Vampirschwesters Lieblingsnichtenkind


Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 

Die Tageslosung. Sie macht mich freudenspringen, denn sie spricht mir aus dem Herzen. Gestern Abend kam meine Nichte. Neun Jahre, viel Schicksal, noch mehr Sport, grüne Augen und eine ganze Menge starker grauer Zellen, um mit Hercule Poirrot zu sprechen. Du hast schon einen gebrochenen Fuß, eine demente Mutter, einen Nachtschicht-arbeitenden Sohn, Hund und Katze. Und jetzt auch noch ein kleines Mädchen? Klein ist sie nicht. Eher groß und kräftig. Und Mädchen? Ja. Trotz Fußball und Hockey. Eindeutig. Und was für eins: „Wenn ich die alten Frauen sehe, die allein auf der Straße gehen, tun die mir so leid.“ „Warum denn?“ „Weil sie alleine sind.“ Ein erstaunliches aber ein Mädchen. „Wer ist die junge Frau da in deinem Bett?“ fragt meine Mutter. „Meine Nichte“, erkläre ich, beim zehnten Mal leider und völlig Alzheimer-unzweckmäßig sehr gereizt. „Aber ihr seid doch nicht blutsverwandt?“ „Doch, Mamma. Sie ist meine Großnichte.“ „Aber du hattest doch nie etwas mit ihr zu tun?“ „Doch, Mamma. Schon seit ihrer Geburt.“ „Und wo ist ihre Mutter?“ „Tot. Gestorben. Vor anderthalb Jahren.“ „Aber die habe ich nie gekannt!“ Oh Mamma. Die Vergangenheit, dieses buntschillernde Papier, in das dein Leben eingehüllt war, hat sich aufgelöst, als habe es zu lange auf dem Bordstein gelegen, achtlos beiseite geworfen von deiner Krankheit, bevor sie von deinen Gedanken genascht hat, und vom Regen blassgespült. Der römische Sommer, deine Lieblingsenkelin und du, verschollen irgendwo im Salento, wochenlang nichts als Badeurlaub und Freiheitsgenuss. Weg wie Sackgasse. Weg. Aus der Erinnerung aus dem Sinn aus dem Herzen. Jetzt wacht sie auf, das Lieblingsnichtenkind. Freut sich auf einen Münchentag mit Lasagne und Vampirschwestern. ich freu mich auch!

24. Dezember: Schöne Bescherung


ChiesaDer Warteraum in der Notaufnahme des Krankenhauses ist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Wobei ich das nur mit den Augen erfasse. Wäre ich blind, würde ich vermutlich davon ausgehen, die einzige Patientin zu sein. So aber sehe ich sie alle schweigend und entsetzensblass auf den Plastikstühlen kauern. Frauen mit karierten Küchentüchern an den Füßen, Frauen mit geschwollenem Bein, Frauen mit Händen, von denen es blutrot auf untergehaltene Küchenrollen-Abrisse tropft. Und nein: dies ist  – leider – keine literarische Übertreibung, sondern blanke Vorweihnachts-Realität. Die Männer tragen Wintermäntel, Handtaschen und Sorgenfalten. Sind womöglich noch blasser als ihre Frauen. „Frau X. wird begleitet von ihrem äußerst besorgten Ehemann“, steht dann völlig unwahrheitsgemäß auf dem Arztbrief. Denn dadurch entsteht ein irreführender Eindruck. Die Ehemänner sind nicht um ihre Frauen besorgt, sondern um ihre ganz persönliche unmittelbare Zukunft.

Der Heilige Abend steht vor der Tür. Die Gäste praktisch auf der Matte. Der Christbaum noch im Garten. Die Kugeln auf dem Dachboden. Die Zutaten zum Festmenu im Kühlschrank. Nur die Frau steht nicht mehr. Sie sitzt. Oder liegt sogar, wie die Brunette, die grade angekommen ist, auf einem Transportbett. Schöne Bescherung! Was soll jetzt werden? Ach, wäre die Welt doch einfach untergegangen, am 20. Dezember. Ein konzertiertes, kollektives Ende wäre nichts gewesen im Vergleich zu diesem interfamiliären Supergau. Die Hand zerschnitten beim Versuch, die 5-Kilo-Gans in gefrorenem Zustand zu zerteilen. Das Gehirn erschüttert beim Sturz im gedankenlosen Griff nach dem guten Geschirr ganz oben in der Schrankwand. Den Fuß gebrochen beim Slalom zwischen aufgetürmten Geschenkpaketen, leider noch nicht eingepackt. Während die Frauen mit bleichen Lippen und wirren Blicken ihrer Behandlung entgegenfiebern wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank, klingeln, surren, vibrieren die Handys der Ehemänner. „Mama, gut dass du anrufst! Könntest du vielleicht schon früher kommen und deinen Sauerbraten mitbringen? Viola hat sich blöderweise (!) verletzt! Wie bitte? Ach, du kennst sie ja! Immer das perfekte Timing…. Nein, Mama, das ist doch nicht…. wirklich? Ach, das wäre ja…. Danke, Mama! Nein nein, die Kinder lass ich bei Viola, dann ist sie nicht so allein. Also, dann bin ich pünktlich zur Bescherung bei Euch!“ Oder so ähnlich.

Frau B. bitte in Zimmer drei. Ich raffe mich auf und humpele durch die Glastür meiner Diagnose entgegen. Zehn Minuten und einen Gips später weiß ich: dieses Fest wird unvergesslich! „Wenn Sie den Fuß ruhig halten, kommen Sie vielleicht um eine OP drumrum“, hat mir der unsympathische und völlig unempathische Arzt mit auf Weg gegeben. Soll wohl heißen: wir sehen uns in einer Woche auf dem Tisch wieder. Denn wie bitte soll ich meine demente Mutter pflegen, den Hund rausbringen, die Katze füttern, ohne mich vom Bett zu bewegen? Als erstes falle ich gleich mit den Krücken die Treppe hinauf. Der Hund flieht vor mir, die Katze schenkt mir einen Riesenhaufen – der nach drei Stunden zum Glück aufhört, zu stinken. Und das ist der erste Tag!

Schöne Bescherung!

Und dann kommen Freunde und holen den Hund zum Spaziergang. Andere bringen das Essen. Mein Sohn geht einkaufen. Nur meine Mutter steht alle zehn Minuten vor mir und fragt: „willst du nicht bald mal mit den Vorbereitungen anfangen? Was hast du denn da gemacht? Ach so, ja, mir tut auch schon der Arm weh“.  Aber auch dafür werden wir eine Lösung finden.

Ich niste mich jetzt auf dem Sofa ein – und schreibe meinen Alzheimer-Krimi fertig! Das ist wirklich eine schöne Bescherung!

Einen gesegneten, besinnlichen Heiligen Abend Euch allen! Wünscht aus dankbarem Herzen Eure Marie Bastide

18. Dezember 2012: Wenn ich einmal alt bin


Barbies_P1„Zwei fünfzehnjährige Mädchen unterhalten sich. Zwanzig geht ja noch, so grade. Aber dreißig! Ne, das is so ultra. So alt will ich nie werden.“ Der Schriftsteller erzählt, dass er mit Mitte Vierzig die Hälfte seines Lebens verbraucht habe und ihm die Rückschau auf fünfzehn wie ein Wimpernschlag vorkomme. „Wenn ich mal pensioniert bin“, sagen viele. Und fächern ihre Träume auf. Nach Spanien ziehen. Malen. Schreiben. Schlafen bis in die Puppen. Klar, mit den Puppen geht ja nicht mehr, dann, irgendwie. Viele freuen sich auf’s Alter. Auf die Zeit, die sie sich frei einteilen können, dann. Darauf, mit ihrem Partner alt zu werden. Mit den Enkelkindern zu spielen, Cricket unter Orangenbaumblüten, meinetwegen. Und nie mehr weggehen zu müssen.

Ich verstehe das nicht. Ich will nicht älter werden, auch, wenn ich weiß, dass ich muss. Im besten Fall! Weil ich keine Träume habe, die am Horizont darauf lauern, verwirklicht zu werden. Weil ich alles in Händen halte, was ich später vielleicht nicht mehr werde halten können. Einen Stift. Meine Erinnerung. Ideen. Plots.Weil die Vorstellung, mit einem alten Mann vor einem überlauten Fernseher zu sitzen, mir die Nackenhaare aufstellt. Weil ich die fünf Katzen und drei Hunde im Grunde auch jetzt schon haben könnte. Und weil die Enkel doch auch keine Lust hätten, der Oma beim Krimischreiben zuzuschauen. Obwohl…. vielleicht gäbe es spannende Horrorgeschichten….

Nein. Ich kann nichts damit anfangen, dass ich älter werde. Ich will auch nicht jünger sein. Ich würde am liebsten so bleiben, wie ich bin. Wenn ich mir das jeden Tag sage, dann passt es ja unter’m Strich wieder!

2. Dezember: Halali!


DSCN4049Ein magischer Ort, das Mühltal. Die drei Beten bewachen im Wechsel mit Maria und Kind eine sprudelnde Quelle. Auf braunbauschigen Hügeln wölben sich keltische Gräber, blaue Wimpel und wispernde Spiegel umflattern das längst leere Bett der Seherin. Ein Sonntag in Eisweiß, mattblau und blattbraun. Hügelauf hügelab und dann wieder hinunter zur wildmurmelnden Würm. Laub raschelt und Eishaut zerblättert an frierender Erde. Kalter Atem läuft uns voran zum Forsthaus. Blicklose Fenster starren uns an, der Hirsch baumelt rostfröstelnd herunter. Die Kreideschrift auf der Karte spricht von Sommersalaten. Doch der Hund reckt die Nase nach oben, und da rieche ieh es: geröstete Zwiebeln!  Aus der Tür tritt ein Mann, braune Hose und Zähne. Zigarette dazwischen. „Restaurant haben geschlossen“, sagt er. Zu uns und den vier Wanderern hinter uns. „Wird renoviert?“ frage ich. „Nicht deutsch sprechen“, sagt er.  Und ich: „Englisch?“. „Little. No restaurant, now.“ „Was denn dann?“ „Refugee camp. Asyl. Ich von Iran.“ Auf den Fensterbänken stehen noch Dekorehe, und dahinter leben jetzt 20 Familien aus den Krisenherden der Welt. Iran und Irak, Afghanistan, Serbische Roma. Leben und essen, schlafen und kochen. Es duftet nach Zwiebeln. „Landratsamt gibt uns Gutschein, wir kaufen in Laden, dann kochen.“ Wieder kommen drei jagateedurstige Sonntagsbesucher, stiefeln an dem protestierenden Mann vorbei, einfach, erkennen dann wohl ihren Irrtum. „Das ist eine Unterkunft für Asylbewerber“, erkläre ich. Sie glotzen verdutzt und trollen sich. Kein Glühwein kein Mitgefühl. So ist das.

Einen Moment lang habe ich die Vision von Wandererscharen, die an dampfenden Töpfen voll exotischer Köstlichkeiten vorbeigehen, sich die Teller füllen und das gute Essen dann auch gut bezahlen. Warum denn nicht? „Landratsamt gibt Gutschein, wir kaufen im Laden, dann kochen Essen und an Deutsche verkaufen.“ Klingt gut. Liebe geht durch den Magen, sagt man. Na also…..


avvento

1. Dezember

…. von einem Bild zum nächsten. Überall gibt es so viel zu sehen! Nein, noch halten sich die Weihnachtsmänner zurück beim Fensterln. Und auch die Lichtkaskaden fließen bis jetzt nur von Restaurantfassaden. Aber es glitzert und flittert bereits an vielen Straßenecken und Torbögenenden. In bunter Pracht kommen die möglichen Geschenke daher und strecken ihre besternten Preisschilder aus, nach dir. Nach mir. Und unter meinen Füßen knirscht es eisweiß, kahle Äste tragen Puder und in der Zwischennebelsonne funkeln Diamanten auf braunglänzendem Laub. So viel gibt es zu sehen! So viel zu hören, in dieser Adventskalenderzeit. Nicht nur das genudelte Gedudel aus Weihnachtsmusik-Konserven. Viele Stimmen, zart und leise, tief und samten, schrill und hart. Überall. In dir und aus mir.

Jeden Tag ein Bild. Jeden Tag ein Klang. In Worte gegossen. Kurz wie die letzten Wochen des Jahres. Hinter den Türen meiner Vorweihnachtsblicke.

Was bleibt


Der Geruch von gebratenen Zwiebeln aus Mittagsfenstern.

Der Herbstglanz von Laub, Kupfer und Gold, auf den Stoppelwiesen.

Die Trauerränder unter Spielkindernägeln.

Das Wasserprasseln auf Straßengrau.

Der Wolkenatem vorm Himmelblau.

Heute wie gestern wie morgen.

Du und ich. Bleiben nicht.

Heimlichkeit Plätzchenzeit ist*s so weit?


Es schneit! Vorbei die Zeiten, als du aufwachtest, Madita-like, und es tropfte weiß und dick vom Himmel. Morgengeschenk, seit dem letzten Herbstbunt erwartetes, unverhofftes. Kam dann oft. Und oft auch nicht. Überraschung, rief der Schnee und lag vor der Tür. Heute erzählen es uns Männer ohne Kacheln, aber mit langweiligen Krawatten schon Tage vorher. Malen mit großen Gesten in die Luft und hoffen, dass ihre Finger die digitale Anzeigewand treffen werden, im Bildschirm. Sehen Sie, hiiiiiiier wandert das Wolkenband dann entlang und bring von hiiiiiier bis hiiiiiier Schnee. So, wie die das sagen, klingt das, wie wenn der Postmann dreimal klingelt und ein unerwünschtes Paket abgibt. Das wir annehmen MÜSSEN.

Aber dann ist es so weit, und wir haben es gewusst und erwartet und die Rosen eingepackt, noch gestern Abend, und die Blätter zu einem vorletzten gelben Walnusshaufen gekehrt. Und wir freuen uns trotzdem und schauen hinaus und uns an und es leuchtet aus unseren Sätzen: Es schneit! Und der Hund tobt im Gras und die UGGs sind nicht wasserdicht, nur après-Ski-fest, offensichtlich. Und oben auf dem Schirm krustet es weiß, ja tatsächlich. Und morgen hat es neun bis vier Grad – sagen die Herren – und das ist doch dann Tauwetter, aber ohne Melone. Egal. JETZT schneit es! Und die Reifen sind noch nicht winterfest und die Musiknacht startet sicher erst nach neun und in einer warmen Neuhauser Kneipe – nicht verraucht, allerdings. Nebel sagen die Herren auch nie voraus, oder?

Also kurzundgutum: es schneit. Backst du Plätzchen, Mamma? fragt der Sohn und bückt sich unterm Türrahmen durch. Vom Klavier rieseln leise die Töne.

Walnusslicht


Dieses Licht! Flüssiges Gold gießt der Walnussbaum aus, braun tropft es von seinen Ästen aufs Rosenbeet. Aus zartgeränderten Augen blütet es ihm entgegen. Himmelblau atmet süßlich und dumpf, aber verstohlen und nur hinter vorgehaltener Hecke. Vergessene Früchte zieren kahles Gestrüpp, blutrote Ringe an herbstgrauen Fingern. Morgen um diese Zeit wird es Nacht. Weißer Besen fegt dann die Hüllen verlorener Träume ins Nichts. Aber heute schlürfen wir aus den letzten Pfützen des Sommers.

Was sicher kaum einer über Sex wissen möchte


Beim Laubrechen kommen die wundervollsten Gedanken. Vielleicht haben die griechischen Philosophen immer Laub gerecht, vielleicht ist das Gerüst unserer Philosophie auf Laub gebaut?

Ich reche viel Laub, in diesen Zeiten. Es ist Herbst. Da fallen die Blätter bei jedem Wetter. Und die Gedanken flattern nur so umher, in der sonnigen nebligen Vorwinterluft.

Gestern erkannte ich, während ich zwei gelbe und ein rostrotes Blatt aufspießte, was die meisten Menschen nie über Sex wissen wollten – und nur wenige als schrumplige Wahrheit entdeckt haben:

Sexuelle Begierde, oder auch schlicht „Lust“, ist nichts weiter als der Ausdruck eines intellektuellen, psychischen oder emotionalen Defizits.

Sex haben kann jeder – ganz unabhängig von IQ oder sozialen, ethischen, moralischen oder materiellen Werten.

Sex wollen ist eine intellektuelle Entscheidung, die ein gewisses Maß an intellektueller Eigenständigkeit verlangt. Wenn du die nicht hast, fehlt dir ein Universum an Dimensionen, folglich bleibt dir nur die eine.

Frage: Wenn dir morgen jemand einen Deal anböte: 10 Jahre ohne Sex und dafür den Pulitzer Preis? Den Literaturnobelpreis?

Also ganz ehrlich: ich würde keine Sekunde zögern….!