Helikopter oder doch lieber keine Bildung?


Um einer Verärgerung meiner Leser vorzubeugen, mache ich es wie im Vorspann gewisser Filme im Abendprogramm und warne vorab: dieser Beitrag ist u.U. dazu geeignet, so genannte Gutmenschen zu verärgern oder sie zumindest zu verunsichern. Ich versichere deshalb, dass alle von mir in der Folge verbal gezeichneten Personen meiner Fantasie entspringen und etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen rein zufällig sind.

Und nun geht’s los.

Ich lebe in einem Münchner Stadtteil mit einem vergleichsweise hohen Bruttosozialprodukt, glaubt man der Statistik. Dass das stimmen mag, erkenne ich bei meinen abendlichen Hundegängen auf der anderen, der „guten“ Seite der vierspurigen Straße. Hier begrenzen Steine statt Bürgersteigen die Fahrbahn, aus weitläufigen Gärten dringt kein Laut, Gartenportale öffnen sich von Geisterhand, um blitzende SUVs hineinzulassen. Und die Einfahrten sind so breit, dass sie den dezent gebräunten, makellos coiffierten und perlengeschmückten Fahrerinnen das Rangieren ermöglichen. Doch auf der Seite, auf der ich wohne, da gibt es auch die anderen. Häuser und Menschen. Mietskasernen mit Satellitenschüsseln. Frauen in langen Gewändern und vermummenden Kopftüchern, Mädchen mit kneifenden Röcken und haushohen Stöckeln. Männer mit Ohrringen und Tattoos und solche, die schon am Morgen mit einem Bier auf der Parkbank sitzen. Und alte Menschen mit großen Taschen, die verstohlen in den Mülleimern nach Pfandflaschen fischen.

Nach der Tour durch den nahe gelegenen Zauberwald parke ich mein Fahrrad vor dem langgezogenen Bungalow mit den zwei Billigläden: einer Norma-Filiale und einem Backereidiscounter. Ja, die Semmeln sind ganz sicher vorgebacken und enthalten jede Menge Konservierungsstoffe. Und sie sind super lecker. Ich bestelle mir einen Cappuccino und eine Käsesemmel und für die Hunde ein Käse-Schinken-Croissant und übe mich in Resistenz gegen die Blicke, die sich aus der Schlange hinter mir in meinen Rücken bohren. Ob sie sich wegen der Geldverschwendung aufregen oder weil sie glauben, Hunde dürften keine Croissants fressen, ist mir nach zwei Jahren endlich egal.

Ich setze mich vor den Laden und schaue auf die Straße und die Bürgersteige. Das ist wie Super-RTL live. Eine wirklich sehr üppige Blondine, die sich in ein enges Leopardenkleid gezwängt hat, zündet  sich vor der Norma eine Zigarette an. Ihre Lippen umfassen das Mundstück, als dächte sie beim Ziehen an etwas ganz anderes.

Eine türkische Familie kommt aus dem Laden, Mutter und Tochter bepackt mit jeweils drei Tüten. Der Vater geht vorneweg und öffnet per Fernbedienung einen großen dunkelblauen Mercedes, während der kleine Sohn eine Packung Süßigkeiten aufreißt und das Papier auf die Straße streut.

Zwei blutjunge Mütter, gespickt mit Piercings, in knallengen Leggings und kunstvoll gestylten Nagelkrallen, kommen mir entgegen. Zwei Kleine krähen aus ihren Kinderwagen, zwei etwas größere Kinder tapsen nebenher. Mein kleiner Hund liebt kleine Kinder. Schwanzwedelnd springt er auf sie zu und bellt. „Die tut nichts, ist selbst noch ein Baby“, rufe ich den Müttern zu und komme mir vor wie eine lebendig gewordene Karikatur. „Passt schon“, sagt die eine nur. Die Frauen gehen einfach weiter, die Kinder patschen nach dem Hund, der freut sich und springt gleich eine Mutter an. Dafür kriegt er einen Keks.

Echt wahr, denke ich. Je bildungsferner die Menschen, desto natürlicher ihr Umgang mit Gefahrensituationen oder was man dafür halten könnte. Gutmenschen nennen es vielleicht Nachlässigkeit. Die in solchen Fällen sicher viel besser geeignet ist, Kinder auf das Leben vorzubereiten, als die Übervorsicht panischer Helikoptereltern. Solchen begegne ich beinahe täglich. Schon aus zwanzig Metern Entfernung schreien sie mir entgegen: „Nehmen Sie Ihre Hunde an die Leine, mein Kind hat ANGST.“ Sollte das Kind diese noch nicht haben, dann bekommt es sie spätestens JETZT. Andere stellen sich schützend vor ihren Nachwuchs und wedeln – rein prophylaktisch – mit Händen und Füßen den Hunden entgegen. Ich bin froh, dass diese auf so ein aggressives Verhalten meistens nicht reagieren. Wenn dann beide Tiere ruhig neben mir gehen, sagen solche Eltern oft Sachen wie: „Schau mal, Marc-Jonathan, das ist ein WauWau.“ Ach, Marc-Jonathan, ich sehe dich schon in zwanzig Jahren mit einer französischen Bulldogge neben dir auf dem Sitz deines Elektro-Cabrios. Und wenn du dann in einem Park einen richtigen Hund siehst, dann sagst du deiner Bulldogge: „Adonis, nicht hinschauen, da ist wieder so ein ekliger WauWau“.

Direkt neben meinem Haus ist ein Bolzplatz. Nachts wird er zum Treffpunkt vieler junger Leute in Tanktops und Jogginghosen. Sie nennen sich Chuck  oder Hassan, Samira und Janette. Sie trinken, sie rauchen, was sie noch alles machen, bekomme ich nicht mit. Aber ich fühle mich ziemlich sicher, denn ich glaube, nein ich weiß, von denen ist keiner ein komplexbehafteter, überbehüteter Psychopath, mit oder ohne Doppelnamen. Die haben immer so sein dürfen, wie sie sind. Und ich denke, das ist vielleicht auch ganz gut so.

 

Minikrimi goes Lisar!


am 28 Juni 2014 um 13 Uhr lese ich auf DEM Münchner Bücherflohmarkt: LISAR,  an der Widenmayerstraße statt auf der Fußgängerpromenade am Ufer der Isar zwischen Maximiliansstraße (Ausgangspunkt) und Prinzregentenstraße. 

Ihr findet mich an den beiden Lesezelten „mittendrin“!

Also nicht vergessen und Termin gleich im Kalender blockieren…. Denn die nächsten Sommerferien kommen bestimmt, und wohl denen, die mit sonniger Lektüre in den Urlaub gehen!

http://buecherflohmarktlisar.wordpress.com

Lesen aus verbrannten Büchern


Lesen aus verbrannten Büchern MarieBastide liest aus verbrannten Büchern

Die IsarChillies Kathrin Schubert und Maria-Jolanda Boselli alias Marie Bastide bei ihrer Lesung aus verbrannten Büchern auf dem Münchner Königsplatz. Die beiden Autorinnen hatten Werke der Familie Mann ausgewählt, Mario und der Zauberer von Thomas Mann und Der Fromme Tanz von Klaus Mann.

Weil Lesen sich erinnern heißt.

Mehr dazu auch siehe Bücherfrauen-Blog: http://blog.buecherfrauen.de/muenchen-liest-aus-verbrannten-buechern/

Das brennt!


IsarChillies lesen aus verbrannten Büchern am 10. Mai 2014 um 15.40 Uhr auf dem Königsplatz

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„Damit kein Gras darüber wächst”, so die Motivation der Aktion „Lesen aus verbrannten Büchern“ desInstituts für Kunst und Forschung, München. Deshalb lesen am 10. Mai 2014 Münchnerinnen und Münchner auf dem Königsplatz/Antikensammlung aus den Werken von Künstlern, deren Bücher von den Nationalsozialisten verbrannt oder verbannt wurden.

Die Münchner Autorinnenvereinigung “IsarChillies” ist in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei. Die Autorinnen Maria-Jolanda Boselli alias Marie Bastide, Olga Maria Eggart, Kathrin Schubert und Angelika Wessbecher lesen von 15.40 Uhr bis 16 Uhr aus Werken der Familie Mann: der Brüder Heinrich und Thomas sowie der Geschwister Erika und Klaus Mann.

„Wir können heute schreiben, was wir denken, und veröffentlichen, was immer wir sagen möchten. Auch extreme Positionen haben in unserer Demokratie das Recht, gehört und gelesen zu werden. Wir können uns gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn ein Autor, eine Autorin wegen ihrer Texte verfolgt werden. Damit leben wir in Deutschland heute in einer privilegierten Situation. Wir brauchen Europa gar nicht zu verlassen, um grobe Verstöße gegen die Meinungs- und Pressefreiheit zu sehen – praktisch vor unserer Haustür. Schauen wir nach Russland, fällt uns sofort der Fall Pussy Riot ein. Sehen wir die ungewisse Zukunft der Ukraine, erkennen wir, wie wichtig es ist, dass wir uns immer daran erinnern, was 1933 geschah. Wir wollen für Frieden und Meinungsfreiheit eintreten, damit Europa nie wieder in Krieg, Schutt und Asche zu versinken droht. Deshalb lesen wir!”, so das Statement der Autorinnen.
Damit viele Münchnerinnen und Münchner sich gemeinsam an den Tag der Bücherverbrennung erinnern, bitten wir herzlich um Veröffentlichung des Termins. Wir freuen uns natürlich ebenso über Ihre Berichterstattung am Tag selbst.

Mehr zu der Aktion finden Sie unter http://www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de/veranstaltungen/muenchen-liest-aus-verbrannten-buechern
Mehr zu den IsarChillies finden Sie unter http://www.isarchillies.wordpress.com

Ein neues Leben


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Die Hitze auf dem Rollfeld trifft Mia wie ein Faustschlag. Auf dem kurzen Weg zum Shuttlebus ist sie nassgeschwitzt, Schweißperlen hängen in ihren Wimpern wie Regentropfen, die Bluse klebt an Rücken und Bauch, als sei sie durch einen Monsun gelaufen. Hektische Geschäftigkeit überall, vor dem Flughafen, auf den Straßen. Normalität liegt wie ein Veneer über der Stadt. Darunter schwelt der Ausnahmezustand, wird nur dem aufmerksamen Zuschauer erkennbar, am Flackern in den Augen der Frauen, wenn sich ihre Blicke treffen, an der hastigen Bewegung eines Händlers, wenn ein Mann auf einem Mofa dicht an seinem Stand vorbeiknattert. Deutlich dann an großen Kreuzungen, auf denen Sicherheitskräfte patrouillieren, die entsicherten Waffen im Anschlag.

Mia hat es eilig. Sie fährt direkt zu der Adresse, die ihr Lou am Vorabend ihrer Reise, ihrer letzten Reise, aufgeschrieben hat. Ein Viertel in den Außenbezirken der Stadt. Der Weg führt durch ausgebombte Straßen, Ruinen säumen den staubigen Weg, immer weniger Menschen begegnen ihrem Taxi. Dann verändert sich die Landschaft. Ein grüner Hügel, akkurate Mauern, kleine Häuschen. Über ihnen thront ein halb zerstörtes Kirchlein. Am Fuß der steilen Gasse stoppt der Fahrer. Twenty Dollars, nuschelt er, und Mia zahlt, ohne zu diskutieren, den viel zu hohen Preis. Soll er seiner Familie doch ein Festmahl gönnen, mit dem Geld. Schließlich ist heute Ostern.

In der Mittagsglut ist jeder Schritt bergauf die reinste Qual. Mia schleppt sich vorwärts, gedankenlos, getrieben von Gefühlen ohne Namen. Links neben der Kirche lehnen sich rostige Kreuze an einen schartigschroffen Felsen. Das muss der Friedhof sein. Mia stößt das Eisengitter auf und geht die Grabreihen entlang. Knirschender Kies unter ihren Schuhen, schrille Vogelschreie über ihrem Kopf. Ansonsten Stille. Ganz hinten, halb in den Fels gehauen, findet sie ein offensichtlich frisches Grab. Im Schatten kniet sie sich daneben, schaut hinein. Hastig aufgeschüttete Erde, die Mia mit den Händen aufhebt und beiseite wirft. Trockene Krumen, die kaum an ihren Fingern kleben. Sie scharrt und schaufelt. Und sie findet nichts. Über ihr ziehen die Vögel höhnende Kreise. Da steht sie auf und geht.

Vor einer unscheinbaren Pforte in der Backsteinmauer hält sie an. Klopft. Drei Mal. Dann wieder. Eine von Kopf bis Fuß in graues Leinen gehüllte Gestalt öffnet die schwere Tür  einen Spalt breit, nicht mehr als notwendig, damit Mia sich und ihre Tasche hindurchzwängen kann. Ohne sie auch nur mit einem Blick zu streifen, geht der Mensch, Mia kann nicht erkennen, ob es ein Mann ist oder eine Frau, ein junger Mann oder ein Mädchen, ihr voran. Führt sie durch einen Kreuzgang, der einen blühenden Innenhof mit Mango- und Feigenbäumen umschließt. Mia ist überwältigt von den Düften, die ihr auf dem Schattenweg entgegen schweben. Minze, Rosmarin, Lavendel. Aus dem Innern des Gebäudes dringt mit dem Klappern von Geschirr ein Hauch von Berberitze und Zitrone. In einem kleinen Raum stehen ein runder Tisch, vier Stühle und ein Samowar. Tschai, flüstert die Gestalt, drückt ihr ein Glas mit dampfendem Minztee in die Hand und lässt sie allein.

„Da bist du ja, mein Liebling“. Lou legt Mia von hinten die Arme um den Hals, schmiegt ihre Wange an ihr feuchtes Haar. Legt ihr, der tausend Fragen auf den Lippen brennen, sanft den Finger auf den Mund.

„Schau mal, so war es doch das Beste. Sven hätte mich nie gehen lassen, oder? Ich habe meine Konten vor dem Abflug aufgelöst. Hier lebt es sich nicht nur gut und lange, hier können wir uns eine neue Existenz erkaufen. Und endlich zusammen sein.“

„Ich dachte, du bist tot. Ich habe alles stehen und liegen lassen, um dein Grab zu suchen. Und jetzt steht du hier vor mir und hast uns einfach ein neues Leben ausgemalt. Ohne mich zu fragen. Lou! Ohne …. mich… Ich denke, du bist tot. Für mich.“

Fremdes Grab


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Halb elf. Mia starrt das Telefon an, hypnotisiert es mit brennenden Augen. Schlafmangel reibt wie Sandpapier an ihren Lidern. Es ist das letzte Mal, hat Lou ihr versprochen. Danach höre ich auf damit. Und ich sage Sven, dass ich ihn verlasse. Und auch nicht mehr für ihn die Kastanien aus dem Feuer hole. Nur dieses eine Mal noch. Ich liebe dich.

Gestern war alles ruhig. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel keine Heckenschützen, keine Soldaten und, wenn Mia Lou glauben konnte, auch am Abend kein Raketenbeschuss. Heute sollte Lou die koptische Gemeinde im Osten der Stadt besuchen.  Ihre Kirche ist schon drei Mal angegriffen worden, die Apsis ist eingestürzt, letzte Woche wurde der Pfarrer angeschossen. Die Menschen haben Angst und hoffen auf Hilfe durch die weltweite Öffentlichkeit. Sven hat das Interview, das   Lou führen soll, gleich an mehrere internationale Sender verkauft. Lou ist eine routinierte Journalistin, menschlich und hoch professionell.

Mia schenkt sich noch einen Rotwein ein. Elf Uhr. Das hat nichts zu bedeuten, sagt sie sich. Die Verbindung durch die halbe Welt steht nicht immer, steht nicht gleich. Sie schaltet den Fernseher an, nichts. Den Tablet. Das Telefon klingelt in der selben Minuten, in der Mia in einem versteckten Insiderforum die Meldung liest, kaum mehr als eine Randnotiz. Deutsche Journalistin bei einem Attentat auf koptische Kirche getötet.

„Mia? Ich bin’s, Evelyn. Sven hat grade hier angerufen. Lou…… Ich dachte, jemand sollte es dir sagen….. Sie, sie ist…. Also sie wurde wohl voll von der Bombe erwischt. Sie haben sie direkt dort unten begraben, auf dem koptischen Friedhof. Alles schon passiert. Tut mir so leid!“

Mia schluckt einen dunklen Schrei hinunter und flüstert: „Danke. Danke dir.“

Dann steht sie auf. Trinkt ihr Glas aus, in einem Zug, und geht ins Schlafzimmer packen. Morgen wird sie den ersten Flieger nehmen.

Kreuz das trägt


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Das Haus ist noch  im Rohbau. Bislang stehen nur drei Mauern und  ein Paar Zwischenwände. An der offenen Seite ist ein mächtiger Baumstamm wie ein Rückgrat, ein Kreuz, an die Balken gebunden. Frei schwebend lehnen sich die zukünftigen Räume an das alte, starke Holz. Es trägt ihr Werden und ihr Sein.

Das Kreuz ist heute nicht mehr unumstritten als Symbol für Gottes Liebe zu den Menschen durch den Tod und darüber hinaus. Leiden als Grundvoraussetzung für Wohlergehen in der Ewigkeit ist nicht mehr „in“, wo Genuss und Überfluss das Maß unseres Denkens bestimmen.

Ein Gekreuzigter ist kein appetitlicher Anblick, Helikoptereltern können ihren Kindern  nicht erklären, was der Tote am Kreuz mit dem süßen Jesusbaby in der Kindergartenkrippe zu tun haben soll. Und wer will über das Sterben nachdenken, wo  jeder tote Goldfisch oder Hamster oder Hund einfach ersetzt wird?

Andere Religionen empfinden das Symbol des Christentums als Bedrohung, als Verherrlichung von Tod…

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Kreuz das trägt


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Das Haus ist noch  im Rohbau. Bislang stehen nur drei Mauern und  ein Paar Zwischenwände. An der offenen Seite ist ein mächtiger Baumstamm wie ein Rückgrat, ein Kreuz, an die Balken gebunden. Frei schwebend lehnen sich die zukünftigen Räume an das alte, starke Holz. Es trägt ihr Werden und ihr Sein.

Das Kreuz ist heute nicht mehr unumstritten als Symbol für Gottes Liebe zu den Menschen durch den Tod und darüber hinaus. Leiden als Grundvoraussetzung für Wohlergehen in der Ewigkeit ist nicht mehr „in“, wo Genuss und Überfluss das Maß unseres Denkens bestimmen.

Ein Gekreuzigter ist kein appetitlicher Anblick, Helikoptereltern können ihren Kindern  nicht erklären, was der Tote am Kreuz mit dem süßen Jesusbaby in der Kindergartenkrippe zu tun haben soll. Und wer will über das Sterben nachdenken, wo  jeder tote Goldfisch oder Hamster oder Hund einfach ersetzt wird?

Andere Religionen empfinden das Symbol des Christentums als Bedrohung, als Verherrlichung von Tod und Brutalität. Und es ist in der Tat ein Kreuz mit dem Kreuz. Warum muss ein allmächtiger Gott seinen eigenen Tod inszenieren und den Sieg über das postulierte Böse, um seine Geschöpfe zum ewigen Leben zu führen? Warum brauchen Menschen einen Stellvertreter als Sündenbock, um von einem Liebenden Vatergott Verzeihung zu erhalten?

Wissenschaft und Forschung bringen immer mehr Licht in die historischen Ereignisse jener Zeit. Der Schauprozess gegen Jesus ist dank der Evangelisten gut dokumentiert, ebenso ist es die Politik der römischen Besatzer. Der Tod am Kreuz war gängige Hinrichtungspraxis, für Verbrecher ebenso wie für Regimekritiker. Jesus ist ihn gegangen. Er hat sich nicht umgedreht und sich nicht umdrehen lassen. Insofern ist er ein Vorbild für alle, die gegen Ungerechtigkeit aufbegehren, bis zu Bonhoeffer, den Geschwistern Scholl und ungezählten Namenlosen. Die Stärke dafür hatte er von Gott, und wir haben sie auch.

Ist Jesus Christus für unsere Sünden gestorben? Oder ist er gestorben, damit wir mit unseren Sünden leben und täglich neu gegen sie ankämpfen können? Mit einem lebendigen Ziel vor Augen?

Mir gefällt die Interpretation eines katholischen Geistlichen vom Symbol des Kreuzes. Sie versöhnt mit mit seiner Sperrigkeit, die nicht anders ist als unser Leben selbst. Der Querbalken zeigt die Verbundenheit Gottes mit der Welt, die er in ihrer Ganzheit umarmt. Der senkrechte Balken symbolisiert die Verbindung von Himmel und Erde. Durch den lebenden, gestorbenen, lebendigen Gott. Dieses Kreuz trage ich gerne, und es hält mich aufrecht auf meinem Weg mit dem Blick nach vorn. Richtung Zukunft.

 

 

Gartenanbetung


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Elizabeth war stolz auf ihren Garten. Sie liebte ihn wie ihren Augapfel. Im Winter wachte sie argwöhnisch darüber, dass der Nordwind die Tannenreiser nicht zerzauste, die sie liebevoll zwischen ihre Rosenbüsche gesteckt hatte. Kaum waren die letzten Schneekristalle weggetaut und die ersten Schneeglöckchen stecken ihre weißen Köpfchen aus der Erde hervor – natürlich waren es in Elizabeths Garten nicht ganz gewöhnliche Schneeglöckchen, sondern die seltenen Titania. In diesem Jahr war der Frühling schon Mitte März in vollem Gange. Überall sprießte und knospte es, und Elizabeth vernachlässigte vor lauter Schneiden und Harken, Zupfen und Rupfen alle anderen Arbeiten im Haushalt. „Schon wieder Dosenravioli?“ beklagte sich Edward eines Sonntags, als er alleine aus der Kirche nach Hause kam, und er prophezeite kopfschüttelnd: „Ich werde dir noch einen Altar auf dem Rasen aufstellen, Liza. Du betest deinen Garten ja förmlich an. Ich finde, du übertreibst es ein wenig.“ Der gutmütige Edward war, zumal nach 25 Ehejahren, so einiges gewöhnt. Aber er hätte nie von sich selbst behauptet, hellseherische Fähigkeiten zu besitzen…..

„Edward, mein Lieber, ich kann nicht anders. Du weißt doch, wie sehr ich gerade meine Sunburst-Kirsche liebe. Ich fürchte, das weiß unsere neue Nachbarin auch – und setzt alles daran, gerade diesen Baum zu zerstören!“ „Aber, aber, wie kommst du denn darauf?“ fragte Edward und las dabei weiter seine Zeitung. Lizas Gartengeplänkel interessierten ihn im Grunde herzlich wenig. „Na, er hat doch tatsächlich ein Taubenhaus in seinem Garten aufgestellt. Und jetzt kommen diese blöden Viecher zu mir herüber und fressen die Kirschblüten!“ „Ach was, Liza.“ „Nein, im Ernst! Ich habe mich sogar erkundigt, und es stimmt: Tauben lieben Kirschblüten. Und diese eingebildete Mrs. Wedingham-Beddings gibt ihnen außerdem noch zu wenig Futter, damit sie mit einem Heißhunger meinen Baum plündern. Aber heute Nacht mache ich den dummen Vögeln ein Ende!“ „Ja, tu das, meine Liebe“, sagte Edward und vertiefte sich in die Börsennachrichten.

Er wunderte sich kurz, als er mitten in der Nacht aufwachte, und Lizas Betthälfte neben ihm leer war. Richtig, sie wollte im Garten Wache halten, oder so ähnlich, erinnerte er sich. Drehte sich um und schlief weiter.

Am nächsten Morgen machte er sich auf die Suche nach seiner Frau, denn sie hatte weder den Frühstückstisch gedeckt noch frischen Kaffee gekocht.

Edward fand Liza mitten im blühendenGarten. Sie kniete vor ihrem Kirschbaum, in Anbetung erstarrt, wie es schien. Erst als er dicht vor ihr stand, bemerkte er den langen, spitzen Dorn, der sich tief in ihr Herz gebohrt hatte. Alle Äste und auch die Baumrinde waren mit den gleichen Dornen gespickt, offensichtlich als tödliche Abschreckung für die nachbarlichen Tauben. Beim Anbringen des letzten Dorns musste Elizabeth wohl die Hand ausgerutscht sein……

Im darauffolgenden Frühling heirateten Edward und Mrs. Wedingham-Beddings. Ihre Brieftaubenzucht war zu einem erfolgreichen Geschäft geworden, denn dank der ausgefallen Nahrung waren die Vögel robuster als all ihre Konkurrenten.

ZettelWirtschaft


Draußen flattern allerhöchstens ein paar braundürre Blattkadaver an den Winterarmen nackter Bäume. Aber hier drinnen rauscht der Blätterwald. Erzählt, was Erinnerung verloren und Absicht nicht umrissen hat.

„Warmer Kaffee“ flüstert es auf rotem Grund an schwarzer Kanne. „Mittagessen“ lockt der Topf. „Herd aus“ klebt auf allen Knöpfen. Das Telefon trägt Rufnummernaufkleber wie einen Rüschenrock. „Der große Hund muss heute NICHT Gassi gehen“ schreit die Türklinke. „Leine und Geschirr für den Welpen“ bietet die Hockerlehne im Flur. „Kein Hundefutter für den Kater“ verdeckt den grünen Katzennapf. Aber „frisches Wasser“ mahnt die Haustiertränke. „SO geht der Fernseher an und aus“ dient nebst Foto als Fernbedienungsunterlage. Völlig sinnlos, denn  der einzige Weg, um den Kasten abzudrehen, scheint zu sein, die Antenne aus der Wand zu reißen. Immer wieder.

Auch die anderen Zettel rauschen raunen ungelesen. Oder finden sich, vom wutentbrannten Sturm seniler Hände in unzählbare Fetzen gerissen, im Papiermüll wieder. Oder der Toilette. Unterm Bett. Im Kühlschrank.

„Bin um fünf zurück“, „Guten Morgen“ nebst Frühlingsblumenfoto, „hab dich lieb“ und „Frohe Weihnachten“ häufen sich staubbedeckt auf Nacht- und Schreibtischen. Daten sind nicht einmal mehr Schall und Rauch.

Stattdessen entsendet der Milchkocher auf der rotblühenden Herdplatte schwarze Schwaden, Symbol für eine Welt, in der kein ordnendes Haupt mehr zur Verfügung steht. Und keine Wahloption.  Würde ein blattloses Leben die Würde mehr verzetteln als der Orkan verständnisleerer Worte, Beschreibungen, die ohne Inhalt zum Skelett abmagern? „Es rauscht mir in den Ohren“, sagt sie. 

Da gleiche ich innen und außen an und lächele. Ein Versuch.