst-Kirsche liebe. Ich fürchte, das weiß unsere neue Nachbarin auch – und setzt alles daran, gerade diesen Baum zu zerstören!“ „Aber, aber, wie kommst du denn darauf?“ fragte Edward und las dabei weiter seine Zeitung. Lizas Gartengeplänkel interessierten ihn im Grunde herzlich wenig. „Na, er hat doch tatsächlich ein Taubenhaus in seinem Garten aufgestellt. Und jetzt kommen diese blöden Viecher zu mir herüber und fressen die Kirschblüten!“ „Ach was, Liza.“ „Nein, im Ernst! Ich habe mich sogar erkundigt, und es stimmt: Tauben lieben Kirschblüten. Und diese eingebildete Mrs. Wedingham-Beddings gibt ihnen außerdem noch zu wenig Futter, damit sie mit einem Heißhunger meinen Baum plündern. Aber heute Nacht mache ich den dummen Vögeln ein Ende!“ „Ja, tu das, meine Liebe“, sagte Edward und vertiefte sich in die Börsennachrichten.

Er wunderte sich kurz, als er mitten in der Nacht aufwachte, und Lizas Betthälfte neben ihm leer war. Richtig, sie wollte im Garten Wache halten, oder so ähnlich, erinnerte er sich. Drehte sich um und schlief weiter.

Am nächsten Morgen machte er sich auf die Suche nach seiner Frau, denn sie hatte weder den Frühstückstisch gedeckt noch frischen Kaffee gekocht.

Edward fand Liza mitten im blühendenGarten. Sie kniete vor ihrem Kirschbaum, in Anbetung erstarrt, wie es schien. Erst als er dicht vor ihr stand, bemerkte er den langen, spitzen Dorn, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte. Alle Äste und auch die Baumrinde waren mit den gleichen Dornen gespickt, offensichtlich als tödliche Abschreckung für die nachbarlichen Tauben. Beim Anbringen des letzten Dorns musste Elizabeth wohl die Hand ausgerutscht sein……

Im darauffolgenden Frühling heirateten Edward und Mrs. Wedingham-Beddings. Ihre Brieftaubenzucht war zu einem erfolgreichen Geschäft geworden, denn dank der ausgefallen Nahrung waren die Vögel robuster als all ihre Konkurrenten.

ZettelWirtschaft


Draußen flattern allerhöchstens ein paar braundürre Blattkadaver an den Winterarmen nackter Bäume. Aber hier drinnen rauscht der Blätterwald. Erzählt, was Erinnerung verloren und Absicht nicht umrissen hat.

„Warmer Kaffee“ flüstert es auf rotem Grund an schwarzer Kanne. „Mittagessen“ lockt der Topf. „Herd aus“ klebt auf allen Knöpfen. Das Telefon trägt Rufnummernaufkleber wie einen Rüschenrock. „Der große Hund muss heute NICHT Gassi gehen“ schreit die Türklinke. „Leine und Geschirr für den Welpen“ bietet die Hockerlehne im Flur. „Kein Hundefutter für den Kater“ verdeckt den grünen Katzennapf. Aber „frisches Wasser“ mahnt die Haustiertränke. „SO geht der Fernseher an und aus“ dient nebst Foto als Fernbedienungsunterlage. Völlig sinnlos, denn  der einzige Weg, um den Kasten abzudrehen, scheint zu sein, die Antenne aus der Wand zu reißen. Immer wieder.

Auch die anderen Zettel rauschen raunen ungelesen. Oder finden sich, vom wutentbrannten Sturm seniler Hände in unzählbare Fetzen gerissen, im Papiermüll wieder. Oder der Toilette. Unterm Bett. Im Kühlschrank.

„Bin um fünf zurück“, „Guten Morgen“ nebst Frühlingsblumenfoto, „hab dich lieb“ und „Frohe Weihnachten“ häufen sich staubbedeckt auf Nacht- und Schreibtischen. Daten sind nicht einmal mehr Schall und Rauch.

Stattdessen entsendet der Milchkocher auf der rotblühenden Herdplatte schwarze Schwaden, Symbol für eine Welt, in der kein ordnendes Haupt mehr zur Verfügung steht. Und keine Wahloption.  Würde ein blattloses Leben die Würde mehr verzetteln als der Orkan verständnisleerer Worte, Beschreibungen, die ohne Inhalt zum Skelett abmagern? „Es rauscht mir in den Ohren“, sagt sie. 

Da gleiche ich innen und außen an und lächele. Ein Versuch.

 

Der dritte Weltkrieg findet in den Medien statt


SonntagAbend. Günther Jauch postuliert den Krieg. Genüsslich wiegelt er ab, wenn seine Diskutanten diplomatische Erfolge bei der Krisendeeskalation für möglich halten. Im direkten Draht zu seiner Kollegin von den Tagesthemen baut er drohende Schwarz(Meer)pulverwolken auf am Sendungshorizont. Gut für die Quote! Brennpunkte und aktuelle Sendungen – bald hecheln die Medien auf allen Kanälen den dramatischsten Augenzeugenberichten und Kundieprognosen nach. Je düsterer das Szenario, desto besser für die Quote!

An echter, ausgewogener Information sind TV, Radio & Co. kaum interessiert. Oder? Wo bleibt die altera pars? Ist die Angst, zu enden wie die Münchner Abendzeitung, Grund genug für mediale Desinformation und Desasterdurst? Die Korrespondentin vor Ort auf der Krim, die beteuert, es herrsche bei den Bewohnern Normalität statt Panik, wird schnell zum Schweigen gebracht.

Aber Fakt ist: auch, wenn „der Mensch“ sich sozial und emotional nicht wesentlich weiterentwickelt hat seit den letzten Vorabenden großer Kriege. Die Welt ist global vor allem durch die Wirtschaft. Geld regiert die Welt, nicht Politik. Und was ehedem Kriegsgrund war, wird heute zum Diplomatiebefeuerer. Gazprom mit Börsenknick, verbannte Erde statt zukünftiger Absatzmärkte? Tote Kunden kaufen nichts. Und Ruhm bringt keine Rendite.

Deshalb steht anzunehmen, dass sich über die Häupter machthungriger Russen, geschichtsblinder Amerikaner, naiver Europäer hinweg die Wirtschaft dahingehend einigen wird, ihr Geschäft nicht über Gebühr zu gefährden. Demokratien hin, Diktaturen her.

Warum das in Afrika nicht klappt? Weil die Märkte dort nicht als vielversprechend gesehen werden. Nur die Chinesen sind da anderer Meinung….. das wäre dann ein möglicher Auslöser für den vierten Weltkrieg. Mal sehen, welches Medium ihn als erstes wittert.

 

A wie Anfang. Frohes Neues oder was?


A nfang

Mittwoch Morgen, 1. Januar 2014. Ich mache einen erneuten Versuch, meinen renitenten Hund auf die Straße, über diese hinüber und in den Park zu bugsieren, bevor ihm die Blase platzt. Chiara hat sich am 31.12.2013 ab 15 Uhr strikt geweigert, das Haus zu verlassen. Nicht einmal ein „Biselsprint“ in den Garten war möglich. Nun schleicht sie geduckt und mit der Rute tief zwischen den Hinterläufen versenkt hinter mir her. Überall liegen die Leichen abgeknallter Feuerwerkskörper. Offenbar haben sich die Leute in unserem ansonsten eher ruhigen Viertel auf das Neue Jahr bereits gut eingeschossen. Das war sicher sehr feucht und sehr anstrengend, kein Mensch ist um halb neun unterwegs.

Keiner, bis auf die Hundebesitzer. Und da in dieser Gegend am Münchner Stadtrand das – gefühlte – Verhältnis von 2- zu vierbeinigen Bewohnern 1:2 ist, begegnen mein Hund und ich auf Schritt und Tritt neuen Gassigehern. Was sagt man sich, am 1. Januar? Grüß Gott? Hallo? Servus? „Frohes Neues Jahr“, der Satz kommt einem automatisch über die Lippen.

Einem, aber nicht mir. Zu viel ist geschehen, im nun vergangenen Jahr, als dass ich auf die platte Wunschformel reiner „Freude“ verfallen könnte. In einem Gespräch mit einer Hundebesitzerin im Park habe ich nachhaltig nachgedacht darüber, warum und wann ich was wünschen möchte, an Anfang dieses Jahres.

Sie hatte mir erzählt, dass ihr Mann im letzten Jahr gestorben sei und dieses neue für sie ganz gewiss kein frohes Jahr werden würde. Als herzlos hatte sie die stereotypen Wünsche empfunden, die vorgedruckt per Postkarten kamen von Leuten, die es besser hätten wissen müssen.

„Aber vielleicht gelingt es Ihnen, Zufriedenheit zu finden, trotz und in und mit den neuen Lebensumständen? Das würde ich Ihnen zumindest gerne wünschen“, sagte ich. Sie fand das gut, und wir einigten uns auf ein „Zufriedenes Neues Jahr“ als Anrede. Aber ich dachte weiter. Gesundheit. Ohne sie geht gar nichts. Und auch, wenn das immer nur ein frommer Wunsch bleiben mag, weil ich keine Fee bin, weder die 13. noch die 12., so wünsche ich doch allen genau dies. Ein Gesundes Neues Jahr. Aber dann ist es doch sicher auch ein gutes. Gut hat viele Facetten, gut ist individuell zu füllen. Gut ist gut, für jeden und für alle anders.

Und so wünsche ich Euch allen, liebe Leser, liebe Freunde, genau das.

Ein GUTES NEUES JAHR 2014!

Ein Jahr, das auch für das ein oder andere Wunder gut ist, das euch begegnen und beglücken möge!